27.05.2013

BriefeEin kleiner Elchkritiker

Nr. 20/2013, Wie die Öko-Partei in ihrer Gründungsphase von Pädophilen infiltriert wurde; SPIEGEL-Gespräch mit Daniel Cohn-Bendit über seine umstrittenen Äußerungen zu Sex mit Kindern
Ich bin Mitglied der Grünen und betrachte mich als 68er, der sehr begrüßt, dass die Geschichte des sexuellen Missbrauchs endlich aufgearbeitet wird. Dazu passt auch ein Interview mit Hans Magnus Enzensberger als Herausgeber vom "Kursbuch 17", worin aus der Kommune 2 über Sexualität zwischen Kindern und Erwachsenen berichtet wird. Ich hab das damals beim Lesen nicht als Missbrauch betrachtet, heute würde ich immer noch keinen Vorsatz unterstellen, diese "Erziehungsmethoden" aber scharf ablehnen.
Jörg Höhfeld, Herne
Wenn Volker Beck heute dem SPIEGEL sagt, er habe die Forderungen der Pädophilen immer für falsch gehalten und "reine Schwulenpolitik" machen wollen, so passt dies nur schlecht zu seinen eigenen Ausführungen. So schrieb er 1988 - also ein Jahr nach dem Rauswurf der Pädophilen bei den Grünen - in dem Sammelband "Der pädosexuelle Komplex": "Eine Entkriminalisierung der Pädosexualität ist angesichts des jetzigen Zustandes ihrer globalen Kriminalisierung dringend erforderlich, nicht zuletzt weil sie im Widerspruch zu rechtsstaatlichen Grundsätzen aufrechterhalten wird." Daher stellt sich für einen Historiker die Frage, ob Beck jetzt ausdrücken wollte, dass "reine Schwulenpolitik" ohne die Einbeziehung der Sexualität von Minderjährigen unmöglich ist, oder ob er einfach unter der üblichen Karrieristenamnesie leidet.
Prof. Florian Mildenberger, Frankfurt (Oder)
Sehr bitter finde ich Cohn-Bendits Bemerkung, er habe über die Auftritte der Stadtindianer gesagt, die seien meschugge. Er hat also per Faust in der Tasche protestiert und rechtfertigt sich damit. Gerade er hat genau so was mit flammender Rede gebrandmarkt. Er ist auch nur ein kleiner Elchkritiker mit Verteidigung auf Wulff-Niveau.
Steffen Wahler, Hamburg
Die allermeisten kleinen Kinder spielen mit ihren Genitalien, zeigen sie sich gegenseitig und berühren sie. Sie spüren, dass es etwas Besonderes damit auf sich hat, sie schämen sich dann auch wieder und bedecken sich mit Nachdruck. Diese Spiele sind völlig normal, die Unsicherheit liegt bei den Erwachsenen: Wie sollen sie reagieren? Kürzlich sah ich mit einem Dreijährigen ein Buch an, die Bärchen darin waren nackt. Plötzlich fragte er: "Soll ich dir mal meinen Po zeigen?" Ich sagte: "Klar, ich würde gern deinen Po sehen." Er zeigte ihn mir, und ich sagte: "Du hast echt einen klasse Po." Zufrieden zog er seine Hose wieder an, und wir lasen weiter. - Die sexuellen Freiheiten der Kinderladenbewegung bewegten sich exakt entlang dieser Art Bestätigung des kindlichen Narzissmus. Die 68er-Generation fand es richtig, "Klasse Po!" zu rufen anstatt "Pfui, so was tut man aber nicht!". So nämlich, mit tausend Tabus, waren sie meist selbst aufgewachsen und wollten es besser machen. Cohn-Bendit war nicht mehr und nicht weniger als so ein Besser-Macher. Diese Aufregung um ihn, dieses Naserümpfen und In-die-Pädophilen-Ecke-Rücken ist eine widerwärtige Variante von Selbstgerechtigkeit.
Barbara Sichtermann, Autorin, 68erin
Berlin
Mein Kompliment an die beiden SPIEGEL-Redakteure, dass man dem ach so selbstgerechten Menschenfreund Dany le Rouge auch die unangenehmen Sachen nicht erspart und beharrlich bleibt bei der Fragestellung. Was Cohn-Bendit aber hier in der typisch verschwurbelten 68er-Dialektik abliefert, ist einfach dreist und gehört zu den Höhepunkten misslungener Rechtfertigungen in meiner 30-jährigen SPIEGEL-Leser-Karriere!
Klaus Lemacher, Rommerskirchen
Zahme SPIEGEL-Interviewer bedienen Cohn-Bendits Selbstabsolution.
Dr. Clemens Hess, Göttingen
Man darf nicht vergessen, dass die Grünen aus der 68er-Bewegung kommen und die sexuelle Revolution beigetragen hat, andere Tabus zu brechen. Heute können Opfer von sexueller Gewalt offen sprechen, Kinder sind in der Lage, sexuelle Belästigungen zu benennen. Diese Entwicklung ist weit besser als die Scheinheiligkeit davor. Daher Aufklärung bei den Grünen unbedingt, aber keine verlogene Hysterie.
Markus Meister, Kassel
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