AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 23/2017

Rio de Janeiro Krieg auf den Hügeln

Einige Jahre lang war Rio das Schaufenster eines friedlichen, prosperierenden Landes. Nun, in der Wirtschaftskrise, kehren die Drogengangs zurück - und mit ihnen die Gewalt.

Patrouille in der Favela Vidigal: "Das ist keine Polizeiarbeit, sondern eine Aufgabe fürs Militär"
André Vieira/ DER SPIEGEL

Patrouille in der Favela Vidigal: "Das ist keine Polizeiarbeit, sondern eine Aufgabe fürs Militär"

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Die ersten Schüsse an diesem Tag fallen, als die Kinder aus der Schule kommen. Die Polizisten feuern auf Drogenhändler, die sich in Capão verstecken, der ärmsten der zwölf Favelas, die den Complexo do Alemão bilden. Weit über 100.000 Menschen leben hier, eine Großstadt für sich, die sich über mehrere Hügel im Norden von Rio erstreckt.

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Heft 23/2017
 

"Die Polizei baut darauf, dass die Drogenhändler nicht zurückschießen, weil ihre Söhne und Töchter unter den Schulkindern sind", sagt Raull Santiago. Gemeinsam mit seinen Freunden hat er vor der Schießerei Zuflucht in einer Bar gesucht.

Erst als die Kinder in ihren blau-weißen Schuluniformen in Sicherheit sind, erfolgt die Antwort. Zweimal wummert es dumpf. "Selbst gemachte Granaten", sagt Santiago. "Sie sind meist mit Rasierklingen oder Nägeln gefüllt." Die Drogenhändler hätten aber auch Bazookas, Schnellfeuergewehre und Maschinenpistolen.

Raull Santiago ist Mitbegründer von Papo Reto, einer Gruppe junger Favela-Bewohner, die in sozialen Medien den Alltag im Complexo do Alemão schildern. Sie verstehen sich als Bürgerjournalisten, als Alternative zu den offiziellen Medien, die über die Favelas oft einseitig berichten. Doch in letzter Zeit gleicht ihre Arbeit immer öfter der von Kriegsreportern. In seinem Kalender hat Santiago die Tage mit Kreuzen markiert, an denen geschossen wurde. Die Monate Januar bis Mai gleichen komplett ausgefüllten Lottoscheinen.

Santiago ist ein untersetzter Mann mit Bart, Baseballkappe und Tattoos, äußerlich eher Rapper als Bürgerjournalist. Er ist im Complexo do Alemão aufgewachsen und zählt zur aufstrebenden Mittelschicht, die sich während des Wirtschaftsbooms auch in den Favelas gebildet hat.

Als die Schießerei aufgehört hat, führt Santiago seine Besucher mit gesenktem Kopf durch die Favela, checkt ständig per WhatsApp, wo gerade geschossen wird.

Fast ein Jahr nach der Olympiade ist die Gewalt in Rio außer Kontrolle. Die Zahl der Morde im Bundesstaat Rio de Janeiro ist im Vergleich zum Vorjahr um knapp 25 Prozent gestiegen, auch Raubüberfälle und andere Delikte haben stark zugenommen. Meist hängen die Straftaten mit dem Drogenhandel zusammen.

Der Gouverneur des Bundesstaats bat Anfang Mai die Regierung in Brasília um Hilfe, weil ihm die Lage zu entgleiten droht. Präsident Michel Temer schickte eine Hundertschaft Soldaten der Força Nacional, einer militärisch organisierten Elitetruppe. Sie patrouillieren zwar in der Nähe, aber nicht in den Favelas selbst - die Gefahr wäre sonst zu groß, dass bei Kämpfen Bewohner getötet oder verletzt würden.

Nirgendwo ist die Gewalt so präsent wie im Complexo do Alemão. Hier befand sich lange Zeit das Hauptquartier des Comando Vermelho, der größten und brutalsten Drogengang. Im November 2010 besetzten dann Streitkräfte und Polizei die Favelas. Die Drogendealer flüchteten zu Fuß und mit Geländewagen, einige entkamen durch die Kanalisation. Der TV-Sender Globo übertrug die Bilder der Fliehenden live ins ganze Land. Es war auch eine Botschaft an die Welt, dass die Regierung die Gewalt in Rio bekämpft, vor der Fußball-WM 2014 und den Olympischen Spielen 2016.

Das Militär hielt den Complexo do Alemão zwei Jahre lang besetzt, dann zog die Polizei ein. Fünf Revierwachen wurden eröffnet, die rund um die Uhr von Beamten einer Unidade de Polícia Pacificadora (UPP) besetzt sind, einer "befriedenden Polizeieinheit". Früher trat die Polizei in den Armenvierteln nur bei bewaffneten Konflikten mit den Drogenhändlern in Erscheinung, jetzt sollten die Beamten dauerhafte Präsenz zeigen.

