03.06.2013

ESSAYSchieflage

ProQuote oder: Warum der Journalismus mehr Frauen braucht
Der kalte Nieselregen kriecht in meine Kleidung. Es ist Sonntag; bevor ich mich auf den Weg zur Sendung "Günther Jauch" mache, werfe ich einen Blick auf das Etikett meiner dunklen Anzughose: "Made in Turkey". Glück gehabt, nicht "Made in Bangladesh".
Gleich werde ich in der Talkshow mit anderen Gästen über die katastrophalen Missstände in der dortigen Textilindustrie sprechen. Eine ehemalige Näherin ist extra aus Dakar angereist, und auch Entwicklungsminister Dirk Niebel hat bereits in der Runde Platz genommen. Ich fühle mich fehl am Platz: Ich verstehe nicht viel vom Textilmarkt und bezweifle ohnehin, ob solche Runden neben der üblichen Betroffenheit und dem Mitgefühl für die Opfer tatsächlich etwas verändern. Als Physiker verstehe ich vielleicht etwas von schwarzen Löchern, aber nichts von bunten Blusen aus der "Verona Pooth Kollektion 2013", die nun im Schutt der eingestürzten Fabrik auftauchten.
"Mit deiner Hautfarbe hat das nichts zu tun!", hatte man mir versichert, und doch fühle ich mich als schmückendes Beiwerk. Der Quotenausländer in einer Runde, in der Weiße über das Schicksal der anderen diskutieren. "Du bist unsere Stimme", sagen mir wildfremde "Menschen mit Migrationshintergrund", wenn sie mich nach solchen Sendungen auf der Straße ansprechen. Ihr Zuspruch berührt mich. Ja, vielleicht braucht es solche "Stimmen", doch diese zugesprochene Rolle belastet mich auch. So musste ich in Talkshows Politiker mit Wahlslogans wie "Kinder statt Inder" ertragen oder Thilo Sarrazin mit seinen verletzenden Thesen widersprechen. Nie fühlte ich mich frei, denn jede falsche Äußerung wäre fatal für die Sache. Für mich bedeuten solche Auftritte Druck und Verpflichtung. So bereite ich mich besonders gewissenhaft vor, lese seitenlange, unsägliche Äußerungen, studiere im Detail abstruse Statistiken und Argumentationsketten und versuche dann, die oft gefährlich einfache Stammtischpolemik zu entkräften. "Sie sprechen aber ein gutes Deutsch", höre ich dann nach der Sendung von den anderen. Ja, ich spreche deutsch, ich lebe sogar hier!
Am Montagmorgen nach der Sendung begrüßt mich Berlin mit Sonne. Im Flugzeug lese ich den SPIEGEL. "Bordell Deutschland" steht auf dem Titel, und wieder geht es um ausländische Frauen; diesmal allerdings um Frauen mit weniger Textilien. Ich stolpere im Magazin über einen Essay von Thomas Tuma, der sich über Quotenbefürworterinnen auslässt: "Wie unabhängiger Journalismus zum Propagandainstrument verkam". Zwei Seiten hat er verfasst und kritisiert, dass sich ausgerechnet Journalistinnen für mehr Frauen auf Führungspositionen in den Medien engagieren.
Leider fehlen im Aufsatz die ProQuote-Fakten: Es gibt rund 360 Tages- und Wochenzeitungen in Deutschland, aber nur acht Frauen auf deren Chefsesseln. Macht zwei Prozent. Ist es da nicht verständlich, dass die Kolleginnen etwas ändern wollen? Zu eindeutig ist die Schieflage in der Branche; ein einziger Blick auf die Besetzungsraster der Führungsposten in den Medienhäusern reicht aus, um die Offensichtlichkeit des Mangels zu erkennen. Auf der Website des kritisierten Vereins ProQuote sind die Mann-Frau-Statistiken prominenter Zeitungen und Magazine anhand bunter Torten mit Kerzen dargestellt: Blaue Kerzen stehen für männliche Führungskräfte, rote Kerzen für Frauen auf Leitungsposten. Ressortleiter, Chefredakteure, Herausgeber - blaue Kerzen.
