06.05.2013

FUSSBALLStaunend nach Wembley

Borussia Dortmund pflegt in der Champions League das Image des Underdogs. Die Rolle entspricht dem Spiel der Mannschaft. Bei der Personalpolitik wird sie zum Hindernis: Welcher Spieler will schon ewig Außenseiter sein?
Jürgen Klopp trug noch den Trenchcoat vom nasskalten Fußballabend, im frisch bewirtschafteten Haupthaar noch Spuren des Madrider Sprühregens. Er sah abgekämpft aus im Pressesaal des Stadions Santiago Bernabéu und doch schwer vergnügt, als die Frage kam, die er laut auf Englisch parierte: ob er schon mal in Wembley gewesen sei, der Kultstätte des Weltfußballs, Austragungsort des Endspiels um die Champions League am 25. Mai.
"Of course not!"
Er doch nicht. Natürlich nicht. Klopp lachte sich kaputt. Da war er, der Meister des Understatements, wieder in seinem Element. In der Außenseiterrolle fühlt sich die Dortmunder Bengeltruppe mit ihrem unterhaltsamen Trainer am wohlsten.
Nach dem Finaleinzug in Madrid streiften die Spieler schwarze Shirts mit der Aufschrift "Wembley calling!" über, einer Anspielung auf das berühmte Album der britischen Punkband The Clash, das "London Calling" heißt. Punks inmitten des europäischen Fußballhochadels - so verkaufen sich auch die Männer von Borussia Dortmund, ein bisschen rebellisch, eigentlich nicht eingeladen.
Als unbekümmerte Underdogs sind sie nun weit gekommen, auf dem Rasen und in den Herzen der Fußballfreunde. Die Rolle liegt den Borussen, denn sie entspricht ihrem Spielstil. Wer auch immer im Endspiel der Gegner sei, flötete Jürgen Klopp am vergangenen Dienstag, "we are not the favourite".
Natürlich nicht. Schließlich haben sich die altbekannten Rivalen vom FC Bayern München als Gegner qualifiziert, da werden keine Dortmunder Verrenkungen nötig sein, um tiefzustapeln. Die Bayern haben frühzeitig die deutsche Meisterschaft gewonnen, bei 20 Punkten Vorsprung vor der Borussia. Und dass die Münchner wirtschaftlich eine Übermacht darstellen, das hört und liest das Fußballvolk jede Woche. In Interviews und Talksendungen verbreiten das unaufhörlich die Dortmunder selbst, scheinbar geplagt vom ewigen Standortnachteil, nach ihrer Beinahe-Insolvenz vor acht Jahren gerade noch so reanimiert.
Allerdings nehmen sie allein in der Champions League in dieser Saison 60 Millionen Euro ein, sie erzielen dem Vernehmen nach deutlich mehr als 50 Millionen Euro Gewinn.
Erst wenn Dortmund wie die Bayern mehr als 300 Millionen Umsatz machen würde, sagte Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke im vergangenen September, "dann werde ich jedes Jahr verkünden: Wir wollen deutscher Meister werden". Ein paar Monate früher hatte Sportchef Michael Zorc an dieser Stelle noch "200 Millionen Umsatz" gesagt. Inzwischen kratzt Dortmund wohl selbst an der 250-Millionen-Marke, und so bemisst Watzke die vermeintlich dramatische Unterlegenheit neuerdings an der Zahl der Dax-Konzerne, die den FC Bayern sponsern: Bayern fünf, Dortmund null.
Die Frage ist, wem es hilft, wenn man sich so klein macht. Es stimuliert zumindest die Spieler. Das Understatement soll nach innen wirken, als Kick und als Motivationstrick.
Dreimal hatte die Borussia in dieser Saison gegen Real Madrid gespielt, dreimal hatte sie sich als mindestens ebenbürtig gezeigt. Und doch gelang dem Entertainer Klopp vor dem vierten Duell wieder ein Auftritt, als hätte er die Teilnahme am Halbfinale in einem Preisausschreiben gewonnen. Motto: Mann, ist das alles bunt hier. Die Botschaft: wir Zwerge gegen die Riesen von Real.
Da sitzt also der Trainer neben dem Mittelfeldspieler Ilkay Gündogan auf dem Podium im Hörsaal des ehrwürdigen Madrider Stadions und tippt scheinbar ratlos auf dem Empfangsgerät herum, das die Simultanübersetzung in seinen Kopfhörer einspeisen soll. Er kann es nicht bedienen, legt den Kopfhörer weg, spricht so gut es geht englisch. "Wie?", fragt er nun entgeistert Gündogan, "du hast dir meine englische Antwort übersetzen lassen?" Dann den Dortmunder Pressechef, der ihm eine spanische Frage übersetzt hat: "Wie? Du kannst Spanisch?" Antwort: "Nein, ich habe doch die deutsche Übersetzung gehört, auf dem Kopfhörer." Das ist Comedy, eine Klopp-Show.