Warnung für Touristen in Rio de Janeiro
AFP

Warnung für Touristen in Rio de Janeiro

Insgesamt 38 UPP-Wachen errichtete die Regierung in den Favelas von Rio. Ihr Ziel war ausdrücklich nicht, den Drogenhandel zu unterbinden: die "Friedenspolizei" sollte in erster Linie die Dealer entwaffnen und so die Gewalt in den Slums reduzieren. Gleichzeitig wollte die Regierung die Infrastruktur in den Favelas verbessern und in Sozialprojekte investieren.

Tatsächlich ging die Mordrate in Rio mit dem Einzug der "Friedenspolizei" drastisch zurück. In den Favelas der touristischen Südzone von Rio eröffneten Hotels und Geschäfte, Jugendliche aus den reichen Stadtvierteln feierten in den Klubs der Favelas. Es schien, als wachse die geteilte Stadt endlich zusammen.

Auch im Complexo do Alemão schien die Strategie zu greifen: Berufsschulen eröffneten Filialen, Kleinunternehmer und Immobilienhändler investierten, erstmals eröffneten eine Bank und ein Kino. Gekrönt wurde die Befriedung von einem knapp 60 Millionen Euro teuren Megaprojekt: einer Seilbahn, die die fünf Hügel des Complexo do Alemão miteinander verbindet. Plötzlich kamen Touristen, die Bewohner organisierten Besichtigungen.

Das ist vorbei, heute traut sich kein Tourist mehr in den Complexo do Alemão. Dutzende Bewohner wurden in den vergangenen Monaten von Querschlägern und verirrten Kugeln verletzt oder getötet, unter ihnen eine 13-Jährige, die sich in ihrer Schule befand.

Der als Friedensbringer gefeierte Sicherheitsminister von Rio, José Mariano Beltrame, trat im Oktober 2016 frustriert zurück. Der Gouverneur ist politisch angeschlagen; sein Vorgänger, der für die Einrichtung der Friedenspolizei verantwortlich war, sitzt wegen Korruption im Gefängnis. Bundesstaat und Stadtverwaltung geht das Geld aus. Es ist das tragische Ende eines vielversprechenden Projekts.

Mehr als 4000 Waffen werden am 2. Juni 2017 zerstört, die die Polizei konfisziert hatte
AFP

Mehr als 4000 Waffen werden am 2. Juni 2017 zerstört, die die Polizei konfisziert hatte

Für einige Jahre war Rio das Schaufenster eines prosperierenden und friedlicheren Brasilien. Heute ist die Stadt das Epizentrum einer wirtschaftlichen, politischen und moralischen Krise, die das ganze Land in den Abgrund zu ziehen droht. Korrupte Politiker zweigten Millionenbeträge ab, die für die Vorbereitung der Fußball-WM und der Olympischen Spiele gedacht waren. Die politische Elite von Rio sitzt im Gefängnis oder ist in Skandale verwickelt. Für die Bezahlung von Krankenhäusern, Sozialstationen und Polizei fehlt das Geld.

Im Complexo do Alemão, der als Symbol für die Renaissance von Rio galt, ist der Niedergang unübersehbar: Die Seilbahn ist seit September außer Betrieb, es fehlt das Geld für die Wartung. Die einzige Bank hat dichtgemacht, die Berufsschulen haben ihre Kurse weitgehend eingestellt, die öffentliche Sportanlage ist geschlossen.

In den Favelas eröffneten Hotels und Geschäfte, es schien, als wüchse die geteilte Stadt zusammen.

"Die Befriedung ist gescheitert", sagt Raull Santiago. "Die meisten Sozialprojekte sind nie umgesetzt worden. Die Polizisten sind wie eine Besatzungsmacht eingedrungen, sie haben nie das Vertrauen der Anwohner gewonnen." Viele Dealer hätten die Favela nie verlassen, sie seien nur untergetaucht. Andere seien zurückgekehrt. "Der Boss des Comando Vermelho sitzt im Gefängnis, er steuert sein Geschäft von der Zelle aus."

Santiago glaubt, dass die Polizei im Complexo do Alemão die Bedingungen für den Einzug einer Miliz vorbereite. "Die Polizisten versuchen, die Drogenhändler zurückzudrängen, damit eine andere bewaffnete Gruppe das Regiment übernimmt, die wiederum dann mit der Polizei zusammenarbeitet." Solche Gangs kontrollieren bereits Dutzende Favelas in Rio.

Noch liefern sich das Comando Vermelho und die Polizei allerdings einen zermürbenden Stellungskampf.

