18.05.2013

KARRIERENDie zweite Chance

Annette Schavan, David McAllister und Norbert Röttgen sind in der Politik gescheitert. Sie suchen nach neuen Zielen - es ist ihre bislang größte Herausforderung.
Als Annette Schavan ihre Rede im Garten der Residenz des deutschen Botschafters beginnt, weiß sie noch nicht, dass sie in wenigen Tagen vom Amt der Bildungsministerin zurücktreten wird. Es ist Anfang Februar, die Ministerin tourt durch Südafrika. Doch die Nachricht aus der Heimat hat sie schon erreicht: Die Uni Düsseldorf hat Schavan den Doktortitel aberkannt. Die Bildungsministerin habe als junge Wissenschaftlerin weite Teile abgeschrieben und nicht als Zitat kenntlich gemacht.
Sie spult ihre Ansprache ab, eine Bilanz der Reise, einige Worte des Dankes, nach über 17 Jahren als Ministerin, zuerst in Stuttgart, dann in Berlin. Sie redet in Kapstadt, doch in Gedanken ist sie in der deutschen Hauptstadt. Sie erkennt, wie unmöglich das wäre - als Forschungsministerin weiterzumachen, die um ihre Doktorarbeit kämpft. Als sie zum Ende kommt und der Applaus ansetzt, so erinnert Schavan sich heute, ist ihr klar: "Das war deine letzte Rede als Bildungsministerin."
David McAllister steht in seinem ehemaligen Amtszimmer in der Staatskanzlei und muss warten. Es ist der 19. Februar, ein Monat nach seiner knappen Niederlage bei der Wahl in Niedersachsen. Eben hat der Landtag seinen Nachfolger gewählt. Die rot-grüne Mehrheit war hauchdünn, aber sie hat gehalten.
Jetzt wartet er in seinem Zimmer, das nicht mehr sein Zimmer ist, und harrt der Ankunft Stephan Weils. Eine halbe Stunde geht das so, dann meldet ein Beamter, dass der neue Ministerpräsident endlich vorgefahren sei.
Als Angela Merkel Norbert Röttgen am 15. Mai 2012 zu sich ruft, hat der Umweltminister keine Ahnung, was auf ihn zukommt. Röttgen hat die Wahl in NRW krachend verloren, aus eigener Schuld. Den Landesvorsitz hat er schon abgegeben, aber Umweltminister in Berlin will er bleiben. Röttgen rechnet damit, dass die Kanzlerin mit ihm besprechen will, wie es mit der Energiewende weitergeht.
Doch Merkel denkt gar nicht daran. Sie wolle einen Neuanfang auf dem Posten des Umweltministers, eröffnete sie Röttgen. Es gebe zwei Möglichkeiten. Entweder trete er selbst zurück, oder sie werde ihn entlassen. "Jetzt geht es um mich", sagte Merkel. Röttgen ist klar, dass die Sache entschieden ist. Keine 24 Stunden später wirft Merkel ihn raus.
Der Moment, in dem Politiker zum ersten Mal realisieren, dass sie vor dem Aus stehen, brennt sich für immer in ihre Erinnerung ein. Der öffentliche Fall ist die härteste Strafe in der Politik. Zu scheitern ist ein Makel, von dem sich eine politische Karriere in der Regel nicht erholt.
Schavan stolperte über einen Skandal, McAllister verlor eine Wahl und Röttgen das Vertrauen der Kanzlerin. In anderen Parteien mögen biografische Brüche die Aufstiegschancen eher noch befördern. Joschka Fischers Weg zum Übervater der Grünen wäre ohne seine 68er-Zeit als Frankfurter Sponti nicht denkbar.
In der CDU aber, der Partei Schavans, McAllisters und Röttgens, erwarten Mitglieder und Wähler vom Spitzenpersonal mittlerweile nahezu keimfreie Biografien. Schließlich beruht die Anziehungskraft der Kanzlerpartei CDU seit je auch auf dem Versprechen von Macht. Daher wird Scheitern nirgendwo weniger verziehen als bei den Bürgerlichen.
