06.05.2013

HOMESTORYWolfsgeheul

Justin Biebers Affe blieb im deutschen Zoll hängen. Mein Hund kam durch. Mit Mühe.
Sehr geehrte Gäste unseres heutigen Continental-Fluges von Newark nach Frankfurt am Main, wir haben soeben unsere Reiseflughöhe verlassen und beginnen mit dem Anflug auf unseren Zielflughafen."
Deutschland, wir kommen. Eine Frau, ein Mann, ein dreijähriges Kind. Und ein Hund. Kriegst du das hin, Deutschland?
Das Tier ist in einer Kiste im Frachtraum. Wir erinnern uns, wie einfach es war, als wir vor ein paar Jahren in die USA zogen und das Tier ebenfalls mitnahmen, die Kiste stand nach der Ankunft in New York neben dem Gepäckförderband, zusammen mit anderem Sperrgut. Wir gingen durch den Zoll und waren da. Jetzt sind wir auf dem Rückweg. Jetzt wird alles anders sein. Aber das wissen wir noch nicht.
Ich blicke auf das Formular, das wir beschaffen mussten. Es trägt den Titel "Veterinärbescheinigung für nicht gewerbliche Verbringungen von Hunden, Katzen und Frettchen in die Europäische Gemeinschaft". Ich überlege, wie viele Frettchen wohl pro Jahr in die Europäische Gemeinschaft migrieren. Kapuzineräffchen, ja, so etwas liest man, aber Frettchen? Unser Tier, so steht da, hat die Mikrochip-Nummer 7560981002928652 CHE. Geimpft gegen Tollwut. Weiblich, schwarzweiß. Unter Rasse steht "Mischling" und unter Art: "Hund". Das ist alles korrekt. Wir nennen sie Luca.
"Sie können den Hund gleich am Gate in Empfang nehmen", sagt eine Flugbegleiterin mit Flugbegleiterinnenlächeln.
Am Gate ist kein Hund. Wir erhalten ein Blatt mit einer Wegbeschreibung. Wir sollen die Frachtauslösepapiere (LUG-Schein) bei der "Luftfracht-Umschlag-GmbH im Gebäude Nr 537 E", Cargo City Süd, abholen. Damit würden wir das Tier danach in Lufthansas Animal Lounge im Gebäude 463, Cargo City Nord, abholen können. Ein schöner Name, Animal Lounge. Ich stelle mir vor, wie unser Hund dort an einer Bar sitzt, mit einem Frettchen flirtet und uns kein bisschen vermisst.
Wir packen unser Hab und Gut in ein Großraumtaxi. Die Cargo City Frankfurt trägt das Wort "Stadt" nicht grundlos im Namen, allein der Südteil ist 100 Hektar groß, einer der wichtigsten Knotenpunkte des globalen Handels. Am Schalter der Luftfracht-Umschlag-GmbH steht eine hessische Dame, ich lege alle Papiere auf den Tisch. "Continental Airlines machen wir nicht mehr", sagt sie frohlockend, in ihrer Stimme die Freude darüber, nicht zuständig zu sein. Irgendwie komme ich trotzdem an die Frachtauslösepapiere samt dem Freistellungsstempel des zuständigen Händlingsagenten, es kann weitergehen. Im Taxi schreit das Kind, schwitzt die Frau, tickt der Taxameter. Wir sind seit drei Stunden in Deutschland.
Die Cargo City Nord liegt auf der anderen Seite des Rollfelds, man erreicht sie nach einer Fahrt durch ein paar Industriestraßen, durch einen Wald und einen Tunnel, der Taxifahrer hat aber ein GPS. Dann stehen wir vor ihr: Lufthansa Animal Lounge, in großen blauen Lufthansa-Lettern. Es gibt sie wirklich. Da drin ist unser Hund. Gleich haben wir ihn.
Ich gehe bis zum Ende des Flurs. "Hessisches Landeslabor" steht an der Tür. Die Dame am Schalter sagt, sie brauche meine Bordkarte als Bestätigung, dass wir mit demselben Flugzeug unterwegs waren wie das Lebendfrachtgut, könnte ja sonst jeder kommen. Die Bordkarte habe ich nicht mehr. Ich gehe raus und durchsuche unser Gepäck nach einem Papierausdruck des E-Tickets. Immer wenn ich beim Taxi bin, erstatte ich meiner Frau Bericht über Fortschritte und Rückschläge, es fällt je länger, je schwerer, sie von einem Amoklauf abzuhalten. Der Dreijährige hat sämtliche Spiele auf dem iPad durch und weint. Ich finde das E-Ticket. Zurück in die tierärztliche Grenzkontrollstelle. "Bitte warten Sie auf dem Flur." Nach einer halben Stunde wieder rein, nachfragen. "Es dauert, solang's dauert." Dann ein Stempel und eine Unterschrift, "genehmigt, Dr. M.-L. Ludwig, amtliche Tierärztin".
In der Animal Lounge überreicht mir ein Herr mit einem grauen Schnauzer ein A4-Blatt mit der Überschrift "Weg zum Zoll" und eine Magnetkarte, um durch ein Drehkreuz zu kommen. "Wenn Sie sich beeilen, sind Sie in einer halben Stunde zurück." Im Zollbüro kämpfen mehrere korrekt uniformierte Zollbeamte an ihren Schreibtischen gegen den Schlaf. Einer, wohl Hundeliebhaber, stellt schließlich ein paar Fragen, was für ein Mischling das denn sei, Border Collie und Spitz, wie interessant, dann hat er wohl vom Border das Lebhafte und vom Spitz das Gebelle, nicht wahr? Ich antworte nicht. Er drückt einen Stempel auf ein Papier.
38 Euro und 40 Cent will der Mann mit dem grauen Schnauzer als Gebühr dafür, dass unser Hund so gut versorgt worden sei. Ich lerne eine deutsche Besonderheit kennen: Dienstleister, die keine Kreditkarten annehmen, sehen den Fehler beim Kunden, der ausreichend Bargeld dabeizuhaben hat.
Am Tierauslieferungsschalter einen Stock tiefer prüft jemand noch einmal alle Papiere. Dann geht an der Seite eine Garagentür auf und unsere Kiste wird herausgerollt. Wir öffnen den Käfig. Der Hund ist drin. Er sieht nicht unglücklich aus, nur benommen. Als er uns wiedererkennt, stimmt er sein Wolfsgeheul an, minutenlang, und als ich ihn von der Leine nehme, stelle ich mir vor, wie er gleich mit gefletschten Zähnen durch die Beamtenbüros der Cargo City rennen wird, um ein paar Feinde zu reißen. Er kotzt stattdessen vor Aufregung vor die Pforte der Animal Lounge. Auch okay.
Vor sechs Stunden sind wir gelandet, die Hundeauslöseprozedur hat etwa so lange gedauert wie die Flugreise davor. Und als wir am Abend an unserem Ziel bei Frankfurt ankommen, ist die Taxirechnung (200 Euro) nur halb so hoch wie das Flugticket für den Hund es war.
Von Guido Mingels

DER SPIEGEL 19/2013
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