29.04.2013

HAUPTSTADTRequiem auf einen Traum

Das Berliner Berghain ist der wohl bekannteste Technoclub Europas. Am kommenden Samstag wird dort ein spektakulärer Saal eröffnet. Diesmal tanzen nicht Clubgänger aus aller Welt, sondern die Profis des Berliner Staatsballetts.
Jeder kennt das Berghain. Was ziemlich erstaunlich ist für einen Technoclub, selbst wenn er der beste Technoclub Europas ist, wie es über das Berghain immer wieder heißt.
Ob es die endlose Schlange ist, in der man warten muss, wenn man hineinwill, der Türsteher mit den Piercings und der Stacheldraht-Tätowierung im Gesicht, die legendäre Soundanlage der großen Tanzfläche oder die Ausschweifungen in den Darkrooms - jeder, der sich für Berlin interessiert, hat schon einmal davon gehört.
Der Club ist eines der wichtigsten Symbole der neuen Hauptstadt geworden, neben Brandenburger Tor und Reichstag. Jedes Symbol steht für etwas. Im Fall des Berghain ist es die neue Anziehungskraft der Partyhauptstadt Berlin für die Jugend Europas - was wiederum mit den Exzessen zu tun hat, für die die Feiernden das Dunkel suchen. Nicht gerade das, womit eine Stadt normalerweise gern für sich wirbt.
Das Berghain, die düstere Techno-Kathedrale von Berlin-Friedrichshain. Tausendmal ist davon erzählt worden. Trotzdem ist es nur die halbe Geschichte.
Für die andere Hälfte muss man um das Gebäude herumgehen, an der Eingangstür des Clubs vorbei, zum Haupteingang des ehemaligen Heizkraftwerks. Als solches wurde das Berghain in den Fünfzigern errichtet, es wärmte ein paar Jahre lang die damalige Stalinallee, bis aus ihm ein sogenanntes Ausbildungskraftwerk wurde. Der Club, so riesig er ist, bespielte bislang nur die Hälfte des Gebäudes. Der spektakuläre Hauptraum des Hauses, hier hatten die Kessel gestanden, war ungenutzt und stand leer.
Am kommenden Samstag wird die Halle nun zum ersten Mal geöffnet. Für eine Aufführung mit dem Titel "Masse", eine Produktion des Berghains mit dem Staatsballett. 30 Tänzer, 3 Choreografen, der Malerstar Norbert Bisky hat zum ersten Mal ein Bühnenbild gemacht, die Musik wurde von fünf DJs und Produzenten komponiert, die regelmäßig im Berghain auftreten.
Es wird, so ist es geplant, wohl das einzige Mal sein, dass sich die neue "Halle am Berghain" dem Publikum öffnet. Wahrscheinlich sind die Premiere und die zehn Aufführungen schon deshalb ausverkauft.
Für ein paar Tage wird das Berghain dann, gut acht Jahre nach der Eröffnung, zum Gegenstück der Philharmonie. Als die beiden schönsten Orte Berlins zum Musikhören gehören sie schon lange zusammen, das Ost-Berliner Ex-Kraftwerk und der Scharoun-Bau am West-Berliner Kulturforum.
Vor allem wird dieses Projekt zeigen, was alles möglich ist in Berlin. Was für Räume es gibt und was sich mit ihnen machen lässt - und was offenbar nicht.
Nicht, dass das Berghain sich bisher von der Hochkultur ferngehalten hätte. Es fanden schon Ballettaufführungen auf der großen Tanzfläche statt, Opern wurden gegeben, klassische Konzerte und die experimentelle Musik im sogenannten Elektroakustischen Salon. Auch die Bildende Kunst hat hier seit je ihren Ort. Über einer Bar hängen Bilder von Wolfgang Tillmans. Der Zeichner Marc Brandenburg hat ein paar Fenster gestaltet.
Aber kein Projekt des Hauses war bisher von vergleichbarem Ehrgeiz und Aufwand getrieben wie "Masse". Mit dem neuen Saal in der Rolle des tragischen Helden.
Es ist gar nicht so einfach, ihn zu finden. Einige Treppen müssen bestiegen und Korridore bewältigt werden. Was aber den Effekt nur verstärkt, wenn man den Saal dann betritt: 17 Meter hoch, die Decke dominiert von riesigen Betontrichtern, durch die früher die Kohle in die Kessel geschüttet wurde. Die Kessel sind lange weg, die Trichter öffnen sich ins Leere. So sakral konnte der Sozialistische Klassizismus sein.
Die Bühne ist groß und schwarz und sieht so aus, als wäre in einer Ecke des Raums eine dunkle, giftige Masse ausgelaufen. Es ist Montag, die letzten Proben laufen.
