AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 41/2017

Rohingya in Burma "Wenn es eine Hölle gibt"

Sie schlafen im Schlamm, sie trinken verseuchtes Wasser, sie haben keine Heimat mehr: 500.000 Rohingya, brutal aus Burma vertrieben, leben jetzt in Lagern in Bangladesch. Einer von ihnen hat den Auftrag, Ordnung ins Chaos zu bringen.

Flüchtling Maji
Antonio Faccilongo/DER SPIEGEL

Flüchtling Maji


Im Dschungel von Bangladesch, in einem Lager aus Planen und Bambusverschlägen, an einem Ort im Schlamm, der kein Gesetz kennt und keinen Namen trägt, der nach Exkrementen stinkt, umgeben von Hunderttausenden geflüchteten Rohingya, sitzt ein ehemaliger Gurkenhändler auf dem Lehmboden und betrachtet eine handgeschriebene Liste.

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Heft 41/2017
Wie ARD und ZDF Politik betreiben

Er ist 38 Jahre alt, Vater von sechs Kindern, ein zierlicher Mann mit eingefallenen Schultern, der eigentlich Ahamed Kabir heißt. Vor einigen Tagen kamen zwei Entwicklungshelfer in sein Zelt im Schlamm und sagten, dass er von nun an der "Maji" sei in diesem Teil des Lagers, der Führer. Er hatte nicht darum gebeten. Seitdem nennen ihn hier alle Maji.

Er hat sich seine Flipflops unter das Gesäß gelegt, damit er nicht nass wird. In seinen Händen hält er ein himmelblaues Notizbuch, das vom Schweiß labberig ist. Er betrachtet die Schrift, als versuchte er, ein Rätsel zu lösen.

Die Entwicklungshelfer, die ihn zum Maji machten, sagten, er solle eine Liste anfertigen. Er soll die Namen seiner Leute aufschreiben, die kein Dach über dem Kopf haben. Maji kann allerdings nicht richtig lesen und schreiben. Die Namen auf dem Papier zu seinen Füßen notierte sein 14-jähriger Bruder.

Maji gehört zum Volk der Rohingya, der muslimischen Minderheit Burmas. Er ist einer aus der Masse der halben Million Menschen, die seit Ende August aus ihrer Heimat geflohen sind. Sie rannten weg, weil sie Muslime sind und buddhistische Soldaten sie deshalb jagten. Menschen wie Maji irrten tagelang durch den Dschungel, tranken aus Pfützen, kamen an in Bangladesch im Monsun. Sie hungern und finden kein sauberes Wasser. Der Sturzregen spült den Boden unter ihren Zelten weg und durchschlägt ihre Planen.

Vor Majis Augen sterben Menschen vor Erschöpfung, an Durchfall und am Denguefieber. Als Maji vor seinem Notizbuch sitzt, liegt ein paar Zelte weiter eine Frau im Sterben. Sie leidet an Tuberkulose. Blut klebt an ihren Lippen, als Angehörige sie auf einem Gartenstuhl in die Krankenstation tragen.

Dieses Lager ist erst ein paar Wochen alt, es liegt eine Stunde Marsch entfernt von der nächsten Straße und beherbergt geschätzt 30.000 Menschen, die versuchen, sich eine Ordnung zu geben. Nur wenige Hilfsorganisationen sind hier. Es ist ein wildes Lager, nirgends registriert oder angemeldet, ein Ort des Elends. Aber das ist nicht Majis Sicht.

Er trägt einen karierten Wickelrock, den traditionellen Lungi, und ein blaues Polohemd. Auf dem Rücken des Hemds steht das Wort "Win".

Maji steckt sein Notizbuch in eine Stofftasche, die einen gerissenen Träger hat, und läuft über einen kurzen Schlammpfad durch die Reisfelder und danach über eine improvisierte Brücke aus Bambusrohren zum Posten der bangladeschischen Armee am Eingang des Lagers.

Wer dieses Flüchtlingslager betreten will, muss drei Checkpoints mit Soldaten passieren, deren Sturmgewehre an lilafarbenen Gartenstühlen aus Plastik lehnen.

