06.05.2013

KONFLIKTEBomben Party

Nordkorea droht mit dem Nuklearkrieg, Südkorea tanzt im Gangnam-Style: So sind die Klischees. Aber der Krieg war noch nie so nah. Ein bizarrer Seouler Alltag mit Trüffelnudeln und superschlauen Smartphones trotzt der Angst.
Wenige Stunden vor Ablauf eines weiteren Ultimatums verwandelt sich Seoul in ein Flammenmeer, Fontänen aus Feuer umschließen die gläserne Bühne im Sendesaal des südkoreanischen Staatssenders KBS, wo die Mädchen von Girl's Day ihren neuen Hit aufführen. Es ist der vorvergangene Freitag, "Music Bank"-Tag, die Sendung wird jede Woche live in 72 Länder übertragen, das Studio im Süden Seouls ist mit aufgekratzten Fanclubs gefüllt und dampft vor Pubertät. Girl's Day singt "Expectation", das heißt Erwartung, Aussicht, kein schlechter Titel in einer Zeit, in der sich die Welt fragt, ob morgen in Asien womöglich der Atomkrieg ausbricht. Oder ob alles wieder nur Show ist.
Im KBS-Studio, einem steilen Amphitheater, schunkeln die Mädchen, viele kommen direkt von der Schule und tragen noch ihre Uniform, weiße Bluse, Schottenrock, verfrorene Kinder, die stundenlang Schlange stehen mussten vor der Tür an einem regnerischen, kühlen Tag. K. Will singt "Love Blossom", er führt die Charts gerade an, Davichi tritt auf, SHINee, 4Minute; sie sind die süßen Idole einer panasiatischen Jugend, Stars selbst noch in Singapur, Tokio und Jakarta, made in Korea. Das Publikum schreit in die Pausentakte hinein ihre Namen, es ist, in der Krise, im Kriegslärm, ein Fest.
Jang Seul Gi schreit, ein Mädchen aus dem Seouler Vorort Namyangju, sie ist 18, hat ihr kostbares Ticket per Los gewonnen und trägt eine Kompresse über dem rechten entzündeten Auge. Mit ihren Freundinnen ist sie zwei Stunden lang Bus gefahren und oft umgestiegen, um Teen Pop leibhaftig aus der Nähe zu sehen. Die Mädchen kreischen schon, als die schlanken Jungs kurz vor ihrem Auftritt im Dämmerlicht abseits der Scheinwerfer rumoren. Ein Ultimatum? Davon weiß Seul Gi nichts. Und nichts von den "schwerwiegenden Konsequenzen", die Südkoreas Regierung der nordkoreanischen diesmal wieder angedroht hat. Seul Gi hat andere Sorgen.
Das Mädchen aus der Vorstadt hätte gern ein kleineres Gesicht und größere Brüste, eine bessere Nase und ein schöneres Kinn. Diesen Traum teilt es mit vielen seiner Freundinnen, und er findet sich an den Wänden in den Gängen der Seouler Metro-Stationen, die im Kriegsfall alle als Bunker dienen werden. Beauty-Kliniken stellen ihre Erfolge aus mit Vorher-Nachher-Postern, auf denen Mädchen zu sehen sind, die sich von Menschen in halbe Monstren verwandelt haben, mit Augen so groß, als wären sie für einen Trickfilm von Walt Disney entworfen. Solche Augen macht Kim Soo Shin.
Er gehört zu den alteingesessenen Schönheitschirurgen am "Beauty Belt" von Gangnam, südlich des trägen, breiten Han-Flusses, seine Klinik heißt Real und handelt mit der irrealen Schönheit. Während der Wintersaison schafft er 50 bis 60 Kundinnen, und selbst seiner 74-jährigen Mutter hat er die Tränensäcke wegoperiert.
Auf die Frage, warum sein Geschäft in Südkorea derart in der Blüte steht, habe er, sagt er, eine scherzhafte und eine ernste Antwort. Die scherzhafte lautet: "Wenn man ein leeres Hirn hat, braucht man ein schönes Gesicht." Die ernste handelt von den südkoreanischen Frauen, die spätestens seit den Seouler Olympischen Spielen von 1988 mit größerem Selbstbewusstsein durch die Welt gingen; außerdem hätten sie immer mehr Geld und immer weniger zu tun "und deshalb wahnsinnig viel Zeit, sich im Spiegel anzuhimmeln".