"Sie führen einen Krieg, der nicht der unsere ist", sagt Simone Gonçalves Cajueiro, die mit ihren acht Kindern und ihrem Vater an der Praça do Samba lebt. Früher trafen sich die Anwohner hier zum Tanzen, heute sind die Fassaden der Häuser zerschossen, viele Fenster verrammelt, Straßenlaternen zerstört. Sobald Schüsse fallen, verkriecht sich Gonçalves mit ihren Kindern unter dem Bett. Ihr Kühlschrank wurde von einer Kugel getroffen, der Wassertank auf dem Dach ist durchlöchert.

Die Polizei will im Complexo do Alemão 26 Wachtürme errichten, das erste der bunkerähnlichen Gebäude wurde vor vier Wochen an der Praça do Samba aufgestellt. Sechs Stunden dauerte allein das Gefecht, bis es dem Bautrupp gelang, zum Platz vorzudringen. Polizisten mit Schnellfeuergewehren sicherten die Bauarbeiten.

Auf den Dächern der umliegenden Häuser kauern noch immer Scharfschützen, Kinder sammeln die Patronenhülsen auf, die nach den Schießereien zurückbleiben. "Unser Syrien" nennt Raull Santiago die Gegend. Einen Tag später sterben auf dem Platz drei Männer im Kugelhagel.

Rios Süden, die Postkartenseite der Stadt, nahm von der Gewalt im armen Norden anfangs kaum Notiz. Doch in den vergangenen Monaten ist der Drogenkrieg auch in den Favelas von Copacabana und Ipanema wieder aufgeflammt.

Vidigal ist das einzige Armenviertel, in dem die Regierung Journalisten noch erlaubt, die UPP-Einheiten bei Einsätzen zu begleiten - alle anderen gelten als Risikogebiet. Die Favela erstreckt sich auf einem Bergrücken zwischen den Nobelvierteln Leblon und São Conrado, der Ausblick auf den Atlantik ist traumhaft.

Im Jahr 2011 wurde die Favela von der Polizei besetzt, seither herrscht hier ein zerbrechlicher Frieden. Ausländer haben sich Häuser gekauft, Restaurants und Hostels eröffneten, und eine Weile schien es, als ob die Immobilienspekulation das größte Problem wäre.

Jetzt sind fast jede Nacht auf dem Hügel Schüsse zu hören. "Bislang haben die Gangster es nicht geschafft, eine feste Stellung aufzubauen", sagt Jairo Dantas, der Kommandeur der Polizeieinheit, die in Vidigal stationiert ist. Er ist selbst hier aufgewachsen. "Ich habe miterlebt, wie meine Eltern früher unter dem Drogenkrieg gelitten haben."

Seine Polizisten tasten sich mit vorgehaltenem Gewehr und kugelsicherer Weste durch die Gassen, an jeder Ecke reißen sie ihre Waffen hoch. Einen Mann in Shorts und Gummilatschen durchsuchen sie auf Drogen, inspizieren seine Nase auf Reste von Kokain. Die Polizisten bemühen sich um Freundlichkeit, grüßen die Anwohner. Aber die Angst ist überall spürbar.

"Das ist keine Polizeiarbeit, sondern eine Aufgabe fürs Militär", sagt einer der Männer, als er nach der Patrouille erschöpft das Gewehr sinken lässt. Über 50 Polizisten wurden in diesem Jahr bereits in Rio ermordet, viele schoben Dienst in den UPP-Wachen. Ein gefährlicher Job, und das für rund tausend Euro im Monat, die wegen der Krise oft zu spät ausgezahlt werden. Dazu kommt, dass die Ausrüstung veraltet ist, vielerorts fehlt sogar das Benzin für die Streifenwagen.

Anfang Februar erschienen die Polizisten in Vidigal ohne Uniform zum Dienst. Ihre Frauen und Mütter hatten die Einfahrt zur Kaserne blockiert, wo die Beamten sich vor Dienstantritt umziehen - es war ein Protest gegen die schlechten Arbeitsbedingungen.

Kommandeur Dantas musste daraufhin alle Patrouillen absagen. Ohne Uniform hätten die Anwohner seine Männer womöglich mit den Gangstern verwechselt.



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bocky.law 10.06.2017
1. Es wird nicht besser…
Ich bin aktuell in Rio habe heute unter anderem die touristische Favela "Santa Marta" besucht. Beim runterlaufen kam uns ein junger Mann mit erhobener Maschinenpistole entgegen. Nichts ist passiert aber es war ein gruseliges Gefühl. Kann man sagen, hat ein Tourist auch in dieser Gegend suchen. Andererseits soll dies aber auch helfen, diesen Bereichen etwas Aufmerksamkeit zu schenken. Es gibt sogar zwei Souvenirshops dort. Berühmt wurde diese Favela Michael Jackson Video 'They don't care about ins". Diverse grüne Projekte sollen wir zum Beispiel den Anbau von Gemüse fördern. Es ist sehr traurig, dass Rio wieder auf dem Weg nach unten ist ....
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