06.05.2013

SPANIENElternglück im Angebot

Katalonien ist gerade in Krisenzeiten zum Ziel des boomenden Reproduktionstourismus geworden. Kinderlose Europäerinnen hoffen, hier endlich schwanger zu werden. Junge Spanierinnen spenden die notwendigen Eizellen.
Vor fast fünf Jahren begann Mónica Campos, mit ihrem Körper Geld zu verdienen. Damals brach gerade die Baubranche zusammen, ihr Mann Eduardo musste sein Geschäft für gebrauchte Luxuswagen aufgeben, die Käufer blieben einfach weg. Bald konnte das Ehepaar die monatliche Rate für sein Haus mit Garten in Maçanet de la Selva nicht mehr aufbringen. Die Bank drohte mit Zwangsversteigerung. Mónica Campos sah sich schon auf der Straße, mit einem Vierjährigen und einem Säugling.
"Ich brauchte dringend Geld", sagt Campos, 34, eine Frau mit langen, blondgefärbten Haaren, die als Schülerin mal gemodelt hat. Sie stellte sich in einer privaten Klinik für Reproduktionsmedizin in Granollers bei Barcelona vor. Dort wurde sie zur Spenderin von Eizellen.
Sie erhielt jedes Mal etwas weniger als 1000 Euro, so empfiehlt es das "Bioethische Komitee von Katalonien". Das soll eine Aufwandsentschädigung sein, für die Unannehmlichkeiten und den Zeitverlust. Für Mónica Campos war es mehr als das, sie suchte einen Ausweg aus der wirtschaftlichen Misere zu Hause. Trotz der gesetzlichen Beschränkung auf sechs Spenden ließ sie sich innerhalb von knapp zwei Jahren 14-mal Eizellen entnehmen, rund 10 000 Euro hat sie damit verdient. Und ihren Körper ausgebeutet, um ihre Familie vor dem Absturz in die Armut zu bewahren.
Denn weder sie noch ihr Mann hatten als Selbständige Anrecht auf Arbeitslosenunterstützung, die Familienhilfe von monatlich 640 Euro bekamen sie erst nach einem Jahr. "Ich nahm das Risiko auf mich", sagt sie. "Es war mir egal."
Etwa zur gleichen Zeit haderte eine Frau Mitte dreißig in Freiburg mit ihrem Schicksal. Sie wollte schwanger werden, aber es klappte einfach nicht. Auch Behandlungen mit Naturheilmitteln und Akupunktur halfen nicht.
Nach jahrelangen vergeblichen Versuchen lässt sie sich, inzwischen 40, Anfang April in der Clínica Eugin in Barcelona eine mit dem Samen ihres Mannes befruchtete, gespendete Eizelle einsetzen. In Deutschland ist das verboten, deshalb kann ihr Name hier nicht genannt werden.
Die Deutsche ist voller Hoffnung auf ein gutes Ende, als Valérie Vernaeve, die ärztliche Leiterin des renommierten Zentrums für Fruchtbarkeitsbehandlungen, ihr die Hand drückt und sagt: "Diesmal haben Sie alles Nötige, um schwanger zu werden."
Die Geschichten der Frauen haben nicht direkt miteinander zu tun, doch beide spielen in Spanien, in Barcelona, und beide handeln von persönlichen Krisen.
Die katalanische Hauptstadt ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten zum Zentrum für europäische Paare und Single-Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch geworden. Auch aus Nordafrika, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Russland reisen Patientinnen an. Und immer mehr Deutsche. Denn hier sind die fortschrittlichsten Techniken künstlicher Befruchtung erforscht worden, ihr Einsatz wird seit 2006 durch ein Gesetz geregelt. Vor bald 30 Jahren wurde in der Klinik Dexeus in Barcelona das erste spanische Retortenbaby geboren, 1988 kam dort erstmals ein Kind durch Eizellenspende zur Welt.
Heute, in der schwersten Wirtschaftskrise Spaniens seit dem Ende der Diktatur, ist der Medizintourismus eine der wenigen florierenden Branchen. Das Land ist europaweit führend bei Organ- wie Eizellenspenden und Transplantationen.
In der Klinik Eugin allein wurden im vergangenen Jahr über 3000 Zyklen von Eizellenspenden betreut, das sind etwa zehn Prozent solcher Behandlungen in ganz Europa. Zurzeit wird hier gerade eine der größten Banken für Eizellen, Samen und Embryonen aufgebaut.
Dank der sogenannten Vitrifikation, einer Art ultraschnellen Einfrierens, könnten Frauen in wenigen Jahren schon routinemäßig auf eigene, in ihrer Jugend gewonnene Eizellen zurückgreifen. Dann wären sie nicht mehr auf Spenden angewiesen. Bis zu 10 000 Euro kostet eine Befruchtung mit fremden Eizellen in Spanien. In Großbritannien oder Dänemark ist das sehr viel teurer.
Doch vorerst werden noch mehr Spenderinnen gebraucht - und die Rezession mit einer Arbeitslosenquote von über 26 Prozent, sogar fast 56 Prozent bei den Jüngeren, hat dazu geführt, dass mehr Spanierinnen bereit sind, sich der beschwerlichen Prozedur zu unterziehen. Das geschieht anonym; maximal sechs Kinder dürfen aus den Eizellenspenden einer Frau geboren werden.
Mónica Campos ließ sich in der Klinik durchchecken, mindestens zehn Termine sind zur Vorbereitung nötig: eine Untersuchung auf Erbkrankheiten, mögliche genetische Defekte, Blutabnahmen, Elektrokardiogramm und ein psychologischer Test. Jeweils zwei Wochen lang setzte sich Campos danach täglich Hormoninjektionen in den Bauch, um die Eierstöcke zu stimulieren und mehrere Follikel heranreifen zu lassen. Dann erfolgte die Entnahme von meist sechs reifen Eizellen unter Narkose. Die Empfängerinnen seien stets schwanger geworden, sagt Campos.