Als junger Mann saß Doktor Kim einmal für sechs Monate in einem südkoreanischen Gefängnis, weil er einen Freund hatte, der dem "Großen Führer Kim Il Sung" begegnet war. Die Richter dichteten ihm damals irgendwelche kommunistischen Umtriebe an und fanden es fragwürdig, dass er sich darauf spezialisiert hatte, Arbeitern für wenig Geld die abgerissenen Finger wieder anzunähen. Als er sich 1991 als Schönheitschirurg mit eigener Klinik in Gangnam niederließ, hatte er nur zwei Konkurrenten. "Heute", sagt er, "sind hier in der Gegend 300 Kliniken im Geschäft." Und das passt gut zur allgemeinen Vorstellung, die sich der Westen heute von Korea macht.
Die Welt hat es sich in Jahrzehnten angewöhnt, Nordkorea pechschwarz und Südkorea blütenweiß zu malen. Oben die finstere Diktatur, unten die fröhliche Demokratie. Oben Unterdrückung und Hunger, unten Freiheit und Konsum. Die Klischees mögen den Norden nicht völlig verfehlen, Südkorea aber ist ein graueres, schwieriges Land.
In Seouls nagelneuem Nationalmuseum für Zeitgeschichte am Prachtboulevard Sejong-daero lässt sich die schwere historische Fracht eines Landes besichtigen, das im 20. Jahrhundert japanische Kolonie, Schlachtfeld und Militärdiktatur war. Ausgestellt sind die tiefen, alten Wunden einer geteilten Nation, die kein Wirtschaftswunder heilen kann.
Die letzten Säle sind eine Lüge durch Auslassung, sie versammeln wohl die schönsten Samsung-Smartphones und Hyundai-Limousinen, und an einer haushohen Wand aus Bildschirmen macht PSY seinen Gangnam-Style. Aber sie reden nicht von der ungesunden Macht der südkoreanischen Industriekonglomerate, nicht von Filz und politischer Korruption. Sie reden nicht von der allgegenwärtigen Pressezensur oder den autoritären Anwandlungen der aktuellen Regierung, die sich allein darin zeigen, dass die neue Präsidentin Park Geun Hye, Tochter des früheren Diktators, gerade ein Gesetz unterschrieben hat, das das Tragen von Miniröcken reglementiert.
Kein Thema ist, dass in keinem Industrieland die Selbstmordrate höher liegt als in Südkorea, wo sich jeden Tag 40 Menschen das Leben nehmen, eine Rate, dreimal so hoch wie die in Deutschland. Und kaum jemand spricht darüber, was eigentlich der Alptraum der jederzeit möglichen atomaren Auslöschung mit einem Land macht.
Tatsächlich beschäftigt sich der Rest der Welt ausführlicher mit dem ewig schwelenden Korea-Konflikt als das im Ernstfall existenzbedrohte Land. Während im Westen jeder neue Winkelzug des Nordens für Schlagzeilen taugt, werden sie in Südkorea nur kühl und routiniert vermeldet. In Jahrzehnten hat das Land gelernt, die dauernden Drohungen aus Pjöngjang stets leer zu finden. Aber womöglich hat es auch verlernt, echte Gefahren als solche zu erkennen.
Die aktuelle Krise begann, je nach Perspektive, vor 2, vor 19 oder schon vor 60 Jahren, ihre Tiefpunkte werden jetzt erreicht, im Februar, im März, im April. Vor 60 Jahren endete der Korea-Krieg ohne Friedensschluss, vor 19 Jahren starb in Nordkorea der "Große Führer Kim Il Sung", abgelöst vom "Geliebten Führer Kim Jong Il", dessen Tod vor zwei Jahren den "Obersten Führer Kim Jong Un" an die Macht brachte. Über ihn ist, selbst wenn die raunenden Experten in Funk und Fernsehen anderes glauben machen, so gut wie nichts bekannt. Klar ist nur, dass der "Oberste Führer" gerade neue Saiten aufzieht.
