26.12.1994

Barschel-TodWar es doch Mord?

Im Fall Barschel ermittelt die Lübecker Staatsanwaltschaft jetzt wegen Mordverdachts. Grundlage für das Verfahren ist ein Gutachten des Zürcher Toxikologen Hans Brandenberger. In einer Expertise war der emeritierte Professor zu dem Ergebnis gekommen, es sei "sehr unwahrscheinlich", daß der frühere schleswig-holsteinische Ministerpräsident Uwe Barschel (CDU) "noch handlungsfähig war", als ein tödliches Medikament namens Cyclobarbital in seinen Körper gelangte. Brandenbergers These: Barschel sei von drei vergleichsweise harmlosen Arzneimittelwirkstoffen so betäubt gewesen, daß er das starke Schlafmittel wahrscheinlich nicht mehr selbst habe schlucken können.
Bislang ging die Lübecker Staatsanwaltschaft vom Selbstmord des CDU-Politikers aus. Ein Münchner Toxikologe war in einer Expertise zu dem Schluß gekommen, daß "gesicherte Annahmen über die Reihenfolge der Aufnahme der Wirkstoffe nicht möglich" seien. Der Zürcher Wissenschaftler Brandenberger hatte im Mai dieses Jahres ein Gutachten vorgelegt, das neue Zweifel an der Selbstmordthese weckte. Da noch Fragen offen seien, hält die Lübecker Staatsanwaltschaft "umfangreiche zusätzliche wissenschaftliche Untersuchungen" für erforderlich.
Der ehemalige schleswig-holsteinische Ministerpräsident war am 11. Oktober 1987 tot in einer Badewanne des Genfer Hotels Beau-Rivage aufgefunden worden. Sieben Jahre lang bemühten sich die Genfer und Lübecker Staatsanwaltschaften vergebens, die genauen Umstände seines Todes aufzuklären - Anlaß für zahlreiche obskure Mordtheorien.
Bei der Suche nach angeblichen Mördern und Motiven wurde über Drogenhändler und Waffenschieber spekuliert, mit denen Barschel paktiert haben soll. Beweise dafür gab es bislang nicht.
Vor wenigen Wochen hatte der Bundesnachrichtendienst (BND) der Lübecker Staatsanwaltschaft in einem vertraulichen Bericht mitgeteilt, es gebe Hinweise auf eine Verwicklung der Stasi in den Tod des Politikers. Alte Erkenntnisse verdienten "möglicherweise mehr Beachtung, als ihnen nach Aufkommensart, Inhalt und Bewertung seitens des Bundesnachrichtendienstes geschenkt" worden sei. Beweise für eine Stasi-Verwicklung hatte aber auch der BND nicht.

DER SPIEGEL 52/1994
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