06.05.2013

SCHIFFFAHRTWeniger ist Meer

Hapag-Lloyd erschuf ein neues „Europa“ - ohne Demos, Krise und Lärm. Resultat: das luxuriöseste Kreuzfahrtschiff der Welt. Auf dem Sonnendeck sollen reiche Deutsche sitzen.
Es ist ein Satz, den man vom Chef eines Fünf-Sterne-Luxuskreuzfahrtschiffs eher nicht erwartet: "Unsere größte Herausforderung ist die Sauberkeit", sagt Friedrich Jan Akkermann. Sein Blick gleitet sorgenvoll über Dutzende Kisten voller Schiffshandbücher, die sich schon fünf Tage lang auf dem Boden seiner Kommandobrücke stapeln.
Der Kapitän ist besessen vom Thema Reinlichkeit, seit er vorvergangenen Freitag die Befehlsgewalt über den nagelneuen Kreuzer MS "Europa 2" übernommen hat. Das Schiff soll die funkelnde Perle der Hapag-Lloyd-Kreuzfahrtflotte werden, der exquisiteste Luxusliner der Welt, eine Zeitenwende im hartumkämpften Kreuzfahrtgeschäft. Doch was ihm die Werft STX an der französischen Atlantikküste termingerecht übergab, war nach Meinung eines aufgebrachten Crewmitglieds zunächst "ein Dreckhaufen".
So ist das vielleicht, wenn Deutsche ein neues "Europa" bauen: Es schaffen nicht alle, Schritt zu halten.
Die Schiffbauer aus Saint-Nazaire an der Atlantikküste sind jedenfalls nicht ganz fertig geworden. "Die hatten einfach keine Lust mehr", berichtet ein Hapag-Lloyd-Mitarbeiter, der über Monate den zähen Fortschritt auf der in südkoreanischem Besitz befindlichen Werft beobachtete. "Die sind doch nur noch zum Ausruhen erschienen", schildert ein Crewmitglied die Arbeitsmoral der Franzosen. "Täglich Punkt 17 Uhr lassen sie den Hammer fallen und samstags schon mittags", sagt Käpten Akkermann. Und nichts und niemand könne sie und die starken Gewerkschaften umstimmen. "Da sind die stur." Als der Auftraggeber Druck machte, soll ihm ein STX-Werftmanager gesagt haben, er möge, bitte schön, "nicht so deutsch" sein. Man ahnt: Nicht nur die beiden Regierungschefs François Hollande und Angela Merkel tun sich derzeit schwer mit der Völkerfreundschaft.
Noch am Morgen vor der offiziellen Übergabe war das 225 Meter lange und knapp 27 Meter breite Schiff eine einzige Baustelle. Über tausend Arbeiter sägten und bohrten, hämmerten und malerten, nebeneinander, übereinander, gegeneinander, auf allen elf Decks.
"Weil die Zeit so knapp wurde, kamen am Ende alle Gewerke gleichzeitig. Das war wenig hilfreich", sagt Akkermann trocken. In solch einem Zustand habe er noch nie ein Schiff übernommen. Der Borkumer kennt sich aus, ist in 13. Generation und seit 15 Jahren Kapitän auf großer Fahrt.
Hapag-Lloyd-Kreuzfahrtchef Wolfgang Flägel spielt die Sache ganz diplomatisch herunter. "Ich danke der Werft für die gute Arbeit", sagte er öffentlich - und trotzte den Schiffbauern in nächtelangen Nachverhandlungen bessere Konditionen ab.
Derweil bahnt sich Julian Pfitzner, der leitende Produktmanager, ungerührt einen Weg durch das Chaos. Nach 20 Monaten Bauzeit hat der Ex-McKinsey-Projektleiter aufgehört, sich aufzuregen. Wenn was kaputtgeht, muss es eben ersetzt werden, basta. "Wir sind kein einfacher Kunde", räumt er ein. "Unser Qualitätsanspruch ist absolut." Die deutsche Hapag-Lloyd-Philosophie ist das Gegenteil der Geiz-ist-geil-Billigdenke. Das ist elitär, aber Programm. Bald schon, da ist sich der 35-jährige Pfitzner sicher, wird alles genau so aussehen, wie er es haben will.
Und er will nur das Beste. Die rote Anemonenleuchte im Restaurant Weltmeere: mundgeblasen für einen sechsstelligen Betrag. Die grünen Kronleuchter im italienischen Restaurant Serenissima: Murano-Glas. Die 21 000 Besteckteile in den sieben Gourmet-Stätten: schweres Silber von Robbe & Berking.
"Materialität" ist Pfitzners Lieblingswort. Einfach alles, vom Wandputz über die Einrichtung bis zum Essen, ist vom Allerfeinsten auf diesem für 516 Gäste ausgelegten Schiff, das mit Suiten von 28 bis 99 Quadratmeter plus Veranda mehr Platz pro Passagier bieten soll als jedes andere. Über 2500 Artikel der Bordausstattung hat Pfitzner persönlich ausgesucht, unter anderem die 890 Kunstwerke, die nun über das Schiff verteilt sind. Originaldrucke von Gerhard Richter sind dabei und Werke von Damien Hirst. "Ich wollte keine Fotos mit Bauarbeitern auf einem Stahlträger", sagt Pfitzner.
Nichts darf von der Stange sein auf diesem Kreuzer. Und nichts zu schrill. Das neue "Europa" verzichtet auf Riesenrutschen, Klettergärten, auf Casinos und all das exotische Remmidemmi, mit dem auf vielen Ozeanriesen Tausende von Passagieren bespaßt werden. Auf diesem Schiff heißt ultimativer Luxus: Ruhe.