Die Soldaten rufen an diesem Morgen die Führer des Lagers zu sich. Vielleicht drei Dutzend Männer stehen aufgereiht vor einem Soldaten in Tarnfarbenuniform, der das Wort "Artillery" in seine Schulterklappen gestickt trägt. Maji ist einer der kleinsten Männer in diesem Pulk, er lächelt ein wenig verloren. Seine Zahnzwischenräume sind schwarz vom Saft der Betelnüsse, die er zur Beruhigung kaut.

Seine Ernennung zum Anführer liegt vermutlich daran, dass er Bengalisch spricht und dass die Helfer dadurch besser mit ihm kommunizieren können als mit anderen Flüchtlingen, die nur den Dialekt der Rohingya beherrschen. Maji ist jetzt der Ansprechpartner für die NGOs und die Soldaten, er soll Hilfe gerecht verteilen und Streit schlichten.

Der Soldat sagt: "Ihr seid die Majis. Jeder von euch ist für 100 Familien zuständig. In Burma wart ihr korrupt, aber hier dürft ihr das nicht sein. Wir bestrafen euch sonst." Maji schaut sich um, schaut hoch zu den Köpfen der anderen Männer und wirkt so, als habe er sich verlaufen und sei zufällig am Rand dieses Lagers vor dem lauten Soldaten aus dem Wald getaumelt.

Der Zufall ist seit 29 Tagen, seit dem Beginn seiner Flucht, der Taktgeber seines Lebens.

Majis Heimatdorf hieß Salifara. Ob es noch existiert, weiß er nicht. Er bewohnte dort ein Haus aus Brettern, selbst gebaut.

Er wohnte darin mit seiner Frau Murshida, die er zum ersten Mal sah, als sie in seinen Laden kam, um einzukaufen. Später ging er zu ihr und bat ihre Familie um ein Glas Wasser, weil er sie wiedersehen wollte. Murshida, die weiche Züge hat und Augen in der Farbe von Waldhonig. Maji sagt es so: "Sie sieht schön aus, und ich liebe ihre Kinder."

Zusammen haben sie drei Töchter und drei Söhne. Der jüngste Sohn ist zwei Jahre alt, Maji vergisst ständig seinen Namen, deshalb nennt er ihn "Futu", das bedeutet "Baby".

Majis Gurkenladen hatte einen Boden aus Zement. In den Regalen lagen auch Wassermelonen und parfümierte Gesichtsmilch. Maji kann sehr lebhaft werden, wenn er die Vorteile eines Gurkencurrys preist und die pflegende Wirkung seiner Gesichtsmilch lobt. Ein Fläschchen davon hat er mitgenommen und trägt es mit seinem zweiten Schatz, dem Notizbuch, in der Tragetasche.

In Burma besaß er ein wenig Land, auf dem er Reis zog. In seiner Freizeit pflanzte er Guavenbäume und rote Blumen zur Zierde.

Einmal sah Maji in seinem Dorf einen Soldaten der Armee Burmas, der ein Kind schlug. Maji fragte: "Warum schlägst du das Kind?" Der Soldat antwortete: "Warum unterbrichst du mich dabei?"

Majis Notizbuch: Er betrachtet die Schrift, als versuche er, ein Rätsel zu lösen
Antonio Faccilongo/DER SPIEGEL

Majis Notizbuch: Er betrachtet die Schrift, als versuche er, ein Rätsel zu lösen

Der Soldat, so erzählt es Maji, schloss ihn für neun Monate in eine Gefängniszelle. Maji hockt auf dem Lehm vor seiner Hütte, neben ihm sitzt einer seiner Söhne. Er streichelt ihm über die Hände.

Man hat in den vergangenen Jahren wenig aus Majis Heimat, über den Bundesstaat Rakhine in Burma, erfahren, weil kaum jemand aus dem Ausland dorthin reisen durfte. Der Uno-Generalsekretär spricht von einem "humanitären Albtraum"; der Hohe Kommissar der Vereinten Nationen für Menschenrechte sagt, es geschehe ein "Musterbeispiel für ethnische Säuberung"; Human Rights Watch nennt es "Völkermord" und legte Satellitenbilder vor, die brennende Dörfer zeigen, aber bisher fehlen Nahaufnahmen. Die Welt ist angewiesen auf Zeugenaussagen wie die von Maji. Er hat keine Beweise, aber was er erzählt, klingt glaubwürdig.