Bisky ist da, Nadja Saidakova ebenfalls, eine Choreografin. Zusammen mit den Haustechnikern klären sie auf der Bühne die letzten Details. Wie wird das Licht genau fallen? Ändern wir noch etwas? Später kommen die Tänzer, und die Choreografien werden geprobt. Die Körper fließen über die Bühne.
Techno und Ballett sind keine natürlichen Verbündeten. Techno ist eine Musik des Exzesses, die Bewegungen sind reduziert. Eine durchfeierte Nacht dreht sich ums Loslassen, den Kontrollverlust. Das genaue Gegenteil vom Ballett, dieser wahrscheinlich diszipliniertesten Kunst der Welt. Nirgendwo sind die Körper so streng geschult wie hier.
Auf dieser Bühne allerdings, wo erst die Gruppe von Saidakova ihre Bewegungen abläuft und dann der Choreograf Tim Plegge und sein Ensemble kommen, verbinden sich diese Musik und diese Bewegungskunst, mal kraftvoll, dann eher expressiv, manchmal fast klassisch, dann wieder wie in einem modernen Pop-Videoclip.
"Masse" setzt sich aus drei Sätzen zusammen. Saidakova, Plegge und die Choreografin Xenia Wiest haben sie gemeinsam mit den Musikern entwickelt. Eine direkt sichtbare Handlung gibt es nicht, in ihrer Unterschiedlichkeit bilden die drei Teile ein Triptychon aus Klang und Bewegung. Norbert Biskys zurückhaltendes Bühnenbild hält es zusammen. Die wichtigste Kulisse war schon da: Es ist die Rückwand.
Vorn ragt ein Bus aus dem Boden, Bisky hat ihn von den Berliner Verkehrsbetrieben, die Stadtmarketing-Parole "be Berlin" schaut unter den schwarzen Rußschlieren hervor, die der Maler darübergesprüht hat - "Masse" spielt offensichtlich in einem Berlin der nahen Zukunft, in dem eine Katastrophe Schluss mit dem öffentlichen Nahverkehr und der Städtewerbung gemacht hat.
Das Projekt hatte einen langen Vorlauf. Im Herbst 2010 begannen die Planungen, am Anfang gab es nicht viel mehr als den Begriff. Naheliegend, hat es das Berghain doch Wochenende für Wochenende mit Massen von Menschen zu tun, die gelenkt und manipuliert werden wollen. Doch auch um andere Massen sollte es gehen. Die Masse als physikalischen Begriff, aber auch die träge Masse, die Menschenmasse, die in Panik gerät.
Tatsächlich hatten Michael Teufele und Norbert Thormann, die beiden Macher des Berghain, damals noch ganz andere Pläne für die Halle. Die beiden halten sich im Hintergrund, viel mehr über sie ist nicht bekannt, als dass sie keine Interviews geben (auch für diesen Artikel nicht) und Tanz und Kunst lieben. Im leeren Teil ihres Hauses wollten sie einen neuen Veranstaltungsort erschaffen. "Masse" sieht zwar nicht so aus. Aber die Aufführung ist auch das Requiem auf diesen Traum.
Vor zwei Jahren haben die Berghain-Macher nämlich das Gebäude vom Stromgiganten Vattenfall gekauft. Der Kauf sollte das Berghain nicht nur unabhängig von den Launen eines fremden Eigentümers machen. Teufele und Thormann planten damals, dem Berghain eine zweite Herzkammer zu geben.
"Kubus" war der Arbeitstitel. Es sollte ein neuer und neuartiger Veranstaltungsort werden, eine Konzerthalle, ein Theatersaal, eine Galerie. Für rund 2000 Menschen hätte der Raum bei Konzerten Platz gehabt. Die Pläne waren weit gediehen, es gab bereits einen Booker, der an einem Musikprogramm für den Saal arbeitete, die Kooperation mit einem Berliner Theater nahm Gestalt an. Ein riesiger Möglichkeitsraum schien sich neben dem regulären Clubbetrieb aufzutun.
Schon damals brauchte es einige Phantasie, um sich in dieser Industrieruine einen Konzertsaal vorzustellen - die Säulen stützen nicht nur die Betontrichter, sie teilen die Halle auch auf. Um eine freie Sicht zu ermöglichen, hätten sie eigentlich verschwinden müssen. Sie sind noch da, für das "Masse"-Projekt behilft man sich damit, nur eine Hälfte des Saals zu bespielen, immer noch ein gewaltiger Raum, in dem 500 Menschen auf einer steilen Tribüne sitzen werden.
Die Säulen waren es dann auch, die das "Kubus"-Projekt zum Einsturz brachten. Rein technisch wäre es möglich gewesen, die Last neu zu verteilen. Eine Stahlkonstruktion hätte sie übernehmen können. Doch der weltweite Bauboom der vergangenen Jahre ließ den Stahlpreis in ungeahnte Höhen steigen. Und weil das Berghain eben nicht die Elbphilharmonie oder die Staatsoper ist, sondern Teil der Privatwirtschaft, konnten die steigenden Kosten nicht dem Steuerzahler aufgebürdet werden. Vor etwa einem Jahr stoppten die Macher das Projekt.
