17.06.2013

INTERNETDer Karten-Spieler

Die Online-Ticketbörse Viagogo zieht mit ihrer Preistreiberei nicht nur den Zorn vieler Fußballfans auf sich. Das Geschäftsgebaren des Gründers verärgert auch seine Investoren.
Das ist er also, der Mann, der die Seele vieler deutscher Fußballfans in Wallung bringt: ein energischer Kerl um die vierzig, breites Amerikanisch, aufgeknöpfter Hemdkragen. Typ gutgelaunter Globetrotter. Gut gelaunt? Zunächst jedenfalls.
Eric Baker ist Gründer und Chef der Internetplattform Viagogo, auf der Tickets angeboten werden für Konzerte oder Fußballspiele - alles, was Eintritt kostet also. Die Seite ist eine Weiterverkaufsbörse, die Preise sind häufig höher, manchmal um ein Vielfaches, als im normalen Vorverkauf.
Vor allem Fußballfans wettern über einen "legalisierten Schwarzmarkt", Abzocke und Wucherpreise. Besonders engagierte Fußballfans haben ein Anti-Bündnis geschmiedet. In vielen Stadien wehen seither auf den Tribünen Banner der Gegner des Internetunternehmers: "ViaNOgo".
Das ist nicht gut für den Ruf einer Firma, die nach eigenen Angaben mittlerweile in fast 50 Ländern der Welt aktiv ist und Tickets im Wert von einer halben Milliarde Dollar umsetzt.
Viagogo verlangt für jeden Deal eine Provision - in der Regel 10 Prozent von dem, der sein Ticket loswerden will, und 15 Prozent vom Käufer.
Für Baker ist all der Fan-Ärger ein großes Missverständnis. Der alerte Kalifornier kam vergangene Woche eigens nach Berlin, um sein Geschäftsmodell zu erklären, auch wenn er erst seinen Lebenslauf zum Besten geben möchte: Abschlüsse in Harvard und Stanford, danach Stationen bei McKinsey und Bain Capital - der Firma des gescheiterten US-Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney.
Steffi Graf und Andre Agassi, aber auch die Medienunternehmer Christiane Kofler und Herbert Kloiber haben in die Ticketbörse investiert. Wenn man Eric Baker dabei zuhört, wie er erklärt, dass Viagogo auch für deutsche Fußballfans ein Segen sei, kann man sich gut vorstellen, wie er Investoren ködert. Vor allem biete Viagogo seinen Kunden eine nie dagewesene Sicherheit. Wenn ein Verkäufer das versprochene Ticket nicht liefere, bekomme er kein Geld. Und man biete dem Interessenten ein Ersatzticket an.
Tatsächlich offeriert die Firma nicht nur Karten einzelner Fans oder Konzertbesucher, die es nicht zur Veranstaltung schaffen oder auf einen schnellen Euro hoffen. Immer mehr Fußballvereine kooperieren mit der Firma und vertreiben Ticketkontingente gewinnbringend über Viagogo (SPIEGEL 9/2013). Der FC Bayern gehört ebenso zu den Mitverdienern wie der FC Schalke oder der VfB Stuttgart.
Eines allerdings haben Viagogo und seine Macher stets lautstark bestritten: dass die Firma selbst in großem Stil Tickets verkauft - und damit doppelt kassieren würde, nämlich am Aufpreis und an der Provision. Auch Baker betonte vergangene Woche wieder: "Viagogo verkauft keine Tickets." Man sei nur Marktplatz für andere.
Erste Risse hatte diese Version bekommen, als britische Enthüllungsjournalisten filmten, wie Viagogo-Mitarbeiter mit Stapeln von Kreditkarten Tickets einkauften. Laut Baker sei es damals nur darum gegangen, einige wenige Ersatzkarten zu besorgen, falls einzelne Verkäufer ihre Karten nicht liefern könnten. Diese Praxis habe man inzwischen eingestellt.
Ein internes Verkäuferhandbuch aus dem Jahr 2010, das dem SPIEGEL nun vorliegt, nährt den Verdacht unlauterer Tricks mehr denn je: "Bitte beachten, dass weder Verkäufer noch Käufer wissen sollen, dass wir der Verkäufer bestimmter Tickets sind", heißt es darin in Großbuchstaben und farblich unterlegt.
