06.05.2013

THEATERSchönheit langweilt

Die Schauspielerin Sandra Hüller ist ein eigenwilliger Star im deutschen Film und auf deutschen Bühnen - und die Königin des Berliner Theatertreffens, das jetzt zum 50. Mal stattfindet.
Als die Literaturgöttin Elfriede Jelinek diesen Text schuf, übte sie nur. "Die Straße. Die Stadt. Der Überfall" heißt das München-Stück, das die österreichische Nobelpreisträgerin für die Münchner Kammerspiele im vergangenen Jahr als Geschenk zum 100. Geburtstag geschrieben hat - und es ist, man muss es leider sagen, Blödsinn.
"Ich verfranze mich wieder einmal völlig", und "Diese Stadt hier enthält nur sich selbst, mehr geht einfach nicht rein", das sind die klarsten Sätze aus dem 129 Seiten langen Theaterstück-Text, in dem es um das Münchner Großstadtpflaster in der Maximilianstraße geht, um die Modeläden dort und den pompösen Boutiquenbesitzer Rudolph Moshammer, der 2005 ermordet wurde und heute vergessen ist.
Das Stück "Die Straße. Die Stadt. Der Überfall" ist schwach, das geben selbst fanatische Jelinek-Fans zu. Trotzdem ist die Uraufführungsinszenierung des Werks beim Berliner Theatertreffen zu sehen, das seit vergangenem Wochenende zehn herausragende Theateraufführungen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zeigt. Warum läuft das Stück dort? Wegen Sandra Hüller.
Inmitten des lautesten Theaterklamauks ist diese Schauspielerin eine Schlafwandler-Erscheinung. Eine Band musiziert auf der Bühne, fünf männliche Darsteller stöckeln auf hohen Damenschuhen und in Strumpfhosen durch eine Landschaft voller Eiswürfel, wenn der Jelinek-Abend losgeht. Dann taucht Sandra Hüller auf - und gleich wieder ab. Sie hopst in einer großen, papiernen Einkaufstasche auf der Stelle und zergrübelt sich den Kopf, ob sie der Mode, die sie konsumiert, auch gewachsen ist. "Ich möchte mir nicht gehören, wenn ich der Rock wäre", sagt sie zum Beispiel, legt die Stirn in Falten und kaut auf ihrer Unterlippe. Ein lustiger und ein trauriger Moment.
Und dann singt Sandra Hüller in dieser Inszenierung des Kammerspiele-Chefs Johan Simons ein Lied, scheppernd und fröhlich, mit angerauter Stimme: "Wir erreichen einander nie ganz, die Schönheit und ich."
Im deutschen Theater und im deutschen Film ist diese Schauspielerin ein sonderbarer Star. Sandra Hüller hat lange Knochen, blasse Haut und einen Blick, der oft so wirkt, als zwicke sie die Augenlider zusammen, um sich auf ein Vorhaben zu konzentrieren, von dem sie garantiert niemand abbringen wird. Sie hat viele störrische junge Frauen gespielt, seit sie in einem Stück mit dem Titel "Die sexuellen Neurosen unserer Eltern" in Basel auffiel und schon 2003 in der Kritikerumfrage der Zeitschrift "Theater heute" zur Nachwuchsschauspielerin des Jahres gewählt wurde.
Sie war die Heldin in Hans-Christian Schmids Exorzismusfilm "Requiem" und gewann dafür im Jahr 2006 bei der Berlinale einen Bären als beste Darstellerin und im selben Jahr den Deutschen Filmpreis. Seither kamen eine Menge Preise und eine Menge Filme dazu, im Hauptberuf aber ist Hüller beim Theater geblieben. "Mir sind Leute zuwider, die dauernd so tun, als wüssten sie, wie es geht", sagt sie. "Das Theater ist ein Ort, an dem ich mit Menschen arbeite, die Figuren und Darstellungsformen ausprobieren wollen. Dort muss ich nicht funktionieren, sondern ich kann versuchen, etwas Neues zu erfinden."
Die Wahrheit ist, dass Sandra Hüller es in den vergangenen Jahren tatsächlich geschafft hat, viele nur mittelgute Theaterabende und einige keineswegs perfekt gelungene Filme zu retten. Durch Präsenz und Dringlichkeit, und durch einen Charme, der schroff und unbekümmert wirkt. Wenn die Inszenierung eines Theaterregisseurs oder das Drehbuch eines jungen Filmemachers in Bravheit oder Avantgardeambition zu ersticken drohten, dann ließ die Schauspielerin ihr Talent als Soloentertainerin leuchten nach der Devise: Hüller haut uns raus.
