21.11.1994

PalästinaÜber die rote Linie

Jassir Arafat bäumt sich gegen die Fundamentalisten im eigenen Lager auf - und provoziert womöglich Bürgerkrieg.
Gefühlsausbrüche ihres Vorsitzenden Jassir Arafat sind die Mitglieder der palästinensischen Autonomieregierung gewöhnt. Doch so aufgebracht hatten selbst engste Vertraute den PLO-Chef selten erlebt.
"Ich werde es nicht zulassen, daß die mich noch einmal bloßstellen", tobte ein hochroter Arafat in seinem Hauptquartier in Gaza und donnerte mit der Faust auf den Schreibtisch: "Denen werde ich eine Lektion erteilen, die sie nicht vergessen."
Der Zorn des PLO-Führers galt nicht den israelischen Widersachern, die bei den zähen Autonomieverhandlungen kaum eine Gelegenheit auslassen, ihren Friedenspartner zu stutzen. Rache schwor Arafat palästinensischen Herausforderern, die ihn immer heftiger bedrängen: den religiösen Fanatikern der Terrororganisationen Hamas und Islamischer Dschihad.
"Ich will keine Gegenstimmen von euch hören", fuhr Arafat seine zögerlichen Minister an und setzte auf die Tagesordnung nur einen einzigen Punkt - die Zerschlagung des islamistischen Widerstands. Noch während die Regierungsrunde tagte, mußte der Polizeichef von Gaza Vollzug melden. Bilanz der Großrazzia: über 150 Festnahmen.
Die Massenverhaftungen waren Auftakt eines Machtkampfes, der die Selbstverwaltungsgebiete ins Chaos stürzen könnte. Vor allem der Elendsstreifen Gaza, Hochburg der religiösen Fanatiker, droht wieder zu brennen wie in schlimmsten Intifada-Zeiten - nur diesmal wäre es ein palästinensischer Bürgerkrieg: PLO gegen Hamas und Islamischen Dschihad.
Zu einer ersten blutigen Konfrontation kam es bereits am vergangenen Freitag: Als PLO-Polizisten Lautsprecher an einer Haupt-Moschee entfernen und eine Demonstration von Hamas-Anhängern unterbinden wollten, leisteten die Fundamentalisten Widerstand. In einer wüsten Straßenschlacht, bei der auch scharf geschossen wurde, starben 11 Palästinenser; über 120 wurden verletzt, viele von ihnen lebensgefährlich. Demonstranten warfen Steine auf das PLO-Hauptquartier. Vor dem Schifa-Krankenhaus riefen aufgebrachte Menschen: "Arafat, Mörder!"
Die Fundamentalisten schmähen den Palästinenserführer schon seit seiner Aussöhnung mit Israel vor gut einem Jahr in Washington als "Verräter". Je näher sich die alten Kombattanten Arafat und Jizchak Rabin kamen, desto brutaler wurden die Attacken auf den Friedenskurs - und dessen obersten palästinensischen Wegbereiter.
Mit dem Anschlag auf einen Bus mitten in Tel Aviv (23 Tote) verübten Hamas-Aktivisten vor vier Wochen nicht nur eines der schwersten Attentate in der Geschichte des jüdischen Staats, sondern brachten den PLO-Führer auch in ein teuflisches Dilemma:
Sollte Arafat die Friedensgegner gewähren lassen? Dann würde er nicht nur den Konflikt mit den argwöhnischen israelischen Autonomiepartnern, sondern auch den Verlust jeglicher Autorität riskieren. Oder sollte er den offenen Schlagabtausch mit den Fanatikern wagen? Dann wiederum würde er einen verhängnisvollen Guerillakrieg beginnen, der ihn um sein Ansehen in der eigenen Bevölkerung bringen könnte, stünde er doch als Büttel der Israelis da.
Immerhin gelten mehr als ein Drittel der Palästinenser in Gaza als Hamas-Sympathisanten. In der frustrierten Bevölkerung, die bisher vergebens auf bessere Lebensverhältnisse wartet, tun sich die Fundamentalisten als die wahren Vertreter palästinensischer Interessen hervor. "Arafat hat uns ein Stückchen Land besorgt", tönen ihre Sprecher, "wir holen uns den Rest."
Der alte Zauderer Arafat scheute die Auseinandersetzung - bis die Extremisten mit einer selbstmörderischen Aktion im Gazastreifen die "rote Linie" überschritten, so der Justizminister der Autonomieregierung, Freih Abu Middein. Beim Sprengstoffanschlag eines Dschihad-Aktivisten nahe der israelischen Siedlung Nezarim wurden drei israelische Soldaten getötet und acht schwer verwundet; vier Palästinenser erlitten erhebliche Verletzungen.
Zudem hatten die Fundamentalisten Arafat kurz zuvor unverzeihlich gedemütigt. Bei der Trauerfeier für den vermutlich vom israelischen Geheimdienst getöteten Dschihad-Führer Hani Abid war der PLO-Chef unter Schmährufen ("Agent der Israelis") verjagt worden.
Die Kampfansage an die religiösen Zeloten ist für Arafat eine harte Probe. Die PLO-Polizei, eine schlecht ausgebildete und mangelhaft ausgestattete Truppe von 9000 Mann, ist oft schon mit der Ergreifung von Autodieben überfordert. Von der Schußwaffe macht sie schnell Gebrauch. Selbst die hochgerüstete israelische Besatzungsarmee war _(* Am vorigen Freitag. ) im Gazastreifen mit den todesbereiten Fanatikern nicht fertig geworden.
Deren Hintermänner ziehen die Fäden aus sicheren Zentralen im Iran oder im Libanon, wo sie auch der findige israelische Geheimdienst nur schwer treffen kann. Die Selbstmordkommandos, die im Gazastreifen und im Westjordanland nicht viel mehr als 100 Kämpfer zählen, operieren in autonomen Minizellen, in die noch kein Spitzel eindringen konnte.
Den Krieg gegen die Radikalen sucht Arafat durch eine List zu gewinnen. Er möchte die Religiösen spalten: Die vorwiegend jugendlichen Heißsporne des Dschihad, die in der Bevölkerung nur bedingt Rückhalt genießen, will er unerbittlich jagen. Die mit ihren sozialen Netzwerken, aber auch durch Studentengruppen und Berufsverbände in der Bevölkerung tief verwurzelte Hamas hingegen will er durch Teilhabe an der Macht einbinden - für den selbstherrlichen Arafat ein bitteres Opfer.
Das Angebot könnte zu spät kommen. "Wir steigen nicht in ein sinkendes Boot", verkündeten Hamas-Aktivisten. Insgeheim sollen Arafat-Vertraute jedoch bereits mit einer Hamas-Fraktion verhandeln, die den Untergrund verlassen und sich an Wahlen zu einem Palästinenserparlament beteiligen will.
Einen ersten Posten erhielten die Religiösen bereits vom PLO-Führer: Arafat ernannte den Hamas-Mann Abu Chussa, der in Israel ganz oben auf der Fahndungsliste steht, zum Chef bei der Sittenpolizei. Am vergangenen Montag schlugen die Wächter das erste Mal zu - gegen ein Hinterhofbordell im Flüchtlingslager Dschabalja. Y
* Am vorigen Freitag.

DER SPIEGEL 47/1994
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