01.03.1999

KARRIEREPrinz Lothar

Der Ex-Politiker und heutige Jenoptik-Chef Lothar Späth steigt ins Geschäft mit der RisikoFinanzierung ein: Er fördert junge High-Tech-Gründer.
Multimedia-Unternehmer Bernd Kolb, 36, hielt Lothar Späth schon immer "für den Rock'n'Roller der Politik". Am Rande eines Vortrags bat er den früheren baden-württembergischen Ministerpräsidenten um seine fachliche Meinung - und überreichte zum Kennenlernen ein Firmenvideo.
Einen Tag später rief Späth zurück. Ja, er halte viel von dessen Ideen, sagte der Vorstandschef des Ostkonzerns Jenoptik, und er würde der jungen Firma gern helfen. Kolb konnte sein Glück kaum fassen: "Ich habe viele Frösche geküßt, bevor ich einen Prinzen fand."
Inzwischen ist klar: Späth will mit der Internet-Firma ID Media AG des Bernd Kolb an die Börse - und gleichzeitig seiner Jenoptik, hervorgegangen aus dem Carl-Zeiss-Kombinat in Jena, ein neues Geschäftsfeld eröffnen. Späth steigt ein ins Geschäft mit dem Wagniskapital.
Zehn Prozent an Kolbs Firma (Umsatz 1998: 15 Millionen Mark, 160 Mitarbeiter) übernimmt zunächst die Jenoptik-Tochter Deutsche Effecten- und Wechsel-Beteiligungsgesellschaft in Frankfurt, 15 Prozent die Züricher Bank Vontobel. Bei der Aktienemission wollen sich später beide von jeweils der Hälfte ihrer Anteile trennen - und so die eigene Kasse aufbessern.
Nach diesem Muster plant Späths Venture-Capital-Firma für 1999 noch drei weitere Börsengänge mit Firmen der Biotechnik und der Halbleiter-Industrie. Irgendwann soll die Finanzholding auch ihre eigenen Aktien an der Börse verkaufen.
Jenoptik wird somit zum munteren Mitspieler auf einem Wachstumsmarkt, der Finanzierung von Unternehmen. Rund drei Milliarden Mark an Risikokapital haben deutsche Geldgeber 1998 investiert. Das Geschäft jedoch war bislang meist für die Fonds von Großbanken reserviert.
Da will einer wie Späth nicht abseits stehen. Er habe beim Börsengang der Jenoptik im Juni 1998 "gelernt, wie man es macht"; von diesem Know-how könnten andere profitieren.
Während Banken meist stur nach ihren Richtlinien handelten, könne Jenoptik "auf die Lage der Unternehmer eingehen". Außerdem, meint der n-tv-Talkmaster und vielfache Buchautor, könne er nicht immer nur über Verkrustungen in der Gesellschaft und die verbreitete Innovationsschwäche dozieren: "Ich muß eigene Erfahrungen machen und will selbst zu einer Reform beitragen."
Da drängte sich das Zukunftsthema Internet geradezu auf. Sein neuer Partner sei ein "prototypisches Beispiel" für den Wandel der alten Industrienation hin zur Wissens- und Informationsgesellschaft, findet Späth: "Wir müssen einen neuen Mittelstand aufbauen, und zwar in solchen Märkten und nicht im alten Handwerk."
Also tritt der langjährige CDU-Politiker, den sie noch immer alle "Cleverle" nennen, wie gewohnt in vielen Rollen auf: als Vortragsredner und TV-Star, als Firmenchef und väterlicher Patron. Der künftige Aufsichtsratschef der Kolb-Firma kümmert sich auch um prominente Namen fürs Aufsehergremium und telefoniert täglich mit dem Internet-Pionier über dessen Fortschritte. "Die denken, ich sei ein bißchen alt, aber gut", urteilt Späth über seine neuen Freunde aus der Multimedia-Welt.
Die elf Jahre alte ID-Gruppe, die mit Online-Werbung für Firmen wie Reemtsma ("West") oder Swatch startete, organisiert heute über ein eigenes Online-Angebot sogenannte Communities of interest. Das sind Treffen von Leuten, die anonym - etwa als "Mary Poppins" oder "Pallas Athene" - ihre Vorlieben nennen, um mit Gleichgesinnten zu kommunizieren. Die BMW-Fahrer über Motorräder, die Modelleisenbahner über Märklin, die Rap-Fans über Sängerin Lauryn Hill. So können die Chatter - wie nebenbei - von Unternehmen gezielt beworben werden.
"Wir bündeln die Nachfrage", sagt Kolb, "und führen Konsumenten und Produzenten zusammen." Auf der jüngsten Multimedia-Messe in Cannes zeichnete der Chipkonzern Intel Kolbs Online-Treffpunkt Cycosmos aus, vor Konkurrenten wie AOL oder dem US-Dienst Geocities. Zudem entwickelte Kolb in einem komplizierten technischen Verfahren sogenannte Avatare: Kunstmenschen im elektronischen Netz, die den Internet-Surfer durch E-Commerce-Angebote führen oder gleichzeitig unterhalten sollen. So erklärt "Sonya" für Sony digitale Produkte.
Hier entstehe "ein Medienunternehmen der neuen Generation", schwärmt Kolb. Das Projekt werde "ein riesiger Börsenerfolg mit vielfacher Überzeichnung", sagt auch Späth. Das Allerwichtigste in dieser Phase sei, erklärt er, "daß ein Erbsenzähler über die Ausgaben wacht".
Am vergangenen Donnerstag besuchte der Jenoptik-Chef die Tüftler in Hamburg. Im dortigen Schanzenviertel dient eine alte Motorenfabrik im Hinterhof als neues Quartier - "wie in Manhattan", jubelt der Manager. Demnächst zieht die Firmenzentrale aus der schwäbischen Kleinstadt Essingen nach Berlin in ein schickes Loft.
Bedenken kennt der frischgebackene Risiko-Finanzier keine. Daß er im heißen Internet-Geschäft womöglich zu hoch spekuliert, schreckt ihn nicht. "Da wird nicht gefackelt", sagt Späth, "das ziehen wir systematisch durch." HANS-JÜRGEN JAKOBS
Von Hans-Jürgen Jakobs

DER SPIEGEL 9/1999
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