AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 47/2017

Internet-Milliärdär Dommermuth über Google und Co. "Gegen die sind wir alle längst Zwerge"

1&1-Gründer Ralph Dommermuth zeichnet ein düsteres Bild. Die deutsche Politik sei mitverantwortlich dafür, dass US-Konzerne die Digitalwirtschaft beherrschten. Was schlägt er vor?

Unternehmer Dommermuth in der United-Internet-Zentrale in Montabaur
Christoph Papsch / DER SPIEGEL

Unternehmer Dommermuth in der United-Internet-Zentrale in Montabaur

Ein Interview von Armin Mahler und


SPIEGEL: Herr Dommermuth, Ihre Branche gilt im politischen Berlin gerade als Krisengebiet. Deutschland rangiert in Sachen schnelles Internet hinter Uruguay und Kolumbien. Wie konnte das passieren?

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 47/2017
Mitten in Deutschland - Hetze und Einschüchterung im Namen Erdogans

Dommermuth: Das hat vor allem historische Gründe. Die alte Bundespost hat Kupfer-Doppeladern als Hausanschlüsse fürs Telefon verlegt. Die wurden bei der Privatisierung an die Telekom übergeben. Sie hat diese alte Technologie immer weiter ausgebaut und internetfähig gemacht, aber eben nicht in neue, moderne Glasfaserhausanschlüsse investiert. Nun ist das Kupfer ausgereizt.

SPIEGEL: Deshalb soll künftig, so die jüngsten Pläne in Berlin, nur noch der Glasfaserausbau gefördert werden.

Dommermuth: Das wäre schön und sinnvoll, aber davon, dass zukünftig ausschließlich Leitungen, die zu Glasfaserhausanschlüssen führen, gefördert werden, ist in den Papieren, die in Berlin zirkulieren, nicht die Rede. Stattdessen spricht man von Ausbauabschnitten.

SPIEGEL: Was heißt das?

Dommermuth: Damit ist gemeint, dass man auch zukünftig den Glasfaserausbau fördern will, der nicht im Haushalt, sondern an einem Übergabepunkt im Netz endet. Also zum Beispiel in den grauen Telekomverteilerkästen am Straßenrand. Entscheidend ist aber, welche Bandbreite im Haus ankommt, wenn Sie künftig beispielsweise Videos in 4K- oder 8K-Qualität streamen wollen. Es müsste besser heißen: Wir fördern mit unser aller Steuergeldern nur noch Glasfaserstrecken, die bis in die Häuser führen. Sonst wird sich nicht viel ändern, auch nicht im internationalen Vergleich. Leider!

SPIEGEL: Hat die Telekom also effektiver lobbyiert als Sie?

Dommermuth: Es scheint jedenfalls so, als hätte da jemand gut aufgepasst. Auf die Formulierung "Glasfaserausbauabschnitt" kommt doch kein Politiker. Das aber ermöglicht, dass die Telekom weiterhin Fördergelder für den Vectoringausbau beantragen kann - von den in den vergangenen Jahren vergebenen Milliarden hat sie übrigens rund 80 Prozent erhalten. Zudem hat der Staat ihr exklusiv besonders lukrative Ausbaugebiete, die sogenannten Nahbereiche, zugeschlagen. Und gerade macht sich das Wirtschaftsministerium in Brüssel stark, dass die Telekom bei neuen Glasfaserhausanschlüssen aus der Regulierung entlassen wird und sich ihre Wettbewerber größtenteils selbst aussuchen darf. Aus meiner Sicht gibt es definitiv einen politischen Protektionismus zu ihren Gunsten, neudeutsch würde man sagen: Die Politik ist Telekom-minded.

SPIEGEL: Immerhin halten Staat und KfW zusammen noch rund 30 Prozent am ehemaligen Monopol. FDP und Grüne würden sie gern verkaufen und die Erlöse in die Glasfaserförderung stecken. Was halten Sie davon?

Dommermuth: Ich wüsste zumindest nichts, was dagegenspricht.

