22.02.1999

PROZESSENur irgendein Kasperl?

Franz Fuchs, angeklagt in Graz als Briefbombenattentäter, ist nicht Werkzeug einer Geheimarmee gewesen. Selbsthaß trieb ihn zur Gewalt. Von Gisela Friedrichsen
Rumpelstilzchen wollte nicht erkannt werden. Als es erkannt wurde, zerriß es sich. Am Abend des 1. Oktober 1997 wird die Gendarmerie in der Nähe der österreichisch-slowenischen Grenze bei Leibnitz gerufen, um einen Autofahrer zu kontrollieren, von dem sich zwei Frauen belästigt fühlen. Die nichtsahnenden Beamten klopfen an die Scheibe: "Grüß Gott, Lenker- und Fahrzeugkontrolle."
Der Mann steigt aus. Mit beiden Händen hält er einen Gegenstand vor sich. Ein Knall. Scheiben splittern. Der Mann rennt weg. Ein Warnschuß. Der Mann bricht zusammen. Handschellen. Es geht nicht. Der Mann hat ja keine Hände mehr.
"Ich habe diese Waffe deshalb mitgeführt", sagt der schwerverletzte Franz Fuchs, heute 49, bei der ersten Vernehmung, "weil ich mich bedroht fühlte und ständig mit meiner Verhaftung rechnete. Ich hatte die Absicht, mir die Waffe ruckartig an das Brustbein anzusetzen, um mir das Leben zu nehmen. Dazu kam ich aber nicht, da sich der Schuß löste."
Fuchs wußte, daß von jenem 1. Oktober 1997 an in Österreich die Rasterfahndung legal war. Die Rechnung des Wiener Kriminalpsychologen Thomas Müller, den seit fast vier Jahren gesuchten Briefbombenattentäter durch gezielte Informationen, etwa die Veröffentlichung eines "Täterprofils" und Hinweise auf die Rasterfahndung unter Druck zu setzen, war aufgegangen.
Fuchs hatte unsichtbar bleiben wollen. Wenn man auf seine Spur kam, sollte ihn der selbstgebaute Schußapparat zerreißen. Und nun ist man auf ihn gekommen, seinen Lebenslauf, seine Defekte, das Intimste. Er wird vorgeführt als Monster, als Bestie, als "der irre Bomber". Jetzt soll er sich vor dem Grazer Landesgericht verantworten als Angeklagter, der 4 Menschen vorsätzlich getötet, 13 weitere zum Teil schwer verletzt und für ihr Leben entstellt haben soll; der mutmaßlich 25 Briefbomben verschickte und 3 Sprengfallen installierte.
Er will aber nicht vorgeführt werden. Er will nicht die Hinterbliebenen und die Versehrten anhören, er will nicht die Fotos der verstümmelten Leichen anschauen müssen. Also schreit er.
Er brüllt Parolen im Stakkato. "Zionistische Germanenverfolgung, nein danke! Umvolker und Völkermörder, nein danke! Österreichische Weiden für österreichische Kühe!" Wie eine Maschine schreit er, kaum daß er in den Gerichtssaal geführt wird. Bald hat er erreicht, was er wollte. Er muß nicht mehr in den Saal. So wird nur von Taten geredet, hinter denen er unsichtbar ist und die ihn zu einem Schrecken verbreitenden Mythos machen sollen.
Fuchs wuchs im südsteirischen Gralla bei Leibnitz auf, einem unbedeutenden Flecken nahe der Grenze. Bescheidene, ländliche Verhältnisse, er bewundert als Kind die Großmutter, die "alles kann": Schweine schlachten, aus Kräutern Medizin machen, aus Tierkadavern Seife. In der Schule ist er sofort Klassenbester. Die Eltern wollen ihn Radiomechaniker oder Fernsehtechniker werden lassen. Doch eine Lehrerin erkennt die Hochbegabung und sorgt dafür, daß er aufs Gymnasium darf. Auch dort ist er den anderen überlegen, vor allem in Physik. Manches weiß er sogar besser als die Lehrer. Er beharrt auf Qualität, schlampt nie.
