01.03.1999

TÜRKEIDas Ende von Kurdistan

Die Festnahme von PKK-Chef Abdullah Öcalan versetzt die Türkei in einen Machtrausch. Ankara nutzt die Stunde, dem organisierten Kurdentum endgültig den Garaus zu machen. Unter Druck gerät auch Nachbar Griechenland.
Hasan Yilmaz* erfuhr es auf dem Gemeindeamt. Wie an jedem dritten Dienstag im Monat ging der kurdische Obsthändler vom Großmarkt im südostanatolischen Diyarbakir um halb elf zur Stadtverwaltung, um seine Wasserrechnung zu bezahlen und mit den Beamten ein Gläschen Tee zu trinken. Doch an diesem 16. Februar merkte er schon an der Türschwelle, daß etwas nicht stimmte.
Der Gemeindekassierer, mit dem er vor drei Jahren gemeinsam das Rauchen aufgegeben hatte, saß mit gelbem Gesicht vor dem flimmernden Bürofernseher und fingerte sich eine Zigarette nach der anderen aus der Schachtel. "Hast du''s noch nicht gehört?" fragte er, ohne den Blick vom Bildschirm zu lösen. "Sie haben Apo geschnappt und nach Istanbul gebracht. Das ist das Ende des unabhängigen Kurdistan."
Wenig später knatterten über Diyarbakir die Hubschrauber der türkischen Ar-
* Name von der Redaktion geändert.
mee. Hasan Yilmaz ging zum Großmarkt hinüber, schickte seine Leute nach Hause und ließ die Rolläden vor seinem Lager herunter. Auf dem Heimweg fuhr er bereits durch eine belagerte Stadt. An allen Kreuzungen, offenen Plätzen und Tankstellen hatten Polizisten Stellung bezogen. Frauen waren so gut wie aus dem Straßenbild verschwunden. Wo mehr als vier Männer zusammenstanden, sprangen Polizisten dazwischen und scheuchten sie auseinander.
Abends um sieben, es liefen gerade die ersten Bilder vom lallenden, hilflosen Öcalan mit seinen Häschern über die Fernsehsender, kam Hasans Frau verheult ins Wohnzimmer. Ihr Neffe Kahraman, 19 Jahre alt und vor wenigen Monaten erst aus dem Gefängnis entlassen, hatte sich im Dagikapi-Viertel mit Benzin übergossen und angezündet. "Wir wissen nicht, ob der Junge noch lebt", sagte Hasan Ende voriger Woche, "es ist Wahnsinn, doch für diese Kinder ist es anscheinend der einzige Ausweg: Sie verehren Apo abgöttisch."
Wie viele Kurden sich im türkischen Südosten seit Öcalans Festnahme verbrannt haben, ist nicht bekannt. Seit vorvergangenem Sonntag sind die Provinzen des Ausnahmegebiets für die Auslandspresse offiziell gesperrt. Auch in Europa setzten etliche Kurden auf diese Weise ein Fanal und bestätigten damit, was der PKK-Chef Mitte Dezember in einem SPIEGEL-Gespräch prophezeite: "Falls mir etwas zustieße, hätten die Kurden einen Märtyrer, der sie einen würde und ihnen für viele Generationen unvergeßlich bliebe." In Europa, vor allem in Deutschland mit seiner großen Kurdengemeinde, gingen die Solidaritätsdemonstrationen auch vergangene Woche weiter, diesmal überwiegend gewaltfrei.
Die Festnahme des Mannes, für den so viele zu sterben bereit sind, hat die Türkei in eine nationale Hysterie versetzt, Amerikaner und Israelis als mutmaßliche Strippenzieher in arge Verlegenheit und die griechische Regierung zum Kollaps gebracht. Von diesen Schockwellen bekommt der Kurdenchef indes wenig mit. Angeblich weiß er seit seiner Entführung aus Nairobi nicht einmal mehr genau, wo er sich gerade aufhält.
Tatsächlich war der in Kenia gekidnappte Öcalan zunächst zum Verhör in das Hauptquartier der türkischen Spezialpolizei in Gölbasi bei Ankara gebracht worden. Die Leibwächter und Begleiterinnen, unter ihnen Öcalans Übersetzerin und seine angebliche Geliebte Ayfer Kaya, ließ das türkische Sonderkommando in Nairobi laufen.
Öcalan traf erst zwei Tage nach dem Kidnapping - die Medien vermuteten ihn längst auf dem "türkischen Alcatraz" - auf der Gefängnisinsel Imrali im südlichen Marmarameer ein.
