18.05.2013

ZEITGESCHICHTE„Intime Beziehung“

Nicht nur die Regierung der DDR profitierte: Um fragwürdige Patientenversuche durchzusetzen, haben Pharmakonzerne zahlreiche Ärzte im Osten korrumpiert.
Bescherung war immer im Frühjahr. Wenn die Vertreter westlicher Pharmakonzerne zur Leipziger Messe anreisten, blieb für DDR-Ärzte kaum ein Wunsch unerfüllt.
Einer von ihnen berichtete der Stasi hinterher begeistert von seinen Erlebnissen. Schon morgens, am Messestand der Pfizer-Tochter Mack, ging es demnach fröhlich los: "Sekt stand auf dem Tisch, dazu eine Stange Zigaretten, für meine Frau übliche Kosmetik."
Weiter zog es ihn zum Schweizer Hersteller Ciba-Geigy (heute Novartis). Man habe ihn "hinter die Kulissen" geleitet und "sehr geschmeidig" behandelt, vermerkte der Orthopäde mit dem Decknamen "Jörg". Auch Degussa, ein Pharmazulieferer aus Frankfurt am Main, strengte sich an, dem vorübergehend etwas enttäuschten Mediziner zu gefallen. Die Geschenke für seine Kinder seien nie angekommen? Sofort versprachen die Manager, die Präsente als "direkte Paketversendung" auf den Weg zu bringen.
Es folgten Bayer, eine britische, eine amerikanische und eine Schweizer Firma. Schon nach wenigen Stunden fühlte sich "Jörg" - damals Abteilungsleiter in einem Krankenhaus im brandenburgischen Schwedt - angenehm benebelt: "Gegen Mittag fast schon im Alkoholrausch und als Thema weniger sachliche Gespräche als Sauereien mit Frauen im Kopf."
Wenn sie jenseits der Mauer neue Arzneimittel erproben wollten, kannten Pharmakonzerne aus der Bundesrepublik und anderen westlichen Staaten wenig Zurückhaltung. Der Regierung in Ost-Berlin zahlten sie Millionenbeträge für umfangreiche klinische Tests; wohl mindestens 50 000 DDR-Bürger nahmen daran teil, oft ohne es zu wissen (SPIEGEL 20/2013).
Nun zeigt sich: Die Abgesandten des Klassenfeinds pflegten darüber hinaus ein korrumpiertes System, um Ost-Ärzte für ihre umstrittenen Medikamentenversuche zu gewinnen. Unternehmen wie Bayer oder Sandoz leisteten sich dazu eigene Lobbyisten, die in der DDR generalstabsmäßig Kontakte aufbauten.
Es war ein Geschäft zum gegenseitigen Nutzen. Die Konzerne kamen günstig an klinische Testergebnisse, ihre Partner im Osten erhielten Bargeld, Geschenke und Medizintechnik für ihre Krankenhäuser. Allein im Jahr 1981 verschickten die Unternehmen an DDR-Wissenschaftler, so berichtete die Stasi, etwa 250 Einladungen zu meist großzügig finanzierten West-Reisen. "Zur Durchsetzung ihrer kommerziellen Interessen", heißt es in den Akten, hätten die Konzerne "Möglichkeiten der Korruption und Bestechung" genutzt.
Nur die Patienten blieben auf der Strecke. Sie wurden weder entlohnt noch ausführlich darüber aufklärt, wofür sie ihren Körper zur Verfügung stellten, berichten Betroffene heute. Eine Entschädigung für erlittene Schäden hätten sie bislang nicht erhalten.
Viele von ihnen haben sich nun beim SPIEGEL gemeldet, einige mit klaren Vorwürfen, andere mit Zweifeln, die sie seit Jahrzehnten in sich tragen. Sie alle erwarten Aufklärung von der Industrie - ebenso wie Bundestagsabgeordnete aller Parteien, die in einer Fragestunde am vergangenen Mittwoch die deutsch-deutsche Affäre um Patiententests zum Thema machten.
