27.05.2013

Wie viel Radioaktivität rollt durch unsere Städte, Herr Neumann?

Wolfgang Neumann, 60, unabhängiger Gutachter für nukleare Sicherheit, über Atomtransporte in Deutschland
SPIEGEL: Vor kurzem ging ein Frachter mit radioaktiver Ladung im Hamburger Hafen in Flammen auf. Danach gab es Gerüchte über einen Brennstofftransport, der mitten durch die Stadt fahren soll. Wie viel Radioaktivität rollt denn täglich um uns herum?
Neumann: Es finden sehr viel mehr Transporte radioaktiven Materials statt, als wir ahnen. Die Castor-Transporte machen nur einen winzigen Teil aus. Hinzu kommen Transporte sogenannter Mox-Brennelemente, wie jener Transport, der vor kurzem in Hamburg erwartet wurde. Noch heikler sind die Transporte mehrerer tausend Behälter mit Uranhexafluorid (UF6), die öffentlich kaum Beachtung finden.
SPIEGEL: Worin liegt die Gefahr?
Neumann: Die Behälter von UF6 sind weniger widerstandsfähig. Gleichzeitig kann die Freisetzung von UF6 katastrophale Auswirkungen haben.
SPIEGEL: Warum wird gegen diese Transporte dann nicht protestiert?
Neumann: Weil nur wenige Bürger von ihnen wissen. Sie müssen teilweise nicht mal vom Bundesamt für Strahlenschutz genehmigt werden, weil es sich nicht immer um Kernbrennstoffe handelt - obwohl sie, was die Toxizität angeht, genauso gefährlich sind.
SPIEGEL: Warum wissen wir dann von jedem Castor-Transport?
Neumann: Da spielt Politik eine Rolle. Jeder Transport kann Gorleben als Endlager-Standort festigen. Die Öffentlichkeit erfährt davon, weil ein sehr hoher Sicherheitsaufwand betrieben wird.
SPIEGEL: Sind diese Transporte auch gefährlich für den Bürger?
Neumann: Die Strahlenbelastung ist deutlich höher als bei Behältern, in denen sich beispielsweise unbestrahlte Mox-Brennelemente befinden. Bei diesen wiederum könnte bei schweren Unfällen Plutonium freigesetzt werden. Deswegen werden die Transporte geheim gehalten. Man will verhindern, dass das Material von Leuten gekapert wird, die damit Bomben bauen. Oder dass Terroristen es mit panzerbrechenden Waffen beschießen.

DER SPIEGEL 22/2013
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