Ein dritter nordkoreanischer Atomtest hat die Welt am 12. Februar schockiert. Es gab deswegen Sitzungen und neue Sanktionen des Uno-Sicherheitsrats, die Nato tagte, Diplomaten schwärmten aus, B-2-Tarnkappenbomber flogen Manöver über Südkorea, US-Raketen wurden verlegt, die Armeen des Südens und des Nordens wurden in Gefechtsbereitschaft versetzt, alles binnen weniger Wochen.
Nordkorea kündigte allerlei Abkommen, kappte das rote Telefon, Generäle traten auf, es wurde der totale Atomkrieg versprochen und dass sich Seoul in ein Flammenmeer verwandeln werde. Es wurden Raketen getestet, es wurden Propagandavideos gestreut, in denen Washington bombardiert und Seoul erobert wird.
Im März drohte das Regime in Pjöngjang zum ersten Mal in der Geschichte damit, einen atomaren Erstschlag gegen Amerika und Südkorea zu führen, und die Regierung in Seoul kündigte an, Pjöngjang dem Erdboden gleichmachen zu wollen. Anfang April wurde im Norden verkündet, die vor sechs Jahren stillgelegte Atomanlage von Yongbyon wieder zu starten. Ausländern in Südkorea wurde geraten, das Land zu verlassen. Pjöngjang sperrte den Industriepark von Kaesong, und Südkoreas Regierung stellte ihr Ultimatum.
Das Ultimatum verstreicht, am vorvergangenen Freitag, ohne Antwort, während die Straßen und Gassen von Gangnam und Itaewon mit amüsierwilligem Volk verstopft sind, die Bars voll, die Fenster der Restaurants von innen beschlagen. Das Ultimatum, die Schließung von Kaesong, das alles interessiert nicht. Die Sonderwirtschaftszone auf nordkoreanischer Seite, aus der zuerst der Norden seine 53 000 Arbeiter abzog und in der nun der Süden seine 123 Fabriken stillgelegt hat, lässt die Leute kalt. Aber Kaesong war das letzte Symbol für die Hoffnung auf eine koreanische Vereinigung. Die Schließung markiert, eigentlich, eine dramatische Zuspitzung des Konflikts, einen furchtbaren Rückschlag, aber es schaut, eigentlich, keiner mehr hin. Südkorea hat andere Sorgen.
Wenn an der Apgujeong-Straße im Süden der Stadt, einer weltweit einmaligen Kette gewaltiger Flagship-Stores, die neue Mode aus Paris und Mailand eintrifft, setzt in halb Asien eine Sternwanderung ein, und reiche Frauen aus Japan und China, aus Russland und Indonesien fliegen ein zum verschärften Shopping. Im Kaufhaus Galleria ballen sich die Luxusboutiquen wie nirgendwo sonst auf der Welt, die Etagenpläne lesen sich wie ein Register der teuersten Marken. Im Food Court des Untergeschosses kann man sich mit Gänsestopfleber stärken, mit Trüffelnudeln und Sashimi vom Roten Thunfisch.
Seit der Norden den Krieg schürt, bröckeln die Besucherzahlen. Besonders die Japaner machen sich rar, der Tourismusverband meldet dramatische Einbrüche, in den ersten beiden Aprilwochen kamen nur 88 000 Touristen aus Japan, 33 Prozent weniger als im Vorjahr. Kim Jong Un, der "Oberste Führer", trifft den südkoreanischen Feind auch ohne Bomben und Raketen. Seine Drohungen mögen Seoul nicht mehr erreichen, aber sie werden in Tokio und Peking gehört. Er spielt die Spiele des alten Kalten Krieges.
Wer sich als Deutscher in Südkorea umtut, bewegt sich deshalb trotz aller Fremdheit häufig auf bekanntem Terrain. In seinen neureichen Ecken kommt einem Seoul manchmal vor wie eine asiatische Variante des alten West-Berlin, wo das KaDeWe und, an der Mauer, Axel Springers goldenes Hochhaus in den Osten hinüberleuchteten zum Zeichen kapitalistischer Überlegenheit.