Bei allen dreien war Misserfolg im Lebensplan nicht vorgesehen. Im Gegenteil, McAllister und Röttgen hatten zuvor nie eine Wahlniederlage erlitten. Und auch bei Schavan lief stets alles glatt, sieht man von einer Mitgliederbefragung in der Baden-Württemberg-CDU Ende 2004 ab, als es um den Nachfolgekandidaten für den Ministerpräsidenten Erwin Teufel ging.
Die drei hatten Macht, Aufmerksamkeit und einen vollen Terminkalender. Röttgen galt vielen als kommender Kanzler, McAllister als Zukunftshoffnung der Partei. Und Annette Schavan war eine der wichtigsten Vertrauten und Stütze im Machtgefüge der Kanzlerin.
Binnen wenigen Tagen mussten sie sich an den Bedeutungsverlust gewöhnen, an die neue Leere. Ihr Leben wurde brutal entschleunigt. Wie gehen sie damit um? Und welche Zukunft gibt es mit dem Makel, gescheitert zu sein?
Am 1. Februar tagt der Bundesrat, es ist David McAllisters letzte Sitzung als niedersächsischer Ministerpräsident. McAllister ist noch Regierungschef, aber er hat kaum noch etwas zu sagen. Das Amt ist noch da, aber nur noch als Hülle.
McAllister betritt das Büro des niedersächsischen Ministerpräsidenten in der Länderkammer, einen schwimmbadgroßen Raum mit ausladender Sofaecke. Auf den Sofas fläzen sich Beamte. Noch vor zwei Wochen wären sie aufgesprungen. "Könnten Sie uns bitte mal allein lassen", sagt McAllister. Erst jetzt trollen sie sich.
Obwohl seine Regierung in den Umfragen lange zurücklag, hat McAllister mit einer Niederlage nicht gerechnet. Er hatte keinen Plan B für den Fall des Scheiterns.
Jetzt sagt er die üblichen Sprüche. "Endlich hab ich einmal Zeit, für Bücher, fürs Theater." Überzeugend klingt das nicht. Aber was soll er schon sagen?
Scheitern muss man lernen. Es gibt keine Rituale dafür und auch keine Sprache. Politiker redeten immer davon, dass sie ihr Amt nur auf Zeit hätten, sagt McAllister. "Und auf einmal erkennt man, dass es tatsächlich so ist: Man hat sein Amt nur auf Zeit."
McAllister war 39, als er zum Regierungschef gewählt wurde, heute ist er mit 42 der jüngste Ex-Ministerpräsident. Anders als Schavan hat er große Teile seines Berufslebens noch vor sich, anders als Röttgen hat ihn die Kanzlerin nicht mit einem Bann gestraft. Er muss daher nicht ihr Veto fürchten, wenn er nach neuen Posten greift, etwa im Europaparlament.
Fälle wie der seine zeigen, warum es Unsinn ist, dass Scheitern noch immer als Ende in der Karriere gilt. Gerade heute, wo viele jüngere Politiker in höhere Ämter aufsteigen, müsste die Einsicht wachsen, dass eine Niederlage zwar eine Zäsur, aber nicht das Aus bedeuten muss.
McAllister redet noch viel über den Wahlabend, so als müsse er ihn wieder und wieder durchleben. Das späte Umkippen der Hochrechnungen, das knappe Ergebnis, die kurze Stunde Schlaf. Er hat die Mathematik seiner Niederlage stets präsent, die 334 Stimmen etwa, die in Hildesheim fehlten. Und die vier Stunden lange, zermürbende Autofahrt am Morgen danach, im Schnee zum CDU-Präsidium.
In dem Spitzengremium saß er dann, übernächtigt, enttäuscht, erschöpft. Ihm kamen die Tränen.
Abstand findet er, wenn er das Land verlässt. Mit seiner Familie war er ein paar Wochen in Florida. Strand, Disneyland, die Tochter, die vor Cinderellas Schloss fragt, "wohnt hier wirklich Aschenputtel?". "Da war Niedersachsen schon sehr weit", sagt McAllister.
