06.05.2013

ARTENSCHUTZKönig ohne Reich

Der Löwe ist bedroht: Trophäenjäger und der Schwund der Savanne haben die Zahl der Rudel drastisch schwinden lassen. Forscher und Naturschützer fordern Schutz - zur Not in eingezäunten Revieren.
Sonntagsvergnügen in Südafrika: Auf dem grünen Rasen der Weltevrede Lion Farm greifen weiße Arme nach einem weißen Kuscheltier. Lisa, das acht Wochen alte Löwenbaby mit der auffälligen Farbe, darf gestreichelt werden.
Lisa war zwei Wochen alt, als sie ihrer Mutter fortgenommen wurde. Das sei gut so, erklärt Christiaan, der die Gäste durchs Gelände führt, "wir können dann besser mit ihr umgehen".
Wenn hier, auf der Löwenfarm in der Provinz Vrystaat, Junge geboren werden, "kriegt jeder Angestellte eines zum Aufziehen mit der Flasche", so Christiaan: "Für 40 000 Rand (3400 Euro) kannst du ein Junges kaufen." Ob sie so ein Baby über Nacht mit aufs Zimmer nehmen könne, fragt eine entzückte Besucherin: "Das kriegen wir hin", verspricht der Führer.
Lisas Vater, ein ausgewachsenes Exemplar mit stattlicher Mähne, der hier im Gehege lebt, ist für etwa 20 000 Euro zu haben. Allein im Vrystaat werden rund 2000 Löwen in Gefangenschaft gehalten - produziert für die Gatterjagd, das "canned hunting". Das ist ein Zeitvertreib, den auch Manager deutscher Großunternehmen schätzen.
Der König der Tiere ist heruntergekommen in seinem eigenen Reich: "In ganz Südafrika gibt es schon fast ebenso viele Löwen hinter Gittern wie in freier Wildbahn", klagt Fiona Miles von der internationalen Tierschutzorganisation Vier Pfoten im Vrystaat, die vergebens gegen die Jagd auf die halbzahmen, manchmal noch mit Medikamenten ruhiggestellten Tiere protestiert. Miles fordert, "als ersten Schritt zum Verbot des canned hunting", ein Moratorium fürs Löwenzüchten.
Überall auf dem Kontinent droht dem großen afrikanischen Beutegreifer, Sinnbild für Stärke und Majestät, der Niedergang. Für "Panthera leo" ist außerhalb der Gehege kaum noch Platz. Der Herrscher der Steppe, so warnen jetzt Wissenschaftler und Naturschützer, habe in den vergangenen 50 Jahren den größten Teil seines Lebensraums eingebüßt.
Hauptgrund ist der Schwund der Savanne: Mit dem Rückgang des afrikanischen Graslandes schrumpfte auch die Zahl der Löwen, und zwar dramatisch. Von rund 100 000, die noch in den sechziger Jahren durch die trockenen Grasfluren des Kontinents streiften, seien höchstens 35 000 geblieben, sagt Stuart Pimm, Professor für Conservation Ecology an der Duke University in Durham: "Das ist ein regelrechter Absturz der Bestände."
In einer neuen Studie haben Pimm und ein internationales Team von Forschern die alarmierenden Ergebnisse veröffentlicht: "Landnutzung und Flächenumwandlung durch eine enorm angestiegene Bevölkerung haben die Savanne zerstückelt und zerstört", erklärt Pimm. Von dem Ökosystem, das ehemals um ein Drittel größer war als die Landfläche der USA, sei nur noch ein Viertel übrig - ein Schwund, der nahezu demjenigen des Regenwalds entspricht: "Schockierend und bitter", klagt Thomas Lovejoy, Ökologe an der George Mason University in Virginia und Mitglied der Big Cats Initiative, die sich die Erhaltung von Großkatzen zum Ziel gesetzt hat.
"Wir mussten erst einmal wissen, was es zu schützen gibt", sagt Pimm. Um genauere Zahlen über den Bestand der afrikanischen Löwen zu erlangen, trugen er und sein Team die bisher umfassendste Datensammlung über die Bestände der Löwen Afrikas zusammen. Sowohl die lokale Bevölkerung als auch Jagdorganisationen halfen mit. Die Ergebnisse veröffentlichte das Fachblatt "Biodiversity and Conservation".
Während ältere Satellitenbilder noch eine weitgehend intakte Savanne zeigten, entdeckten die Forscher mit hochauflösender Bildtechnik überall verstreut kleine Felder und Siedlungen. "Da dürfen sich Löwen nicht blicken lassen", sagt Co-Autor Jason Riggio.
