AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 44/2017

Evangelische Kirche "Reformation ist mehr als Luthers Verdauungsprobleme"

Mit Festgottesdiensten, Festakt und einem Feiertag für alle enden die Reformationsfeiern - und die evangelische Kirche streitet über vertane Chancen.

Kunden beim Lagerverkauf in Wittenberg: "Den Reformatoren hätte es gefallen"
Dawin Meckel / Ostkreuz / DER SPIEGEL

Kunden beim Lagerverkauf in Wittenberg: "Den Reformatoren hätte es gefallen"


Jetzt, kurz vor Schluss, ist alles noch mal richtig gefragt, was mit Luther zu tun hat. Trinkbecher für 50 Cent das Stück, bedruckt mit flotten Sprüchen und besonders geeignet, um "Vereinsheim oder Gartenhaus neu auszustatten", wie die Werbung verspricht. Ebenso Luther-Kekse, Luther-Bonbons, Luther-Picknickdecken.

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Heft 44/2017
Forscher entschlüsseln, wie Persönlichkeit und Intelligenz entstehen

Der Verein Reformationsjubiläum 2017, den die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) eigens zur Organisation ihrer Luther-Feierlichkeiten gegründet hat, lädt zum Lagerverkauf. Was vom Jubiläumsfest übrig ist, soll raus. Der Andrang in Wittenberg ist groß, vor dem Eingang einer Turnhalle aus rotem Backstein hat sich eine Traube Menschen gebildet. Bald schleppen die ersten Käufer sogar Banner, die eigentlich Bauzäune verschönern sollten, als Trophäe durch die Straßen der Lutherstadt in Sachsen-Anhalt.

Wittenberg ist der wichtigste Veranstaltungsort des Reformationsjahrs, hier predigte einst Martin Luther, hier hämmerte er laut der Legende im Jahr 1517 seine Thesen an die Türe der Schlosskirche. Der Festreigen zum Jubiläum mit mehreren Tausend Veranstaltungen in ganz Deutschland endet am Dienstag. In Wittenberg wird es dann noch einmal pompös.

In der Schlosskirche und der Stadtkirche finden Festgottesdienste statt. "Reformationsbotschafter" wie die ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann und der Schauspieler Samuel Koch werden kommen. Später gibt es einen Festakt im Stadthaus von Wittenberg, zu dem die gesamte deutsche Staatsspitze erwartet wird. Angela Merkel hält eine Rede, die öffentlich-rechtlichen Sender übertragen live. Und ganz Deutschland hat frei, erstmals anlässlich des Reformationstags.

Kurz vor Schluss hat auch der Rat der EKD schon einmal Bilanz gezogen. Das Jubiläum habe eine "beeindruckende öffentliche Präsenz" entfaltet, loben sich die Veranstalter. In einer Zusammenstellung der wichtigsten Ereignisse für die Medien heißt es: "Luther und den Reformatoren hätte es gefallen."

Ob dies das verbliebene Kirchenvolk auch so empfindet, ist freilich offen. Tatsächlich wäre es ein Erfolg gewesen, wenn überall ein Andrang geherrscht hätte wie beim Kehraus in der Turnhalle. Viele Veranstaltungen aber blieben hinter den Erwartungen zurück. Kritiker bemängeln hohe Kosten, fehlende Besucher, ein unklares Konzept und eine fehlende Botschaft. Sie stammen nicht aus einem säkularen oder gar kirchenfeindlichen Umfeld, der Unmut kommt aus den eigenen Reihen. Und es sieht nicht so aus, als sollte der Abschluss versöhnlich verlaufen.

Am Anfang waren alle hoffnungsfroh. Im September 2008 plante die EKD in Wittenberg ein einmaliges Ereignis. Es sollte nicht ein einziges Fest geben oder nur ein Jahr lang gefeiert werden, sondern gleich eine ganze Dekade. Im Mittelpunkt: Luther und die Hammerschläge - die Luther-Dekade.

