06.05.2013

BILDUNGTinte gegen Tastatur

Schüler eines bayerischen Gymnasiums absolvieren das erste digitale Abitur Deutschlands - doch sie imitieren am Computer das Schreiben mit Papier und Stift.
Es gongt gleich zur Pause, der Mathematiklehrer muss noch etwas Organisatorisches loswerden. "Bitte vergesst nicht, zur Prüfung euren Zirkel, Bleistifte und Geodreieck mitzubringen", ruft Eckbert Holland. Seine Schüler murren. "Zirkel, was ist das?", fragt einer. Ein anderer: "Einen Bleistift habe ich seit Wochen nicht mehr in der Hand gehabt."
Kreise und andere geometrische Figuren fertigen die Schüler der 12 a des Internats Schloss Neubeuern normalerweise mit einer Computer-Maus. Oder sie zeichnen sie mit digitalen Stiften auf den Bildschirm ihres Tablets, der in die eigens konstruierten Arbeitspulte eingelassen ist. Das exklusive Privatgymnasium nahe Rosenheim ist bundesweit führend beim Einsatz neuer Medien im Unterricht.
Doch in dieser Woche prallt in Neubeuern die schöne neue Schulwelt auf die Regelanforderungen der Kultusbürokratie: 29 Schülerinnen und Schüler schreiben das erste digitale Abitur Deutschlands, oder wenigstens das, was an Digitalem davon übrig geblieben ist.
Vorbereitet haben sich die Schüler und Lehrer darauf so, wie es seit knapp vier Jahren auf Neubeuern üblich ist: Statt mit Kreide an der Tafel schrieb Lehrer Holland mit digitalem Stift auf seinem E-Pult, immer mit dem Gesicht zur Klasse, ein Beamer warf die Notizen an die Wand. Die Übungsaufgaben spielte Holland seinen Schülern über das schuleigene Netzwerk auf ihren persönlichen Rechner, auf diesem Wege kontrollierte er auch, wie die Klasse sie löste.
Doch die echten Prüfungsaufgaben kommen, wie im bayerischen Zentralabitur üblich, gedruckt auf Papier per Kurier aus München. Den Neubeuerner Schülern werden die Bögen vorgelegt; sie dürfen die Lösungen dann per elektronischem Stift in einen Computer eingeben. Damit sie dabei nicht schummeln können, bekommen sie unbenutzte Geräte, auf denen nur die Software läuft, die sie für die Prüfung brauchen. Es gibt selbstverständlich keinen Zugang zum Internet, die Abi-Aufseher können aber den Arbeitsfortschritt zentral überwachen.
Falls die Jugendlichen im Mathe-Abitur geometrische Zeichnungen auf den Prüfungsblättern bearbeiten müssen, werden sie ganz traditionell Bleistift und Zirkel benutzen. Verzichten müssen die digitalen Vorreiter laut Dienstanweisung aus München auf die geliebte Tastatur. Diese könnte, so heißt es im Ministerium, geübten Tippern besonders im Deutsch-Abi einen Geschwindigkeitsvorteil verschaffen, da müsse man "für Chancengleichheit sorgen". Am Ende werden die Klausuren ausgedruckt und auf Papier bewertet, vom Erstkorrektor in roter Tinte, vom zweiten in grüner.
Besonders viel Digitales finde sich deshalb noch nicht in der neuen Abi-Variante, sagt selbst Internatsleiter Jörg Müller. Angesichts des Tastatur-Verbots schreibt die Hälfte der Deutsch-Abiturienten doch lieber auf Papier. Müller sieht die Prüfung als Zwischenschritt hin zu weitergehenden Reformen: zu einem mündlichen Abitur etwa, bei dem Schüler ihre Vorträge mit selbsterstellten Powerpoint-Präsentationen unterstützen, statt schnöde Filzstift und Overhead-Projektor zu benutzen. Um den Schnelltippervorteil auszugleichen, will Müller dem Münchner Ministerium künftig anbieten, beim Tastatur-Abi die Prüfungszeit zu verkürzen. Es spricht nicht viel dafür, dass diese Vorschläge gut ankommen.
Trotzdem will sich Müller nicht beschweren. Er sei froh, dass das Experiment überhaupt möglich ist, selbst wenn es eingeschränkt sei wie jetzt. Es wundere ihn aber nicht, dass die Kultusbürokratie zurückhaltend reagiere. "Unsere Schulverantwortlichen mussten sich mangels Nachfrage noch nicht grundlegend mit den Anforderungen der Digitalisierung auseinandersetzen." Noch immer nähmen viele Ministeriale und Schulleiter das Internet vor allem als Fehlerquelle oder Schummelhilfe wahr - oder als endlosen Raum, in dem Schüler nur ihre Zeit vertrödeln.
Müller träumt hingegen von neuen pädagogischen Formen, er will, dass die Schüler die wertvolle Zeit gemeinsam mit dem Lehrer für Vertiefungen nutzen und sich die Standardinhalte in Eigenarbeit auf dem Computer aneignen. Die Methode sei auch später im Studium sinnvoll, meint Müller: "Der BWL-Vorlesung müssen Studentinnen und Studenten ja nicht unbedingt live im Audimax folgen."
Therese Ansin, die Wirtschaft, Wirtschaftsinformatik und Geografie unterrichtet, ist von den Vorzügen der digitalen Unterrichtsgestaltung überzeugt. "Die leidige Kopiererei fällt weg." Sie könne Schülerergebnisse schneller würdigen - zum Beispiel, indem Hausaufgaben an die Wand projiziert und besprochen würden. Man könne auch mal eben ein Foto zeigen. "Wenn ich in Geografie über Bewässerungsfeldbau rede, kann ich das schnell mit 15 Bildern illustrieren."
Seit 2009 hat man in Neubeuern den Unterricht elektronisch umgekrempelt, gerade hat die Schule einen Kongress "Digitale Didaktik" ausgerichtet. Es ging dort unter anderem darum, "wie digitale Medien sinnvoll in den Unterricht integriert werden, ohne selbst der Unterricht zu sein". Dass die Technik allein die Schüler schlauer oder besser macht, behauptet in Neubeuern niemand. Das Gymnasium mit seiner internationalen Schülerschaft lag in den vergangenen Jahren im bayerischen Abitur auf Durchschnittsniveau.
Verzichten müssen die dortigen Schulabgänger darauf, ihre Lernmaterialien wie an anderen Schulen üblich rituell zu schreddern - sie haben sie ja nur digital. "Mir ist wichtig, dass ich alles auf einer externen Festplatte gesichert habe", sagt Abiturientin Antonia Kilger, 18. Den Datenträger will sie nach der Schulzeit aufbewahren, als Erinnerungsstück.
Von Jan Friedmann

DER SPIEGEL 19/2013
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