Die deutsche Erfahrung reist mit entlang der innerkoreanischen Grenze. Der "Grenzpark" von Imjingak etwa, nur 30 Minuten nördlich von Seoul gelegen, bringt alte Bilder herauf von Rudolphstein, Helmstedt, Dreilinden. Straßen enden stumpf, Flüsse sind Grenzen, in der Landschaft steht eine stillgelegte "Brücke der Freiheit", über die einst Kriegsgefangene ausgetauscht wurden. Es gibt keine Mauer, aber alle 200 Meter einen Wachturm in endlosen Spiralen aus Stacheldraht.
Ein Bus mit Touristen fährt nach Panmunjom, es ist der Tag des Ultimatums. Es geht hinein in die Demilitarisierte Zone, das ist ein vier Kilometer breiter Streifen Brachland, mittig markiert vom 38. Breitengrad, 248 Kilometer lang vom Gelben bis zum Japanischen Meer. Hier verläuft seit 60 Jahren die innerkoreanische Grenze. Dänen, Engländer, Spanier sitzen im Bus, ein norwegisches Paar ist dabei und ausgerüstet, als zöge es in den Krieg, auf dem Rücken den großen Rucksack mit viel Proviant. Die Fremdenführerin, eine Koreanerin, nennt sich Sally, sie erzählt vorn im Bus Geschichten, sie sagt: "Die Soldaten hier draußen müssen nichts können, sie müssen vor allem gut aussehen."
In der Joint Security Area von Panmunjom kommt es zur Begegnung der Welten, dort steht eine Reihe Uno-blauer Baracken auf den 38. Breitengrad gebaut, halb im Süden, halb im Norden. Die Besucher dürfen hineingehen und im Innern die Grenze überschreiten, sie machen lärmend Fotos von sich vor der Hintertür, die hinaus nach Nordkorea führt, theoretisch. Praktisch ist sie verschlossen, und vor der Tür im Süden stehen zwei Soldaten stramm mit geballten Fäusten und beobachten den Feind in gespieltem Ernst. Auf den Stufen der Grenzstation gegenüber lungert ein einsamer Wächter des Nordens und hebt ab und an ein Fernglas vors Gesicht. Sally sagt: "Genießen Sie's! Sie dürfen hier Fotos machen. Aber nicht winken oder hinüberzeigen."
Es ist eines der Rätsel der koreanischen Verhältnisse, dass es den Menschen des Südens, den angeblich freien, von der eigenen Regierung verboten wird, den Norden zu bereisen. Sie dürfen auch nicht in die Demilitarisierte Zone, dürfen den 38. Breitengrad nicht sehen, als gäbe es etwas zu verstecken. Auch kennt in Südkorea niemand, außer den staatlichen Zensoren, die schrillen Propagandavideos, die der Norden produziert. Wer versucht, sie in Seoul aufzurufen, bekommt eine Warnung vor Straftaten auf den Bildschirm und wird aufgefordert, die nächste Polizeidienststelle anzurufen.
Jang Jin Sung gehört zu den wenigen Koreanern, die in beiden Teilstaaten gelebt haben, er steht in der Lobby des gealterten Koreana-Hotels mit Sonnenbrille und schwarzem Mantel und sieht aus wie ein Spion. Tatsächlich ist er ein Schriftsteller mit einer Vergangenheit als Staatsdichter am Hofe Kim Jong Ils, auf den er huldigende Epen verfasste, ehe er das Land von jetzt auf gleich und zu Fuß über die chinesische Grenze verlassen musste.
Jang hat den Geliebten Führer zweimal in seinem Leben persönlich treffen dürfen, und die erste Begegnung im Mai 1999 wird er nie vergessen. Er war damals 28, ein ausgezeichneter Absolvent der Kim-Il-Sung-Universität, "ich war jung", sagt er, "und ich dachte, ich würde einem Gott begegnen".
