Urlaubsziel Transsilvanien Wo wohnt denn hier der Dracula?

Dracula-Fans aus dem Westen irrten durch Rumänien, auf den Spuren des Blutsaugers. Nur: Niemand dort kannte die Horror-Story. Also musste eine Lösung her.
Filmfigur Dracula (Bela Lugosi in "Dracula", 1931)

Filmfigur Dracula (Bela Lugosi in "Dracula", 1931)

Foto: Picturelux/Intertopics

Es waren verstörende Begegnungen, die von Mitte der Sechzigerjahre an die genügsame Bevölkerung der Karpaten aufschreckte. Immer traktierten Menschen aus dem westlichen Ausland die Einheimischen mit merkwürdigen Fragen, besonders beliebt: "Wo bitte geht's zum Schloss des Grafen Dracula?"

Auf der Suche nach der Burgruine des berühmten Beißers irrlichterte im Jahr 1968 sogar eine westliche Filmcrew durch Transsilvanien - vergebens.

Kein Adliger mit diesem Namen hatte jemals in der finsteren Landschaft ein solches Domizil gebaut, geschweige denn in Hälse gebissen. So bahnte sich in dem entlegenen Hochgebirge ein äußerst bizarrer Kulturclash an.

Anhänger der frei erfundenen Vampirfilme um den Untoten trafen auf arglose Rumänen, "die von Dracula überhaupt nichts wussten", berichtet der Tourismusforscher Duncan Light. Der Brite von der Bournemouth University in Südengland erforscht eine der aberwitzigsten Episoden in der jüngeren Geschichte des internationalen Tourismus.

Der Bestseller "Dracula" des zu Lebzeiten eher mäßig erfolgreichen irischen Schriftstellers Abraham ("Bram") Stoker (1847 bis 1912) war in Rumänien erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 verlegt worden - obwohl Stoker seine Hauptfigur in den Karpaten verortet hatte. Die Rumänen hatten allerdings wenig Grund zur Wertschätzung des Blutsauger-Epos: nicht nur, dass Stoker im Buch über die Einwohnerinnen spottete ("Die Frauen machten einen hübschen Eindruck, jedoch nur in der Entfernung, denn sie waren sehr plump um die Hüften"). Er beschrieb Transsilvanien auch als rückständigen und gottverlassenen Ort, an dem "jeder nur erdenkliche Aberglaube" zu Hause sei.

Dass die mythische Figur des Vampirs unter den Bewohnern der rumänischen Provinz nahezu unbekannt war, kümmerte Gruselfans aus den USA allerdings wenig. 1972 traf deshalb das Angebot eines New Yorker Reiseveranstalters ins Schwarze: Für 935 Dollar versprach General Tours eine Dracula-Pauschalreise durch Transsilvanien. Ihrer Kundschaft riet die Agentur, sich für den Trip in die Fremde mit reichlich Knoblauch zu bewaffnen.

Foto: DER SPIEGEL

In Rumänien löste der Vampirrummel indes Irritation und Krisenstimmung auf höchster Staatsebene aus. "Tourismus auf der Grundlage des Übernatürlichen stand nun mal in völligem Gegensatz zum wissenschaftlichen Kommunismus", kommentiert Forscher Light.

So geriet die Parteielite in einen kaum lösbaren Zwiespalt: Einerseits lockten die Devisen, die mit den ungeliebten Besuchern ins Land kamen; andererseits zeigten sich die sozialistischen Funktionäre angewidert von Urlaubern, die mit albernen Vampirgebissen aus Plastik im Mund durch die rumänische Kulturlandschaft trampelten.

Tourismusminister Ion Cosma antwortete mit einer Gegenoffensive, die im Einklang mit dem sozialistischen Bildungskanon stand: Unter dem verheißungsvollen Titel "Dracula: Legende und Wahrheit" köderten Bukarests Parteibürokraten die Ferienreisenden aus dem kapitalistischen Westen mit einem alternativen Angebot. Von Blutsaugern, die nächtens aus Särgen emporklettern, war dabei aber nicht die Rede. Stattdessen wurden die Besucher zu den Wirkungsstätten von Vlad III. Draculea gekarrt, einem im Westen damals völlig unbekannten Walachenführer aus dem 15. Jahrhundert, der gegen das Osmanische Reich gekämpft hatte und seine Gegner auf Pfähle spießen ließ.

Entsprechend wenig Freude empfanden Kenner des Horrorgenres beim Bildungsprogramm des Regimes. "Diese Tour war offen propagandistisch. Sie enttäuschte die Vampirfans", resümiert Light.

In Abwesenheit echter Reliquien des frei erfundenen Grafen hatten seine Verehrer eine alte Burg in Siebenbürgen zur Kultstätte erkoren. Schloss Bran liegt malerisch auf einem Hügel in bewaldeter Umgebung. Mit seinen Spitztürmen und Erkern sieht das betagte Gemäuer tatsächlich aus wie eine einwandfreie Filmkulisse für einen Vampirschocker. Mit der von Bram Stoker erdachten Romanfigur hat der verwunschene Ort allerdings überhaupt nichts zu tun.

Schloss Bran in Siebenbürgen

Schloss Bran in Siebenbürgen

Foto: BOGDAN CRISTEL/ REUTERS

Die Parteibürokraten rührten derweil keinen Finger, um aus der Vampirmanie Kapital zu schlagen. Wohl auch deshalb nahm ein findiger Tourismusmanager aus Siebenbürgen die Sache selbst in die Hand.

Light stieß bei seinen Recherchen auf einen Geschäftsmann namens Alexandru Misiuga, dem das Kunststück gelang, im sozialistischen Staat zu einer Art Hotelier der Finsternis zu avancieren. In der Nähe des Borgo-Passes eröffnete der Kleinunternehmer eine Herberge mit dem Namen Goldene Krone - eine Bezeichnung, die Dracula-Fans sofort aufhorchen ließ. Denn in einer Klause dieses Namens verbrachte der Anwalt Jonathan Harker in Stokers Roman jene Nacht, bevor er zum Schloss des Grafen aufbrach - gut gesättigt nach einem Mahl aus Speck, Zwiebeln und mit Paprika gewürztem Rindfleisch.

Wenig später bekam es Misiuga über Mittelsmänner sogar hin, von Staatschef Nicolae Ceausescu persönlich die Erlaubnis für einen zweiten Gruselbau zu erhalten: eine düstere Burg, ausgeschmückt mit Tierschädeln. Lediglich der Name des im Westen so populären Vampirs durfte dort nicht genannt werden.

Mitte der Achtzigerjahre verlor Staatschef Ceausescu endgültig jeden Rest von Toleranz im Umgang mit der Romanfigur. Westliche Medien hatten begonnen, den sich zunehmend tyrannisch gebärdenden Kommunistenchef mit einem sehr unliebsamen Spottnamen zu betiteln: "Dracula".