Das Thema der Aufführung: Klein Borussia in der großen, modernen Fußballwelt.
Auf dem Rasen ist es dann andersherum. Der brasilianische Madrid-Star Kaká, einst 65 Millionen Euro teuer, bekommt beim ersten Ballkontakt nach seiner Einwechslung eine Lektion darin erteilt, wie moderner Fußball geht. Er wartet einen Moment lang mit dem Abspiel, schon haben ihn fünf Dortmunder umzingelt - im Sprint und mit einer Wucht kommen sie angerannt, als könnten sie mit ihrem Eroberungswillen auch problemlos das Stadion abreißen.
Ähnlich ergeht es den pfeilschnellen Madrilenen Ángel Di María und Cristiano Ronaldo, als sie gerade ihre Tempodribblings starten wollen: Eine Übermacht an Gegnern versperrt den Weg.
Das ist Klopp-Fußball. Es ist ein Außenseiterfußball, der im Kopf beginnt: Unser Gegner ist so übermächtig, dass wir nur dann den Hauch einer Chance besitzen, wenn wir doppelt so viel rennen wie er. Es gab schon Spiele, vor deren Beginn der BVB-Coach seiner Mannschaft ein Pensum als Plansoll vorschrieb: 130 Laufkilometer insgesamt. So etwas wird ja gemessen.
Dabei kommt es Klopp gar nicht so sehr auf die Strecke an, sondern darauf, dass immer alle mitmachen. Und auf die Intensität, auf die Aggressivität der Attacken.
In Madrid erklärte Jürgen Klopp spanischen Journalisten das Prinzip: "Unsere Herangehensweise ist immer die gleiche: Wenn der Gegner den Ball hat, verteidigen alle gemeinsam, als ginge es um ihr Leben. Wenn wir den Ball haben, greifen wir zusammen frech und mutig an."
Natürlich hatten auch die Spanier spätestens nach den Halbfinal-Hinspielen von Dortmund und Bayern gegen Madrid und Barcelona herausgefunden, dass die deutschen Fußballer keine Panzer mehr seien - "sondern Porsches", wie das Blatt "El País" notierte. Doch Klopp pflegt unwidersprochen das Image des voraussichtlichen Verlierers. "Wir sind nach wie vor kein normaler Halbfinalist", behauptete er, "und werden uns auch nicht so verhalten. Sondern wie jemand, der sein Leben lang davon geträumt hat, daran teilzunehmen."
Die Opferbereitschaft, die er auf diese Weise bei seinen Spielern weckt, steckt noch eine Stunde nach dem Abpfiff in dem Kämpfer Sven Bender. Humpelnd zwängt sich der Mittelfeldmann zwischen den Absperrgittern an dem breitbeinig Hof haltenden Superstar Ronaldo vorbei, achselzuckend entgegnet er auf Fragen der Reporter nach der Schwere seiner Verletzungen: "Ist doch scheißegal" - Hauptsache, Finale.
Klopp kam 2008 von Mainz 05 und ließ in Dortmund Mainz-05-Fußball spielen. Seine Mannschaft sollte nicht das Spiel diktieren, sondern den dominierenden Gegner durch kluges Laufen zu Fehlern zwingen. Klopp-Spieler jagen den Feind. Und sie bewegen sich nach einem ökonomischen Prinzip: Sie rennen so intensiv, damit sie nicht noch mehr laufen müssen.
Denn wenn sie den Ball gleich dort erobern, wo der Gegner ihn gerade bekommen hat, müssen sie nicht so weit zurückweichen, um das eigene Tor zu schützen, nicht den ganzen Weg zurück und wieder nach vorn. Also stürzen sie sich auf den, der den Ball führt - oder in den Raum, in den er den Ball hineinzuspielen sucht.
Mit diesem Konzept wurde Dortmund 2011 deutscher Meister. Doch bald gestatteten es die Gegner nicht mehr, dass sich das immer besser ausgestattete Team auf dem Feld wie ein Underdog aufführte, also wie eine Kontermannschaft. Und das laufintensive Spiel erlaubte es nicht, in allen Wettbewerben gleichzeitig Erfolg zu haben. Vergangenes Jahr reichte es wieder zum nationalen Titel. In dieser Saison ist es die Champions League, die den Dortmundern die Chance bietet, sich wieder kleinzureden und groß rauszukommen.
In einer sogenannten Hammergruppe mit Manchester City, Madrid und Ajax Amsterdam waren sie nie Favorit. Dann waren sie es ein einziges Mal im Viertelfinal-Rückspiel zu Hause gegen den FC Málaga - da wären sie um ein Haar ausgeschieden.