Nach der Matura belegt er Theoretische Physik an der Universität Graz. Berufsziel: Atomphysiker. Bei VW in Wolfsburg verdient er sich als Fließbandarbeiter Geld fürs Studium. Zu einem Gutachter sagt er später: "Nach einigen Wochen faßte ich den Entschluß, wieder arbeiten zu gehen, da ich das armselige Studentenleben nicht ertragen wollte." Er gibt das Studieren auf.
Er geht zu Mercedes, arbeitet als Hilfsschlosser am Fließband. Gegenüber ausländischen Kollegen, vorwiegend Jugoslawen, soll er sich freundlich und hilfsbereit verhalten haben. Dann bewirbt er sich um einen Bürojob, "da ich ja Matura hatte". Aber auch die deutschen Arbeiter wollten ins Büro, und wenn es mal ein Ausländer schaffte, dann ein fremdsprachiger, der dolmetschen konnte.
Er kehrt nach Österreich zurück, findet keinen Beruf, hat keine Freundin, nichts, verfällt in eine tiefe Depression. Er tüftelt einen verzwickten Plan aus, sich umzubringen. Am 8. August 1976 schreibt er an seine Eltern: "Meine Bedeutung und Existenz für die Menschheit ist null." Der Vater läßt den Sohn in eine psychiatrische Anstalt einweisen. Bei der Aufnahme wird notiert, er habe sich als Versager gefühlt. Zwei Monate später wird er als "gebessert" entlassen.
Er geht zum Arbeitsamt, tritt 1977 eine Stelle als Vermessungsgehilfe in einem Institut für Hydrogeologie an. 1984 stirbt der Inhaber des Instituts. Danach übernimmt Fuchs Vermessungsaufträge für eine Elektrizitätsgesellschaft. Ein Schulfreund bietet ihm einen Job in einem Ingenieurbüro an. In kürzester Zeit entwickelt er dort perfekte Programme, pedantisch, präzise bis zur Rechthaberei. "Seine Arbeit war dadurch charakterisiert, daß seine Genauigkeit oft das im Bau tatsächlich Notwendige weit überschritt, was zu Konflikten mit den bauausführenden Firmen führte", beurteilte ihn der Chef. 1988 legt man ihm nahe zu kündigen. Nun ist er endgültig ein biographischer Krüppel.
Er sucht keine Stelle mehr. Er will auch nicht Arbeitslosenunterstützung oder gar Sozialhilfe. Er will nicht sein wie die anderen, die, so meint er, nicht arbeiten wollen. Was könnte er alles, ließe man ihn nur.
Er zieht sich zurück, nicht einmal die Eltern dürfen seine Räume betreten. "Ab dieser Zeit habe ich verstärkt Diskriminierungen der Deutschösterreicher und das zunehmende Selbstbewußtsein der anderen Volksgruppen und Religionen feststellen müssen", sagt er über diese Zeit.
Fuchs ist zu einem hochexplosiven Sprengkörper im sozialen Gefüge geworden. Er hat einen IQ von 139. Seine weit überdurchschnittliche Intelligenz hätte ihm eine akademische Karriere erlaubt, wenn es ihm nur gelungen wäre, sie zu entwickeln. Irgendwann begann er, sich wegen seines gescheiterten Lebens zu hassen. Seine Mutter überraschte ihn einmal, wie er alle Fotos aus dem Familienalbum zerriß, auf denen er zu sehen war.
Der mittlerweile krankhafte Haß auf jeden, der anderen Menschen zu einem weniger kläglichen Leben verhilft, konnte nur auf dem Boden eines grenzenlosen Selbsthasses wachsen. Heute ist Fuchs der personifizierte Haß. Politisch sind die Motive nicht, aus denen er sich aufs Sprengen, aufs Händezerfetzen von Menschen verlegte, die sich um Ausländer bemühen, wie man sich um ihn nie bemüht hat.
Am 3. Dezember 1993 detoniert im Pfarrhaus von Hartberg in der Steiermark die erste Briefbombe. Dem Pfarrer August Janisch, der wiederholt in den Medien gefordert hatte, man müsse sich der Balkanflüchtlinge annehmen, wird ein Teil des Daumens weggesprengt.
