Geschichte Wie das alte Rom wirklich aussah

Mit atemberaubender Tricktechnik lassen Historiker und Computerexperten das alte Rom auferstehen. Ihre Rekonstruktion zeigt die Blüte der Stadt unter Kaiser Nero - und ihren Niedergang im Laufe der Jahrhunderte.
Foto: Fabercourtial

Wo einst die Führer des alten Rom herumstolzierten, klafft eine gewaltige Lücke. Der Platz erinnert nicht mehr an das Forum einer Weltmacht, sondern an einen Dorfacker, auf dem Kinder bolzen. Die große alte Zeit ist längst vorbei.

Im Hintergrund aber wird eine riesige Baustelle sichtbar. Dort wächst gen Himmel, was dereinst die bedeutendste Kirche der Welt sein wird: der Petersdom.

Verwirrend und faszinierend zugleich ist dieser gestochen scharfe Schnappschuss aus einer Zeit, in der die Erfindung des Fotoapparats noch Jahrhunderte in der Zukunft liegt. Genau so würde ein Erinnerungsfoto aussehen, wenn es Romtourist Martin Luther im Herbst 1510 bei seiner Stippvisite in der heiligen Stadt geknipst hätte.

In Wahrheit entstammt die täuschend echte Stadtansicht den Hochleistungsrechnern des Darmstädter Animationsbüros Faber Courtial. Die Effektspezialisten erweckten virtuell schon einen eruptierenden Vulkan, stampfende Saurierherden und marschierende Ritterhorden zum Leben. Für die neueste Ausstellung der Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen  rekonstruierte Faber Courtial das alte Rom zu drei unterschiedlichen Epochen: zur Zeit des Kaisers Nero, in der Spätantike und in der Renaissance.

"Das ist unser Meisterstück", sagen die Firmengründer Maria und Jörg Courtial. Wohl nie zuvor wurde das antike Zentrum der Welt mit so viel Detailversessenheit und Aufwand dreidimensional nachempfunden. Über 45.000 Wohnhäuser, dazu etliche Tempel, repräsentative Bauten, Bäder und Arenen der alten Metropole bauten die Grafiker am Computer virtuell neu auf.

DER SPIEGEL

Selbst Dachziegel, Fenster und Fassaden ließen die Courtials so echt wie möglich nachbilden. "Unser Rom ist so fett und verschlingt derart große Datenmengen, dass unsere Rechner tagelang lahmgelegt waren", erzählt Jörg Courtial. "Wir haben unsere Möglichkeiten ausgereizt bis zum Gehtnichtmehr."

Grundlage für die Datenschlacht waren historische Berichte und Atlanten, alte Stiche und Gemälde, aber auch Grabungs- und Bebauungspläne und neueste digitale Vermessungsdaten. Aus diesem Fundus destillierten die Digitalkünstler in Darmstadt ein Bild des alten Rom, wie es in Geschichtsbüchern kaum zu finden ist: bunt bis zur Kitschigkeit und mit einem Kapitol, das weit weniger monströs über der Stadt thront, als historische Darstellungen glauben machen wollen.

Doch wie nah kommen die Spezialisten für visuelle Effekte tatsächlich der Wirklichkeit? Auch nach über 150 Jahren intensiver Romforschung existiert unter Geschichtskundlern noch immer kein einheitliches Bild von der Schaltzentrale des Cäsarenreichs. Viele Arbeitsschritte mussten die Grafiker von Faber Courtial mit den Historikern der Reiss-Engelhorn-Museen abstimmen - und gerieten dabei hinein in den Gelehrtenstreit.

Denn anfangs stellten die 3-D-Experten den Verlauf vom wahnhaften Herrscher Nero bis zum Bau des Petersdoms allzu radikal nur als bedrückende Verfallsgeschichte dar: In rund 1500 Jahren schrumpfte das imposante Machtzentrum der Antike zur Viehweide.

Da meldeten die Historiker plötzlich Bedenken an: Erlebte Rom in der Renaissance nicht doch eine bemerkenswerte Nachblüte? Nach längeren Diskussionen schwächten die Grafiker den städtebaulichen Niedergang ein wenig ab. Gesichert ist, dass die Römer einen unsentimentalen Umgang mit ihrem kulturellen Erbe pflegten. Die Gebäude des einstigen Regierungsviertels um das Forum Romanum wurden mit Beginn der Spätantike ohne Skrupel geplündert, um an anderer Stelle wieder als Baumaterial Verwendung zu finden.

"Zu allen Zeiten war Rom eine alte Stadt", sagt Jörg Courtial, "die Zeitgenossen sahen immerfort den Zwang zur Erneuerung." Schon um 100 nach Christus spottete der römische Satiredichter Juvenal, die meisten Häuser der Metropole würden nur notdürftig von Stützpfeilern zusammengehalten. Als größte Sorge der Einwohner beschrieb er deren Furcht, ihnen könnte nächtens im Schlaf das Dach über dem Kopf zusammenbrechen.

Diese Angst war wohl nicht ganz unberechtigt. Anders als in der Moderne galten im alten Rom Erdgeschosswohnungen als besonders begehrenswert; die obersten Etagen hingegen waren als billige Absteigen verschrien. In der Rekonstruktion von Faber Courtial erlebt die römische Mietskaserne nun eine besondere Würdigung.

Zwar gaben das Forum Romanum, das Kolosseum und der Circus Maximus der antiken Metropole ihr unverwechselbares Gesicht. Das wahre Herzstück waren jedoch die Behausungen der Plebs. Schon im 2. Jahrhundert vor Christus zogen römische Bauherren in der rasant wachsenden Stadt Wohnblocks in die Höhe, wie sie in dieser Form im restlichen Europa erst viele Jahrhunderte später im Zuge der industriellen Revolution auftauchten.

Zur Zeit des Kaiser Augustus (27 vor bis 14 nach Christus) hatte sich ein derartig ausufernder Bauboom entwickelt, dass die Behörden einschreiten mussten. Die mitunter wackligen Wohnsilos durften nun nur noch nach festen Vorschriften und mit begrenzter Etagenzahl errichtet werden.

Für die Animationsexperten von Faber Courtial stellten jene fortschrittlichen Massenunterkünfte eine der größten Herausforderungen dar. Zehntausende dieser Wohnblocks mussten am Computer neu erschaffen werden - samt Fenstern, Balkonen und zeittypisch begrüntem Innenhof.

Würde ein Römer von einst seine Stadt in der rekonstruierten Version aus Darmstadt wiedererkennen? "Sicher kann man nicht sein", sagt Maria Courtial, "aber eine Sache weiß ich gewiss: Ich selbst würde leidenschaftlich gern durch unser altes Rom laufen."


Die Ausstellung "Die Päpste und die Einheit der lateinischen Welt" ist vom 21. Mai bis 31. Oktober 2017 im Museum Zeughaus C5 der Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim zu sehen .

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Die Päpste und die Einheit der lateinischen Welt: Antike - Mittelalter - Renaissance (Publikationen der Reiss-Engelhorn-Museen)

Verlag: Schnell & Steiner
Seitenzahl: 544
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06.10.2022 04.22 Uhr

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