Auch andere Mannschaften pflegen und beherrschen inzwischen das sogenannte schnelle Umschaltspiel, flugs von Abwehr auf Angriff und zurück. Zum Beispiel der FC Bayern. Das haben die Münchner aber nicht von Dortmund "abgekupfert" nach Art chinesischer Industriespione, wie es Jürgen Klopp ihnen jüngst unterstellte. Die Spielart ist eben modern und verspricht Erfolg.
Trainer Jupp Heynckes hat nur etwas länger gebraucht, seinen Schülern die Disziplin abzuverlangen, die für das Jagdspiel nötig ist. Denn er fand in München nicht nur leicht erziehbare Profis vor, sondern auch gestandene Ikonen wie Franck Ribéry und Arjen Robben. Die musste man erst mal ans Laufen kriegen.
Dortmunds Spieler laufen, um Ikonen zu werden. Jürgen Klopp lobte sie vergangenen Montag für ihre Intelligenz. "Sie wissen, dass Fußball nur funktioniert, wenn man sich auf einen gemeinsamen Weg einlässt. Und dass in der Regel der Trainer diesen Weg vorgibt."
Eine Gemeinschaft, die auf Teamgeist und Unterordnung basiert, ist gefährdet, sobald einer ausbricht. Mario Götze, Borussias Superrakete, wechselt zu Bayern München. Und schon fürchtet Dortmund einen Dominoeffekt. Das hat mit der Außenseiterrolle des Clubs durchaus zu tun. In ihr ist er bisweilen gefangen.
In Sachen Götze hat sich der Club wohl selbst unterschätzt. Er hat es nicht für möglich gehalten, dass er das Supertalent so schnell zu solch einer Rakete formen würde. So schnell, dass der Preis, den er für das Talent vor gut einem Jahr in einer Ausstiegsklausel angesetzt hat, zum heutigen Zeitpunkt bereits gerechtfertigt sein würde und sogar bezahlt wird: 37 Millionen Euro.
Götzes Verlust allein ließe sich vielleicht noch verschmerzen. Aber folgt auch Robert Lewandowski? Die Berater des Dortmunder Stürmerstars, angeführt von dem ehemaligen polnischen Nationalspieler Cezary Kucharski, erwecken den Eindruck, es ziehe den Klienten dringend noch in diesem Sommer zu einem größeren Club. Wahrscheinlich hat auch die dauernde Dortmunder Tiefstapelei dazu beigetragen, dass Lewandowski den Unterschied zwischen Borussen und Bayern für gewaltiger hält, als er ist.
Kucharski, der für die regierende Bürgerplattform im polnischen Parlament sitzt, hat sich offenbar mit dem FC Bayern über einen Wechsel des Spielers verständigt - spätestens zum Sommer 2014, wenn Lewandowski vertrags- und ablösefrei ist. Will er früher gehen, muss Dortmund zustimmen. Und die Berater machen Druck, gerade so, als empfände Lewandowski sein Dortmunder Dasein als eine Vorhölle, aus der er gerettet werden muss.
Nur von den Bayern hört man nichts. Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge sagte bloß, man habe nicht vor, mit Dortmund zu verhandeln. Das kann bedeuten, dass er den Spielerberatern das Feld überlässt, eine Freigabe zu erzwingen oder zumindest vorzubereiten. Es scheint, als führten die Bayern Regie, ohne sich die Finger schmutzig zu machen. Sie diktieren das Spiel.
Im Winter, das wurde jetzt bekannt, hat der BVB Lewandowski ein wachsweiches Versprechen gegeben, offenbar um erst einmal Ruhe zu haben. Wenn bis zum 15. Mai ein Club eine bestimmte Summe biete, könne man noch mal über einen Transfer reden, so in etwa. Die Summe soll bei 29 Millionen Euro liegen.
Mit der Ruhe ist es jetzt vorbei, ausgerechnet vor dem Höhepunkt der Saison haben die Berater das Versprechen publik gemacht. Der Club sei da. Das Geld auch. Was also gebe es noch zu reden?
Watzke sagt, es gebe keine Zusage. Streit um Nebenabreden, an die sich jeder anders erinnert, kommen im Fußballgeschäft vor, seit es Transfers gibt. Diesmal könnten die Spieleragenten mit dem Schlimmsten drohen: Was, wenn Lewandowski aus Verärgerung im letzten Vertragsjahr einfach mal keine Topleistung mehr brächte? Dann hätte Dortmund weder einen Weltklassestürmer noch die 29 Millionen.
Die Borussen sind wieder Außenseiter. Sie wehren sich, schon gegen die Vorstellung, dass auch bei diesem Spiel die Bayern-Fans am Ende ihr höhnisches Lied anstimmen könnten, den Fußballschlager der Saison. Er heißt: "Gegen Bayern kann man mal verlier'n."
Von Jörg Kramer

DER SPIEGEL 19/2013
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