Es ist ein viele hundert Millionen Euro teures Experiment, das Hapag-Lloyd Kreuzfahrten und ein anonymer Privat-Finanzier des Schiffs da wagen. Die Reederei will ein gänzlich neues Publikum für Kreuzfahrtreisen gewinnen: Manager ab 45 samt ihren Familien und einem Haushaltsnettoeinkommen ab 5000 Euro.
Um diese Klientel auf hohe See zu locken, ist vor allem alter Pomp gestrichen worden: Auf der MS "Europa 2" gibt es, anders als auf der bisherigen Fünf-Sterne-plus-MS-"Europa", kein Captain's Dinner, keinen Krawattenzwang, keine feste Tischordnung. Die neue Bescheidenheit für Leute, die sich das leisten können.
Und der gestresste Manager will offenbar heute in Jeans und offenem Jackett zum Essen, einen eigenen Tisch ohne fremde Menschen und keine Hände schütteln müssen. Er verlangt aber auch nach umfassender Kinderbetreuung. Ab zwei Jahre kann der Nachwuchs im Knopf Club abgegeben und abgefüttert werden.
Der "Europa 2"-Passagier will zudem chillen, nicht shoppen, deshalb gibt es nicht einmal eine Einkaufs-Mall, nur eine Boutique und einen Juwelier. "Wir müssen an Bord nichts mehr verkaufen", sagt Pfitzner. "Wir haben unseren Schnitt gemacht, wenn der Kunde bucht." 600 Euro pro Nacht und Passagier kostet der Aufenthalt in der kleinsten Suite. In der 99 Quadratmeter großen Owner-Suite zahlt man das Vier- bis Fünffache.
Mit dem Konzept "Legerer Luxus" versucht Hapag-Lloyd, der Falle zu entgehen, in die viele Konkurrenten gesegelt sind: Obwohl das Kreuzfahrtgeschäft in Deutschland boomt, fallen die Renditen, weil immer mehr Schiffe gebaut werden. Durchschnittlich gibt ein Gast für eine Hochseekreuzfahrt nur 1710 Euro aus. Auf der "Europa 2" kommt man damit keine drei Tage weit.
Dass Hapag-Lloyd auf seinen Heimatmarkt zielt, lässt schon die Besatzung erahnen. Der Großteil der Crew ist deutsch. Am Kunden arbeiten darf nur, wer Deutsch spricht. Die zweitgrößte Belegschaftsgruppe bilden Philippiner, von denen die meisten aber tief im Bauch des Schiffes ackern: von Maschinenraum bis Wäscherei. Selbst die Italiener sind auf der "Europa 2" sehr deutsch. Da mag Adriano, der temperamentvolle Chef des italienischen Restaurants Serenissima, noch so laut "grazie" und "arrivederci" schreien - sein schwäbischer Akzent verrät den in Schwäbisch Gmünd geborenen Sohn zweier Süditaliener.
Wenn die Crew ihre eigene Welt verlässt, erinnert ein Schild am Personalausgang: "Passagiergebiet. Bitte lächeln." Niemals soll sich der Kunde auch nur kurz unwohl fühlen. Julian Pfitzner hat sogar den Boden auf der Serviceseite der Pianobar einen Meter tiefer legen lassen, damit sich der Barkeeper auf Augenhöhe mit dem sitzenden Kunden befindet und nicht auf ihn herunterblicken muss.
Fünf Tage nach der unterkühlten Übergabezeremonie verließ die "Europa 2" vergangene Woche Saint-Nazaire und nahm in Le Havre die ersten Gäste an Bord. Shakedown nennen Reeder diese Testläufe, in denen sich Technik und Abläufe zurechtrütteln sollen. Drei Durchgänge sind geplant, bevor der Kahn Ende dieser Woche in Hamburg getauft wird.
Zum ersten Shakedown von Le Havre nach Amsterdam waren rund 250 Hapag- Lloyd-Mitarbeiter, Kooperationspartner und Journalisten geladen. An Tag 5 nach der Übergabe war die schwimmende Baustelle kaum wiederzuerkennen. Sicher, es gab noch genügend unfertige Ecken, die Fenster mussten dringend geputzt werden, das Internet war lahm, und so mancher Wasserhahn wackelte. Aber das alles war vergessen, wenn ein Mann in Uniform die Spa-Suite betrat. "Ich bin Heiko, Ihr Butler", sagte Heiko, der Butler. Ein Satz, nach dem man sich ein Leben lang gesehnt hat.
Heiko bringt eine Etagere mit hauchdünnen Gurkensandwiches, Toasthäppchen mit Kaviar und Lachs auf Pumpernickelmedaillons. Er erklärt die Regendusche und wie das Hamam funktioniert. Heiko erfüllt jeden seriösen Wunsch.
Dass es genügend Zahlungskräftige gibt für solche Art von Service, daran zweifeln die Reisevermittler keine Minute. Sorgen macht ihnen etwas anderes: Die Familien-Appartements seien viel zu klein. "Da wird Hapag-Lloyd umbauen müssen", sagen sie.
Noch hält sich die Zielgruppe bei der Reservierung zurück. Die Jungfernfahrt ist ausgebucht von Stammkunden der traditionell ausgerichteten "Europa". "Es wird zwei Jahre dauern, bis das Konzept bei unserer Zielgruppe angekommen ist", sagt Reederei-Sprecherin Negar Etminan.
Zeit genug für Kapitän Akkermann, auch das letzte Körnchen Baustaub aus den Ritzen zu kriegen. Seine "Europa" ist auf Optimismus gepolt, nicht auf allgegenwärtige Krise. Nur wenn man ihn fragt, was bisher der bewegendste Moment mit der "Europa 2" war, antwortet er zackig: "Als Saint-Nazaire langsam am Horizont verschwand."
Von Michaela Schiessl

DER SPIEGEL 19/2013
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