06.05.2013

„Ein Rest Gefahr bleibt“

Shahin Najafi, 32, über sein Leben mit der Fatwa
SPIEGEL: Herr Najafi, es ist ein Jahr her, dass ein iranischer Großajatollah eine Fatwa gegen Sie erließ. Wie ist Ihre Situation jetzt?
Najafi: Ich lebe nicht mehr versteckt, diese Zeit ist vorbei. Dafür versuche ich, anonym zu bleiben. Ich muss sehr vorsichtig sein und darf nicht jedem Fremden trauen. Ansonsten ist mein Leben fast wieder wie früher. Man könnte es normal nennen.
SPIEGEL: Haben Sie noch Polizeischutz?
Najafi: Nein.
SPIEGEL: Das iranische Regime hat also kein Interesse mehr an Ihnen?
Najafi: Ich bekomme immer noch regelmäßig Mails mit Drohungen, Leute schreiben, dass sie mich töten wollen. Aber es ist nicht mehr so konkret wie vor einem Jahr, und außerdem versuche ich, nicht daran zu denken, sondern mich auf meine Arbeit zu konzentrieren.
SPIEGEL: Ist denn die Fatwa gegen Sie aufgehoben?
Najafi: Nein, ist sie nicht. Das geht auch gar nicht. Eine Fatwa ist ein religiöses Urteil. Ist sie einmal gefällt, kann sie nicht ausgesetzt werden. Ein Rest Gefahr bleibt natürlich.
SPIEGEL: Wo leben Sie?
Najafi: In Deutschland.
SPIEGEL: Letztes Jahr hieß es, für Sie sei es zu gefährlich, ein Taxi zu nehmen, weil viele Exil-Iraner als Taxifahrer arbeiten. Können Sie wieder Taxi fahren?
Najafi: Ich nehme lieber die Straßenbahn.
SPIEGEL: Sie sind Musiker. Treten Sie wieder auf?
Najafi: Ja. Voriges Jahr habe ich vier Konzerte in den USA gegeben. Dann war ich in Skandinavien, in Amsterdam und in Paris. In den kommenden Wochen werden wir Konzerte in Deutschland geben. In Berlin, in meiner Heimatstadt Köln und in Heidelberg.
SPIEGEL: In Ihrem Buch "Wenn Gott schläft" heißt es, der Iran sei "jung - und depressiv". Was ist damit gemeint?
Najafi: Iran ist ein junges Land, viele der jungen Leute sind gut ausgebildet und gut informiert darüber, was im Rest der Welt geschieht. Was passiert, wenn ein Regime ihnen die Möglichkeit nimmt, sich beruflich zu entfalten, in der Öffentlichkeit zu tanzen, zu trinken oder Partys zu feiern? Man wird krank. Wenn es keine Hoffnung gibt, flüchtet man sich in Abhängigkeiten. Heroin ist sehr verbreitet in Iran.
SPIEGEL: Was bedeutet das für die Situation im Land?
Najafi: Iran ist aufgeteilt in eine private Welt, die sich nicht groß von der im Westen unterscheidet. Auf der anderen Seite gibt es eine öffentliche Welt, die beherrscht wird vom religiösen Bekenntnis. Die beiden Sphären haben nichts miteinander zu tun. Trotzdem ist jeder gezwungen, beide Welten zu bewohnen. Diese Verlogenheit vergiftet die Gesellschaft.
SPIEGEL: Man kann Ihre Lieder in Iran zwar nicht legal kaufen, trotzdem kursieren sie dort. Wissen Sie, wie verbreitet Ihre Musik in Iran ist?
Najafi: Schwierig zu sagen, weil es keine zuverlässigen Zahlen gibt. Immerhin: Mein Song "Naghi" wurde rund eine Million Mal angeklickt.
SPIEGEL: Sie haben Familie in Iran. Hat jemand Probleme bekommen?
Najafi: Nein. Ich habe immer gesagt, dass meine Freunde und meine Familie nichts mit der Musik zu tun haben, die ich mache.
SPIEGEL: Haben Sie von der Politik mehr Hilfe erwartet? Günter Wallraff, der damals half, Sie zu verstecken, kritisierte den Bundesaußenminister Guido Westerwelle und forderte, man müsse den iranischen Botschafter einbestellen, wenn Iran Menschen bedroht, die in Deutschland leben.
Najafi: Ich bin sehr glücklich mit der Unterstützung, die ich von vielen Künstlern bekommen habe, insbesondere von der Akademie der Künste und von Günter Wallraff. Und man muss Realist sein. Es gibt viele Beziehungen der Bundesrepublik Deutschland zu Iran, die will man nicht aufs Spiel setzen, nur weil es mich gibt.
SPIEGEL: Was ist eigentlich Ihr Aufenthaltsstatus in Deutschland?
Najafi: Ich bin deutscher Staatsbürger.
SPIEGEL: Sie richten sich darauf ein, hierzubleiben?
Najafi: Ich lebe hier und habe hier meine zweite Heimat gefunden. Ich weiß nicht, wie es weitergehen wird. Aber ich sehe mich ein bisschen wie einen Wanderer. Ich habe einen Rucksack und eine Gitarre.
Interview: Tobias Rapp
Von Tobias Rapp

DER SPIEGEL 19/2013
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