SPIEGEL: Der Telekom-Chef schon. Wenn beispielsweise Amazon, Google oder ein Netzgigant aus China einsteigen würden, hätten die womöglich noch weniger Interesse, in den Ausbau zu investieren. Und er sieht die Cybersicherheit in Gefahr.

Dommermuth: Das Ausbau-Argument würde nur überzeugen, wenn die Telekom bisher massiv in Glasfaserhausanschlüsse investiert hätte. Einen Einstieg von Investoren außerhalb der EU mit mehr als 25 Prozent könnte die Bundesregierung verhindern. Und Cybersicherheit? Ich bitte Sie. Wir betreiben ein bundesweites Glasfasernetz, zu unseren Kunden zählen Bundesländer, Behörden, Konzerne. Und auch die Mobilfunkkonkurrenten O2 und Vodafone haben keinen Staatsanteil.

SPIEGEL: Sie selbst sind seit 30 Jahren in der Branche. Warum haben Sie eigentlich nicht viel früher angefangen, in Glasfaser zu investieren?

Dommermuth: Nun ja, ich habe damals als One-Man-Show angefangen. Für Investitionen in eigene Netze brauchen Sie eine große Finanzkraft, die wir erst mit der Zeit erreicht haben. Seit der Übernahme von Versatel vor drei Jahren betreiben wir mit rund 44.000 Kilometer Länge das zweitgrößte Glasfasernetz und erweitern es jährlich um mehr als tausend Kilometer.

SPIEGEL: Die FDP fordert ein Digitalministerium, die Kanzlerin favorisiert einen Staatsminister bei sich im Kanzleramt. Was wäre besser?

Dommermuth: Die Verteilung auf unterschiedliche Ressorts hat nach meiner Beobachtung in den letzten Jahren dazu geführt, dass sich am Ende keiner verantwortlich fühlte. Wir sollten die Zuständigkeiten bündeln und den- oder diejenigen mit weitreichenden Befugnissen ausstatten. Ob Staatsminister oder Ministerium ist nicht entscheidend.

SPIEGEL: Sie haben der CDU im Wahlkampf eine halbe Million Euro gespendet, die größte Einzelspende überhaupt. Warum, wenn Sie so unzufrieden sind?

Dommermuth: Ich habe als Privatperson gespendet, nicht für das Unternehmen.

SPIEGEL: Mindestens so entscheidend wie die Qualität der Netze ist das, was darin passiert. Tut die Politik in Berlin genug im Umgang mit Giganten wie Google, Facebook und Amazon?

Dommermuth: Ich will wirklich nicht über alles mäkeln. Aber wir schauen schon seit Jahren zu oder reagieren viel zu langsam, während diese Plattformen ihre Marktmacht nutzen, um sich in immer mehr Geschäftsfeldern auszubreiten und die Regeln für den Marktzugang zu bestimmen.

SPIEGEL: Die Angebote dieser Plattformen scheinen viele Menschen einfach zu überzeugen. Haben Sie denn konkrete Hinweise auf Missbräuche der Marktmacht?

Dommermuth: Oh, eine Menge. Wenn Sie beispielsweise heute ein Android-Handy kaufen, müssen Sie zuerst eine Googlemail-Adresse einrichten, um das Gerät richtig nutzen zu können und Apps zu laden. Dieses zwangsweise "Bundling" müsste dringend verboten werden. Als Microsoft vor Jahren Windows-Nutzern vorschrieb, den hauseigenen Browser zu benutzen, schritt die EU ein. Der Marktanteil des Internet Explorers ging seitdem von 95 Prozent auf 8 Prozent zurück - so toll und innovativ kann das Produkt also nicht gewesen sein.

SPIEGEL: Immerhin hat die EU-Kommission jüngst eine Rekordstrafe gegen Google verhängt, weil die Suchmaschine eigene Shoppingangebote bevorzugt, und fordert massive Steuernachzahlungen von Apple und Amazon.

