06.05.2013

MENSCHENRECHTETagebuch aus der Vorhölle

Ein Koch aus London kommt nach Guantanamo und wird dort jahrelang festgehalten. Nun hat er ein Buch geschrieben: über Hungerstreiks, Misshandlungen und die Wut der Gefangenen.
Zuerst schnallen sie deine Arme und Beine fest, fixieren deinen Kopf, dann kommt der Schlauch. Er wird über ein Nasenloch in die Speiseröhre eingeführt und leitet eine breiige Flüssigkeit in den Magen. Dann wird der Schlauch herausgerissen. "Es sind grausame Schmerzen", sagt Ahmed Errachidi. Auch daran erkenne man die Hungerstreikenden in Guantanamo: an der blutigen Nase.
Errachidi war fünf Jahre lang dort eingesperrt. Jetzt hat er ein Buch über seine Gefangenschaft geschrieben. An Hungerstreiks sei er mehrfach beteiligt gewesen, erzählt er. Allerdings habe er unter Magenkrämpfen gelitten, länger als zehn Tage hielt er nie durch. "Wir wollten keine bessere Behandlung, wir wollten die Freiheit", sagt er.
Derzeit leben noch 166 Häftlinge in den Zellen von Guantanamo, mindestens 100 befinden sich zurzeit im Hungerstreik, auch sie fordern ihre Freilassung, nach Jahren ohne Anklage und ohne Prozess. 21 von ihnen werden inzwischen zwangsernährt, geben US-Militärs zu, 5 mussten ins Krankenhaus eingeliefert werden. Vergangene Woche kündigte US-Präsident Barack Obama an, eine Schließung des Lagers zu prüfen, das allerdings hat er vor Jahren schon einmal versprochen.
Der ehemalige Chefankläger in Guantanamo, Morris Davis, hat anlässlich des andauernden Hungerstreiks im Lager eine Petition initiiert und einen persönlichen Appell an Präsident Obama aufgesetzt. "Wenn irgendein anderes Land Gefangene so behandeln würde, wie wir es in Guantanamo tun", heißt es da, "wir würden dieses Land entschieden und zu Recht kritisieren." Weit über 120 000 Menschen haben innerhalb von drei Tagen unterschrieben und sich für die Schließung Guantanamos eingesetzt. Es wäre ein "patriotischer, ein amerikanischer, ein menschlicher Akt", so Davis.
Ahmed Errachidi sagt, er glaube daran erst, wenn es so weit sei. Er ist jetzt 47 Jahre alt und in seine Heimat Marokko zurückgekehrt, wo er ein Restaurant betreibt. Eigentlich könnte er sein freies Leben genießen, aber Guantanamo frisst an ihm wie Nervengift. Das Buch sei der Versuch einer Therapie, sagt er, "ich musste es schreiben". Es handelt von schwachen, erniedrigenden Momenten, von Tränen und eingenässten Hosen, von der Kapitulation vor einem System.
Errachidi war ein komplizierter Gefangener. Schon vor Guantanamo litt er unter Depressionen, Ärzte stellten bei ihm eine bipolare Störung fest. "Die Diagnose ist der Schlüssel zu dem ganzen Fall", sagt sein früherer Anwalt Clive Stafford Smith. Denn sein Mandant verweigerte die Kooperation mit den Soldaten, was diese von seiner Schuld überzeugte. Und in seinen wirren Momenten erzählte er den Vernehmern merkwürdige Dinge, zum Beispiel, dass Osama Bin Laden für ihn gearbeitet habe.
Die US-Regierung war sich damals sicher, einen Terroristen vor sich zu haben. In einem Memorandum stufte der Kommandant des Lagers den Marokkaner noch 2004 als "feindlichen Kämpfer" ein, der Verbindungen zu nordafrikanischen Extremisten und al-Qaida unterhalte. Nachweisen konnte man ihm das nicht. Sein Anwalt sagt, es habe wenig Mühe gekostet nachzuprüfen, dass sein Mandant unschuldig sei. Mit Gehaltsabrechnungen aus London habe man beweisen können, dass er sich nicht in Terrorcamps aufgehalten, sondern zu der fraglichen Zeit gearbeitet habe.
Für Errachidi war es ein langer Weg von Marokko über London nach Guantanamo. Aufgewachsen in der Hafenstadt Tanger, fuhr er mit 18 Jahren zum ersten Mal nach England, um Geld zu verdienen. In London bekam er Jobs in Restaurants und stieg vom Geschirrspüler zum zweiten Küchenchef auf. Er kochte Risotto, briet Gemüse und Fisch. Die Gäste liebten ihn. "Die Teller kamen immer leer zurück", schreibt er.
