DDR-Geschichtsklitterung Was früher war - Schwamm drüber

Thüringens rot-rot-grüne Landesregierung schützt Sportfunktionäre, die zu DDR-Zeiten das Leben ihrer Athleten gefährdeten. Einige Doping-Altkader kassieren sogar staatliche Fördergelder.
Gewichtheber im DDR-Nationalkader 1990

Gewichtheber im DDR-Nationalkader 1990

Foto: Thomas Raupach

Als die Thüringer Linke, SPD und Grünen im Dezember 2014 die deutschlandweit erste rot-rot-grüne Landesregierung bildeten, gaben sie ein Versprechen: Die Vergangenheit, so schrieben sie in ihren Koalitionsvertrag, werde "vielfältig und beispielhaft für die gesamte Bundesrepublik aufgearbeitet". "Konsequent", "schonungslos" und "in all ihren Facetten" werde die SED-Diktatur seziert.

Doch wenn es um Ruhm und Ehre des Freistaats auf den Wettkampfplätzen dieser Welt geht, so zeigt sich, bleiben die hehren politischen Ziele auf der Strecke. Das linke Bündnis bugsiert gerade ein Gesetz zur Sportförderung durch den Landtag, das es ehemaligen Dopingfunktionären ermöglicht, weiter im Sportbetrieb zu bleiben - und zwar staatlich gefördert.

Alle Parteien im Thüringer Landtag waren dafür, die 23 Jahre alten Richtlinien zu verschärfen. Die CDU brachte schon 2015 einen neuen Gesetzentwurf ins Parlament ein, der endlich alte DDR-Dopingtrainer aus der Förderung ausschließen sollte. Es dürften künftig nur noch "Sportorganisationen" unterstützt werden, in denen keine hauptamtlichen Mitarbeiter beschäftigt sind, die früher Dopingsubstanzen verabreicht oder zugänglich gemacht haben. Zudem sollten in der Landessportkonferenz, welche die Landesregierung berät, auch Dopingopfer vertreten sein.

Doch der Entwurf für das neue Sportgesetz, den Rot-Rot-Grün im März endlich vorlegte, spart die Vergangenheit aus. Sportverbände müssen demnach, wenn sie staatliche Gelder wollen, "einschlägige Anti-Doping-Bestimmungen" anerkennen. Das heißt, ehemalige SED-Kader mit Dopingvorgeschichte dürfen an den Start, wenn sie denn heute sauber bleiben. Was sie in der DDR taten, spielt keine Rolle.

Wie kam diese Dopingpassage in den Entwurf? Brisanterweise findet sich die Formulierung wörtlich in einer Synopse des Landessportbunds (LSB) Thüringen zur Debatte um die Gesetzesreform von 2016. "Natürlich lassen wir uns beraten", räumt die SPD-Abgeordnete Birgit Pelke ein, die den Entwurf verteidigt. Der Linke Knut Korschewsky, einst strammes SED-Mitglied, sagt, das Gesetz sei kein Rückschritt.

Die geschichtsklitternde Linie des Landessportbunds ist es auf jeden Fall. 2007 hatte der Verband noch einen Maßnahmenplan im Kampf gegen Doping beschlossen. Trainer, Betreuer, Ärzte, Physiotherapeuten und leitende Mitarbeiter sollten in einer Ehrenerklärung versichern, dass sie "zu keinem Zeitpunkt" Dopingsubstanzen "weitergegeben, zugänglich gemacht, rezipiert oder appliziert" haben. Im November 2016 wurde die Ehrenerklärung umgeschrieben. Nun reicht es, wenn die Trainer versichern, sich künftig "in keiner Weise an Dopingmaßnahmen zu beteiligen oder das Doping zu unterstützen". Was früher war - Schwamm drüber.

Ines Geipel, 56, ist eine der rund 12.000 DDR-Sportler, die systematischem Doping ausgesetzt waren. Die Weltklassesprinterin trainerte einst beim SC Motor Jena. Dort wurden ihr ohne ihr Wissen Steroide in Tabletten verabreicht. 1984 lief sie Weltrekord mit ihrer Vereinsstaffel, 4 × 100 Meter in 42,2 Sekunden, er gilt noch heute. Nach der Wende, als das Doping nachgewiesen wurde, ließ sie sich allerdings aus der Rekordliste streichen. Die Bestmarke, sagte sie, sei mit kriminellen Mitteln erreicht worden.

Geipel leitet heute einen Opferhilfeverein und sagt, das neue Gesetz sei eine Farce: "Wir brauchen Glaubwürdigkeit und Transparenz." Verstrickte Trainer und Funktionäre dürften auf keinen Fall mit staatlichen Geldern gefördert werden.

Und von denen gibt es noch einige. Fast in jedem Verband, so Insider, sei es beim Ringen, Judo, Boxen, Schwimmen, Biathlon oder Langlauf, arbeiteten noch heute Trainer, die in das DDR-Doping verwickelt waren.

Den Thüringer Skiverband führt seit Ende vergangenen Jahres Ulrich Wehling. Der dreimalige Olympiasieger der Nordischen Kombination war zu Zeiten der DDR Sportfunktionär und als Verantwortlicher für den Leistungssport in das Dopingsystem eingebunden. Er hat Repressionen gegen Trainer und Sportler mitgetragen, die sich der Dopingpraxis verweigerten. 1992 hatte er sein Amt als Ostbeauftragter des Deutschen Skiverbands wegen seiner Vergangenheit aufgeben müssen.

Auch der Hauptgeschäftsführer des Landessportbunds, Rolf Beilschmidt, reüssierte in der DDR: als Weltklassehochspringer, als SED-Kader, Sportfunktionär und Stasispitzel. Er war Chef von Geipels Verein SC Motor Jena, dessen Dopingpraktiken heute gerichtsbekannt sind. Als Präsident steht ihm der alte SED-Genosse Peter Gösel zur Seite, der Beilschmidts Stasiverstrickung mit den Worten kommentierte: "Die Vergangenheit interessiert keinen."

Die Auffassung scheint sich im Osten wieder auszubreiten. Erst kürzlich erklärte das einstige Radsportidol Täve Schur im "Neuen Deutschland", der DDR-Sport sei "nicht kriminell, sondern vorzüglich aufgebaut" gewesen. "Wir hatten in der DDR keine Dopingtoten, anders als im Westen." Schur blieb daraufhin der geplante Einzug in die Ruhmeshalle des Deutschen Sports verwehrt.

Und Michael Ilger, dem Chef der Sporthilfe, schwante, dass wohl eine ganz grundsätzliche Diskussion über die deutsche Sportvergangenheit nötig sei.

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