06.05.2013

MUSIK100#8239000 Dollar für meinen Kopf

Vor einem Jahr wurde der iranische Musiker Shahin Najafi Opfer einer Fatwa und musste untertauchen. In einem Buch beschreibt er, wie es dazu kam. Der SPIEGEL druckt Auszüge.
Es war der 8. Mai 2012, als ich den Song "Naghi" veröffentlichte. Ich war gerade in Paris, zu Besuch bei einem Freund. Einen Tag zuvor hatte ich mit Reza, meinem Grafiker, über den Cover-Entwurf gesprochen. Ich sagte ihm, er solle sich die Kuppel einer Moschee als einen Busen vorstellen. Kurze Zeit später mailte er mir das Cover zu. Es war eine Frauenbrust mit spitzer Brustwarze, in der eine schwarze Fahne steckte. Die Kuppel war hautfarben und links stark gewölbt, nach rechts fiel sie etwas ab, wie ein Busen. Um die Kuppel flatterten lauter schwarze Raben. Ich fand es schlicht und überzeugend. Ich schlug Reza nur vor, anstelle der schwarzen Fahne eine Regenbogenfahne aufzuziehen, und erklärte ihm, dass die Regenbogenfahne das Zeichen der Homosexuellen ist.
Nun saß ich also in Paris vor meinem Laptop, rief YouTube auf und stellte Musik und Cover dort ein. Ich war ungewöhnlich nervös. Bevor ich einen Song veröffentliche, bin ich immer nervös, aber diesmal ahnte ich, dass etwas passieren würde. Ich ging in die Küche und sagte meinem Freund, dass "Naghi" veröffentlicht sei und dass in ein paar Stunden wahrscheinlich einiges los sein werde im Netz.
Wir machten uns fertig, um zusammen auf eine Party zu gehen. Die meisten Gesichter dort waren mir unbekannt. Manche waren jung, einige mittleren Alters. Zufriedene Mienen, die keinerlei Zeichen von Leid zeigten. Vieles erinnerte mich an die Partys in Iran, wo reiche Jugendliche aus den Nobelvierteln Teherans sich trafen und tanzten.
Es war Mitternacht, als mein Freund Shahryar Ahadi anrief. Shahryar managt auch alle meine musikalischen Aktivitäten. Er sagte, wir müssten den Facebook-Link entfernen. Weil Rezas Name auf der Seite stehe und er schon bedroht worden sei und Angst habe. An Shahryars Stimme merkte ich, dass er sauer war, weil wir die Sache mit dem Cover nicht mit ihm abgesprochen hatten. Ich wusste, dass er dagegen gewesen wäre.
Als ich zu Hause ankam, hatten mich auf YouTube schon viele in ihren Kommentaren zum Song beleidigt und beschimpft, aber es war noch nichts Außergewöhnliches geschehen. Ich schlief ein paar Stunden, und als ich wieder aufstand, war das Internet voll von mir und "Naghi". Der Song war innerhalb weniger Stunden zum Diskussionsthema in den sozialen Netzwerken geworden.
Dann las ich die Nachricht von der Fatwa des Ajatollah Safi Golpajegani: "Falls es eine Beleidigung und jegliche Impertinenz gegen den Imam gegeben haben sollte, dann ist es Blasphemie, und Gott weiß, was zu tun ist." Mein Name wurde zwar nicht erwähnt, aber die Nachrichtenagentur Fars verbreitete in kürzester Zeit, dass dieses Urteil gegen mich gerichtet sei, und auf einer schiitischen Internetseite wurde ein Kopfgeld von 100 000 Dollar für meine Ermordung ausgesetzt.
Heute ist der 19. Tag, an dem ich mich in einem Zimmer in Köln verstecke. Ich muss nicht mehr so viele Interviews geben und habe mehr Zeit. Jetzt sehe ich nur noch Shahryar und Günter Wallraff, bei dem ich untergekommen bin.
Ich verbringe meine Tage mit Büchern, meiner Gitarre und dem Computer. Ich versuche, mit dem Rauchen aufzuhören. Ich jogge täglich eine Stunde. Ich stemme Gewichte. Ich google, um herauszufinden, was es für Neuigkeiten in Sachen "Naghi" gibt. Zwei Polizisten waren bei mir, man hat zivilen Personenschutz für mich angeordnet. Ich war ein wenig nervös und aufgeregt. Sie sagten, wenn wir etwas Verdächtiges bemerken, sollten wir es sofort melden. Dann fragte mich einer der Polizisten, ob ich alles wieder so machen würde, wenn ich noch mal von vorn anfangen könnte. Ja, habe ich geantwortet. Und habe ihm erklärt, dass das iranische Regime die Regimekritiker im Ausland einschüchtern und mundtot machen will und darauf vertraut, dass die Polizei im Westen nicht dauerhaft in der Lage sein wird, Leute wie mich zu schützen.
