06.05.2013

Deutsche Wüste

GLOBAL VILLAGE: In Dubai erklärt ein Libanese mit seiner Website „Almaniah“ den Arabern die eigenartige Welt der Bundesrepublik.
Als Sam Hasners Tochter geboren wurde, beschloss er, ihr kein Arabisch beizubringen. Das war zwar seine Muttersprache und die Sprache seiner libanesischen Brüder und Vorfahren, aber es passte nicht in die Zeit. So dachte Sam Hasner. Es war kurz nach dem 11. September 2001, und Hasner lebte mit seiner deutschen Frau in Köln.
Er selbst war mit 19 Jahren aus dem Libanon nach Deutschland gekommen, und seine Tochter sollte nicht zu den Bösen gehören.
Sam Hasner wollte nichts falsch machen. Er wollte so deutsch sein, dass er den Deutschen alles zu verzeihen bereit war, sogar den Karneval. "Ihr wisst gar nicht, wie beliebt ihr bei uns Arabern seid", sagt Hasner in seinem Büro in der Media City von Dubai. Dort arbeitet der 44-Jährige an etwas Unmöglichem.
Sam Hasner erklärt Deutschland. Quasi im Alleingang. Seine Website www.almaniah.com taucht weit oben auf, wenn man am Golf das Wort "Deutschland" auf Arabisch googelt. Auf Facebook hat er über eine halbe Million Anhänger, und die teilen seine Artikel wiederum mit ihren vielen Freunden. Das würde wohl kein arabischer Internetauftritt der Bundesregierung schaffen.
Nachdem Berlin auf seiner Site geworben habe, seien deutlich mehr Besucher aus den Vereinigten Arabischen Emiraten in die deutsche Hauptstadt gereist, sagt Hasner.
Die Site ist populär, auch weil die Texte ausschließlich auf Arabisch geschrieben sind. Wer hier eintritt, fühlt sich unter seinesgleichen. Wie daheim. Und er erzählt es weiter. "Ein Deutscher hat vielleicht hundert Freunde auf Facebook. Ein Araber hat tausend." In Saudi-Arabien ist das Internet der einzige Ort, wo Frauen und Männer sich begegnen können. Die Zahl der Facebook-Nutzer dort ist rasant gestiegen, auf über fünf Millionen.
Cafés in Berlin, der Schwarzwald, die Alster. Es sind harmlose Bilder eines harmlosen Landes, grün und gastlich wie eine Almwirtschaft, die Hasner auf seine Site stellt. Doch dem Diskussionsforum ist zu entnehmen, dass es nicht immer leicht ist in Deutschland. Da erzählt ein Saudi-Araber, wie es ihn in eine bayerische Metzgerei verschlagen hatte. Er zeigte auf ein Stück Fleisch. Die Metzgerfrau schüttelte stumm den Kopf. Er sagte: "Please." Sie weigerte sich. Er sagte noch mal: "Please!" Diesmal etwas lauter. Die Metzgerfrau machte merkwürdige, schnarchende Geräusche. Schließlich klärte sich auf, dass sie ihm sagen wollte, es handle sich um Schweinsbraten.
"So sind die Deutschen", sagt Hasner. In Großbritannien wäre das nicht passiert, da hätte man dem Saudi-Araber das Fleisch verkauft. "In Deutschland", sagt er, "gibt es nicht die Höflichkeit der Worte, sondern die Höflichkeit in der Tat. Das gefällt dem Araber."
Sam Hasner betreibt jetzt eine kleine PR-Agentur in Dubai. Er sei an den Golf gekommen, sagt er, weil es mit Dubai zum ersten Mal etwas gebe, auf das ein Araber stolz sein könne.
Deutschland, sagt er, vermarkte sich schlecht. Das schmerzt ihn, denn: "Es gibt kein Volk, das hier so gemocht wird wie die Deutschen." Was nicht mit gewissen Zeitläuften zu tun habe. Schließlich habe Kaiser Wilhelm II. damals eine Bahn von Berlin nach Bagdad geplant und seinem Cousin, dem Zaren, gegenüber einmal bedauert, nicht mehr Mohammedaner werden zu können.
Deshalb sieht sich Hasner als Brückenbauer. Er will der arabischen Welt zeigen, dass man auch in der Dischdascha, dem traditionellen Gewand, nach Deutschland reisen kann. Als Beleg hat er ein Foto aus München auf seine Website gestellt, es zeigt vollverschleierte Saudi-Araberinnen vor einer Cartier-Filiale.
"Die Araber sind sehr stolz, deshalb haben sie Angst, etwas falsch zu machen oder falsch verstanden zu werden. Also fragen sie uns: Worauf soll ich in Deutschland achten?" Dann antwortet Hasner, dass man nie bei Rot über die Straße geht, wenn eine Familie mit Kindern in der Nähe ist.
Außerdem listet er Moscheen und Gebetsräume in Deutschland auf, mitsamt Fotos. Denn kein Gläubiger wird längere Zeit in eine Stadt reisen, in der es nicht zumindest eine Moschee in der Nähe gibt. Eines der beliebtesten Fotos, die Hasner hochgeladen hat, ist das eines Tachos. Er hat es selbst aufgenommen, bei Tempo 270 auf der Autobahn. Politik vermeidet "Almaniah" wenn möglich. Nur eine Meldung aus Konstanz war einmal zu finden. Dort hatte die Kirche vergebens gegen die Skulptur eines nackten Papstes protestiert. "Religion ist in Deutschland nicht immer ein Grund, beleidigt zu sein. Das will ich den Arabern erklären", sagt Hasner. Die Meldung sei gut angekommen.
Die Wüste mache die Menschen sensibel. Heuchelei würde sogleich wahrgenommen, Misstrauen dagegen als normal empfunden. "Es ist eine beduinische Kultur. Das Unbekannte ist erst einmal der Feind. Bevor man sich jemandem anvertraut, will der Araber ihn kennenlernen. Doch dann wird man ihn kaum noch los", sagt Sam Hasner. "Unsere Kulturen sind sich in diesem Punkt sehr ähnlich."
Man könnte sagen: Die Deutschen sind die Beduinen des Nordens.
Von Alexander Smoltczyk

DER SPIEGEL 19/2013
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