Die Wissenschaftler identifizierten 67 vereinzelte Savannengebiete, in denen so wenig Menschen wirtschaften, dass ein Überleben für die Großkatzen möglich ist. Nur zehn davon, sechs in Süd- und vier in Ostafrika, erwiesen sich als "Bollwerke", die Löwen noch eine gute Chance bieten. Die meisten dieser Rückzugszonen sind in Schutzgebieten wie dem Krüger- oder dem Serengeti-Nationalpark gelegen.
Der Niedergang der Löwen begann früh. Schon vor mehr als einem Jahrhundert hat ihn Tiervater Alfred Brehm beobachtet: "Die Zeiten, in denen man 600 Löwen zum Kampf in der Arena zusammenbringen konnte, liegen um Jahrtausende hinter uns", konstatierte er. Unter Hadrian starben bei den Spielen oft 100 Löwen auf einmal, Pompeius ließ 600, Cäsar wenigstens 400 kämpfen. "Doch erst mit der Erfindung des Feuergewehrs" wurde der gefährliche Feind der Herden allerorten "zurückgedrängt und endlich vernichtet", heißt es in "Brehms Tierleben": Jäger wie der legendäre Jules Gérard hatten Nordafrika von der vermeintlichen Plage der Berberlöwen befreit, der letzte Löwe Marokkos wurde 1920 geschossen.
Auch südlich der Sahara erwies sich der Mensch als unerbittlicher Feind des falben Räubers. Mit Rachefeldzügen strafen bis heute Hirtenvölker wie die Massai den verhassten Viehdieb, sie erschießen oder vergiften ihn mit Ködern.
Andere Dimensionen hat jedoch die Jagd der Kolonialherren und ihrer Nachfolger: "Über einen Zeitraum von drei Jahren", so brüstet sich Simon Leach, Betreiber der "Eagle Safaris" im südafrikanischen Harrismith, habe sein Urgroßvater Harold "mehr als 400 Löwen und zahlreiche Leoparden geschossen". Leach wirbt als "Jäger und Naturschützer" um Gäste: "Eagle Safaris ist stolz auf diese Tradition und knüpft an diese Könnerschaft an." Unerfahrene Jäger, auch solche, die mehrfach draufhalten müssen, sind ebenso willkommen wie Profis; ein Jagdschein ist nicht erforderlich.
Die akute Not des Löwen geht auch auf die Trophäenjagd zurück, das prangern internationale Naturschutzverbände an. Das vor allem in Südafrika und Tansania blühende Geschäft befeuere den Rückgang der Großkatze, warnen sie in einer Petition an das US-Innenministerium. "Für viele Menschen wird es schockierend sein zu erfahren, wie schnell die Zahl abgenommen hat", kommentiert Jeffrey Flocken vom International Fund of Animal Welfare (IFAW) die umfangreichen Erhebungen.
Flocken und seine Mitstreiter wollen erreichen, dass der afrikanische Löwe im Endangered Species Act (ESA), dem US-Gesetz zum Schutz bedrohter Tiere, aufgenommen wird. Denn mit Abstand die meisten Trophäenjäger sind US-Amerikaner. Bisher ist der Löwe nach CITES, dem internationalen Artenschutzübereinkommen, eingeschränkt geschützt.
Gerade die Amerikaner bringen gern ausgestopfte Löwenhäupter, präparierte Pranken und Schwänze aus Afrika nach Hause mit. Zu den anderen bedeutenden Importeuren gehört, nach Spanien und Frankreich, auch Deutschland. Aus den USA werden zudem Löwenteile weiterbefördert, etwa Knochen, die für vermeintlich heilsamen "Tigerwein" in China begehrt sind und als Ersatz für die mittlerweile rar gewordenen Tigerknochen herhalten müssen.
Insgesamt, so listet die Petition auf, seien zwischen 1999 und 2008 Teile von mindestens 5660 erlegten Löwen in den internationalen Handel gegangen.
Die Folgen des Jagdtourismus sind oft für das ganze Rudel fatal. Weil die Jäger der prächtigen Mähne wegen vor allem ältere, dominante Männchen schießen, kommt es anschließend häufiger als normalerweise zu tödlichen Attacken im Rudel: Um ihre eigene Nachkommenschaft zu zeugen, bringen nachrückende männliche Löwen die Jungen ihres früheren Rivalen um, und manchmal auch die Mütter, die ihren Nachwuchs verteidigen.