Dort sitzt er seit dem 18. Februar - angeblich ohne Handschellen - in einer zehn Quadratmeter großen Zelle und wird in bis zu 14stündigen Sitzungen vernommen. Die Gespräche werden mit Videokameras aufgezeichnet; offizielle Informationen über seine Aussagen gibt es bislang nicht.
Die drei verhörenden Staatsanwälte, die ein Reporter der Tageszeitung "Hürriyet" auf dem Festland zufällig an einer Tankstelle traf, berichten von einem ausgeruhten Öcalan, der den Zigaretten abgeschworen hat, Tee trinkt und entspannt auf alle Fragen antwortet.
Vier Ärzte kümmern sich angeblich um die Gesundheit des Gefangenen. Zwei Vorkoster achten darauf, daß er sich nicht den Magen verdirbt. "Der ist so fit, dem geht es besser als uns", ließ der leitende Staatsanwalt Nuh Mete Yüksel wissen. "Er kriegt alles, wonach er verlangt." Sein häufigstes Wort in den Vernehmungen sei "üzgünüm" (es tut mir leid).
Vergangene Woche hatten die türkischen Zeitungen Reißerisches zum besten gegeben: Öcalan sei völlig zusammengebrochen und erleide einen Weinkrampf nach dem anderen. Er habe eingesehen, "wie unendlich mächtig der türkische Staat ist", bereue seine Taten und liefere in seinem Geständnis alle ans Messer, die ihn jahrelang unterstützt hatten.
Vor allem Griechenland, so der Tenor der Medienkampagne, werde von Öcalan schwer belastet: Dort habe die PKK seit Jahren Trainingscamps unterhalten; das führende Personal der Organisation sei auch stets mit griechischen Pässen zwischen Europa und den Ausbildungslagern in der libanesischen Bekaa-Ebene hin- und hergereist; die Anschläge auf türkische Touristenzentren 1993 und 1994 habe die PKK mit direkter Unterstützung des griechischen Geheimdienstes verübt.
"Was wir hier erleben, ist ein psychologisches Trommelfeuer", sagt Ahmet Zeki Okçuoglu, Koordinator des Advokatenteams, das sich zunächst um Öcalans Verteidigung beworben hatte. "Der türkische Staat läßt schon im Vorfeld des Prozesses eine Stimmung verbreiten, die uns Anwälte in Lebensgefahr bringt und unsere Arbeit unmöglich macht."
Öcalans Geschwister Havva Keser und Mehmet Öcalan hatten Okçuoglu gleich nach der Festnahme um rechtlichen Beistand für ihren Bruder gebeten. Doch erst am vergangenen Donnerstag durften der Anwalt und seine Kollegin Hatice Korkut den Gefangenen besuchen.
Die Unterhaltung dauerte nur 20 Minuten, berichtete Okçuoglu später, und für private Worte war keine Gelegenheit. Öcalan saß an einem Plastiktisch, hinter ihm und den Anwälten standen zwei maskierte Soldaten. Zwar drängte selbst der zuständige Staatsanwalt darauf, den Mandanten und seine Anwälte allein zu lassen, doch die Soldaten lehnten ab: Sie nähmen nur Befehle aus dem türkischen Generalstab entgegen.
Öcalans Augen "waren entzündet, seine Stimme war brüchig, im übrigen schien er gesund". Mehr sei unter den Umständen des Gesprächs nicht zu erfahren gewesen, so Okçuoglu. Über Details der Verteidigung habe man nicht sprechen können. Bereits auf dem Weg nach Imrali war der Bus der beiden Anwälte von einer Menschenmenge mit Steinen beworfen worden; die geplante Pressekonferenz am Freitag mußte wegen weiterer Proteste aufgebrachter Nationalisten kurzfristig in einen anderen Stadtteil verlegt werden.
"Unter diesen Umständen bleibt mir nichts anderes übrig, als mein Mandat für Abdullah Öcalan zurückzuziehen", erklärte Okçuoglu, sein Leben und das seiner Familie sei in Gefahr. "Was dies alles für das internationale Ansehen unserer Justiz bedeutet, ist der Regierung offenbar völlig gleichgültig."
Daß die offizielle Türkei nach Öcalans Festnahme aus dem nationalen Taumel in einen Machtrausch zu verfallen droht, deuteten auch Äußerungen von Staatspräsident Süleyman Demirel an.
