21.12.1992

KlassikerGewaltige Gesänge

Zwei neue Hölderlin-Ausgaben verwirren den Leser: Welcher Text stimmt?
Zwei Profi-Literaten, so erzählte dem Dichter ein wohlmeinender Besucher, hätten seine Verse herausgebracht, "gereinigt" und sortiert - in aller Freundschaft. Da packte heiliger Zorn den verstummten Sänger: Er selbst könne redigieren, was er gedichtet, soll der 56jährige in "tiefem Unmut" hervorgestoßen haben.
Aber das nahm keiner ernst. Zu sagen hatte Friedrich Hölderlin ja sowieso nichts mehr. Seit fast 20 Jahren war er beim Tübinger Tischlermeister Zimmer im Turmhaus am Neckar einquartiert - Diagnose: Tobsucht. Ab und an reimte der Entmündigte ein paar stammelnde Zeilen über den "Frühling" oder "Griechenland" oder die "Höhere Menschheit" zusammen. Als er 1843 starb, war er vergessen.
Nicht für immer: Die Revision des Falles Hölderlin begann um 1910, mit einem Paukenschlag. Gewaltige Gesänge von bizarrer Sprachkraft hatte der junge Germanist Norbert von Hellingrath im Nachlaß des Dichters aufgespürt, einen ganzen Kosmos kühnster Mythen-Bilder und raunender Sprüche, entstanden, kurz bevor der übersensible Schwabe zum Psychiatrie-Fall wurde.
Die Funde waren eine literarische Sensation - und Wissenschaftler streiten bis heute darüber. Wer die je zwei dicken Hölderlin-Bände mustert, die jetzt fast gleichzeitig Michael Knaupp beim Münchner Hanser Verlag und Jochen Schmidt beim Klassiker Verlag in Frankfurt herausgegeben haben, könnte gar glauben, er lese nicht denselben Autor, so verschieden ist oft ihr Inhalt*: *___Während die Hanser-Ausgabe Buchstabe für Buchstabe den ____Handschriften folgt ("Churfürst", "Schiksaal"), paßt ____Schmidt seinen Klassiker heutigen Schreibgewohnheiten ____an. *___Im Dramenfragment "Der Tod des Empedokles", das den ____antiken Philosophen kurz vor dem Freitod zeigt, steht ____bei Schmidt so mancher Vers, den Knaupp wegläßt. *___Wo Knaupp "reißend" liest, druckt Schmidt "wissend", ____statt "traun" sind bei ihm "Fraun" zu finden. Mitunter ____stehen ganze Strophen in anderer Reihenfolge, oder die ____Gedicht-Titel der einen tauchen in der jeweils anderen ____Ausgabe überhaupt nicht erst auf.
Wurde Hölderlin das Opfer eigenmächtiger Philologen? Durchaus nicht. Keiner der Herausgeber wollte an den dunklen Prophetien des Dichters herumflicken. Dennoch kommen beide zu völlig verschiedenen Lesarten - weil sie Erben eines Streits sind, der seit bald 20 Jahren die Experten in zwei Lager spaltet.
Schmidt, Professor in Freiburg, ist ein Traditionshüter. Er war Schüler des Tübinger Hölderlin-Papstes Friedrich Beißner, der für seine "Große Stuttgarter Ausgabe" als erster alle Nachlaß-Blätter entziffert, Tinten und Wasserzeichen geprüft und detektivisch nach Gedicht-Fassungen gefahndet hatte.
Doch ehe noch seine monumentale 15bändige Edition vollendet war, störte ein Rebell den Frieden. Beißner habe Hölderlins Entwürfe nicht ernst genommen, erklärte der gelernte Werbegrafiker Dietrich E. Sattler. Mit rigoroser "Reinigung des Wortes" habe er den Poeten sogar zum vaterländischen Heros aufgebaut - tatsächlich hat Beißner 1943 eine Hölderlin-Feldauswahl für Soldaten verfertigt. Nun forderte Sattler Vergangenheitsbewältigung.
