03.06.2013

PSYCHOLOGIE„Kinder brauchen Blickkontakt“

Der Hamburger Kinderpsychiater Professor Michael Schulte-Markwort, 56, über die richtige Sitzrichtung im Kinderwagen
SPIEGEL: In fast allen Buggys gucken die Kinder nach vorn, in Fahrtrichtung. Ist etwas verkehrt daran?
Schulte-Markwort: Kleine Kinder profitieren sehr davon, wenn sie Blickkontakt mit Mutter oder Vater halten können. Sie fühlen sich dann sicherer. Das hängt natürlich ab von Alter und Temperament. Nicht jedes Kind, das andersherum sitzt, ist deshalb schon schlecht versorgt.
SPIEGEL: Sie gehören zu den Erstunterzeichnern eines Appells, den die Stiftungsinitiative "für Kinder" organisiert hat. Sie fordert die Hersteller auf, Kinderwagen mit verstellbarer Sitzrichtung anzubieten. Sind Kinder bis zu zwei Jahren wirklich überfordert, wenn von vorn zu viele Umweltreize auf sie einstürmen?
Schulte-Markwort: Einem bindungssicheren Kind genügt es vielleicht schon mit anderthalb Jahren, eine schützende Bezugsperson hinter sich zu wissen. Andere brauchen länger und öfter den Blickkontakt.
SPIEGEL: Kann ein Kleinkind schon ausdrücken, dass es jetzt nicht mehr nach vorn gucken will?
Schulte-Markwort: Ja, zum Beispiel indem es sich abwendet oder aus dem Buggy rausdreht. Viele Mütter erkennen intuitiv, ob ihr Kind gerade gestresst ist und die Blickbeziehung braucht. Die anderen sollte man darauf hinweisen, dass das was Gutes ist.
SPIEGEL: Viele Eltern steigen früh auf einen Buggy um, weil sie den Kleinen möglichst viele Anregungen und Lernreize im Blickfeld bieten wollen.
Schulte-Markwort: Das ist nicht immer richtig. Es kommt nicht auf die Menge der Reize an. Wichtig ist es, eine Balance zu finden zwischen Unterforderung und Reizen, die das Kind als positiv erlebt. Andererseits empfindet es aber auch den Blickkontakt mit den Eltern nicht immer als angenehm. Auch Kinder lassen sich nicht einfach in eine Beziehung zwingen. Da ist Flexibilität gefragt. Deshalb sollte es mehr Kinderwagen geben, in denen sich die Sitzrichtung möglichst einfach wechseln lässt.

DER SPIEGEL 23/2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 23/2013
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

PSYCHOLOGIE:
„Kinder brauchen Blickkontakt“

  • Hilfe für bedrohte Korallenriffe: Das Geräusch der Fische
  • Nach viralem Witze-Video: Zank unter Staatschefs beim Nato-Gipfel
  • Russische Militäreinheit: Ski-Soldaten mit Schlittenhunden
  • Erster Filmtrailer: "James Bond 007 - Keine Zeit zu sterben"