29.04.2013

TIEREAffenmärchen aus dem Urwald

Der Disney-Konzern vermarktet einen Film über einen adoptierten Schimpansenjungen als echtes Drama. Doch ein beteiligter Max-Planck-Forscher gibt jetzt zu: Die Geschichte ist weitgehend erfunden.
Im Regenwald Afrikas haben die britischen Tierfilmer Alastair Fothergill und Mark Linfield angeblich eine Geschichte erlebt, die sich Walt Disney nicht besser hätte ausdenken können.
Bei Dreharbeiten im Taï-Nationalpark im Südwesten der Elfenbeinküste seien sie auf einen kleinen Schimpansenjungen gestoßen, der die ersten Schritte ins Leben unternahm. Die Mutter des Jungen sei nach dem Überfall einer rivalisierenden Schimpansenhorde plötzlich verschwunden, der Junge sei dem Tod geweiht gewesen - bis überraschend ein Schimpansenmännchen auftauchte, ihn adoptierte und das Leben des Ziehsohns für immer veränderte.
"Wir durften goldene Momente im Taï-Nationalpark in der Elfenbeinküste erleben und konnten sie glücklicherweise auch filmen", erzählt Linfield. Mit seinem Kollegen Fothergill, der schon als "Steven Spielberg des Naturfilms" gefeiert wurde, hat er den Film "Schimpansen" gedreht, der kommende Woche in die deutschen Kinos kommen soll. Der preisgekrönte Kameramann Martyn Colbeck hat gefilmt, die weltberühmte Verhaltensforscherin Jane Goodall hat die Regisseure beraten.
Auftraggeber war der amerikanische Disney-Konzern, der den Film und seine Entstehungsgeschichte vor dem deutschen Kinostart wie eine wahre Begebenheit vermarktet. "Über Monate hinweg unter extremen Bedingungen gedreht, erzählt ,Schimpansen' eine wahre, einzigartige Geschichte, die von der Natur geschrieben wurde ...", heißt es im deutschen Presseheft zum Film.
In Nordamerika verzauberte der Film bereits die Massen und spielte knapp 29 Millionen Dollar ein. Doch kurz vor dem Filmstart in Deutschland entpuppt sich die Schimpansen-Story als Märchen aus dem Regenwald.
"Die Geschichte wurde konstruiert", gesteht Christophe Boesch, 61, einer der bekanntesten Schimpansenforscher der Welt. Der Schweizer leitet die Abteilung für Primatologie des renommierten Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und war als wissenschaftlicher Hauptberater unmittelbar an den Dreharbeiten im ivorischen Regenwald beteiligt.
Die scheinbar durchgängige Dokumentation sei in Wahrheit zusammengestückelt worden, sagt Boesch. Insgesamt werde der Star des Films, das tapfere Waisenkind, "von fünf verschiedenen Schimpansen" gespielt. Über weite Strecken sei in der Hauptrolle ein Schimpanse namens Oskar zu sehen.
Doch anders als im Presseheft und im Film behauptet, hat dieser Oskar seine Mama gar nicht verloren und wurde auch niemals von einem fremden Männchen adoptiert. Zwar sei während der Dreharbeiten tatsächlich ein Schimpansenjunge verwaist und von einem Männchen adoptiert worden; jedoch sei dieses Tier wenige Monate nach dem Verlust der Mutter im Juli 2009 verendet.
Die Schuld an den Tricksereien und Auslassungen liegt laut Boesch bei den Filmemachern. Diese hätten die Idee gehabt, die wahren Hintergründe der Produktion zu verschweigen, sagt der Max-Planck-Direktor, um "nicht der Magie des Films zu schaden".
Der Forscher Boesch und der Filmemacher Fothergill kennen sich seit langem und hatten schon vor Jahren verabredet, gemeinsam einen Film über Schimpansen zu machen. Kein Ort schien dafür besser geeignet als die Forschungsstation, die das Leipziger Max-Planck-Institut in der Elfenbeinküste unterhält. Boesch und seine Kollegen studieren die hier lebenden Westafrikanischen Schimpansen in freier Wildbahn. Derzeit sind es 54 Tiere. Die Wissenschaftler haben jedem Individuum einen Namen gegeben.
Durch die ständige Anwesenheit der Zoologen haben sich die Schimpansen an Menschen gewöhnt und flüchten nicht gleich. Davon wollten die Filmleute profitieren, als sie 2008 ins Camp des Max-Planck-Instituts zogen. Sie bauten sich dort eine Hütte und ließen sich von den Primatologen zu den Affen führen.
"Wir hatten zu Beginn der Dreharbeiten unglaub-
liches Glück", wird Tierfilmer Fothergill im Disney-Presseheft zitiert. "Wir konnten ja kein Drehbuch erstellen, also mussten wir einfach warten und beobachten, wie es unserer Schimpansengruppe so ergeht. Zuerst entdeckten wir Oskar, der einfach zum Anbeißen süß war, und dann passierten plötzlich all diese aufregenden Ereignisse und rissen seine Mutter und den Rest der Gruppe mit sich."