Als Ende August Rebellen der Rohingya mehrere Grenzposten der Armee überfielen und töteten, merkte Maji erst etwas davon, als die buddhistischen Soldaten zurückschlugen. Er sah, wie sie in sein Dorf kamen, ein Haus in Brand setzten und ein Kleinkind in die Flammen warfen. Es war seine Nichte Albira, ein kleines Mädchen, das brannte.

Maji rannte heim zu seiner Frau und sagte: Was machen wir, wenn sie das mit unseren Kindern tun? Die Frau sagte: Wir können in den Dschungel, aber wenn sie uns suchen und eines der Kinder weint, finden sie uns.

Maji erzählt das alles mit leiser Stimme. In seiner linken Hand hält er einen Holzsplitter und zieht damit feine Linien in den Lehm.

Die Welt hat sich bisher kaum für das Leid der Rohingya interessiert. Es könnte daran liegen, dass sie weit entfernt aus dem Dschungel kommen. Und daran, dass der Begriff "Rohingya" bis Mitte des vergangenen Jahrhunderts kleinere Gruppen von Menschen beschrieb, nicht ein Volk. Heute bezeichnet Rohingya die Muslime, die im Bundesstaat Rakhine in Burma leben, bis August waren es noch rund eine Million Menschen, mittlerweile ist die Hälfte von ihnen geflohen, wie Maji.

Rakhine ist ein raues Land, mit vielen Orten, an denen es keine asphaltierten Straßen, kein Trinkwasser aus der Leitung, keine Tageszeitung, kein WLAN und keine Schulen gibt. Für die Menschen von dort war bis vor Kurzem das Konzept des Nationalstaats irrelevant, weil ihr Leben sich auf ihre Hütte im Dschungel beschränkte. Jetzt zwingt ein Staat diese Menschen zur Flucht. Ein Aktivist der Rohingya sagte: "Wenn es eine Hölle gibt, leben die Rohingya an ihrer tiefsten Stelle."

Maji und seine Brüder und Schwestern sind staatenlos, Burma stellt ihnen keine Pässe aus, sie verfügen über keine Bürgerrechte in ihrer Heimat. Sie dürfen nur unter bestimmten Bedingungen arbeiten, nicht wählen, keine Universitäten besuchen, und der Staat verbietet ihnen, offiziell auszureisen. Sie können nur fliehen.

Maji packte Wasserbehälter und Mehl, sein ältester Sohn Kekse. "Nimm so viel, wie du tragen kannst", sagte Maji. Er floh auf Flipflops, mit seinem Bruder, seiner Frau Murshida, seinen Kindern, er trug Futu den ganzen Weg bis zum Fluss Naf.

Die Familie lief ins Wasser des Naf, der breit ist wie ein See, obwohl die Strömungen tückisch sind und sich darin Wasserschlangen tummeln. Maji trug Futu über dem Kopf. Das Boot eines Bangladeschers fuhr zu ihm, und der Mann darin sagte: "Eine Familie, ein Lakh." Ein Lakh aus Burma sind umgerechnet rund 60 Euro, das waren fast Majis gesamte Ersparnisse. Am Morgen des siebten Tages erreichte die Familie das Ufer in Bangladesch.

Maji fand ein Stück lehmigen Bodens, stampfte die Erde fest, kaufte von seinem letzten Geld, für 1000 Taka, das entspricht zehn Euro, Bambus und Plastikplanen und baute seiner Familie, mithilfe einer Rolle Bindfaden, an einem Tag eine Behausung.

Als es dunkel wurde und um ihn herum die anderen Flüchtlinge schliefen, hörte Maji zum ersten Mal die Schreie, die seither seine Nächte begleiten. Schreie von Menschen, die von ihrer Heimat träumen.

In dieser Nacht fiel Maji neben seiner Frau zum Gebet auf die Knie: Allmächtiger Gott, ich danke dir, du hast mir geholfen. Bitte hilf auch den anderen.

Maji hält inne mit seiner Geschichte und schnäuzt sich in seinen Wickelrock. Sein Handy klingelt. Er nimmt den Anruf entgegen, einer der Menschen aus seinem Lager ist dran, er will, dass Maji sich um mehr Toiletten kümmert. Die 100 Familien, etwa 500 Menschen, benutzen zusammen drei Toiletten. Maji steht erst mal auf und holt sich an der Südseite des Lagers bei einer der Hilfsorganisationen ein Wassereis.