Hinter jeder einzelnen Zahl in diesen Statistiken verbergen sich bittere Erfahrungen. Eine fähige Redakteurin, die plötzlich konfrontiert wird mit einer undurchdringlichen gläsernen Decke, eine begnadete Journalistin, die irgendwann in einer Sackgasse steht vor einem Schild, auf dem steht: "Du bist Frau und darfst nicht weiter!" Nur eine kleine Portion Empathie reicht aus, um sich den Frust und die Enttäuschungen hinter den fröhlichen Tortendiagrammen vorzustellen.
Vielleicht besitze ich ja aufgrund meiner Biografie eine besondere Sensibilität, wenn es um die Rechte der "anderen" geht. Dass Näherinnen in Bangladesch für ihre Rechte kämpfen, finden wir alle legitim, doch wehe, die Frauen in Deutschland fordern ihren begründeten Platz! Und ausgerechnet kluge Journalistinnen, prominente Medienfrauen! Das nennt Tuma süffisant "luxuriöse Auseinandersetzung in der Komfortzone einer gesellschaftlichen Elite" und bezeichnet seine engagierte Arbeitskollegin im SPIEGEL, Annette Bruhns, als "rührige" Vereinsvorsitzende. Der reizende Kollege entlarvt sich dabei selbst, denn in seinen polemischen Zeilen dünstet ein bekannter Geruch; ein Muster, das ich immer wieder in solchen Debatten beobachte. Die Argumente gehen aus, und man kontert mit einer Nebelbombe aus Klischees und Unterstellungen und warnt lautstark vor der nahenden Zukunft: Wenn die Kernkraftwerke abgeschaltet werden, dann gehen in Deutschland die Lichter aus, und wenn "geschlechtspolitisch-korrekte Berichterstattung die Zukunft" ist, dann "geht es mit der ganzen Branche und ihrer Glaubwürdigkeit endgültig den Bach runter".
Allein seine Behauptung, ProQuote sei ein "Frauenverein", der "ausschließlich für Frauen kämpft und Frauenseilschaften engmaschig verknüpfen will", verrät mangelndes journalistisches Handwerk, denn auf der Website der Initiative kann jeder sehen, dass sich auch viele Männer für das Ziel einsetzen: vom WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn bis hin zum Leiter der Henri-Nannen-Journalistenschule Andreas Wolfers, und - jawohl -, ich bin auch dabei.
Hier geht es nicht um einen "geschlechterdominierten Club", sondern um ein gesellschaftliches Anliegen. Mehr Frauen in Führungspositionen sind nicht nur wichtig, wenn wir eine familienfreundlichere Arbeitskultur wollen oder eine bereichernde Sicht auf die Dinge. Frauen steigern die Qualität: Als ich vor ein paar Monaten Schwedens Innovationsagentur Vinnova besuchte, betonte der dortige Manager Jan Sandred, wie wichtig die Gender-Perspektive für ein erfolgreiches Forschungsmilieu sei. Er belegte seine These gleich mit einem halben Dutzend Studien. Ein natürlicher Mix aus Frauen und Männern fördert die Effizienz und die Kreativität. Blinde Flecken verschwinden, alte Muster brechen auf - und der Entdeckergeist blüht.
Medien spielen nach wie vor eine wichtige Rolle bei der gesellschaftlichen Bewusstseinsbildung, und somit ist es nur folgerichtig, dass die medialen Schaltstellen stärker mit Frauen besetzt werden sollten. Genau dieses Ziel verfolgt der Verein ProQuote Medien e. V. Doch in der Argumentationslogik von Herrn Tuma darf sich keine Medienfrau für die Rechte von Frauen engagieren, und ein dunkelhäutiger Journalist sollte bei Ausländerthemen möglichst farblos agieren - oder? Im Essay wird ja auch prompt auf den Spruch des legendären Hanns Joachim Friedrichs verwiesen: "Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemeinmacht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache; dass er überall dabei ist, aber nirgendwo dazugehört." Es lebe die journalistische Neutralität und Unabhängigkeit! Doch was, wenn der Journalist von vornherein eben doch irgendwo "dazugehört": mit seiner Hautfarbe oder seinem Chromosomenpaar?