Und er ließ nicht locker: 1975 verblüffte der streitbare Außenseiter die Fachwelt mit dem ersten Band einer eigenen, der "Frankfurter" Hölderlin-Ausgabe. Sie soll das Sprach-Werk des Dichters "im prozessualen Zusammenhang" zeigen - als sehe man ihm beim Schreiben zu. Dafür wird sie noch monströser als die Stuttgarter: Bisher sind 14 von 20 Bänden erschienen, kostbare Folianten mit Abbildungen der Originalhandschriften. An mehreren davon hat Michael Knaupp mitgearbeitet.
Es sieht also aus, als hätte jede der beiden Groß-Editionen einen Ableger für den Hausgebrauch bekommen. Doch sosehr Schmidt und Knaupp auch ihren Vorbildern folgen - an einigen Stellen werden sie untreu. Mehrfach mußte Schmidt einsehen, daß auch sein Übervater Beißner Fehler gemacht hat. Und Knaupp weiß längst, daß sein genialisch-unduldsamer Lehrmeister Sattler öfter übers Ziel hinausgeschossen ist.
Im Kern aber bleiben die alten Fraktionen erkennbar. Viele Kürzest-Notizen zum Beispiel, die der wahnsinnsbedrohte _(* Friedrich Hölderlin: "Sämtliche Werke ) _(und Briefe". Hrsg. von Michael Knaupp. ) _(Band 1 und 2. Carl Hanser Verlag, ) _(München; 952 und 992 Seiten; jeweils 86 ) _(Mark. - Friedrich Hölderlin: "Sämtliche ) _(Werke und Briefe". Hrsg. von Jochen ) _(Schmidt. Band 1 und 3. Deutscher ) _(Klassiker Verlag, Frankfurt am Main; ) _(1152 und 1056 Seiten; jeweils 156 Mark. ) Hölderlin um 1804 im berüchtigten "Homburger Folioheft" verquer an den Rand zwängte, rutschen bei Schmidt in einen Anhang: Der sieht denn auch aus wie ein sinnloser Schutthaufen. Knaupp dagegen druckt die Wort-Brocken in genau der Ordnung ab, in der Hölderlin sie neben- und übereinanderschrieb - damit die Leser ahnen, was für ein lyrisches Bergwerk den Editoren da überlassen ist.
Zudem hat Knaupp Neuigkeiten zu bieten: Kurz bevor die Bände gedruckt wurden, fand er heraus, daß ein herrenloser Text-Schnipsel der Schluß eines Entwurfs zum "Hyperion"-Roman ist: "- ich muste hin, ich must'' ihn endlich zeigen", hieß es vorher; jetzt findet der Satz sein Ende: " . . . muste die Augen ihm öffnen, dem Blinden, der von Liebe nichts weiß."
Nahezu die Hälfte seiner Ausgabe nutzt Schmidt, um die "Weltanschauung" des Dichters zu erläutern - für Neulinge in dessen Reich sicher ein Vorteil. Knaupp dagegen möchte in seinem Kommentar, der nächstes Frühjahr erscheinen soll, viel zurückhaltender bleiben. Denn er vertraut auf mündige Leser. "Laut lesen" solle man die dunklen Verse, sagt er, die "körperliche Schwingung" spüren, die von ihnen ausgehe.
Erst das mache richtig neugierig auf die "Zusammenhänge, die Hölderlin geschaffen hat" - lange Anmerkungen würden dagegen zum Ballast, der das "Text-Material" erdrücke. "Das Rätsel um den wahren Hölderlin können Editoren ohnehin nicht lösen." Darum sei es auch gut, daß es nun zwei Versionen seines lyrischen Werkes gebe. Um so besser komme in Gang, wozu der Dichter einmal selber riet: " . . . mich leset o/ Ihr Blüthen von Deutschland."
* Friedrich Hölderlin: "Sämtliche Werke und Briefe". Hrsg. von Michael Knaupp. Band 1 und 2. Carl Hanser Verlag, München; 952 und 992 Seiten; jeweils 86 Mark. - Friedrich Hölderlin: "Sämtliche Werke und Briefe". Hrsg. von Jochen Schmidt. Band 1 und 3. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main; 1152 und 1056 Seiten; jeweils 156 Mark.

DER SPIEGEL 52/1992
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