Dommermuth: Das kommt viel zu spät und dauert viel zu lange. Apple, Google und Amazon haben unendlich viel Geld und eine unglaubliche Macht über ihre Plattformen. Sie sehen zum Beispiel in ihren Stores, welche Apps gut funktionieren, kopieren diese und bieten sie dann prominent an. So lief es unter anderem mit Apple Music und Google Play bei Spotify. Denn selbst wenn Sie - wie Spotify - früher dran sind und sogar das innovativere Produkt haben, können Google und Co. Sie jederzeit alt aussehen lassen. Viele erfahrene Investoren prüfen vor einem Einstieg zuerst, ob das, was das jeweilige Start-up macht, auch ein Thema für die großen US-Plattformen sein könnte. Und wenn sie das bejahen, dann lassen sie die Finger davon. Solche Konkurrenten will keiner haben - gegen die sind wir alle längst Zwerge.

SPIEGEL: In den USA wird inzwischen sogar eine Zerschlagung von Konzernen wie Amazon diskutiert. Was halten Sie davon?

Dommermuth: Das ist nicht mein Ansatz. Ich habe nichts dagegen, dass jemand gute Geschäfte macht - aber unter fairen Bedingungen. Es darf nicht sein, dass ein Unternehmen seine Marktmacht in einem Bereich nutzt, um in einem anderen Bereich ein schlechtes Angebot durchzusetzen.

SPIEGEL: Gibt es in diesem Geschäft überhaupt noch Platz für deutsche oder europäische Unternehmen?

Dommermuth: Ja, aber nur in Marktnischen. Denn insbesondere im Silicon Valley ist innerhalb von 65 Jahren ein einzigartiges Ökosystem entstanden, das wir nicht nachbilden können. Es besteht aus einem großen Kapitalmarkt und risikobereiten Investoren, die das Thema verstehen, aus Eliteuniversitäten, die Talente aus der ganzen Welt anziehen, aus finanzstarken Konzernen, die jede Innovation, die irgendwo entsteht, nachbauen oder kaufen können. Wie wollen Sie diesen Vorsprung aufholen?

SPIEGEL: Dann müssen wir damit rechnen, dass diese Konzerne weiter einen Markt nach dem anderen aufrollen?

Dommermuth: Die Dramatik der Entwicklung wird immer noch unterschätzt. Am Anfang hat das US-Ökosystem Hard- und Software hergestellt, wie wir Maschinen und Autos gebaut haben. Das war nicht weiter dramatisch. Aber mit der Vernetzung drängen die Tech-Konzerne plötzlich in alle Branchen. Egal ob Sie ein deutsches Buch lesen, eine Reise ab Deutschland buchen oder einen deutschen Film sehen wollen - das machen Sie alles hauptsächlich mit amerikanischen Konzernen. Und so geht das Schritt für Schritt weiter. Denn die Zahl der Nutzer lässt sich nicht mehr beliebig steigern, also müssen die Tech-Riesen immer mehr Dienste anbieten, um weiter mit 20 bis 30 Prozent zu wachsen. In allen Branchen werden digitale Plattformen versuchen, sich zwischen die Unternehmen und ihre Kunden zu schieben und die Regeln zu bestimmen.

SPIEGEL: Wie funktioniert das konkret?

Dommermuth: Ein Beispiel: Anfang des Jahres wurde auf der Consumer Electronics Show ein Gehstock gezeigt, der mit Sensoren und GPS ausgestattet ist. Er kann, wenn er länger nicht bewegt wird oder wenn er umfällt und nicht wieder aufgehoben wird, Angehörige alarmieren. Nehmen wir an, Sie hätten diesen innovativen Stock erfunden. Dann müssten Sie trotzdem damit rechnen, dass jemand, der keine Ahnung von Gehstöcken hat, Ihnen das Geschäft wegnimmt. Denn es wird morgen eine mächtige Gesundheitsplattform geben. Die loggt die Menschen ein, wenn sie auf die Welt kommen, sammelt ihre Lebensgewohnheiten, Fitness- und Gesundheitsdaten und vernetzt diese unter anderem auch mit modernen Gehstöcken. Sobald die Plattform den Markt beherrscht, wird sie Standards vorgeben, auch für intelligente Stöcke. Und Sie werden dafür bezahlen müssen, wenn Sie mit Ihrem Gehstock diese Standards nutzen wollen. Zusätzlich wird die Plattform am Ende Stöcke verkaufen. Schritt für Schritt wird Ihr Produkt also austauschbar, die Plattform Ihr wichtigster Vertriebsweg und die Wertschöpfung woanders stattfinden.