Ich bin in jeder Nacht fast bis zum Morgen wach. Wenn ich schlafe, schlafe ich wie ein Guerillero, mit höchster Aufmerksamkeit. Heißt das, dass ich Angst habe? Nein, aber beunruhigt bin ich. Beunruhigung war schon in Iran mein Begleiter.
Manche glauben, dass das Regime versucht, mit Hilfe meines "Falls" die Öffentlichkeit im Westen abzulenken. Irgendwie ist es auch so: Schon mehr als zehn Tage lang ist das Ausland mit mir und "Naghi" beschäftigt und weniger mit der Atompolitik Irans oder mit den politischen Gefangenen und ihren Haftbedingungen in Iran.
Geboren bin ich 1980 in Rascht, aufgewachsen in der Hafenstadt Bandar-e Ansali am Kaspischen Meer. Bei meiner Geburt war meine Mutter 40 Jahre alt und mein Vater 60. Unsere ganze Familie (ich habe fünf Schwestern und zwei Brüder) schämte sich, dass meine Mutter noch einmal schwanger geworden war. Sie stammt aus einer alteingesessenen Familie in Bandar-e Ansali, mit 13 Jahren wurde sie mit meinem Vater zwangsverheiratet, der bereits drei Kinder aus einer vorherigen Ehe hatte. Sie war Analphabetin, schüchtern, still, bescheiden und höflich - der Inbegriff einer Person, die bereit ist, sich unterdrücken zu lassen.
Mein Vater war ein pensionierter Polizist, der Uniform trug und Disziplin liebte. Er war groß, hatte grüne Augen und eine spitze Nase. Er war wie ein Adler. Ein Adler, den ich nicht geliebt habe. Als ich sechs Jahre alt war, starb er. Außer an seinen Tod kann ich mich eigentlich nur an eine Szene mit ihm erinnern: Er lag schon schwerkrank in seinem Bett und rief mich zu sich. Er sagte: "Komm und hilf mir, meine Zigaretten sind hinter das Bett gefallen." Als ich näher kam, griff er nach meinem Hals und würgte mich, als wollte er mich mit sich in die Welt der Toten nehmen. Meine Mutter und meine Schwester kamen gerade noch rechtzeitig, um mich aus seinem Griff zu befreien.
Unsere Stadt ist die regenreichste Stadt Irans. Es war dermaßen feucht, dass sogar die Menschen Rost ansetzten. Wenn es nicht regnete, klagte der Wind wie die Witwen und riss den Himmel auf. Aber das kam nicht häufig vor. Selbst in den Unterrichtspausen mussten wir oft in den feuchten Klassenräumen auf den harten Schulbänken sitzen bleiben, weil es draußen regnete. Und ich erinnere mich an das kaputte Dach unseres Hauses. Einer meiner Brüder stieg immer wieder hinauf, um es zu reparieren, unten waren Schüsseln aufgestellt, und der Himmel pinkelte auf unsere Köpfe. Ein abscheuliches Leben.
Was dieses Leben mit Gedichten und Musik zu tun hat? Viel Poesie konnte man darin jedenfalls nicht entdecken. Man sagt, mein Vater habe manchmal Gedichte geschrieben, eine schöne Handschrift gehabt und auch das ein oder andere Mal in der Moschee des Viertels gesungen. Aber er hat wohl auch gern gefeiert. Mit 15 bekam ich eine Kassette in die Hand, auf der seine Stimme zu hören war. Er sang eine Lobeshymne auf den Schah und Verse gegen Ajatollah Chomeini. Daher fand ich damals die Menschen in meinem Umfeld dumm, die behaupteten, ich hätte eine Ähnlichkeit mit meinem Vater. Schließlich war er Trinker und Schah-Anhänger- und ich war inzwischen fromm und liebte den Ajatollah.
Mit 13, 14 Jahren hatte ich nämlich begonnen, regelmäßig die Moschee unseres Viertels zu besuchen. Ich studierte den Koran und trat später mit Koranrezitationen auch öffentlich auf. Ich hatte das Gefühl, dass Gott, der Allmächtige, all meine Taten sieht und die Stimme in meinem Herzen hört. Mein Tagebuch war voller kindlicher "Bitten um Vergebung" für meine Handlungen, die von religiösen Gesetzen und Vorschriften abwichen, und inbrünstig tat ich immer wieder Buße.