Führende Medikamentenhersteller bleiben jedoch weiterhin schweigsam. Der Leverkusener Konzern Bayer, einer der wichtigsten Akteure im DDR-Geschäft, lehnt Interview-Anfragen seit Wochen ohne Begründung ab. Die Hoechst-Nachfolgegesellschaft Sanofi-Aventis teilt mit: "Bitte wenden Sie sich an den Verband forschender Arzneimittelhersteller" (vfa). Der wiederum nennt seine Mitgliedsunternehmen als Ansprechpartner.
Fehler wollen etliche Branchenvertreter bei ihren Ost-Versuchen auch nach den jüngsten Enthüllungen nicht erkennen: "In der DDR entsprachen die Standards für klinische Studien nach unserem Erkenntnisstand dem damals Üblichen", sagt vfa-Hauptgeschäftsführerin Birgit Fischer. Die Vorgaben seien mit den Regeln in westlichen Staaten vergleichbar gewesen.
Warum aber legen viele betroffene Konzerne keine Beweise für ihr angeblich korrektes Verhalten vor? Können sie Einverständniserklärungen ihrer damaligen Testpatienten nicht mehr finden? Oder hat es sie nie gegeben? Und wieso legen sie keine Aufklärungsbögen vor, mit denen Versuchsteilnehmer über Risiken und Nebenwirkungen informiert wurden?
Uwe Böhm ist einer der Betroffenen. Im Sommer 1989, erzählt er, habe er einen Alkoholentzug in einem Ost-Berliner Krankenhaus begonnen. Gleich am ersten Tag habe man ihm eröffnet, dass er zusätzlich zur Entzugstherapie an einer Studie teilnehmen solle.
Dreimal pro Tag gab es daraufhin Nimodipin, ein Mittel zur Verbesserung der Hirndurchblutung, das Bayer damals in der DDR erproben ließ. Böhm erfuhr zwar den Namen der Pille, nicht aber deren Wirkung. "Ich habe mitgemacht", sagt er, "ich hatte ja keine andere Wahl." Tagelang kämpfte er daraufhin, nach seiner Erinnerung, mit unangenehmen Nebenwirkungen: "Ich bin psychisch absolut weggedampft", sagt Böhm. Bis heute bemüht er sich vergebens um Aufklärung über seinen Fall. Der Vorschlag für die Tests sei von den Ost-Ärzten selbst gekommen, erklärte Bayer.
Auch Sylvia Bungers will Gewissheit. Schon längere Zeit vermutet sie, dass an ihrem Vater Medikamente getestet wurden. Nach einem Kreislaufzusammenbruch wurde er im März 1988 in das Krankenhaus Köthen-Süd bei Dessau eingeliefert. Nach kurzer Zeit sei es ihm bessergegangen, sagt Bungers, doch die behandelnde Ärztin wollte den Maurer nicht entlassen. Rund sechs Wochen lang habe man ihrem Vater weiterhin Medikamente gespritzt.
Und nach seiner Entlassung sei er nicht mehr derselbe gewesen, oft habe er sich sehr schlecht gefühlt, erzählt Bungers. "Er hat immer gesagt, ich weiß nicht, was die mit mir im Krankenhaus gemacht haben, aber sie haben mich krank gemacht." Welche Medikamente an ihm erprobt wurden, hat der 1993 im Alter von 59 Jahren verstorbene Arbeiter nie erfahren.
Während Patienten mit ihren Fragen alleingelassen wurden, kümmerten sich die Pharmavertreter mit großer Sorgfalt um ihre Helfer in den Kliniken. Die Firma Boehringer Mannheim, die später vom Schweizer Roche-Konzern übernommen wurde, leistete sich dazu eigens einen promovierten Chemiker in einem West-Berliner Verbindungsbüro. Der Lobbyist besaß sogar etwas Besonderes: ein dienstliches Dauervisum, mit dem er jederzeit in die DDR einreisen konnte.