Damals blickte die Protestanten neidvoll auf die katholische Konkurrenz, wo die Spiritualität plötzlich boomte und der deutsche Papst Benedikt XVI. auch bei Jugendlichen gut ankam. Die EKD-Leute ließen sich von Touristikfachleuten erzählen, dass eine solche Reformationsdekade international ein Potenzial wie die Fußballweltmeisterschaft in Deutschland habe, die damals gerade zwei Jahre her war. Der Traum von einem Reformationssommermärchen war geboren.

Es werde nicht nur ums Feiern gehen, versprach die EKD. Sie gab eine Neuüberarbeitung der Lutherbibel in Auftrag, der damalige Ratsvorsitzende Wolfgang Huber kündigte an, auch die Strukturen der Kirche zu reformieren. Wenn das Gedenken ökumenisch ausfallen würde, so das Kalkül, schien sogar der Besuch des katholischen Papstes zum Jubiläum denkbar.

Der Staat unterstützte die Kirche bei ihren großen Plänen. 2011 sprach sich der Bundestag dafür aus, den 31. Oktober 2017 bundesweit einmalig zum staatlichen Feiertag zu machen. Alle Bundesländer folgten, sodass in diesem Jahr nicht, wie sonst, nur die Menschen in den fünf neuen Bundesländern arbeitsfrei haben. Auch staatliches Geld floss reichlich. Allein 50 Millionen Euro gab der Bund. Mehr als 150 Millionen Euro steuerten Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen bei, hauptsächlich um historische Bauten zu erneuern.

Doch in diesem Jahr setzte Ernüchterung ein. Der neue Papst kam nicht nach Wittenberg, die Kirchenoberen mussten nach Rom reisen. Zugleich wuchsen unter Theologen und Wissenschaftlern Bedenken. War es wirklich eine gute Idee, eine zwiespältige Figur wie Luther, den Judenhasser und Bauernfeind, als Erinnerungsfigur und Werbeträger zu nutzen?

Historiker verwiesen darauf, dass auch der Reformationstag eine eher unschöne Geschichte habe. Er sei immer ein politischer Feiertag gewesen. Zuletzt hatte ihn Erich Honecker in der DDR eingeführt, um das internationale Ansehen seines Staates zu verbessern. Auch die Kirchenbasis grummelte. Viele Gemeinden versuchten, eigene Reformationsfeiern zu organisieren. Das Interesse, Reisen zu zentralen Veranstaltungen zu organisieren, war überschaubar.

Entsprechend enttäuschend waren dann auch die Besucherzahlen in diesem Sommer. Zu einem Kirchentag, der in Berlin und in Wittenberg stattfand, machten sich weniger Gläubige auf als erhofft. Höhepunkt sollte ein Open-Air-Gottesdienst Ende Mai werden. Ursprünglich waren 200.000 Besucher erwartet worden. Am Ende zählten die Veranstalter großzügig 120.000 Besucher. Als Flop erwiesen sich kleinere Veranstaltungen. In Leipzig wurden 50.000 Gäste erwartet, aber nur 15.000 Tickets verkauft. Zur Bibelarbeit mit Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich in Leipzig kamen gerade mal 20 Zuhörer. Selbst der evangelische Berliner Bischof Markus Dröge räumt ein: "Wir haben vielleicht ein bisschen zu viel gemacht." Da müsse man damit rechnen, dass nicht alles ein Riesenerfolg werde.

Unter der Überschrift "Reformation in der Krise. Wider die Selbsttäuschung" veröffentlichte der Wittenberger Publizist Friedrich Schorlemmer gemeinsam mit Christian Wolff, früher Pfarrer der Leipziger Thomaskirche, ein mehrseitiges Memorandum zum Jubiläum und zur Situation der Kirche. Darin beklagten die beiden Theologen ein "überdimensioniertes Mammutprogramm" und warfen der Kirchenleitung "grandiose Selbsttäuschung" vor.