Mitglieder des Filmteams wollen gesehen haben, wie ein gegnerischer Schimpansentrupp auftauchte und Oskars Familie bedrohte. In diesem Augenblick sei den Filmemachern bewusst geworden, so das Presseheft, "dass sie nun eine weitere Hauptzutat ihres Dramas gefunden hatten: eine bedrohliche Truppe Bösewichter und eine spannende Wendung des Plots. Der Anführer der zweiten Gruppe war ein älteres Männchen, genannt Scar".
Auch Linfield hat noch lebhafte Erinnerungen: "Hätten wir so etwas in ein Drehbuch geschrieben - niemand hätte uns das geglaubt. Das waren so seltsame Episoden, die hätte sich niemand ausdenken können."
Doch genau das ist offenbar geschehen. Als der SPIEGEL Christophe Boesch in dessen Büro im Leipziger Max-Planck-Institut zu den Dreharbeiten befragte, wurde er nervös und machte nach 30 Minuten reinen Tisch. Auch ein Fachaufsatz, den Boesch mit drei Kollegen im Januar 2010 im US-amerikanischen Wissenschaftsmagazin "PLoS ONE" veröffentlicht hat, belegt, dass die Version der Filmemacher so nicht stimmen kann. Als sie sich die Hintergründe zu ihrem Dreh ausdachten, müssen sich im Affenwald die Bäume gebogen haben.
Laut Boesch befanden sich die Tierfilmer bereits die zweite Drehsaison in seinem Camp, als eine Schimpansenmutter (von den Forschern Vanessa getauft) im Dezember 2008 zu Tode kam. Doch anders als es im Disney-Presseheft dargestellt wird, wurde die Mutter mitnichten nach einem Angriff rivalisierender Schimpansen vermisst. In Wahrheit ist sie an einer Seuche gestorben - an Milzbrand.
Auch sind sich Oskars Clan und Scars Horde nie begegnet. "Die angeblichen Rivalen leben in Uganda", sagt Boesch. Dorthin waren die Filmemacher gereist, weil sie im ivorischen Wald keine ausreichend furchteinflößende Affenbande fanden. "Die Disney-Leute wollten eben Bilder haben, auf denen man eine große Anzahl von Männchen sieht."
Im Film sind die Szenen einfach gegeneinander geschnitten. Wer die Hintergründe kennt, dem fällt es sofort auf: Die scheinbar miteinander kämpfenden Affen sehen unterschiedlich aus, weil sie zu verschiedenen biologischen Unterarten gehören - zu den West- und zu den Ostafrikanischen Schimpansen.
Dies wird im Presseheft verschwiegen, in dem es nur kryptisch heißt, die Filmemacher hätten den Film später mit Aufnahmen aus Uganda ergänzt. The Walt Disney Company Germany in München sah sich bis Redaktionsschluss außerstande, zu Nachfragen des SPIEGEL zur Entstehung des Films Stellung zu nehmen.
Wenigstens die Adoption ist nicht erfunden. Nach Vanessas Milzbrand-Tod hatte sich tatsächlich ein Schimpanse namens Fredy um das Waisenkind Victor gekümmert, obwohl beide nicht miteinander verwandt waren. Ein solches selbstloses Handeln sei unter seinen Schimpansen allerdings gar nicht so selten, schreibt Boesch im "PLoS ONE"-Artikel, in dem er auch auf Fredy eingeht. Dieser habe Victor in seinem Nest schlafen lassen, ihn auf langen Wanderungen getragen und Nüsse mit ihm geteilt.
Damit erscheint Fredy zwar als wahrhaft großmütiger Menschenaffe, allerdings war sein Einsatz als Ziehvater leider nicht erfolgreich. Nach nur sieben Monaten endete die Adoption jählings - "durch den Tod des Waisenkindes", wie Boesch in seinem Fachaufsatz schreibt. So ergeht es übrigens den meisten verwaisten Schimpansen. Sie haben laut Boeschs Studie letztlich keinen Überlebensvorteil durch eine Adoption.
Die traurige Realität konnte die Filmemacher nicht davon abbringen, ein Rührstück zu erfinden. Nach der Rückkehr aus dem Affenwald ging es darum, so zu tun, als hätten sie diese Geschichte tatsächlich erlebt.
Nur haben sie die Rechnung ohne Boesch gemacht, der als angesehener Max-Planck-Direktor doch lieber bei der Wahrheit bleiben will. Trotzdem wünscht er dem Märchen großen Erfolg. Denn ein Teil der Filmeinnahmen geht an eine von ihm gegründete Stiftung, die das Überleben der Schimpansen im Taï-Nationalpark sichern will.
(*) Tierfilmer Mark Linfield und Kameramann Martyn Colbeck im Taï-Nationalpark in der Elfenbeinküste.
Von Jörg Blech

DER SPIEGEL 18/2013
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