Als einen "Schurkenstaat", der "nicht zur zivilisierten Welt gehört", beschimpfte Demirel während eines Staatsbesuchs auf den Philippinen den Nato-Partner und Nachbarn Griechenland. Auf den Einwand, diese Worte erinnerten frappant an die Kriegsdrohung, mit der die Türkei im Oktober Syrien unter Druck gesetzt und zur Ausweisung Öcalans gezwungen hatte, antwortete Demirel sibyllinisch: "Wie jedes Jahr werden auch in diesem Juni an der Grenze zu Griechenland unsere traditionellen Ringer-Wettkämpfe stattfinden."
Gleichzeitig erhöht die türkische Regierung den diplomatischen Druck. Ankara will vor den Vereinten Nationen, dem Europarat und der Nato Beschwerden gegen Athen einbringen: Griechenland soll in die Reihe der "rogue states" aufgenommen werden, jener Verbrecherstaaten, die nach amerikanischer Lesart den internationalen Terror unterstützen: Irak, Iran, Libyen, Nordkorea und Syrien.
Drei Monate hatte Europa Zeit, das Problem Öcalan nach seinen Spielregeln zu lösen. Jetzt, mitten im türkischen Wahlkampf, mit Konzessionen aus Ankara zu rechnen, scheint ziemlich sinnlos. Statt dessen nutzt die Regierung des sozialdemokratischen Kurden-Hardliners Bülent Ecevit mit Militär und Generalstaatsanwaltschaft die Gunst der Stunde, dem organisierten Kurdentum endgültig den Garaus zu machen.
Nächstes Opfer der Kampagne dürfte die Demokratie-Partei des Volkes (Hadep) sein. Die wird fast ausschließlich von Kurden gewählt und steht schon seit langem auf der Abschußliste des türkischen Chefanklägers Vural Savas. Nach - ungenannten - Quellen der Tageszeitung "Sabah" soll Öcalan gestanden haben, Hadep stehe direkt mit der verbotenen PKK in Verbindung.
Öcalans Nachfolger setzten bereits die Dörfler im Südosten unter Druck, Hadep zu wählen, so Staatsanwalt Savas. Deshalb dürfe die bislang legale Kurdenpartei nicht zu den Parlamentswahlen am 18. April zugelassen werden.
Feridun Çelik, Hadep-Bezirkschef von Diyarbakir, bekam die Entschlossenheit des Generalstaatsanwalts schon zu spüren. Mit allen 104 Mitgliedern des Parteivorstandes wurde er festgenommen. "Ich habe keine Ahnung, was seither in Diyarbakir passiert ist", sagt Çelik bitter, "ich habe die ganze Woche im Gefängnis gesessen."
Die innerhalb weniger Jahre zur Millionenstadt angeschwollene Metropole des türkischen Südostens gilt nicht nur den militanten PKKlern als Hauptstadt eines zukünftigen Kurdenstaats. Auch Ankara erkennt mit seinen massiven Sicherheitsvorkehrungen indirekt an, daß hier das Herz des kurdischen Widerstands schlägt.
"Normalerweise patrouillieren täglich zwischen 1000 und 1500 Polizisten in Diyarbakir", sagt Hadep-Anwalt Muharrem Erbey, "seit Öcalans Festnahme haben wir ungefähr die doppelte Besatzung. Sie glauben, wenn sie Diyarbakir ruhighalten, können sie den ganzen Südosten zum Schweigen bringen."
Als Mitte voriger Woche noch viele Geschäftsleute aus Protest ihre Läden weiter geschlossen hielten, griff die Polizei ein. An der nördlichen Ausfallstraße Kosuyolu schlugen Zivilpolizisten mit Spitzhacken die Vorhängeschlösser von den heruntergelassenen Rolläden und traten die Türen ein. Die Geschäfte waren offen, doch weder die Inhaber kamen - noch Kunden.
Hasan Yilmaz hat sein Lager am Großmarkt mittlerweile wieder geöffnet. Das Gouverneursamt setzte die Marktleute unter Druck. Aus Ankara kommen inzwischen Zusagen für Hilfe beim wirtschaftlichen Wiederaufbau Südostanatoliens: Wer jetzt investiere, könne mit schnellen Krediten rechnen, heißt es. Selbst Mercedes-Limousinen wolle der Staat jenen zur Verfügung stellen, die bereit sind, ihr Geld in die desolate Region zu pumpen.
"Dieser Staat kapiert einfach nicht, worum es geht", sagt Hasan Yilmaz. Hier werde schon lange nicht mehr protestiert, weil die Menschen darben: "Unsere Kinder zünden sich an, weil wir seit Jahrzehnten nicht mehr wie Menschen behandelt wurden." BERNHARD ZAND
* Name von der Redaktion geändert.
Von Bernhard Zand

DER SPIEGEL 9/1999
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