Als ich vor 25 Jahren meine Fernsehkarriere begann, reichte mir ein Aufnahmeleiter im TV-Studio eine Krawatte. Ich lehnte ab, da ich Wissenschaft anders vermitteln wollte. Als der Kollege im Nachbarraum war und vergessen hatte, dass sein Mikrofon eingeschaltet war, musste ich den charmanten Satz hören: "Er sieht aus wie ein Neger, doch mit Krawatte glaubt man ihm wenigstens ..." Das war von ihm sogar nett gemeint, denn er wollte mich schützen vor den angeblichen Vorurteilen der Zuschauer. Für mich jedoch war dieser Satz beißend und schmerzhaft, und ich schwor mir damals, nie im deutschen Fernsehen eine Krawatte umzubinden.
Der begnadete weiße Chefjournalist Friedrichs und auch der Essayverfasser Thomas Tuma mussten solche Krawattenangebote vermutlich nie verdauen. Sie haben nie in ihrer Karriere nur wegen ihres XY-Chromosomenpaars vor einer Mauer gestanden. Ja, ich verstehe nur allzu gut die Medienfrauen von ProQuote, die anno 2013 im aufgeklärten Deutschland endlich ihre Stimme erheben und ihren Platz einfordern. Wer, bitte schön, soll es sonst tun?
Und wie schmerzlich muss es für sie sein, wenn Kollege Tuma in seinem Essay Sätze wie den folgenden schreibt: "Sie sind bei ihrer Vereinsarbeit nicht nur einseitig Partei. Sie sind es leider aus einem schlichten Beweggrund: Eigeninteresse, das sie geschickt als gesellschaftliche Relevanz inszenieren." Schlägt hier Geringschätzung in Neid um?
Mein Flugzeug hat inzwischen Köln erreicht. In der Ankunftshalle geht es vorbei an Glaswänden mit rheinischen Weisheiten: "Jede Jeck es anders." Im Unterton herrscht in Köln wohl immer Karneval, und auch hier ein Déjà-vu-Erlebnis: Das Dreigestirn, bestehend aus Prinz, Bauer und Jungfrau, wird traditionell nur mit Männern besetzt. In dieser Saison bröckelte erstmals die starre Besetzung des Trifoliums. Frauen im Dreigestirn sind immerhin denkbar.
Nachmittags besuche ich meine älteste Tochter: Sie hat gerade ihr Abitur gemacht und will Maschinenbau studieren. Seit ein paar Wochen absolviert sie ihr Vorpraktikum in einer Maschinenfabrik: feilen, drehen, schweißen. Sie steht an einer großen Fräsmaschine, die einzige Frau in der Ausbildungswerkstatt. Ich beobachte, wie sie konzentriert das Werkstück einspannt. Ihr Gesichtsausdruck erinnert mich an die Momente, in denen sie am Klavier schwere Beethoven-Sonaten spielt. Sie ist zierlich, hübsch (oh, ich bin ein stolzer Vater!) und bedient mit Gelassenheit die große Maschine. Mit den Jungs in der Werkstatt kommt sie prima klar, und beim Schweißen sei sie wirklich talentiert, meint der Ausbildungsleiter. Ich platze vor Stolz.
Jahrelang haben meine Frau und ich unseren Kindern vermittelt, dass sie sich nicht von Vorurteilen beeinflussen lassen sollen, doch jetzt, wo unsere Tochter mit Selbstverständlichkeit in der lauten Fabrikhalle werkelt, bin ich es plötzlich, der die Situation für besonders hält. Ich merke, wie sehr die tradierten Klischees noch in mir schlummern und mein eigenes Denken prägen. Ausgerechnet ich bin über das erstaunt, was doch selbstverständlich sein sollte: Eine Frau im Maschinenbau ist genauso natürlich wie eine Frau auf einem Chefsessel.
Während der Fräskopf langsam am Metall entlanggleitet, blinzelt sie mir zu und sagt: "Papa, das wird schon!"
Ranga Yogeshwar, 54, ist Physiker und Wissenschaftsjournalist.
Von Ranga Yogeshwar

DER SPIEGEL 23/2013
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