Die Stahlpreise waren nicht der einzige Grund. Die Musikrechteverwertungsgesellschaft Gema kündigte zur gleichen Zeit ihre Tarifreform an. Sie könnte die Gebühren für einen Club wie das Berghain um bis zu 1400 Prozent erhöhen. Außerdem beschlossen die Berliner Finanzbehörden, die Clubs der Hauptstadt nicht mehr wie bisher mit dem verminderten Umsatzsteuersatz von 7 Prozent, sondern mit dem normalen Satz von 19 Prozent zu besteuern.
Es ist ein eigenartiger Stolz, den die Berghain-Macher haben. Schon in der Planungsphase des "Kubus" hatte André Schmitz, Klaus Wowereits Mann für die Kultur, ihnen 1,25 Millionen Euro als Hilfe für den Ausbau angeboten, es war Geld aus einem Sonderfonds, das Schmitz verteilen konnte. Es sollte an "innovative Orte" gehen.
Das Berghain lehnte ab. Auch weil andere Clubs mit Klage gedroht hatten. Sie befürchteten eine Wettbewerbsverzerrung. Aber dem Berghain ging es ebenso um die eigene Unabhängigkeit.
Die Produktion "Masse" kommt ohne Fördergelder aus, es ist kein Geld von der Bundeskulturstiftung geflossen oder vom Hauptstadtkulturfonds oder aus einem der anderen Töpfe, die Kulturprojekte außerhalb der großen Häuser fördern. Immerhin übernimmt die Opernstiftung Berlin einen Teil der Kosten, stellt ihre Werkstätten zur Verfügung (die passenderweise auf dem Nachbargrundstück untergebracht sind) und ihre Choreografen und Tänzer. Das Staatsballett ist Teil der Opernstiftung.
Der Rest kommt vom Berghain. Aus den Geldern, die der laufende Technobetrieb einspielt.
Natürlich ist "Masse" nicht nur eine Feier der Architektur, ein Zeugnis der Liebe zum Tanz und ein Monument für die gescheiterte Halle. Es ist auch eine grandiose Geste der Selbstbehauptung: Ihr glaubt, es klappt nicht? Ihr legt uns Steine in den Weg? Uns doch egal. Wir machen es trotzdem. Weil wir es wollen und weil wir es können. Hochkultur? Clubkultur? Wir sind zu Hause, wo wir wollen, werfen zusammen, was uns passt.
Ist das also die Zukunft: Jeder Laden als sein eigener Mäzen?
Vielleicht ja.
So fing es schließlich an, nicht nur im Berghain. Fast überall im Berlin der Neunziger, als viele Menschen sich verlassene Gebäude suchten und weder um Erlaubnis fragten, ob sie dort eine Party oder eine Ausstellung machen durften, noch nach staatlicher Förderung riefen. Fast jeder Berliner Club und viele der Galerien haben in dieser Zeit ihre Wurzeln.
Wahrscheinlich aber ist das eher kein Modell für die Zukunft. Denn die einstigen Chancen der Berliner Stadtentwicklung sind verspielt. Die Zeit ist über sie hinweggegangen, und Berlin, die ehemals offene Stadt, schließt sich langsam. Die Subkulturen haben es in ihrem zwei Jahrzehnte langen Rausch verpasst, mächtige Institutionen auszubilden. Denn darin waren sie noch nie gut, ihre Stärke besteht in ihrer Flüchtigkeit, nicht im Bilden von Eigentum. Das Berghain ist eine Ausnahme.
Interessanterweise hat "Masse" keinen Autor. Kein Name steht groß auf dem Plakat, das Bisky gestaltet hat, es gibt keinen Regisseur, der im engeren Sinne verantwortlich wäre, nur ganz viele Beteiligte im Kleingedruckten. Das hat mit der Entstehung des Stücks zu tun: "Das kann man sich vorstellen wie ein sehr langes Plenum in einem besetzten Haus", sagt Bisky. Es habe viele Gespräche gegeben, viele Abstimmungen, die Techno-DJs gingen ins Ballett, Choreografen besuchten die Studios der DJs, der Maler arbeitete mit den Handwerkern der Opernwerkstätten.
Die selbstgewählte Anonymität ist aber auch Teil des Berghain-Erfolgs. In einem Kulturbetrieb, der fast ausschließlich von Namen lebt, der die neuen Gesetze der Celebrity-Kultur mit den alten der Kunstwichtigtuerei verschmolzen hat, hat dieser Club ein neues Subjekt erfunden: das Haus selbst.
Von Tobias Rapp

DER SPIEGEL 18/2013
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