Das sind die Widersprüche des modernen Flüchtlings, er hat kein Klo, aber ein Handy. Er hungert, und eine Hilfsorganisation bringt eine Kühltruhe mit Eis am Stiel.

Ein Mann kommt vorbei, der ein rosafarbenes Frotteehandtuch trägt wie einen Umhang. Maji kennt ihn kaum, aber er scheint wichtig zu sein, er hat einen Auftrag vom Militär, er möchte Majis Liste kontrollieren.

Die Liste, der unbekannte Mann, die fehlenden Toiletten - manchmal ist es schwer, ein Führer zu sein. Das Wassereis tropft in den Dreck. Maji weiß, er muss jetzt diese Namen zusammentragen.

Auf der Liste steht bereits Dilbar, 40, die sagt, sie habe ihren Töchtern mit Kohle die Gesichter schwarz gemalt und ihnen schmutzige Kleider angezogen, damit die Soldaten sie nicht missbrauchen.

Auf Majis Liste steht Satera, 20, die sagt, ihr Haus sei durch einen Granatentreffer explodiert.

Sofika, 25, die sagt, Soldaten seien in ihr Dorf gekommen und hätten ihren Mann mitgenommen.

Fibusa, 25, die sagt, das Militär habe vor ihren Augen vier Menschen hingerichtet.

Geflüchtete Frau mit ihren Kindern: "Wenn es eine Hölle gibt, leben die Rohingya an ihrer tiefsten Stelle"
Antonio Faccilongo/DER SPIEGEL

Geflüchtete Frau mit ihren Kindern: "Wenn es eine Hölle gibt, leben die Rohingya an ihrer tiefsten Stelle"

Am nächsten Morgen betreten zwei Frauen mit Ganzkörperschleier das Lager. Die eine trägt einen lilafarbenen Nikab und Sandalen mit Blümchenschnallen, die andere einen schwarzen Nikab und darüber ein Tuch mit Leopardenfelldruck. Die Frauen sagen, sie seien gekommen, weil sie eine Schule eröffnen wollten.

Maji läuft mit den Frauen durch sein Lager, schlüpft in ein Zelt, in dem eine Frau mit gelbem Schleier steht, und sagt ihr, dieses Zelt erscheine ihm ausgezeichnet geeignet für eine Schule. Er nimmt einen Zweig von der Feuerstelle und vermisst damit den Raum, indem er den Zweig immer wieder hintereinander auf den Boden legt. Die Frau betrachtet ihren Maji und die beiden Helferinnen in den Nikabs. Sie sagt: "Eines meiner Kinder ist schon 14, darf das auch lernen?"

Maji nickt, er stopft sich einen Klops Betelpfefferblätter in die Wangentasche und nimmt einen Schluck braunes Flusswasser aus einer Gießkanne. Dann hält er eine kurze, leidenschaftliche Rede über die Bedeutung von Bildung. Er, der kein Englisch spricht, bis auf die zwei Wörter "thank" und "you", sagt: "Wir müssen auch Englisch lernen." Majis Schullaufbahn dauerte zwei Jahre.

Maji und seine Leute in diesem Lager haben fast nichts: keine Schulen, zu kleine Planen, kaum Reis, zu wenige Solarzellen, um ihre Handys aufzuladen. Im ganzen Lager existiert kein Brunnen, der sauberes Trinkwasser nach oben pumpt. Die Menschen trinken aus dem Fluss, der zwischen den Zelten fließt. Ein Lagerarzt der Médecins Sans Frontières sagt: "Im Grunde genommen trinken sie ihre eigenen Exkremente." Die Menschen erkranken an Durchfall und Wurminfektionen. Die Weltgesundheitsorganisation warnte in der vergangenen Woche vor einer Choleraepidemie. Drei von Majis Kindern haben Fieber. Seine Frau hustet.

Das Einzige, was die Rohingya im Überfluss haben, sind Kinder und Kleidung. Es gibt Stellen zwischen den Zelten, an denen ist die Erde mit festgetretener, nasser Kleidung übersät. Billige T-Shirts aus den Fabriken Bangladeschs, auf denen steht: "Qatar Airways", "Borussia Dortmund", "Sixers". Es sind Insignien des Kapitalismus, die hier keine Bedeutung haben. Auf einem T-Shirt, das ein Rohingya trägt, steht "I just need a reason to party", auf einem anderen "Nike, Just Do It". Mach es einfach.