Sandra Hüller ist in Suhl geboren und im Osten Deutschlands aufgewachsen, sie hat gleich nach dem Schulabschluss die Ernst-Busch-Schauspielschule in Berlin besucht und fing sofort mit dem Theaterspielen an. "Ich komme aus dem ernsten, psychologischen Fach", sagt sie. In den ersten Jahren sei es ihr fast immer darum gegangen, "meine Figuren in sich schlüssig zu erzählen, sehr nachvollziehbar, von außen begreifbar". Nach und nach habe sie dann auch Ironie zulassen können, "eine spielerische, von mir aus auch virtuose Distanz" im Umgang mit Texten und Rollen. In München, wo Hüller seit ein paar Jahren lebt, hat sie dann bei Johan Simons eine Art der Schauspielkunst kennengelernt, von der sie sagt, sie sei "der Himmel". Einen Trancezustand, "in dem es nicht um Psychologie und nicht um Spiel geht, sondern nur noch um eine bestimmte Art von Anwesenheit. Keiner versucht, etwas zu tun, sondern man füllt gemeinsam einen Raum. Und selbst der Text ergibt sich, er fliegt einem so zu".
Diese Kunst des schieren Da-Seins hat Hüller zuletzt besonders eindrucksvoll in Filmen wie "Brownian Movement" und "Über uns das All" gezeigt, deren Geschichten jeweils ziemlich ausgedacht wirkten und deren Bilder dann dank Hüllers Strahlkraft doch einen Sog entwickelten. Nanouk Leopolds "Brownian Movement" (2010) erzählt in strenger Eiseskälte von einer Ärztin, die ihren jungen Lebensgefährten mit wissenschaftlicher Systematik betrügt. Und zwar indem sie mit alten, hässlichen Männern in einer eigens angemieteten Zweitwohnung schläft. Als ihre Obsession auffliegt, gerät die Heldin ins Kreuzverhör schrecklich wohlmeinender Therapeuten, dann versucht sie mit ihrem Mann in Indien einen neuen Lebensanfang.
"Über uns das All", das 2011 entstandene Spielfilmdebüt des Regisseurs Jan Schomburg, schildert die Story einer Frau, die nach dem Tod ihres Partners sofort mit einem zunächst ahnungslosen neuen Mann ihr bisheriges Leben exakt so weiterleben will. Die besten Szenen dieses Films sind die, in denen Sandra Hüller und Georg Friedrich, der den neuen Mann an ihrer Seite spielt, sich anbrüllen und begeifern - und im nächsten Augenblick in Gelächter ausbrechen, weil sie sich die Liebesdramen nur vorgespielt haben. Das Spiel aus Abstoßung und Anziehung zwischen Mann und Frau, aus Fremdheit, Alberei und Ernst, das eine beginnende Lovestory zwischen zwei intelligenten Menschen im besten Fall ausmacht, zeigt Schomburgs Film mit einer im deutschen Kino raren Genauigkeit und Euphorie.
Manche Filmfachleute haben ein bisschen vorwurfsvoll gefragt, ob Sandra Hüller nicht mal eine Frauenfigur spielen könnte, die klar und auf dem Boden der Tatsachen agiere, statt sich mit mehr oder weniger rätselhaften inneren Konflikten zu plagen, mit Momenten apathischer Abwesenheit und schicksalhafter Verstörung. "Was heißt schon klare Frau?", erregt sich Hüller da ein bisschen.
Es gebe ein Frauenbild in vielen Drehbüchern, gegen das sie allergisch sei, "Plattitüden, die ich einfach nicht bedienen kann. Ich schaffe es nicht, diese angeblich völlig normalen Figuren zu spielen. Wenn das ein Manko ist, dann lebe ich gern damit."
In dem Musiktheaterstück "For Love" hat Sandra Hüller vor ein paar Jahren Songs von Courtney Love nachgesungen, eine Huldigung an die vermutlich wildeste und auch verrückteste Rocksängerin der neunziger Jahre. Mit dem Regisseur des Abends, Tom Schneider, tritt Hüller bis heute manchmal als Musikerin auf. "Ich finde Opfer nicht interessant", hat sie mal gesagt. Und: "Schönheit ist langweilig."
Beim Theatertreffen in Berlin ist Sandra Hüller, die gerade 35 geworden ist, in diesem Jahr nicht bloß als Darstellerin in "Die Straße. Die Stadt. Der Überfall" zu sehen. Sie ist auch die, wie es in der Ankündigung der Organisatoren heißt, "Stimme des Theatertreffens". Zum Jubiläum des Festivals, das am kommenden Wochenende mit einem großen Fest gefeiert werden soll, führt sie in einem eigens produzierten Film durch die Geschichte der Theater-Schau, die einst gegründet wurde, um die ausgehungerten West-Berliner Kulturbürger zu beglücken mit den tollsten Schauspielaufführungen deutscher Sprache.
Manchmal bereue sie, dass sie so früh mit der Theaterarbeit angefangen habe, sagt sie. "Wenn ich jüngere Leute sehe, die nach der Schule ein, zwei Jahre lang abhauen und durch die Welt reisen, denke ich, das wäre auch schön gewesen." Aber es sei auch so in Ordnung, "wie es in meinem Beruf gelaufen ist. Ich will nicht in Gedanken woanders sein. Ich will zufrieden sein mit dem Ort, an dem ich bin". Im deutschen Filmgeschäft und in der Theaterwelt ist Sandra Hüllers Ort ein Platz im Sonnenlicht.
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 19/2013
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