Doch mich begann in dieser Zeit noch etwas anderes zu begeistern: die Poesie. Eines Tages, als in der Moschee der Teppich aufgerollt wurde, weil er gewaschen werden sollte, kamen lauter Zeitungsseiten zum Vorschein, die unter dem Tep- pich ausgelegt waren. Auf einer von ihnen stand die berühmte Grabinschrift von Sohrab Sepehri: "Wenn ihr nach mir sucht, sollt ihr das sanft und behutsam tun, nicht dass das Porzellan meiner Einsamkeit Risse bekommt." Diese Sprache begeisterte mich. Für mich waren diese Worte nicht weniger eingängig als der Koran. Und so machte ich mich in der Bibliothek auf die Suche nach Büchern von Sepehri. Sechs Monate lang war ich mit ihm und seinen Werken beschäftigt - und danach war auch ich Dichter. Zumindest wollte ich das sein - so wie ungefähr jeder zweite Junge in meinem Alter in Iran.
Ich las weiter, vor allem Vertreter der literarischen Moderne in Iran, schrieb selbst immer mehr und fand dank meiner Schwester auch Zugang zum "Dichterzirkel" von Ansali. Dort lernte ich die persischen Klassiker kennen, las einfach alles, was ich in die Finger bekam - und war zunehmend verwirrt durch dieses Konglomerat aus philosophischen, literarischen und religiösen Texten, aber auch durch die Bekanntschaft mit Jugendlichen und Schriftstellern, die nicht religiös waren. Doch ich blieb meiner Überzeugung treu: Gott war weiterhin mein wichtigstes Thema und Anliegen. Bis zum Alter von 19 Jahren rührte ich weder Alkohol noch einen Frauenkörper an.
Im Grunde interessierten mich damals als Jugendlicher nur zwei Dinge: die Religion und die Kunst, insbesondere die Literatur. Am Anfang sah ich keinen Widerspruch zwischen diesen beiden Feldern. Ein frommer Dichter zu werden - warum sollte das nicht möglich sein? Aber die Literatur nahm mich in den Zangengriff, ich war durcheinander und konnte viele der islamischen Vorschriften nicht mehr nachvollziehen. Mir wurde langsam klar, dass der Glaube die Vernunft nur akzeptiert, solange sie dem Glauben nicht widerspricht.
Eine Art innerer Zerfall setzte ein, ich weiß auch nicht, wie ich das genauer beschreiben soll. Ein Jahr lang zog ich mich in eine Moschee in einem anderen Viertel zurück. Ich reduzierte meine Gebete, den Ramadan machte ich nur unvollständig, und ich freundete mich mit jungen Leuten an, die nicht fromm waren. Einer - ein schielender Typ, der Mohammad hieß und eine dicke Brille trug - studierte Politikwissenschaften in Teheran und riet mir, ich solle Dichter werden und die Religion zu meiner Privatsache machen. Noch war ich hin und her gerissen und redete mir trotzig ein, die islamische Welt werde später schon feststellen, was für ein Kapital sie an mir verloren hat.
Mit 18 bekam ich dann einen Studienplatz im Fach Soziologie an der Universität von Rascht. Aber es dauerte nicht lange, bis sie mich mit idiotischen Begründungen hinauswarfen. Streitsüchtigkeit und regelwidriges Verhalten hatten sie mir unterstellt, einfach alles, was man gegen einen gerade aus der Moschee ausgebrochenen, rebellischen jungen Mann vorbringen konnte.
Was nun? Ich wurde erwachsen und hatte keine Ahnung, was ich tun sollte. Die Jobs, die ich annahm, um ein wenig Geld zu verdienen, waren schrecklich. Für körperliche Arbeit schien ich nicht geschaffen. Ständig trug ich mein Gedichtheft mit mir herum und war im Herzen mit allen möglichen Dingen dieser Welt beschäftigt, nur nicht mit der Arbeit.
Den einzigen Ausweg bot der Militärdienst. In Marageh bei der 11. Infanteriedivision in Nordwestiran lernte ich eine andere Welt kennen, eine Welt ganz ohne Gebete und ohne Gedichte. Die große Kälte und die Beleidigungen und Demütigungen beim Militär machten mich dickfelliger. Die Begegnungen mit den anderen Soldaten, die weder etwas mit Literatur und Philosophie noch etwas mit der Religion zu tun hatten, die in ihrem Alltag einfach nur um ihr Überleben kämpften, taten mir gut. Ich begann, reinen Tisch mit mir zu machen. Mein Denken und Verhalten änderten sich immer mehr. Ich begann zu rauchen. Nach meiner ersten Zigarette war ich einen Tag lang high. Nachdem ich zum ersten Mal Alkohol getrunken hatte, lag ich drei Tage lang im Bett.
Ich wollte kein Sklave Gottes sein. Ich wollte nicht kapitulieren, aber Kapitula- tion ist eines der elementaren Prinzipien des islamischen Glaubens.
Aus Shahin Najafi: "Wenn Gott schläft. Mein Leben, mein Land, der Iran, meine Songs und Gedichte". © 2013 Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 160 Seiten; 8,99 Euro. Das Buch erscheint am 10. Mai.

DER SPIEGEL 19/2013
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