Die Rohrbombe mit der verheerendsten Wirkung ging am 4. Februar 1995 vor dem Roma-Ghetto in Oberwart hoch. Vier Männer werden zerrissen, als sie eine Tafel mit der Aufschrift "Roma zurück nach Indien!" entfernen wollen. Fuchs sagt dazu nur, daß "die Sache komplizierter war", daß er niemals habe töten wollen. Einer, der bewundernswert mit dem Verlust seiner Hände zurechtkommt, ist der Sprengmeister Theodor Kelz, der mit Hilfe von Prothesen sogar Motorrad fahren kann.
Der prominenteste Zeuge: Helmut Zilk, früher Wiener Bürgermeister, eine robuste Politikernatur. Er wäre beinahe verblutet, als es ihm am 5. Dezember 1993 zu Hause fast die ganze linke Hand wegriß. "Ich habe erst gar nichts gesehen und dann nur das Blut, das sich von mir entfernte. Das Wort ,Blutdruck' seh' ich seitdem differenzierter. Ich lief ins Badezimmer - denn wir hatten gerade die Wohnung renoviert, und kleinbürgerlich, wie man ist, denkt man erst mal an den Teppichboden." Heute trägt er Überzüge über dem Handstumpf jeweils aus der Seide der Krawatte.
"Mir persönlich ist es Wurscht, ob jemand sagt, es hätte tödlich gewesen sein können. Das ist Schnee von gestern. Ich hab' mich daran gewöhnt, mit einer Hand zu leben", sagt Zilk, steht auf, verbeugt sich vor dem Gericht, geht zur Tür und öffnet sie mit dem linken Ellenbogen.
Im SPIEGEL (Chronik 1997) schrieb Zilk zur Verhaftung des Attentäters: "Österreichs veröffentlichte Meinung hielt in der Briefbombenaffäre Weitsichtigkeit für Weitsicht und übersah das Nächstliegende: daß es sich beim wahrscheinlichen Täter schlicht und einfach um einen Psychopathen handelt, der mit gezielter Behandlung aus seiner gewalttätigen Vereinsamung zu holen gewesen wäre."
Tatsächlich tobte in den drei Jahren, in denen Sprengfallen und Rohrbomben plaziert und Briefbomben versandt wurden, in den österreichischen Medien, in Zirkeln, Vereinen und Talkshows ein bizarrer Wettbewerb zur Frage, wem nun die Schuld an den Anschlägen anzulasten sei: den Rechten, den alten und neuen Nazis, Haider, den Burschenschaften, dem braunen, rassistischen Sumpf? Oder den Linksextremisten, die die Rechten provozieren? Spekulationen über die Bombenleger und Hintermänner ohne Ende.
Österreich hatte keine Erfahrung mit Terroranschlägen. Weder war die Exekutive bis dahin mit zeitgemäßen rechtlichen und technischen Instrumenten zur Aufklärung ausgestattet noch gab es eine gefestigte politische Haltung des Widerstands gegen billige Ideologie. So verkamen die Taten und ihre Aufklärung zur beliebig nutzbaren Medienware. Daß Fuchs offenbar ein gestörter Einzeltäter war, ist für Österreich die letzte Bombe, die er hochgehen ließ.
Noch immer wird spekuliert, ob sich nicht doch irgendwo braune Kolonnen einer "Bajuwarischen Befreiungsarmee" formiert haben, deren Handlanger Fuchs gewesen sein will. Rumpelstilz muß aber den Eindruck erwecken, Mitglied einer Schar zu sein, damit er nicht als Spinner abgetan wird. "Dann würde der Eindruck entstehen, es hat nur irgendein Kasperl herumgebastelt", sagt Fuchs zu den Ermittlern. Aber: Ist er denn einer, der sich von irgendwem zum Werkzeug machen läßt?
Die Frage nach dem politischen Nährboden für terroristische Mordtaten und Bekennerschreiben läßt sich mit einem Angeklagten Fuchs und einem Strafverfahren, in dem es um individuelle Schuld geht, nicht beantworten. Österreichs oberster Polizist Michael Sika sagte in einem Interview, es sei für ihn "erschreckend, daß es eigentlich viele Menschen gibt, die ähnlich denken wie Fuchs, die von der Charakterstruktur her ähnlich sind. Es wird allerdings nicht viele geben, die über dieses Umsetzungsvermögen verfügen".
Von Gisela Friedrichsen

DER SPIEGEL 8/1999
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