Sobald es nach einer Spende möglich war, stellte sie sich bei einer anderen Klinik in Barcelona oder Umgebung vor, für eine neue Eizellenspende. Auf diese Weise blieb sie im Geschäft, ihre früheren Spenden verschwieg sie. "Ich log die Ärzte an", sagt Campos heute, und rechtfertigt das mit ihrer Notlage. Als Motiv gab sie an: Sie wolle unfruchtbaren Frauen helfen. So hörten das die Frager gern. Vom Geld sagte sie nichts.
Die ökonomische Notlage Spaniens locke mehr potentielle Spenderinnen an, sagt Buenaventura Coroleu Lletget, Chef der Abteilung für Reproduktionsmedizin in der Klink Dexeus. Er sieht es als Vorteil. Denn die Ärzte verfügten so über eine bessere Auswahl, um die größte Übereinstimmung im Phänotyp von Spenderin und Empfängerin zu erzielen, bei Blutgruppe, Haut-, Augen- und Haarfarbe sowie Körpergröße.
"Aber wir sind sehr streng in der Auslese der Bewerberinnen", betont der Mediziner. Nur 35 von 100 Frauen schafften es schließlich bis zur Eizellenentnahme, ein Drittel davon seien Studentinnen. Eine Galerie von Babyfotos neben dem Chefschreibtisch zeugt von den Erfolgen.
Auch die Privatklinik Institut Marquès wirbt an Universitäten gezielt um junge Spenderinnen und appelliert an deren Hilfsbereitschaft. "Was man nicht gibt, geht verloren. Auch deine Eizellen", lautet der Slogan. Gespräche mit Psychologen sollen verhindern, dass die Frauen des Geldes wegen spenden. Sie werden über die Risiken aufgeklärt und müssen einen Vertrag unterzeichnen. Aber auch Jordi Suñol, dort zuständig für die Betreuung ausländischer Patienten, gibt zu, dass zurzeit kein Mangel an Spenderinnen herrscht: "Durch die Krise haben wir bessere Parameter, und wir wollen ja für jede Frau das ideale Match, den passenden Phänotyp."
Mónica Campos spendete zwei Jahre lang Eizellen, bis ihre Eierstöcke nichts mehr produzieren konnten. Sie habe sich die höchste Hormondosis gespritzt, sagt sie, "es wirkte wie Wasser". Ihr Bauch schwoll, aber keine Eizelle reifte mehr heran. In der Klinik habe man ihr da schnell 300 Euro in die Hand gedrückt. Bei der Ultraschalluntersuchung zwei Wochen später sagte man ihr, alles sei auf einem guten Weg, man werde sich melden. Doch niemand rief mehr an.
Das war es mit Mónica Campos' Spendentätigkeit. Und mit ihrer Gesundheit. Drei Jahre nach der letzten Hormonbehandlung diagnostiziert ihr Gynäkologe anomal vergrößerte Eierstöcke. Sie klagt über Schmerzen, nicht nur im Unterleib. 2010 wurde entdeckt, dass sie unter Fibromyalgie leidet, einer Krankheit, bei der jede Bewegung quält. Inzwischen hat man ihr eine Invalidität von 51 Prozent attestiert. Doch erst bei 65 Prozent hätte sie Anrecht auf eine Rente.
Sie isst kaum noch, sie versucht, wieder schlank zu werden. Die Krankheit hat sie reizbar gemacht, ihre Ehe hält dieser Belastung nur schwer stand. Ihr Mann ist weiterhin arbeitslos. Wenigstens haben sie ein Schuldenmoratorium für zwei Jahre erwirkt und dürfen so lange in ihrem Haus bleiben.
Fälle wie jener von Mónica Campos sind möglich, weil es in Spanien kein nationales Register für Eizellenspenden gibt. Es könnte sein, dass einige Frauen zu häufig spenden, sagt die Biologin Elisabeth Clua von der Klinik Dexeus. Aus Datenschutzgründen dürfe man nur bei anderen Zentren nachfragen, wenn die Bewerberin damit einverstanden sei.
Die Kliniken selbst schmücken sich lieber mit Spenderinnen anderer Art. Sie wollen nicht als Profiteure der Krise dastehen und zeigen gern Frauen wie Tania Lorenzo her: 33 Jahre alt, mit kupferrotem Haar und blassem Teint passend für manche Britin.
Lorenzo hat 2008 über Freunde von dieser Möglichkeit erfahren, "anderen Frauen zu helfen". Seither ist die Kellnerin der Klinik Eugin treu; nebenbei spendet sie auch Blut und trägt ihren Organspenderausweis stets in der Tasche. "Ich fühle mich gut dabei", sagt sie. "Wenn mir etwas passiert, dann wird auch mir jemand helfen."
Dem Ehepaar in Freiburg hat der Besuch in Barcelona inzwischen die ersehnte Schwangerschaft gebracht. Die 40-Jährige hatte zuvor selbst eine Hormonbehandlung durchgemacht, ohne Erfolg. Deshalb findet sie, die Spenderinnen hätten mehr verdient als eine Entschädigung. Vor allem wünscht sie sich, dass in Deutschland der Transfer fremder Eizellen legalisiert wird.
Mónica Campos denkt jetzt darüber nach, sich als Leihmutter zu verdingen. Das ist in Spanien verboten, aber in den Vereinigten Staaten zahlt man bis zu 150 000 Dollar. "Wenn ein reiches Paar mir eine Wohnung stellt, trage ich sein Baby aus."
Von Helene Zuber

DER SPIEGEL 19/2013
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