Dort, beobachtete die Stasi, habe der Boehringer-Angestellte "zu zahlreichen Wissenschaftlern der DDR sehr umfangreiche und teilweise auch persönliche Kontakte" unterhalten und bei Gelegenheit Hochzeitsgeschenke überreicht. Ermittelt wurde obendrein eine "intime Beziehung zur Mitarbeiterin des Büros für Arzneimittelwesen der DDR". Diese Frau überhäufte der Vertreter ebenfalls mit Geschenken; wohl in der Hoffnung, für seine Firma Vorteile aus dieser Beziehung zu erzielen.
Der Boehringer-Mann bemühe sich "sehr intensiv um die Durchsetzung seiner Firmeninteressen", hielt die Stasi fest. Zu den Empfängern von allerlei "Gefälligkeiten" gehörte demnach nicht nur die Dame im Büro für Arzneimittelwesen, sondern auch ein Arzt aus einer Dresdner Poliklinik, der Leiter des Zentrallabors am Bezirkskrankenhaus in Görlitz und ein hochrangiger Mitarbeiter am Sportmedizinischen Forschungsinstitut Leipzig.
Auch Sandoz schickte einen eigenen Lobbyisten in die DDR. Am 3. Juni 1987 fuhr der Mitarbeiter an die Saale, zum Bezirksfachkrankenhaus für Psychiatrie und Neurologie in Bernburg. Ein Arzt sah zu, wie er seine Medikamentenmuster auslud, anschließend sprachen die beiden beim Kaffee übers Geschäft.
Er habe das Problem, teilte der Abgesandte von Sandoz laut Stasi-Protokoll mit, "dass er Medikamentenstudien billig und möglichst umfangreich und wissenschaftlich genau" zu organisieren habe. In der Bundesrepublik werde dies aber "zunehmend schwieriger". Über die Erwartungshaltung seines Besuchers machte sich der DDR-Arzt, von der Stasi unter dem Decknamen "Schubert" geführt, keine Illusionen: "Er will, dass die Studie schnell und komplikationslos abgearbeitet wird. Für ihn ist natürlich jeder Tag, jede Woche, die die Studie länger dauert, Geld."
Die Geschäftspraktiken rund um die Patientenversuche waren offensichtlich mit den Unternehmensvorständen abgestimmt. Davon war zumindest die DDR-Seite überzeugt. Im Fall eines Bayer-Lobbyisten kannte die Stasi sogar dessen Berichte an die Konzernspitze. "In einem solchen Bericht ist vermerkt, welche Personen bestimmte Medikamente oder andere Repräsentationsgeschenke erhalten haben."
Seinen Vorständen empfahl der Bayer-Angestellte demnach, die "alte Arbeitsmethode" fortzuführen. Er bat deshalb "um Überweisung eines Geldbetrages an die jeweiligen DDR-Wissenschaftler".
Nun, Jahrzehnte später, geht es wieder ums Geld, diesmal um die Frage, wer die Aufklärung der Affäre zahlt. Das Bundesinnenministerium will zwar eine umfassende Studie zu den Patiententests zum Großteil finanzieren, erwartet aber, dass sich auch die Pharmabranche beteiligt. Doch die scheint dazu bislang nicht bereit.
Und während Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) verhindern will, dass an Tatorten wie der Berliner Universitätsklinik Charité weiter Akten vernichtet werden, beginnen die Unternehmen nur zögerlich, ihre Archive zu durchforsten. Immerhin haben Konzerne wie Roche oder Boehringer Ingelheim einen Anfang gemacht.
Wichtiger als die historische Aufarbeitung ist aktuell für manche Pharmavorstände eine andere Frage. Sie müssen prüfen, ob Medikamente, die unter den Bedingungen des SED-Regimes getestet wurden, überhaupt zu Recht auf den Markt gekommen sind. Im Bundestag wurde am vergangenen Mittwoch bereits diskutiert, ob Arzneimittel mit zweifelhaftem DDR-Hintergrund ihre Zulassung verlieren könnten.
Von Nicola Kuhrt und Peter Wensierski

DER SPIEGEL 21/2013
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