SPIEGEL: Warum wird diese Dramatik nicht erkannt?

Dommermuth: Wer ist denn heute politisch aktiv? Jedenfalls nicht die jungen Digitalunternehmer. Und dann geht's unserer Wirtschaft ja auch gerade gut. Ist doch alles prima. Was auf uns zukommt, wird gern ausgeblendet.

SPIEGEL: Sie zeichnen ein düsteres Bild für deutsche Technologieunternehmen.

Dommermuth: Wir haben viele Unternehmen mit guten Aussichten, digitales Geschäft zu machen. Aber sie müssen nach den Regeln der amerikanischen Konzerne spielen. Alle müssen überlegen, wie sie mit diesen großen Plattformen klarkommen.

SPIEGEL: Zu diesen Wachstumsfirmen zählt auch Rocket Internet, Sie halten acht Prozent an dieser Start-up-Schmiede, mussten bisher aber schon einen dreistelligen Millionenbetrag abschreiben.

Dommermuth: Wir haben Rocket Internet vor vielen Jahren zusammen mit Oliver Samwer und seinen Brüdern gegründet, sind später aber wieder ausgestiegen. Parallel dazu haben wir gemeinsam in junge Internetfirmen investiert. Diese Beteiligungen brachten wir in Rocket Internet ein, was dazu führte, dass wir beim Börsengang 70 Millionen Euro außerordentlichen Gewinn ausgewiesen haben. Wenn Sie die Abschreibungen erwähnen, sollten Sie das nicht unter den Tisch fallen lassen.

SPIEGEL: Was ist an Rocket so spannend? Deren Beteiligungsfirmen kopieren doch größtenteils amerikanische Geschäftsmodelle. Neue Ideen stecken nicht dahinter.

Dommermuth: Ich hatte auch keine große, völlig neue Idee. Ich habe weder die Glasfaser noch die E-Mail erfunden. Und auch nicht die Homepage oder den Cloud-Server. Trotzdem sind wir heute der größte europäische E-Mail-Anbieter und der führende Webhoster.

SPIEGEL: Wie passt das zusammen: der eher bodenständige Unternehmer Dommermuth und der schillernde Rocket-Chef Oliver Samwer, der sich selbst als aggressivsten Unternehmer im Internet bezeichnet?

Dommermuth: Abgesehen davon, dass er superclever ist: Es gibt in unserer Branche niemanden, der so hart arbeitet wie Oliver Samwer. Ich bewundere Leute, die ein Ziel haben und über viele Jahre dranbleiben. Noch wichtiger ist aber, dass uns eine gute Freundschaft verbindet.

SPIEGEL: United Internet ist aktuell elf Milliarden Euro wert. Sie selbst sind mehrfacher Milliardär. Was treibt Sie noch an?

Dommermuth: Das ist eine gute Frage. 1995 habe ich zum ersten Mal Firmenanteile an Private-Equity-Gesellschaften verkauft, da war ich 31 Jahre alt und hätte schon nicht mehr arbeiten müssen. Aber es macht mir immer noch Spaß. Und natürlich habe ich auch eine Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern und den Aktionären.

SPIEGEL: Sie besitzen immer noch 40 Prozent des Unternehmens. Waren Sie nie in der Versuchung, Ihren Anteil zu verkaufen?

Dommermuth: Anfragen gab es. Doch was hätte ich am Tag danach gemacht? Ich gehe gern mal segeln, aber nach zwei Wochen freue ich mich wieder aufs Büro. Also mache ich weiter - mir ist noch nichts Besseres eingefallen.

SPIEGEL: Herr Dommermuth, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.



© DER SPIEGEL 47/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.