24.06.2013

AUSSTELLUNGENWikipedia Kunst

Der italienische Kurator Massimiliano Gioni ist der Liebling der internationalen Kunstszene: Seine Schauen, zuletzt auf der Biennale in Venedig, sind intellektuelle Bewusstseinsbomben.
Massimiliano Gioni trägt einen olivgrünen Parka, ein blau-weiß gestreiftes Hemd und schwarze Jeans und sieht aus wie ein Gymnasiast, der schon die ersten grauen Haare bekommt.
"Wonderful show, Massimiliano", sagt der Galerist im teuren Anzug.
"Congratulation, Massimiliano", sagt die Galeristin mit der Hungerfigur.
"I loved it", sagt ein älterer Herr mit orangefarbenen Hosen.
Gioni lächelt, grüßt, bleibt stehen, redet mal kurz und mal nicht, dann geht er weiter, er schwitzt etwas, obwohl es nicht besonders warm ist in der großen Halle, in der die Art Basel stattfindet, die wichtigste Kunstmesse der Welt, wo sich Gier und Geld und Geist auf eine perfekte Weise verbinden und man den hungrigen Magen des Kapitals förmlich knurren hört.
"Tun wir einfach so, als ob wir uns intensiv unterhalten", sagt Gioni in zerknautschtem Englisch, "dann lassen mich die Leute vielleicht in Ruhe."
Er bewegt sich ruhig und systematisch durch die Stände der Galerien, er sieht nicht die Männer mit Gesichtern wie ein Ferrari, er sieht nicht die Frauen mit Blicken wie Eispickel, er ist hier, um das zu tun, was er am besten kann: Kunst anschauen, verstehen, verbinden, neu verbinden, benutzen, um der Welt ein paar Fragen zu beantworten, von denen sie noch nicht wusste, dass es sie gibt.
Massimiliano Gioni ist Kurator, er ist im Moment der Kurator: Er macht wie seine Kollegen weltweit Ausstellungen - mit dem Unterschied, dass seine Schauen intellektuelle Ereignisse sind, spielerisch und spekulativ, provokant und selbstbewusst, wahre Bewusstseinsbomben mit Titeln wie "Younger Than Jesus" oder "Ostalgia". Wo andere Kuratoren Kunst suchen, sucht Gioni Bedeutung.
Er ist damit ein Meister in seiner eigenen Disziplin, er ist längst eine Marke, seine Ausstellungen haben den Gioni- Touch: Der Kurator wurde zum Star im Kunstboom der nuller Jahre - Gioni aber ist mehr als das, ein Denker und Deuter, er formuliert Thesen mit der Kunst, die er zeigt, er schreibt Geschichten, er schlägt mit seinen Schauen breite Schneisen in eine Gegenwart, um zurück in die Vergangenheit zu sehen und um den Blick freizubekommen auf die Zukunft.
Wie das geht, hat er gerade in Venedig gezeigt: "The Encyclopedic Palace" heißt die Biennale-Schau, die ein Wendepunkt sein könnte für die Art, wie Kunst gesehen und gezeigt wird, so schlau, so schön, so sinnlich - Kunst fast wie von einem anderen Stern. Ein Sammelsurium, das seinen Sinn erst nach und nach offenbart: Fotos von wild aufragenden afrikanischen Haarskulpturen, wabernde japanische Tuschezeichnungen, eine wuchernde Riesenskulptur an der Decke, eine alte katholische Kirche, die aus Vietnam eingeflogen worden ist, Zeichnungen, die unter Drogeneinfluss entstanden sind.
Im Arsenale, der alten, langen Halle, geht es dann um Weltmodelle - in dem bezaubernden Video der Französin Camille Henrot etwa wird die Entstehung des Planeten als Internetsuche nachinszeniert, kindlich, naiv, unterlegt mit amerikanischem Sprechgesang. Daneben zeigt Gioni Fotos von Vögeln im Flug und alte Luftaufnahmen, die aus einem Heißluftballon gemacht wurden.
Das Leben ist der Gegenstand dieser Schau - das ist der Unterschied. Die Kunst ist nicht länger Selbstzweck, sie ist wieder zurückgeführt auf das, was sie einmal war: ein Schlüssel zum Verständnis der Welt.
Es ist eine pathetische und auch pädagogische Schau, die seltsam berührt durch den Lebenseinsatz der Künstler: Da baut einer in seiner Garage ein Modell für ein Haus, in dem alles Wissen der Welt gelagert werden kann. Da sammelt einer in der Psychiatrie all die Dinge, die beim Weltuntergang gerettet werden sollen. Da entscheidet einer, als sein eigener Vater durchs Leben zu gehen, indem er sich einen Bart wachsen lässt und zunimmt und nur noch die Kleider seines Vaters trägt.