Wenn Maji einfach machen könnte, würde er einen Laden eröffnen, in einem kleinen Zelt, das etwas erhöht auf einem Erdhügel über einem Reisfeld steht. Aber er hat kein Geld. Maji sitzt trotzdem schon mal Probe im Zelt, auch weil er hier in Ruhe reden kann.

Ein Mann in einem Unterhemd hockt sich vor ihm in den Lehm, er sei gekommen, weil er sich beschweren wolle. Es gebe einen Trampelpfad, der zu seinem Zelt führe, der Pfad sei unbenutzbar, weil ein Nachbar dort seinen Holzkarren abgestellt habe und weil der Nachbar ein kleines Kind habe, das sich ständig auf dem Weg entleere.

Maji sitzt da im Schneidersitz und lächelt. Ein verstopfter Weg muss ein gutes Problem sein, wenn man sich bis vor ein paar Tagen darum sorgte, ob die zehnjährige Tochter wohl heute oder erst morgen von Soldaten vergewaltigt und ob ihr der Schädel mit einem Gewehrkolben gespalten würde, falls sie zu laut schreit.

Maji überlegt einen Moment, dann sagt er mit leiser Stimme: "Ich gehe da später hoch. Ich werde Gerechtigkeit bringen. Wenn das Kind sich auf den Weg entleert, sollten die Eltern den Weg säubern."

Politik kannte er bisher nur aus der Sicht des Opfers, das nicht teilnehmen durfte, aber die Konsequenzen spürte. Knapp 90 Prozent der Burmesen sind Buddhisten. Maji weiß nicht, warum viele von ihnen die muslimischen Rohingya hassen und unterdrücken, die nur drei Prozent der Bevölkerung stellen. Er vermutet, es liege daran, dass die Rohingya sich nicht richtig wehren könnten. Die Rechtfertigung der Buddhisten ist, dass sie die Rohingya nicht angreifen, sondern sich gegen sie wehren. Sie sagen, die Muslime hätten schon zu oft gezeigt, dass sie in buddhistischen Ländern die Macht übernähmen, wenn sie könnten. Diese Buddhisten glaubten, in ihrem Land verlaufe die Front eines globalen Religionskrieges.

Internationale Beobachter hatten gehofft, die Lage der Rohingya würde sich bessern, als im Jahr 2011 mit dem Amtsantritt des Präsidenten Thein Sein die Generäle nach fast 50 Jahren der Militärdiktatur das Land öffneten. Politische Gefangene kamen frei, die Generäle ließen Aung San Suu Kyis Nationale Liga für Demokratie als politische Partei wieder zu. Auch Maji hoffte auf Suu Kyi, die 1991 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden war. Doch Suu Kyi sorgte weder dafür, dass die Rohingya mehr Rechte bekamen, noch verurteilte sie die jüngsten Morde der Armee.

Aung San Suu Kyi: Vielleicht ist die Nobelpreisträgerin eine normale Politikerin, keine blumengeschmückte Heilige
AFP

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Es hat viele Versuche gegeben, die Rolle dieser Frau zu erklären. Manche sagen, dass Suu Kyi eine Rassistin sei. Das ist allerdings eher unwahrscheinlich, sie hat in ihren 15 Jahren Hausarrest erlebt, wie schmerzhaft Unterdrückung sich anfühlt. Manche sagen, dass Suu Kyi schweige, weil sonst die Generäle wieder die Macht an sich reißen könnten und weil in Burma eigentlich nur die Rohingya die Rohingya mögen. Es könnte sein, dass Suu Kyi eine ganz normale Politikerin ist und nicht die mit Blumen geschmückte Heilige, die der Westen gern in ihr sieht. Sie hat selbst gesagt, sie sei keine Menschenrechtsaktivistin. Vielleicht ist sie nur die Vorsitzende einer Partei, die die Stimmen rassistischer Buddhisten sammelt.

"Ich weiß es nicht", sagt Maji.