Auch Annette Schavan zog sich erst einmal ins Private zurück. Nach ihrer Rücktrittserklärung reiste sie zu ihrer 84-jährigen Mutter Thea nach Neuss. Sie wollte die alte Dame auf den Sturm in den Medien vorbereiten, der jetzt noch einmal aufziehen würde. Ein letztes Mal.
Knapp drei Monate später, an einem Freitagabend im Mai, sitzt Schavan in Ulm bei einem Italiener an einem runden Tisch, mit dabei sind eine Handvoll Leute von der Jungen Union (JU). Schavan trägt einen Blazer mit bunten Punkten und ist guter Laune.
Die Runde plant Schavans Wahlkampf in Ulm und im Alb-Donau-Kreis. Es geht um ein Grillfest für Studenten.
"Wie wäre es mit einer Aktion - junge Leute für Europa?", schlägt ein JU-Mann vor. Schavan nickt. "Ich spreche mal mit Gröhe, dass wir einen Flyer machen." Gröhe ist Hermann Gröhe, der Generalsekretär der CDU.
"Sollen wir etwas zur Netzpolitik anbieten?", fragt ein anderer JU-Mann.
"Das ist nicht mein Spezialgebiet", sagt Schavan knapp. "Gestern vor einem Jahr bin ich im Netz zum Abschuss freigegeben worden."
Sie sagt das nicht bösartig, sie lächelt sogar. Schavan hat sich stets im Griff, unbedacht äußert sie sich nie. Der Satz fällt trotzdem wie ein Beil in die Diskussion. Da ist sie wieder, die Erinnerung an den Rücktritt.
Am 2. Mai 2012 hatte ein anonymer Autor im Internet eine "Dokumentation mutmaßlicher Plagiate" in Schavans Dissertation aus dem Jahr 1980 veröffentlicht und damit die Affäre losgetreten, an deren Ende ihr Sturz stand.
Schavan hadert nicht mit ihrem Rücktritt. Auf einem Foto, das sie zeigt, wie sie nach der Pressekonferenz mit Merkel das Kanzleramt verlässt, lächelt sie befreit. Sie hat die Worte ihrer Rücktrittserklärung spontan gewählt. "Haste keinen Zettel?", fragte Merkel. "Ne, das geht so", sagte Schavan. Sie war sich sicher, dass ihr die richtigen Worte einfallen würden.
Anders als bei McAllister und Röttgen ist es nicht der Verlust des Amtes, der an ihr nagt, sondern der Angriff auf ihre Würde. Sie empfindet den Vorwurf der Uni, sie habe systematisch getäuscht, als ungerecht. "Es geht nicht um den Titel, es geht um Integrität", sagt sie. Sie klagt gegen die Aberkennung und hat teure Anwälte engagiert.
Norbert Röttgen sitzt in seinem Büro im Reichstag. Es sieht noch so unpersönlich aus wie zu seiner Zeit als Umweltminister, als er nur selten hier war. Es ist ein Jahr her, dass Angela Merkel ihn vor die Tür setzte. Ein Jahr, reicht das, um die Wunden zu heilen?
Röttgen redet nicht gern über Persönliches. Doch schnell wird klar, dass ihm anders als McAllister nicht die Wahlpleite nachhängt. "Niederlagen gehören zur Demokratie", sagt er. Der schnöde Rauswurf durch Merkel, der Verlust des Ministeramtes, das hat ihn schwer getroffen.
Er war immer die Kanzlerhoffnung für die Zeit nach Merkel. Was er auch machte, es fügte sich in die Erzählung des jungen CDU-Kronprinzen ein: der smarte Fraktionsgeschäftsführer, der Umweltminister mit Blick für Zukunftsthemen, der Parteierneuerer mit der Vorliebe für Schwarz-Grün.
Liest man heute über Röttgen, scheint der gleiche Mann ein Totalversager gewesen zu sein.
Scheitern macht wehrlos, niemand kann das besser beschreiben als Röttgen.