Um diese zusätzliche Löwentötung zu vermeiden, müsse Trophäenjägern beigebracht werden, das Alter ihrer Beute richtig einzuschätzen, fordert Wildbiologe Craig Packer von der University of Minnesota in St. Paul - offenbar vergebens. "Mr. Lion", wie der renommierte Löwenexperte genannt wird, ist nicht prinzipiell gegen die Jagd. Nur müssten die Quoten drastisch gesenkt werden.
"Wenn jetzt nicht gehandelt wird, droht der afrikanische Löwe auszusterben": Der Alarm der Verbände wird vom zuständigen US-Fish and Wildlife Service offenbar ernst genommen. Die Behörde prüfe die Aufnahme des Löwen in die ESA-Liste, heißt es - zum Entsetzen der afrikanischen Jagd- und Tourismusindustrie. Es drohten damit 60 Prozent des Trophäenmarkts verlorenzugehen, klagte in der "New York Times" Alexander Songorwa, Tansanias Wildlife-Direktor im Tourismusministerium. Für sein Land sei das ein Desaster.
Von "Sabotage" sprach, auf seinem Kongress im April, der Verband der Wildlife Ranching South Africa (WRSA). Die rund 10 000 privaten Farmer sind stolz auf das "enorme Wachstum der südafrikanischen Wildtier-Industrie". Die Branche produziert und bietet an, was ihre schießlustigen Kunden begehren: Kudu, Büffel, Impala und andere Antilopen, für Betuchtere die teuren Löwen.
Weil ihnen die Fototouristen wichtiger sind als die Jäger, bemühen sich jetzt die Löwenländer Sambia und Botswana um die Rettung ihrer Hauptattraktion: Obwohl sie jährlich drei Millionen US-Dollar einbrachte, hat Sambia die Pirsch auf Löwen und auf Leoparden gänzlich verboten. In Botswana ist gerade die letzte Jagdsaison angebrochen.
Unter den Forschern indes gehen die Meinungen darüber, wie dem bedrängten Tier zu helfen sei, auseinander: Pimm setzt auf Zusammenarbeit mit den Einheimischen. Sie müssten lernen, ihre Herden effektiver zu schützen; und die Kinder sollten schon in der Schule aufgeklärt werden, wie mit dem Räuber umzugehen sei.
Mr. Lion hingegen hat nach 35 Jahren Feldforschung die Geduld verloren: Er glaubt nicht mehr an die friedliche Koexistenz von Mensch und Löwe. Wirksamer sei es, beide Spezies voneinander zu trennen - durch mehr eingezäunte Schutzgebiete.
Von dem, was draußen bleibt, werde in 20 bis 40 Jahren nur noch die Hälfte übrig sein, fürchtet Packer. In elf afrikanischen Ländern haben Packer und seine 57 Mitautoren für ihre Studie ermittelt, dass Schutzgehege einzurichten viel billiger ist als Managementprogramme für die Menschen. Zudem sei messbar, dass dies dem bedrohten Tier weit mehr bringe: "Dichter und größer", so zeigte sich, sind die Löwenpopulationen hinterm Zaun.
Ein solcher Zaun steht in Lionsrock. Dort, in dem 1200 Hektar großen Raubkatzenrefugium von Vier Pfoten im Vrystaat, hat soeben eine Familie Zuflucht gefunden: Ein Löwe, seine Löwin und die beiden Jungen spüren nach ihrer Freilassung aus den Transportboxen zum ersten Mal Gras unter den Pfoten und afrikanische Sonne auf dem Pelz.
Die vier Neuankömmlinge stammen aus einem rumänischen Zoo, der ihnen nur 40 statt der nach EU-Richtlinie vorgeschriebenen 500 Quadratmeter bot. Mehr als 80 Löwen, die in europäischen Zirkuswagen und Hinterhöfen dahinvegetierten, können in Lionsrock ein tiergerechtes Leben führen. Doch für ihre ursprüngliche Heimat in der Savanne seien die in Gefangenschaft Aufgewachsenen verloren, sagt Hildegard Pirker, die verantwortliche Tierpflegerin: "Auswildern geht nicht." Das trostlose Leben in Gefangenschaft hat die Tiere unfähig für ein Leben in der Wildnis gemacht.
Der Tierarzt sorgt dafür, dass die mächtigen Kater sich nicht vermehren - durch Vasektomie: "Der Eingriff", so Pirker, "macht die Löwen unfruchtbar, erhält aber ihren Trieb und das Wachstum der Mähne."
Von Renate Nimtz-Köster

DER SPIEGEL 19/2013
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