Der Gott stellte sich als Zwerg heraus, der so hohe Absätze trug, dass er die Schuhe ausziehen musste, um sich überhaupt setzen zu können. Das tat er auch bei der Begegnung mit Jang, sie waren zu siebt im Raum, und Kim redete, auf Strümpfen, viel Unsinn in ordinärem, schlechtem Koreanisch. Dann begann er zu weinen, als ein russisches Volkslied gespielt wurde, und die gesamte Entourage weinte mit.
Der Dichter Jang verfasste trotzdem Elogen auf ihn, für diese Arbeit wurde er mit regelmäßigen Essensrationen und bei der zweiten Begegnung mit einer Rolex belohnt. Er machte Karriere als eine Art dichtender Agent, beigeordnet der Abteilung für psychologische Kriegsführung. Seine Rolle war die eines südkoreanischen Dichters, der Hymnen schreibt auf den nordkoreanischen Diktator, ein ziemlich schizophrenes Leben, wie es sich nur in geteilten Ländern entfalten kann.
Das Ende kam durch einen Unfall. Jang hatte das seltene Privileg, südkoreanische Zeitungen und Magazine lesen zu dürfen, die er in der Bibliothek der Geheimdienstzentrale mit Namen und Unterschrift ausleihen musste. Manchmal steckte er sie einem Freund zu, der der Sohn eines hochrangigen Polizeichefs war. Dieser Freund ließ aber an einem Tag im Januar 2004 seine Tasche mit einem der illegal geliehenen Hefte in der kurzen U-Bahn von Pjöngjang liegen, und noch am gleichen Tag entschlossen sich die Freunde zur Flucht, weil ein Prozess wegen Hochverrats unausweichlich schien.
Die Geschichte ihres Entkommens ist abenteuerlich, sie wird nächstes Jahr bei Random House auf Englisch als Buch erscheinen unter dem Titel "Crossing the Border". Bei der Begegnung im Koreana-Hotel erzählt Jang Jin Sung drei Stunden lang und ist noch nicht einmal bei seiner Ankunft in Südkorea angelangt. Er trinkt eine Tasse Kaffee nach der anderen und lässt seine Finger knacken während der Pausen, die durch die Übersetzung entstehen. "Am 17. Dezember 2004", sagt er, "war ich endlich ein freier Mann."
In den Monaten zuvor drehte ihn der südkoreanische Geheimdienst durch seine Mühlen. Er wurde erst zwei Wochen lang intensiv verhört, um auszuschließen, dass der Norden einen Maulwurf einschleusen wollte, dann noch einmal sechs Monate lang, unter Hausarrest in einer abgeschirmten Villa. Mit offenen Armen, wie ein verlorener Sohn oder Bruder, wurde er nicht aufgenommen im Süden. Die Anfangszeit in der Freiheit, sagt er, war schwer. Der Materialismus, die Oberflächlichkeit des Südens stießen ihn ab.
Jang arbeitete in den Jahren danach als Wissenschaftler, er ist zu dem Schluss gekommen, dass die Südkoreaner den Norden im Grunde einfach ignorieren, statt ihm den Gefallen zu tun, sich vor ihm zu fürchten. Ob das aus kluger Einsicht oder stumpfer Ignoranz geschehe, hat er bis heute nicht herausgefunden. Seine Studenten kämen ihm manchmal vor wie formatiert, sagt Jang, ihnen fehle die Kultur zu einem selbstbestimmten Leben.
"Wenn ich ihnen sage: 'Ich habe mein Leben riskiert für die Freiheit - ihr habt sie geschenkt bekommen', dann tun sie gerührt, sind es aber in Wahrheit gar nicht." Jang hat sich der alten Heimat wieder zugewandt. Seine Online-Zeitung "New Focus" horcht heute in den Norden hinein und wird für ihre guten Informationen gelobt. Vor ein paar Tagen erst druckte die "New York Times" einen Meinungsartikel von ihm, die englische Zeitung "Guardian" kauft ihm Artikel ab. Jang müsste also wissen, ob es einen neuen Korea-Krieg geben wird oder nicht. Er sagt: "Kim Jong Un ist derjenige, der den Krieg am meisten fürchten muss - weil sein Land dann zusammenbricht." Aber wenn er sich davor nicht fürchtet? Jang lässt die Finger knacken. "Dann gibt es ein Problem."