"Das Konzept hat einfach nicht funktioniert", sagt Schorlemmer im Gespräch. "Man hätte vorher fragen müssen: Was wollen wir? Und erst dann: Was können wir?" Für Tourismus und Kultur immerhin habe das Jubiläum viel erreicht, gesteht er zu. "Die Leute haben sich vielleicht für Luther und sein Leben interessiert, aber sich nicht mit dem Thema der Reformation auseinandergesetzt", meint Schorlemmer. "Reformation ist mehr als Luthers Verdauungsprobleme." Er hätte sich gewünscht, dass sich die Kirche einem kritischen Rückblick gestellt hätte.

In der langen Vorbereitungszeit hätten zudem klare Forderungen der Christen, etwa in der Friedenspolitik, formuliert werden müssen. Sein Fazit: "Zu viel Event, zu wenig Botschaft." Schorlemmer stört sich auch daran, wie die Kirche auf Sparzwänge und mangelndes Interesse reagiert: immer größere Gemeindeeinheiten zu bilden. "Dadurch wird die Kirche immer unpersönlicher und unkommunikativer", klagt er. Genau das Gegenteil sei notwendig. Die Kirche müsse möglichst nahe bei den Menschen sein.

Damit unterscheidet sich seine Forderung nur wenig von den offiziellen Papieren zum Jubiläum. In Zeiten der Glaubenskrise "kann die Kirche nicht darauf warten, dass Menschen sonntags um zehn Uhr zu einem Gottesdienst kommen", heißt es im EKD-Grundlagentext zu 500 Jahren Reformation "Rechtfertigung und Freiheit".

Der Berliner Kirchenhistoriker Christoph Markschies, unter dessen Federführung der Text entstand, verteidigt das Reformationsjubiläum gegen die Kritik. Er zieht eine eher positive Bilanz, für Katerstimmung sieht er keinen Anlass. "Das Kirchenvolk ist durchaus mobilisiert worden", sagt er. In Teilen habe es auch zu hohe Erwartungen gegeben, kritisiert Markschies. "Wer sich etwa vorgestellt hatte, das Reformationsjubiläum mache den Osten wieder protestantisch, sah sich natürlich enttäuscht."

Womöglich liege darin das grundsätzliche Problem des Reformationsjahrs: die massive "Entchristianisierung". Selbst in Luthers Geburtsstadt Eisleben in Sachsen-Anhalt sind heute nur noch sieben Prozent der Bevölkerung Mitglied einer Kirche.

Der Ratsvorsitzende der EKD, Heinrich Bedford-Strohm, kann mit der Kritik wenig anfangen. Er sei "sehr zufrieden und gerade über die Resonanz in den Regionen überall in Deutschland regelrecht begeistert", sagt er. Die Kirche habe "viel Rückenwind" erfahren. Er räumt zwar den Fehler ein, im Vorfeld zu hohe Besucherzahlen in die Welt gesetzt zu haben. Doch alles in allem seien sehr viele Menschen zu Veranstaltungen gekommen. "Da halte ich es mit einer Äußerung Martin Luthers", sagt er, "wir haben keinen Grund, unser Licht unter einen Scheffel zu stellen."

Im November will die Synode der EKD offiziell Bilanz ziehen. Um ein Bild zu bekommen, hatte das Präsidium 32 "Reformations-Scouts" berufen - Wissenschaftler, Journalisten, Künstler, die durch die Wildnis der Feierlichkeiten streifen und nun Bericht erstatten sollen. Angeblich hat die Kirchenleitung den Scouts eingeschärft, "ehrliche Rückmeldungen" zu geben.

Im Video: Ben Becker in "Ich, Judas"

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Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung hieß es, Luthers Geburtsstadt Eisleben liege in Thüringen. Richtig ist Sachsen-Anhalt. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.



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