Merkel selbst war es, die diese neue, böse Erzählung über Norbert Röttgen in Gang setzte. Weil sie Röttgen so brutal vor die Tür setzte, musste sie den aufgebrachten Parlamentariern gute Gründe für ihre Härte liefern. Die Energiewende sei neben der Euro-Rettung die "Herkulesaufgabe". Deswegen sei "ein personeller Neuanfang" nötig, sagte sie.
Das setzt den Ton für den Umgang mit Röttgen, bis heute. Röttgens Nachfolger, ausgerechnet sein enger Freund Peter Altmaier, ließ in den ersten Monaten im neuen Amt kaum eine Gelegenheit aus, Versäumnisse Röttgens zu erwähnen. "Die Kanzlerin hat gesagt, dass wir für die Energiewende neuen Schwung brauchen. Das ist auch mein Eindruck", sagte Altmaier. Er bilanzierte kühl: Bis zu seiner Amtsübernahme habe es "keine machbaren Ideen dafür gegeben, wie man die zweite Phase der Energiewende so umsetzen kann, dass sie bezahlbar ist und auch funktioniert".
Röttgen sitzt in der Schweigefalle. Wehrt er sich, sähen sich all jene bestätigt, die ihn schon immer für illoyal hielten. Dazu kommt, dass am Ende alle Schuld bei ihm abgeladen würde, sollte er jetzt im Wahlkampf Streit beginnen.
Röttgen sieht seinen Rauswurf als Bestätigung für all das, was falsch läuft im System Merkel. Die Furcht vor Widerspruch, die Kontrollmanie.
Aber er schweigt. Er ist ein Getriebener, er will in der Politik weitermachen und setzt darauf, dass ihn die Partei nach der Bundestagswahl braucht.
Muss Scheitern schlimm sein? Oder müssen sich die Bürger daran gewöhnen, dass Niederlagen zur Politik gehören wie zum richtigen Leben? Sicher, die drei Verlierer fallen nicht ins Bodenlose. Röttgen und Schavan sind im Bundestag und werden im Herbst wohl wiedergewählt werden, McAllister hat ein Landtagsmandat.
Obwohl der Makel bleibt, denkt niemand ernsthaft über einen Abschied von der Politik nach. Auch die CDU wird sich mangels herausragender Talente daran gewöhnen müssen, jüngeren Ex-Spitzenleuten wie McAllister und Röttgen eine zweite Chance zu geben.
Röttgen hat sich erst mal entschlossen, wieder für den Bundestag zu kandidieren. Dazu arbeitet er als Anwalt und schreibt Fachaufsätze für juristische Zeitschriften. Nach der Wahl will er sich wieder stärker in die Debatte in der CDU einmischen, unabhängig davon, ob Merkel Kanzlerin bleibt oder nicht. Dann beginnt für ihn eine neue Spielzeit.
McAllister hat damit begonnen, sein Französisch aufzufrischen. Wenn er mit dem Zug zu CDU-Sitzungen nach Berlin fährt, füllt er Blätter mit Grammatikübungen aus. Er hat sich mit der Kanzlerin beraten, bei einem Italiener in Berlin. Auch seinen politischen Ziehvater, den zurückgetretenen Bundespräsidenten Christian Wulff, hat er inzwischen getroffen. Der rät ihm zur Karriere in Europa.
Annette Schavan ist kürzlich zum ersten Mal selbst mit ihrem Auto von Ulm nach Berlin gefahren, früher war dafür nie Zeit, da musste sie das Flugzeug nehmen. In Berlin hat sie ihre Wohnung ausgeräumt, Bücher gepackt. Vor ein paar Tagen sind die ersten 20 Kisten in Ulm angekommen. Jetzt räumt sie die Bücher ein, zum ersten Mal in ihrem Leben sollen sie alle unter einem Dach sein.
Die ersten Regale sind voll. Von ihrem Arbeitszimmer in einem kleinen Stadthaus kann sie das Ulmer Münster sehen. Sie sagt: "Ich bin auf dem Weg in eine neue Rolle."
Von Peter Müller

DER SPIEGEL 21/2013
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