Das Problem beschreibt der amerikanische Generalstabschef Martin E. Dempsey am vorvergangenen Mittwoch in Peking. Südkoreas Zeitungen berichten darüber kurz, die amerikanischen Medien ausführlich. General Dempsey, eigens wegen der Korea-Krise in Asien, ist der ranghöchste US-General, der jemals China besucht hat, er sagt: "Die Gefahr einer Fehlkalkulation ist heute größer und damit auch das Risiko einer Eskalation." Nordkoreas Provokationen seien nicht die üblichen, stets wiederkehrenden, sagt Dempsey, "ich denke, dass der Norden auf dem Weg ist, die Gefahrenlage in der Region immer weiter zu verschärfen".
Südkorea hat andere Sorgen. Einen Tag nach Dempseys Auftritt wird in den drei blickdichten Glastürmen der Samsung-Zentrale in Seoul-Gangnam das neue Telefon der Galaxy-Reihe vorgestellt, das S4, sie nennen es "Life Companion". Es sind so viele Journalisten da, alle in Anzug und Schlips, dass man sich fragt, ob es überhaupt so viele Zeitungen und Sender in Südkorea geben kann.
Im Saal verfolgen 40 Kamerateams, 200 Fotografen und 500 Schreiber die Präsentation, sie will aussehen wie seinerzeit die Gottesdienste des Apple-Chefs Steve Jobs, ist aber doch nur eine asiatische Raubkopie. Ein Mann ohne Schlips stellt die Vorzüge des neuen Telefons vor, man kann mit ihm Fotos machen nach hinten und nach vorn, auch gleichzeitig, der Touch Screen wird künftig "berührungslos" zu bedienen sein, wie das ganze "handschuhfreundliche" Gerät, das "aus jedem Augenblick des Lebens eine besondere Geschichte macht", von daher "Life Companion".
Die anschließende Pressekonferenz ist nach dem betont lockeren Vortrag und der bunten Videoshow dann wieder ein Schauspiel des südkoreanischen Patriarchats. Auf der Bühne sitzen sechs grauhaarige Manager im grauen Anzug und nehmen nicht Fragen, sondern Huldigungen entgegen. Die Journalisten bedanken sich für die Show, sie bedanken sich für die Entwicklung des neuen Telefons, und einer sagt, unter vielen Verbeugungen: "Diese Präsentation und das neue Galaxy S4 machen mich stolz darauf, Südkoreaner zu sein."
Südkorea. Das ist ein Land, das den Stolz auf sich selbst pflegt, in dauernder Abgrenzung zum Norden, der außer Massenvernichtungswaffen doch nicht viel zu bieten hat. Aber der Stolz hat das kleine Land empfindlich gemacht. Es ist nicht, im Vergleich zum schwarzen Norden, blütenweiß, sondern gefährlich leicht zu kränken. Künstler, die es wagen, die Granden in Industrie und Politik zu karikieren, landen vor dem Richter. Reporter, die sich ernsthaft mit den vielen Konzerngiganten des Landes befassen, riskieren ihre Jobs. Kritik an der Regierung wird als Beleidigung aufgefasst, das Studium Nordkoreas als kommunistisch geprägtes Verrätertum verdächtigt. Vielleicht wird in dem Land, das so viele andere Sorgen hat, deshalb so viel gesungen.
Denn wenn die Popwelle rollt, das große Hallyu, wenn sich die Menschen zum kollektiven Karaoke versammeln, dann schweigen die Zweifel, und die schmutzige Welt mit ihren Bomben und Raketen bleibt draußen vor der Tür. Wenn K. Will "Love Blossom" singt im Sendesaal des Staatssenders KBS, wenn Busker Busker tanzen, wenn PSY seinen viralen Gangnam-Style macht, dann beruhigt sich alles, und Korea wirkt, solange die Musik läuft, sehr cool. Und wenn die Bühne brennt beim Auftritt von Girl's Day, und Seoul im Fernsehen aussieht wie ein Flammenmeer, dann steht die Feuerwehr dabei, und es ist alles nur Show.
Von Ullrich Fichtner

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