24.06.2013

Plan B für die Karriere

FILMKRITIK: Im Action-Thriller „World War Z“ kämpft Brad Pitt gegen Zombies. Warum tut er sich das an?
Mitte April erschien im Wiener Holzbaum-Verlag ein bislang unbekannter Text, angeblich verfasst von Thomas Bernhard, eine Kurzgeschichte mit dem Titel "Holzfällen und Niedermetzeln". Es geht darin, wie immer bei Bernhard, um "all diese abscheulichen, widerwärtigen Österreicher", sein Ekel steigert sich diesmal aber in neue Ekstasen. Die Hauptfiguren sind Zombies, wandelnde Untote, "die naturgemäß keinen anderen Wunsch haben, als sich auf noch unverseuchtes Menschenfleisch zu stürzen".
Der Text ist natürlich eine Parodie. Der wahre Autor, ein Spaßvogel mit dem Pseudonym Curt Cuisine, hat mit ein paar Kollegen Werke von Großschriftstellern wie Franz Kafka und nicht ganz so Großen wie Peter Handke ins Zombie-Reich verlegt. Als Vorbild dienten Satiren aus den USA wie "Stolz und Vorurteil und Zombies", sehr frei nach Jane Austen.
Zombies, so lautet eine Regel des Genres seit dem Horrorfilm "White Zombie" von 1932, sind hirntot, aber bewegen sich doch. Ein Zombie bleibt selten allein: Wer von einem Zombie gebissen wird, verwandelt sich selbst in einen. Zombies vermehren sich wie eine Seuche, Zombie-Filme ebenfalls. Hat einer Erfolg, wie 1968 George Romeros "Night of the Living Dead", folgt eine Welle von Nachahmern. Nur einen Fehler sollte man im Umgang mit Zombies nicht begehen, ob als Autor und Regisseur oder als Zuschauer und Leser: das Ganze allzu ernst nehmen.
Auftritt Brad Pitt, 49, Hollywood-Star, Lebensgefährte von Angelina Jolie, Familienvater, im Nebenberuf Chef einer Filmproduktionsfirma namens Plan B. Man ahnt, wie ihn der Zombie-Boom der vergangenen Jahre fasziniert haben dürfte, Kinofilme wie "28 Days Later" oder die Fernsehserie "The Walking Dead". Pitts Firma hat die Schnulze "Eat, Pray, Love" mit Julia Roberts produziert und zuletzt das Gangsterdrama "Killing Them Softly" mit ihm selbst in der Hauptrolle, ein Flop.
Was Brad Pitt und Plan B noch fehlt, ist ein Welterfolg. Der letzte Film, den Pitt mit seiner Star-Power allein trug, war "Troja" im Jahr 2004. Verglichen mit der von Angelina Jolie stagniert seine Karriere.
2006 erwarben Plan B und das Studio Paramount die Filmrechte an "World War Z", einem Zombie-Roman von Max Brooks, dem Sohn des Komikers Mel Brooks. "World War Z" galt als potentielles Blockbuster-Material wie die Superhelden-Comics von Bat- bis Spider-Man, zumal Pitt die Hauptrolle übernehmen wollte. Was lange offenbar niemandem aufgefallen war: In Brooks' Roman gibt es keine Helden.
Damit war der Film eigentlich tot. Aber wie ein Zombie bewegte er sich doch, langsam und mit vielen Opfern, aber unaufhaltsam. Mindestens sechs Autoren dokterten im Laufe der Jahre am Drehbuch herum, Co-Produzenten kamen und gingen, der Regisseur Marc Forster ("James Bond 007 - Ein Quantum Trost") ließ wochenlang Action-Sequenzen filmen, die schließlich im Müll landeten. Pitts Reputation als Produzent stand auf dem Spiel, Paramount ordnete aufwendige Nachdrehs an, der Kinostart musste um sechs Monate verschoben werden.
"World War Z" ist der teuerste Zombie-Film aller Zeiten geworden, Kosten: rund 200 Millionen Dollar. Die Geschichte, auf die man sich schließlich einigen konnte, lautet, nur unwesentlich verkürzt: Brad Pitt rettet die Welt.
"World War Z" beginnt mit einem komplett unrealistischen Szenario: Pitt hat nur zwei Kinder. Er spielt einen Frührentner namens Gerry Lane, einst Mitarbeiter der Uno, der beim Frühstück erfährt, dass in den USA das Kriegsrecht ausgerufen wurde. Die Familie versucht zu fliehen, gerät aber in einen Stau. Zombies haben ein Verkehrschaos verursacht. Um die globale Zombie-Epidemie einzudämmen, muss Lane wieder seinen alten Job bei der Uno antreten. Auf der Suche nach einer Wunderwaffe fliegt er um die Welt, nach Südkorea, Israel und Wales; die jüngsten Zombie-Ausbrüche in Österreich bleiben leider unbeachtet. Apokalypse-Pathos wabert durch die Dialoge. "Die Natur ist ein Serienkiller", sagt ein Mann, bevor er als Zombie-Futter endet.
Es gibt Tausende Zombies in "World War Z", Dutzende konfus inszenierte Verfolgungsjagden, zu viele dramaturgische Sackgassen und nur einen einzigen Witz: Moritz Bleibtreu, der sonst charismatische Deppen spielt, wurde als introvertierter Wissenschaftler besetzt. Modern wirkt der Film nur, wenn die Zombies in Trance verfallen. Mit ihren verrenkten Gliedmaßen und den verzerrten Gesichtern ähneln sie dann Figuren aus Gemälden von Francis Bacon.
Was "World War Z" für Pitts Karriere bedeutet, ist noch unklar. Öffentlich bemühen sich Verantwortliche um Schadensbegrenzung, es gibt subtile Distanzierungen getreu der Regel, wonach der Erfolg viele Väter hat, der Misserfolg aber nur einen. Paramount-Chef Brad Grey ließ sich in "Vanity Fair" mit dem Satz zitieren, er sei kein großer Zombie-Fan, "aber ich bin ein Fan von Brad Pitt". Soll wohl heißen: Falls der Film floppen sollte, ist das allein Brad Pitts Schuld.
Kinostart: 26. Juni.
Von Martin Wolf

DER SPIEGEL 26/2013
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