Ein Mann trägt zwei Bananenstauden auf einem Balken über seiner Schulter durch das Reisfeld. Dem Mann gehört der leere Laden, in dem Maji sitzt, er hängt die Bananenstauden an den Deckenbalken. Irgendwie hat dieser Mann es geschafft, von den Soldaten die Erlaubnis dafür zu bekommen, Bananen zu verkaufen. Maji lächelt ein wenig beschämt sein schwarzes Lächeln, aber er bleibt noch für einen Moment auf dem Lehm im Laden sitzen.

"Wir haben nicht genug Waffen", sagt er. Die Rebellen der Rohingya, die Arakan Rohingya Salvation Army (ARSA), töteten zwar Ende August ein paar buddhistische Soldaten, aber die wenigen Beobachter, die die Schlagkraft dieser Truppe einigermaßen einschätzen können, sagen, die ARSA bestehe vielleicht aus ein paar Hundert Mangopflückern, die mit alten Gewehren und Macheten bewaffnet durch den Urwald streifen. Die Streitkräfte Burmas, die Tatmadaw, sind über 400.000 Mann stark, und allein in Majis Heimatstaat Rakhine stehen zwei leichte Infanteriedivisionen.

Maji läuft ein wenig durch sein Lager und erblickt zwei Männer, die sich anschreien. Der eine trägt eine Gebetskappe, der andere ist ein dicker Rohingya, der nur mit einem rotbraunen Wickelrock bekleidet ist. Vielleicht ist er der einzige Flüchtling mit einem Bäuchlein in diesem ganzen Lager.

Er schreit: "Ich bekomme nichts. Ich kriege gar nichts." Der Mann mit der Gebetskappe schreit zurück: "Das ist auch nicht für junge Menschen, das ist für Leute über sechzig." Der Streit dreht sich um Taschenlampen, die eine Hilfsorganisation verteilt hat.

Maji stellt sich zwischen die Männer.

"Nicht kämpfen, besprecht das wie ruhige Menschen", sagt er.

Er legt dem dicken Rohingya die Hand auf den Kopf und lässt sie dort liegen. Niemand schreit mehr.

Maji setzt sich zwischen die Bananen in den Laden, der nicht ihm gehört. Er scheint langsam in seine Rolle hineinzuwachsen. Es wäre leicht, ihn zu unterschätzen, weil er Analphabet ist und sich zuweilen benimmt wie ein Kind, aber dieser Mann hat sich selbst das Rechnen beigebracht, sechs Kinder am Leben erhalten und die Buddhisten überlebt. Wie er nun dasitzt, sieht er aus wie ein stolzer Maji.

Am Nachmittag geht Maji zu einem offen Zelt am Rand des Lagers, in dem ein gefliester Tisch im Lehm steckt, darauf steht ein Megafon, daneben liegen Dutzende handgeschriebene Listen.

Eine junge Frau sitzt hinter dem Tisch, verschleiert und barfüßig. Über ihrer Oberlippe perlt der Schweiß. Sie hält einen Regenschirm in der Hand, auf dessen Plastik IOM steht, was im Deutschen "Internationale Organisation für Migration" bedeutet. Hosnira arbeitet für diese Organisation, sie ist 20 Jahre alt und studiert eigentlich Sozialwissenschaften in der bangladeschischen Stadt Cox's Bazar zwei Stunden westlich des Lagers, ihren Nachnamen will sie nicht verraten. Maji legt ihr seine Liste auf den Tisch.

"Du hast alles durcheinander aufgeschrieben", sagt Hosnira.

Maji schaut auf den Lehm zu seinen Füßen.

"Wir brauchen eine saubere Liste", sagt Hosnira.

Eine Liste. Die zivilisierte Welt mit ihrem Sozialsystem, mit Universitäten, Demokratie, einem Katasteramt, Bürgerrechten, all das beginnt damit, dass jemand Ordnung schafft, wo Chaos herrscht. Alles beginnt mit einer Liste.

Anführer Maji, Kollegen vor einem bangladeschischen Soldaten: "In Burma wart ihr korrupt"
Antonio Faccilongo/DER SPIEGEL

Anführer Maji, Kollegen vor einem bangladeschischen Soldaten: "In Burma wart ihr korrupt"

Gegenüber rammen zwei Menschen ein vielleicht acht Quadratmeter großes Schild in den Boden, auf dem "Unicef" steht. Es ist ein sehr sauberes Schild. Die Helfer von Unicef sind an diesem Tag nicht zu sehen, aber das Schild strahlt in hoffnungsvollem Uno-Blau. Es ist das einzig Saubere, was es in diesem ganzen Lager gibt.