Zu Hause in Marokko fand er eine Frau, heiratete, bekam zwei Söhne mit ihr. Irgendwann begann sein Jüngster unter Herzproblemen zu leiden. Errachidi war in großer Sorge, er wollte nun bei seiner Familie sein. Von Bekannten habe er gehört, so behauptet er, dass man in Pakistan günstig silbernen Schmuck kaufen könne. Er könnte einen Laden in Marokko aufmachen und das Silber dort verkaufen. So sei der Plan gewesen. Es ist eine Geschichte, wie sie später viele Gefangene erzählten. Eine dieser Geschichten, die man kaum glauben mag.
Am 27. September 2001 landete Errachidi in Islamabad. Das Silber vergaß er bald, stattdessen sah er Fernsehbilder von leidenden Kindern in Afghanistan, kaum älter als seine Söhne. Dann tat er etwas, was dumm, lebensmüde und kaum nachvollziehbar erscheint. Er besorgte sich ein Taxi nach Afghanistan. Im Oktober 2001 begann George W. Bush den "Krieg gegen den Terror". Errachidi hörte Bomben fallen, er sah Tote und half, so gut es ging. Ein Kämpfer sei er nie gewesen, beteuert er. Nach drei Wochen fiel er an der pakistanischen Grenze Polizisten in die Hände. Sie verkauften ihn mit anderen gegen Kopfprämien an die Amerikaner.
Errachidi weiß nicht mehr, wie oft er gefragt wurde, ob er von den Anschlägen des 11. September im Vorfeld gewusst habe. Ob er Mitglied von al-Qaida war. Ob er Osama Bin Laden kannte. Im Flieger nach Guantanamo zischte ihm ein Bewacher zu: "Ab jetzt werden wir über deinen Schlaf bestimmen, dein Trinkwasser und deine Scheiße, bis du kein Leben mehr besitzt."
Er hoffte, das Missverständnis werde sich aufklären, vergebens. Und so begann er sich zu wehren: "Ich war einer der Gefangenen, die sich ständig beschwerten, deshalb pendelte ich zwischen den normalen Zellen und der Isolationshaft."
Er sprach Englisch und Arabisch und wurde so zum Unterhändler zwischen den Gefangenen und dem Wachpersonal. Er konnte Forderungen stellen, auch weil er es verstand, immer wieder Häftlinge mit Erfolg aufzuwiegeln oder einen ganzen Block zu befrieden. Errachidi wollte sich dem Schicksal nicht ergeben. "Die Soldaten sahen in mir den charismatischen Führer von al-Qaida, nur weil ich mir Respekt unter den Gefangenen verschaffen konnte." Er bekam den Spitznamen "General". In Verhandlungen mit dem Chef des Lagers erreichte er, dass der Ausgang für Häftlinge verlängert und nachts die Lichter in den Zellen gedimmt wurden. Außerdem mussten die Soldaten Nummern an ihren Uniformen tragen, damit sie identifizierbar waren. Seine Aufmüpfigkeit bezahlte er mit Einzelhaft.
Errachidi erlebte Guantanamo als einen Zustand zwischen Leben und Tod, als Vorhölle. Oft habe er Monate in Isolationshaft verbringen müssen. Sein Hirn habe sich dann an Kleinigkeiten festgeklammert, an einer Ameise auf dem Boden oder einem streichholzgroßen Spalt im Milchglasfenster.
"Sie wandten verschiedene Methoden an", schreibt Errachidi. Mal hätten die Bewacher den Häftlingen auf einen Punkt hinter den Ohren gedrückt, mal deren Köpfe auf den Metallboden geschlagen oder die Finger nach hinten gebogen, bis sie brachen.
Immer wieder seien Soldaten in die Zellen gestürmt, hätten Pfefferspray versprüht und auf die Insassen eingeprügelt. Ein Soldat habe alles mit einer Kamera gefilmt, "zur Sicherheit des Gefangenen", habe es dann geheißen.
Nach drei Jahren sah Errachidi erstmals einen Anwalt. Bis zu seiner Entlassung 2007 dauerte es weitere zwei Jahre. Hin und wieder schreibt er nun E-Mails an ehemalige Mitgefangene aus Marokko, Syrien, Turkmenistan und Großbritannien. In seinem Restaurant in Tanger ist Errachidi, der Koch, nur noch selten zu sehen. Er sagt, seit Guantanamo habe alles für ihn einen faden Geschmack.
Von Christoph Scheuermann

DER SPIEGEL 19/2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 19/2013
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

MENSCHENRECHTE:
Tagebuch aus der Vorhölle

  • Putin, der Eismann: Geschenk für Xi Jinping
  • Protest gegen Bienensterben: Imkerin macht sich selbst zum Bienenstock
  • Politisches Statement: Riesen-Kunstwerk unter dem Eiffelturm
  • Filmstarts: "Ich tippe auf... Zombies!"