06.05.2013

Gretel ohne Hänsel

KINOKRITIK: Der Koreaner Park Chan-wook zeigt in seinem ersten Hollywood-Film „Stoker“ große Horrorkunst.
Im Paradies der Kindheit ereignen sich exquisite Scheußlichkeiten. Ein Mädchen spielt auf einem blank gewienerten Klavier, die Kamera schwenkt in einen Garten mit grünen Wiesen und Baumriesen, durch die Gemächer einer Reiche-Leute-Villa, über piekfeine Kleider, blitzendes Schuhwerk und zarte weiße Haut. Und weil das alles eine Spur zu märchenhaft ist, legt sich jäh ein Todesschatten über dieses Idyll junger Mädchenblüte. Wir sehen eine Spinne, die am Bein des Mädchens hochklettert.
Das Mädchen India Stoker erfährt an ihrem 18. Geburtstag, dass ihr Vater, ein erfolgreicher Architekt, bei einem Autounfall tödlich verunglückt ist. Für ein paar Tage ist India mit ihrer Mutter Evelyn und einer alten Haushälterin allein zu Haus - bis zur Beerdigung des Vaters sein Bruder namens Charlie anreist, von dessen Existenz offenbar niemand gewusst hat. Charlie macht seiner Schwägerin dreist den Hof und quartiert sich in der Villa ein, die Haushälterin verschwindet. Und ein trickreiches, mörderisches Dreiecksspiel beginnt.
In diesem Spiel ist Nicole Kidman als lebenshungrige, pillenschluckende und leicht verstrahlte Architektenwitwe die verbissenste Akteurin. Der Schauspieler Matthew Goode spielt einen zwielichtigen Kraftkerl. Und die australische Schauspielerin Mia Wasikowska, die vor ein paar Jahren die Alice in Tim Burtons Erfolgsfilm "Alice im Wunderland" war, tritt hier auf als düster dreinblickende, aber ziemlich komische Märchenprinzessin mit einem seltsamen Hobby: Indias toter Vater hat seine Tochter auf vielen Jagdausflügen zur Scharfschützin ausgebildet.
"Stoker" ist ein Film des Regisseurs Park Chan-wook, der 1963 geboren ist, aus Südkorea stammt und seit Werken wie "Oldboy" (2003), "Lady Vengeance"
(2005) und "Durst" (2009) als Filmemacher gilt, der Grausamkeit und Eleganz kunstvoll vereinen kann. Seine Filme spielen in finsteren Welten, sie handeln von gemeinen Verschwörungen. Und die Dämonen, die ihre fiebrigen Helden treiben, kennen keinen Unterschied zwischen der Gier nach Blut und der Gier nach Sex.
"Stoker" ist der erste Film, den Park Chan-wook für ein Hollywood-Studio gedreht hat. Er macht scheinbar alles anders als in früheren Werken. Sein Film spielt in einer sonnigen, nahezu perfekten Welt. Er beginnt extrem kühl und in einer provozierenden Langsamkeit. Eine Viertelminute lang zum Beispiel sehen wir die Heldin auf ihrem Luxusmädchenbett liegen und an die Decke starren, um sich herum hat sie geöffnete Schuhkartons aufgestellt. India hat zu ihrem Geburtstag jedes Jahr ein neues Paar schwarzweiße Lackschuhe bekommen, doch nun wird sie ihre Füße zum ersten Mal in einen hochhackigen Damenschuh zwängen, wie in der Geschichte von Aschenputtel ist der Tag der Abrechnung gekommen.
Die Motive, mit denen "Stoker" spielt, stammen aus den Märchen der Brüder Grimm, den Filmen Alfred Hitchcocks und aus Vladimir Nabokovs "Lolita"-Roman. Man sieht das Mädchen India durch einen nächtlichen Wald geistern, als wäre sie eine Gretel ohne Bruder Hänsel, man blickt von einem Treppenabsatz in schwindelerregende Tiefen, man bestaunt eine Masturbationsszene unter dampfender Dusche. Da sind dem Regisseur doch wieder Mordlust und Libido eins, wie man es kennt aus seinen früheren Filmen.
Verblüffend ist die Konsequenz, mit der Park Filme als Schwester der Malerei behandelt. Viele der Bilder wirken wie penibel ausgepinselte Landschaftsporträts und Gruselfresken, die den Betrachter dazu einladen, sich bei ihrem Anblick zu erschauern.
Und doch sind es vor allem die Schauspielerinnen Nicole Kidman und Mia Wasikowska, die "Stoker" im Lauf der Story zu einem bösen Kampf werden lassen. Evelyns Verzweiflung über ein vergeigtes Leben, ihr Hass aufs Älterwerden entladen sich in einem Moment, in dem sie mit Hasstränen in den Augen sagt, sie freue sich auf den Tag, an dem sie dabei zusehen könne, dass das Leben ihre Tochter in Stücke reiße.
Wasikowskas India allerdings bleibt auch hier eine coole Amazone, die kein Wort zu viel verliert, nur die Bewegung ihrer Augenbrauen scheint noch von Kämpfen oder Zweifeln zu erzählen. Die oberste Tugend der Jägerin ist das Warten auf den einzig richtigen, auf ihren Moment.
Bei aller Stilvernarrtheit wird keineswegs an dem Horror gespart, den ein Horrorfilm braucht. Es gibt zugedrückte Hälse zu bestaunen, tiefgefrorene Leichenteile, sprühende Blutfontänen und eine Menge Psychopathen. Aber selten war es so vergnüglich, ihnen bei der Arbeit zuzusehen.
Kinostart: 9. Mai.
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 19/2013
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