Es ist aber auch eine Schau, die berauscht: Da treffen die aus dem Unterbewusstsein hochsteigenden Zeichnungen des Psychoanalytikers C. G. Jung auf die wilden Erkenntnismodelle, die der totalitäre Esoteriker Rudolf Steiner mit Kreide auf schwarzes Papier gemalt hat. Da zeigt Gioni manisch bemalte Tagebücher neben Infrarotfotos, die Japaner nachts beim Sex im Park zeigen. Da hängen die grellen Totentanz-Gemälde von Maria Lassnig neben dem Bild eines weißen Pferdes mit High Heels. Und eines der Schlüsselwerke dieser Schau, eine alte Arbeit des Schweizer Duos Peter Fischli und David Weiss, heißt, wie zum Hohn: "Plötzlich diese Übersicht".
Es ist eine Art Wikipedia-Schau, die Gioni aufgebaut hat - es geht um die Frage, ob wir alles wissen können und wissen wollen, es geht um die Frage, wie Wissen organisiert ist, wo die Grenze zwischen Wissen und Wahn ist und welche Opfer wir bereit sind zu bringen, für das Wissen, das Nichtwissen, das Leben.
"Wir leben in einer Welt, die an Bildern erstickt", sagt Gioni, ganz ohne die schlechte Laune, die man bei so einem Satz vermuten könnte. Es ist der Tag vor der Eröffnung der Art Basel, und er sitzt mit einem Bier draußen in einem Café , über ihm spannt sich eine Dachkonstruktion, die die Schweizer Architekten Herzog und de Meuron am Messegelände gebaut haben, ein silbern durchlöcherter Riegel, dessen schiere Größe einen in die Knie zwingt, nicht angenehm, mit einem Loch in der Mitte wie ein offenes Maul, eine gigantische Leere.
Alle zwei Jahre schaut die Kunstwelt nach Venedig, welche funkelnde, berauschende und später dann teuer zu verkaufende Gegenwartskunst die Kuratoren dieses Mal wieder zusammengetragen haben - und alle zwei Jahre wurde das Treiben dort extremer, die Yachten am Canal Grande größer, die Partys wichtiger, die Preise höher.
"Aber ist das der Sinn einer Biennale?", fragt Gioni. Kunst als Trophäenjagd, die Veredelung des Geldes im Zeichen des ewig Neuen - "und was heißt neu?", sagt Gioni, der gleichzeitig jünger und älter aussieht als die 39 Jahre, die er alt ist.
"Meine Provokation", er zögert, "mein Argument", er zögert wieder und setzt anders an: "Wir leben im 21. Jahrhundert", sagt er schließlich, "und deshalb wollte ich in Venedig eine Ausstellung entwerfen, die gleichzeitig historisch ist und gegenwärtig. Denn wir leben im Zeitalter der Synchronizität."
Bye-bye Postmoderne, bye-bye Retro, bye-bye Historismus. Hallo Geschichte, Wunderkammer für die Überlebenden.
Denn die Gegenwartskunst, so scheint es, hat sich erst mal zu Tode gesiegt. Auf der Art Basel lässt sich das gut beobachten: Der Kapitalismus ist in seine feudale Phase eingetreten, und die Kunst, deren demokratische Kraft immer eine Illusion war, macht natürlich mit.
Also treffen sich die Medici von heute beim Champagnerfrühstück, sie kommen mit der "First Choice"-Karte, die die "VIP"-Karte schlägt - es ist ein weltumspannender Adel, der sich hier versammelt, und die Kunst ist, wie eigentlich immer, ein Mittel der Macht, ihre Unsterblichkeit kulturell zu sichern.
Gioni akzeptiert das. Er ist schließlich Italiener, wie die Medici, wie Michelangelo und Leonardo vor ihm, er hat schließlich eine Frau, die in einer Villa aus dem 18. Jahrhundert aufgewachsen ist, schön und groß ist Cecilia Alemani, ebenfalls eine Kuratorin und beim Gang über die Messe immer ein paar Schritte voraus.
Gioni stammt aus Busto Arsizio, einer Industriestadt in der Nähe von Mailand, sein Vater arbeitete in einer Tintenfabrik, seine Mutter war Grundschullehrerin. Er pendelt zwischen Mailand und New York, wo auch seine Frau arbeitet. Für die amerikanische "Vogue" sind sie "art world's new It couple", für ihren Freund, den Kritiker und Kurator Francesco Bonami, "kuratorisches Viagra".
Deshalb tuscheln die Galeristen auch, als die beiden über die Messe laufen, deshalb grüßen sie so freundlich und berühren Gioni am Ellenbogen und schauen betrübt, wenn er vorbeischlendert. Als er Bonami entdeckt, freut sich Gioni, wirkt fast erleichtert, mal kurz nicht gelobt zu werden für den Venedig-Triumph.