Aus dem Papier geht zudem hervor, dass es damals einen besonders eifrigen Verkäufer gab, im Handbuch "Powerseller" genannt. Dieser Karten-Spieler namens Androcapital führte gleich mehrere Verkaufskonten auf der Plattform. Man arbeite "sehr eng" mit ihm zusammen, heißt es, und weiter: "Bitte kontaktieren Sie ihn nicht, und rufen Sie ihn nicht an." Jeder Kontakt müsse über eine bestimmte Mitarbeiterin laufen. Die unmissverständlichen Warnungen sollten wohl eine pikante Personalie kaschieren.
Im US-Staat Delaware, bekannt als Steuerparadies, ist eine gewisse Andro Capital gemeldet. Manager von Andro Capital ist laut einem Vermerk der amerikanischen Börsenaufsicht SEC Viagogo-Chef Eric Baker selbst, der gerade noch erklärt hatte, sein Unternehmen verkaufe keine Tickets. Vergangene Woche in Berlin wird Baker an dieser Stelle plötzlich sehr wortkarg: "Ich bin hier, um über Viagogo zu sprechen."
Fragen zu Andro Capital wolle er nur schriftlich beantworten. Er habe nun mal eine Menge Investmentfirmen und mache eine Menge Geschäfte.
Eine Nachfrage bei seinen Investoren in Deutschland zeigt, dass sich nicht nur die Fans in deutschen Fußballstadien über Bakers Geschäftsgebaren ärgern.
Der Münchner Medienunternehmer Herbert Kloiber (Tele 5) erinnert sich noch gut, wie er Anfang 2006 in Kontakt mit dem Amerikaner kam. Damals hätten US-Finanzinvestoren in der Münchner Medienszene Werbung für das Geschäftsmodell und Baker gemacht. Kloiber berichtet, er habe dem selbstbewussten Gründer die Kontakte zum FC Bayern verschafft. Sein erster positiver Eindruck habe allerdings bald gelitten.
Er habe sich gewundert, so Kloiber, dass er nach seinem Einstieg nichts mehr von Baker gehört habe. "Es gab keine Geschäftsberichte, keine Information, nichts", sagt der Medienunternehmer. Auch wegen der "exorbitanten Provisionen", die Viagogo von seinen Nutzern verlange, habe er entschieden, sich von dem Investment zu trennen. "Das ist mir bis heute deshalb nicht gelungen, weil Eric Baker sich jedem Kontaktversuch entzogen hat", sagt er.
Seine Anwälte hätten bislang nicht einmal eine Adresse des Amerikaners ausfindig machen können. Nun werde er allerdings "beharrlich dranbleiben, da Viagogo offensichtlich - zumindest für Herrn Baker - ein äußerst lukratives Geschäftsmodell ist", sagt der Unternehmer.
Auch Christiane Kofler bestätigt erhebliche Kommunikationsprobleme mit Baker: "Wir haben uns damals alle gefragt, warum wir keinerlei Zahlen zu sehen bekommen, und haben uns darüber ziemlich aufgeregt - ich auch", sagt die Ex-Chefin des mittlerweile eingestellen Senders 9Live. Anders als Kloiber hatte sie ihre Anteile allerdings schon im Jahr 2008 wieder losgeschlagen. Steffi Graf Ventures reagierte bis Freitag nicht auf eine Anfrage.
Und selbst bei manchen Bundesliga-Clubs sieht man den Ticket-Dealer inzwischen kritischer. Der FC Bayern will seine Vereinbarung mit Viagogo nicht verlängern, wenn sie 2014 ausläuft. Der HSV hat den Vertrag zum Saisonende bereits gekündigt. Borussia Dortmund wolle Viagogo gar nicht erst Karten für Heimspiele anbieten lassen, sagt Finanzgeschäftsführer Thomas Treß. Er ärgert sich, dass über die Plattform "immer wieder BVB-Tickets angeboten werden, obwohl sie noch gar nicht im Verkauf sind".
Eric Baker ficht die wachsende Kritik anscheinend nicht an. Sein Unternehmen werde weiterwachsen: "Unser Ziel ist, in allen 200 Ländern der Welt Tickets weiterzuverkaufen, und wenn wir das geschafft haben, kümmern wir uns um die intergalaktische Expansion."
Die Fragen zu Andro Capital und seinen Investoren wollte er schriftlich dann auch nur vage beantworten. Man bleibe dabei, Viagogo kaufe selbst keine Tickets, es sei denn im Rahmen von Kooperationen mit Clubs und Veranstaltern. Möglicherweise seien solche Kontingente auch über intern als "Powerseller" geführte Konten angeboten worden. Bei allem anderen handle es sich um "interne Firmenangelegenheiten". Man habe sicher Verständnis, dass man dazu nichts sage.
Von Ann-Kathrin Nezik und Marcel Rosenbach

DER SPIEGEL 25/2013
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