Hosnira zieht sich Gummistiefel über die nackten Füße und stapft gemeinsam mit Maji in seinen Block. Sie schaut in die Zelte und notiert Namen. Maji hält ihr den Regenschirm und betrachtet die geraden Buchstaben, die sie in ihre Liste malt.

Nach vielleicht eineinhalb Stunden hat Hosnira alle Namen notiert. Sie baut sich vor Maji auf, sie ist nicht unfreundlich, aber bestimmt. Sie sagt: "Ich brauche eine Liste mit allen Rohingya, die über sechzig sind."

Maji nickt.

"Ich brauche eine Liste mit allen Waisen", sagt Hosnira.

Maji hält sein Notizbuch in der Hand, er schaut hinein, als könne er darin eine Antwort finden.

"Ich brauche die Liste morgen um acht", sagt Hosnira, "und noch eine Liste mit allen Blinden."

Hosnira wendet sich zum Gehen, dann dreht sie sich noch einmal um und sagt: "Eine Liste mit allen neuen Flüchtlingen und allen Schwangeren brauche ich auch."

Maji hockt sich danach erst mal in ein Zelt und kaut ein paar Betelnüsse zur Beruhigung.

Am Abend geht er auf den Markt, eine halbe Stunde vom Lager entfernt. Vom Geld, das ein Bangladescher ihm vor ein paar Tagen zugesteckt hat, kauft er getrockneten Fisch, Chilischoten und einen Fächer Betelpfefferblätter. Er nimmt eine Gurke in die Hand und betrachtet sie lange.

Eine Gefahr für Flüchtlingslager wie dieses ist, dass sie sich von temporären, namenlosen Camps zu permanenten Siedlungen wandeln. Wenn die Flüchtlinge nie zurückkehren in ihre Heimat und als "displaced persons" enden, als Menschen, die nirgends hingehören. In Kenia und dem Libanon gibt es Lager, in denen leben Familien seit drei Generationen auf diese Weise, papierlos, staatenlos, hoffnungslos. Entwicklungshelfer beobachten, dass diese Menschen irgendwann aufhören, daran zu glauben, dass ihr Leben besser werden könnte. Sie dürfen sich nicht frei bewegen, sie dürfen nicht arbeiten, sie haben keine Zukunft, für die es sich lohnen würde, sich anzustrengen. Die Flüchtlinge werden zu Gefangenen ihrer Gegenwart.

Den Rohingya droht ein solches Schicksal. Sie können nicht heim nach Burma, weil dort Buddhisten warten und ihre Waffen nachladen. Sie dürfen nicht weiter ins Innere Bangladeschs. Auf der einzigen Straße, die nach Westen führt, warten alle paar Kilometer bangladeschische Soldaten am Straßenrand, die Rohingya aus den Wagen zerren und zurückschicken.

Es wird Nacht, Dunkelheit liegt über Majis Lager, aus manchen Zelten scheint das Licht einer Öllampe. Am Hang des Flusses flackern Glühwürmchen.

Wenn Maji schläft, träumt er immer wieder, dass ihn Soldaten erschießen. Aber wenn er aufwacht und über sich die rosafarbene Plastikplane sieht, auf der "Super Star Made In Korea" steht, weiß er, dass er in Sicherheit ist. Er hört das leise Husten seiner Frau und den schnellen Atem Futus, er sieht die Pakete mit Milch in der Ecke und das mit Vitaminen angereicherte Müsli. Er träumt dann mit offenen Augen davon, irgendwann wieder Gurken und Gesichtsmilch verkaufen zu können und dass seine Kinder Arbeit finden, als Buchhalter oder als Apothekerin.

Maji sagt: "Wir sind glücklich, weil wir leben. Wir mussten immer Angst haben."

Nachdem er sich an diesem Abend die Gurken auf dem Markt angeschaut hat, verabschiedet er sich. Er fühlt sich nicht als Gefangener, er ist zum ersten Mal in seinem Leben frei, so sieht er das. Er ruft nach seinem kleinen Bruder, der so gut schreiben kann. Maji will seine Liste fertigstellen.



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