Bonami ist deutlich älter als Gioni, so wie auch der andere Freund und Förderer, Maurizio Cattelan, einer der wichtigsten Gegenwartskünstler, der kopflose Pferde an die Wand hängte, einen Mini-Hitler baute und den Papst von einem Meteoriten getroffen zusammensacken ließ - gemeinsam bilden sie im Kunstbetrieb eine Art italienische Powerzelle.
Gioni erzählt gern von seiner Freundschaft mit Cattelan, mit ihm und Ali Subotnick kuratierte er die Berlin Biennale 2006, eine Weile trat Gioni sogar als Cattelans Doppelgänger auf, er gab Interviews in Radio und Fernsehen und hielt Vorträge in dessen Namen - eine Aktion an der Grenze zwischen Verarschung und Konzeptkunst, wie Gioni sie mag.
Begonnen hat er als Kritiker - für das Kunstmagazin "Flash Art" ging er 1999 von Mailand nach New York: Er rutschte ins Kuratieren hinein, bis ihn 2003 die Fondazione Nicola Trussardi engagierte, um in Mailand gegen die übermächtige Fondazione Prada zu bestehen. Er ließ unter anderem einen riesigen Ballon mit der Figur des nackten polnischen Künstlers Pawel Althamer über der Stadt schweben. Neue Orte, sagt er, wollte er für die Kunst finden, neue Perspektiven, "die Kunst und die Story sollten gleich wichtig und gleich stark sein".
Es schien, dass die Kunstwelt auf so einen Geschichtenerzähler gewartet habe. Seine Ausstellungen sind wie eine öffentliche Recherche, sie funktionieren wie Werkzeuge: Gioni setzt den Bohrer an die Gegenwart und schaut zu, ob und wie sie bricht.
Die Biennale im südkoreanischen Gwangju 2010 war so ein Beispiel, sie hieß "10 000 Lives", hier waren vor allem Gesichter zu sehen, realistisch übernah oder comichaft zerfetzt, Hunderte Büsten in einer Vitrine, Che Guevara auf Video, die Skulptur einer nackten Frau, die auf einem weißen Museumspodest sitzt - der Reichtum der Visionen und Selbstbildnisse war berauschend. Das Ergebnis: über 500 000 Besucher.
Gioni, kann man sagen, ist populär. Auch die Biennale in Venedig dürfte ein Zuschauererfolg werden. Seine Shows sind smart und klug, aber ohne einzuschüchtern. Bei der Ausstellung "NYC 1993: Experimental Jet Set, Trash and No Star" im New Museum in New York, wo Gioni Co-Direktor ist, zeigte er die vom späten Pop inspirierten Werke von Künstlern, die damals, 1993, jung waren.
Die fahlen Fotos von Wolfgang Tillmans etwa, die überdrehten Videoarbeiten von Matthew Barney oder die melancholischen Ölporträts von Elizabeth Peyton, neben einem Larry-Clark-Schnappschuss von Leonardo DiCaprio und Kate Moss, beide noch sehr naiv, und den Insignien der Grunge-Revolte gegen das Schöne und Saubere im Pop - es war die Zeit, so die These von Gioni, als das, was Underground war, zum Mainstream wurde: Auch bei dieser Ausstellung schaffte er es, ein Lebensgefühl abzubilden, einen Zeitenwandel deutlich zu machen.
Gerade bereitet Gioni seine nächste Ausstellung vor, sein Blick auch auf die Kunst in Basel ist schon geschärft davon: Es werde um den Nahen Osten gehen, sagt er, mehr wisse er noch nicht. "Aber ich habe natürlich auch hier die Verantwortung, Zusammenhänge deutlich zu machen", sagt er, der jüngste Kurator in der Geschichte der Venedig-Biennale.
"Massimiliano", ruft ihm eine Frau zu, "bravo."
Wenn diese Welt etwas liebt, gerade auf der Art Basel, dann sind es Sieger, und Gioni, der coole Nerd, der clevere Italiener, der sanfte Visionär hat mit ein paar Handgriffen das Spiel verändert und dabei gezeigt, was der Kurator heute ist: eine Art Überkünstler, ein Dirigent, der die Kunst anderer zum Klingen bringt, ein Regisseur, der die Bilder aneinanderreiht und ihnen erst einen Sinn verleiht.
Gioni geht weiter, vorbei an goldenen Kanonen, die mit roten Rosen vollgestopft sind, vorbei an einer Auspuffanlage hinter Glas, vorbei an der Deko-Kunst für Milliardäre in Long Island, Rio und Shanghai.
"Es ist doch großartig", sagt Gioni nach zwei, drei Stunden. "Wo sonst sieht man so viel Kunst auf einem Haufen?"
Er ignoriert sie immer noch, die Industriellen in den gelben Hosen, die Frauen mit den großen Sonnenbrillen.
Aber ist Geld nicht auch nur eines dieser fiktiven Systeme, um die Unordnung der Welt zu überwinden? ◆
Von Georg Diez

DER SPIEGEL 26/2013
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