13.05.2013

OPER„Zensur von Kunst“

Regisseur Burkhard C. Kosminski, 51, über die Absetzung seiner "Tannhäuser"-Inszenierung in Düsseldorf aufgrund von Zuschauerprotesten während und nach der Premiere
SPIEGEL: Herr Kosminski, in Ihrem Operndebüt mit dem "Tannhäuser" des Antisemiten Richard Wagner gibt es eine Szene mit Sterbenden, die aus einer Gaskammer taumeln. Was war Ihre dramaturgische Idee?
Kosminski: In Wagners Oper versündigt sich der sterbliche Tannhäuser, indem er die göttliche Venus liebt. Das lässt sich heute nicht mehr als Skandal erzählen, der zu einem Ausschluss aus der Gesellschaft führt. Mich interessiert das große archaische Thema der Schuld. Wieso sollte man also Tannhäuser nicht zu einem Täter machen, zu einem Kriegsverbrecher? In meiner Inszenierung wird Tannhäuser von Mitgliedern der Wehrmacht gezwungen, eine Familie zu erschießen. Der Abend beschäftigt sich mit individueller Schuld im Nationalsozialismus und während der Entstehung der BRD.
SPIEGEL: Wie haben Sie die Proteste bei der Premiere erlebt?
Kosminski: Es gab Zwischenrufe während der Aufführung. Als ich mich beim Applaus verbeugte, gab es ein Buhkonzert, gemischt mit vielen Bravos. Bei der Premierenfeier wurde ich massiv beleidigt.
SPIEGEL: Nach der Premiere hat auch die Jüdische Gemeinde protestiert - macht das den Fall besonders prekär?
Kosminski: Natürlich bin ich da erschrocken.
SPIEGEL: Michael Szentei-Heise von der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf kritisierte die Aufführung als geschmacklos.
Kosminski: Ob er sie selbst gesehen hat, ist unklar. Sehr gern würde ich mich mit ihm unterhalten. Eine Absetzung hat die Jüdische Gemeinde aber nicht verlangt. Meine Inszenierung verhöhnt Opfer nicht, sondern beklagt sie.
SPIEGEL: Der Düsseldorfer Opernchef Christoph Meyer hat Ihre Inszenierung vor der zweiten Aufführung gekippt, weil Sie sie nicht umarbeiten wollten. Warum haben Sie sich geweigert?
Kosminski: Ich habe zehn Monate vor der Premiere der gesamten künstlerischen Leitung mein Konzept vorgelegt. Allen Beteiligten war bewusst, dass wir auf einen Abend voller Kontroversen zusteuern. In den Endproben bat man mich, die Erschießungsszene etwas zu kürzen, was ich gemacht habe. Warum sollte ich hinterher Szenen herausnehmen oder im Dunklen spielen lassen? Warum das Konzept ändern?
SPIEGEL: Ist Ihr Verhältnis zum Düsseldorfer Opernchef jetzt zerrüttet?
Kosminski: Nein, aber ich bin schockiert und sprachlos und kann seine Entscheidung nicht nachvollziehen. Wir wurden beide massiv unter Druck gesetzt, durch die lokale Presse und die besserwisserische Ignoranz von Menschen, von denen die meisten die Aufführung nicht kennen. Was in Düsseldorf passiert ist, ist die Zensur von Kunst. Das ist der eigentliche Skandal.

DER SPIEGEL 20/2013
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