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Ausgabe 16/2016

Russland Moskaus wilde Wandlung

Lange war Moskau in der Hand der Kriminellen und Neureichen. Jetzt erlebt Europas größte Metropole eine rasante Wandlung. Sie wird moderner, weltoffener - und trotzt Putins Nationalismus. Von Christian Neef und Matthias Schepp


Roter Platz in Moskau
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Roter Platz in Moskau

Im Loft seiner Firma über den Dächern von Moskau , zwischen Hängematten und Devotionalien aus der Sowjetzeit, hält Artemij Lebedew eine Provokation bereit: Wer bei Russlands bekanntestem Produktdesigner auf die Toilette geht, findet sich im Kreml wieder. Er sitzt zwischen den Zinnen der Festungsmauern, der Blick fällt auf den Roten Platz, und ans Ohr dringen die Geräusche der großen Stadt. Die Stimmen der Passanten und das Hupen der Autos kommen vom Band, Häuser und Kirchen sind auf eine Wandtapete gemalt, die Kremlmauer ist aus rot lackiertem Holz.

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Heft 16/2016
ZDF-Skandal, Staatsaffäre, persönliche Tragödie

Der 41-jährige Designer ist das Enfant terrible der Moskauer Szene. Er hat mit seinem Studio eine Mikrowelle für den südkoreanischen Samsung-Konzern entworfen, für das türkische Istanbul viereckige Ampeln und für die Nerds dieser Welt eine Computertastatur, die wegen ihrer leuchtenden Tasten Kultstatus hat.

Mehr als 200 Länder hat Lebedew bereist, aber immer wieder zieht es ihn in seine Heimatstadt. In Moskau seinen Kreationen zu entkommen ist unmöglich: Er hat Straßenschilder und Hausnummern entworfen, Briefkästen und die Pläne für die Metrolinien auch.

"Moskau schläft nie. Es ist die beste Stadt der Welt", sagt Lebedew, "eine Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten, nicht so sterbenslangweilig wie Berlin, wo die Restaurantküchen bereits vor Mitternacht schließen. Keine zweite Stadt hat diese Energie. Moskau ist einfach cool!"

Lebedew mag ein Exzentriker sein, aber wenn er über Russlands Hauptstadt spricht, übertreibt er nicht. Nie kam Moskau moderner und weltoffener daher als jetzt: Metrowaggons, Parks, Restaurants und Friedhöfe sind mit kostenlosem WLAN ausgestattet, Parkplätze werden via Smartphone bezahlt, ohne dass der Fahrer zu einem Parkautomaten laufen muss. Bei Abfahrt berechnet die Verkehrszentrale online die exakte Minutenzahl: Wer 53 Minuten geparkt hat, zahlt für 53 Minuten.

Shopping Mall in Moskau
DPA

Shopping Mall in Moskau

Dutzende Straßen wurden in Fußgängerzonen umgewandelt, an 300 automatischen Ausleihstationen stehen Fahrräder bereit, in den Parks kann man noch nach Mitternacht ins Freilichtkino gehen. Und immer wieder meldet Moskau neue Rekorde: Schon im vergangenen Sommer hat es Paris und London bei der Quadratmeterzahl von Shoppingmalls überholt.

Und das trotz der Wirtschaftskrise, die das Land erfasst hat. Trotz der Sanktionen , die Westeuropa und die USA wegen der Krim-Annexion und des Krieges im Osten der Ukraine verhängten.

Moskau lebt, lärmt, boomt. Zum neuen Wahrzeichen ist "Moscow City" geworden, neben dem Sitz der Regierung an der Moskwa - eine Stadt in der Stadt, die schon aus dem Flugzeug zu sehen ist. Noch nicht ganz fertig ist der Föderationsturm, der mit 374 Metern höchste Wolkenkratzer Europas. In der 61. Etage wird es einen Wellnessklub mit Schwimmbad geben, in der 65. Etage ein Edelrestaurant, ganz oben aber Apartments von bis zu 750 Quadratmeter Größe - mit einem berauschenden Blick auf den Moloch Moskau.

Auch um zwei Uhr morgens brodelt es dort unten noch, der Verkehr ruht nie. Die Leute sitzen in Restaurants, die sich hinter den Gourmettempeln New Yorks oder Tokios nicht verstecken müssen. Das White Rabbit etwa mit seinem Starkoch Wladimir Muchin wurde voriges Jahr auf Platz 23 der weltbesten Restaurants gewählt.

Schaut man vom Föderationsturm, scheint die Zeit jedoch stehen geblieben zu sein. Sie sind noch da, die Orientierungspunkte der früheren Sowjethauptstadt: die sieben Wolkenkratzer der Stalin-Ära - die sogenannten Zuckerbäckerbauten -, zu denen das riesige Außenministerium und die ebenso gewaltige Universität auf den Sperlingsbergen gehören; die pompösen Straßentrassen, die die Kommunisten durchs Zentrum geschlagen hatten; die durch das Häusermeer mäandernde Moskwa und im Zentrum der rot ummauerte Kreml.

Moskau 2016 - eine Stadt macht, was sie will

Präsident Putin im Kreml
DPA

Präsident Putin im Kreml

Knapp 870 Jahre alt ist die Stadt. Seit 500 Jahren ist sie die Hauptstadt des russischen Staates, das Herz des Landes, seine Geldbörse, ja der Sehnsuchtsort der Russen schlechthin. Mehr als 12 Millionen Menschen leben jetzt in der größten Stadt Europas, das Umland mitgerechnet sind es 16 Millionen, dazu kommen 2 Millionen illegale Gastarbeiter aus Russlands Nachbarrepubliken.

Und Moskau ist nicht mehr nur die Stadt der Kriminellen, der Neureichen, der rücksichtslosen Aufsteiger, die Stadt, in der jeder auf der Strecke blieb, der arm oder beziehungslos war. Moskaus Charakter ändert sich, die Stadt scheint das zu werden, was sie noch nie war: eine Stadt für die Bürger.

Beim Ausbau der Metropole geht es nicht mehr allein um Glanz und Glitzer, um Superlative. Es geht nicht mehr um Quantität, sondern um Qualität. Um Lebensqualität. Die Stadt kollidiert dabei mit Wladimir Putin : Ihm geht es um Größe und Macht seines Reichs, nicht um das Wohl des Einzelnen. Er führt das Land vom Westen weg, entmündigt die Bürger.

Moskau jedoch, dessen Bürger den KGB-Mann Putin aus St. Petersburg nie mochten, verweigert sich diesem Kurs des Kreml - auch wenn der Druck auf die Opposition und die Begeisterung über den Anschluss der Halbinsel Krim dazu führten, dass Putin heute weit fester im Sattel sitzt als vor vier Jahren noch. Damals gingen Hunderttausende Hauptstädter gegen ihn und die Fälschung der Duma-Wahl auf die Straße.

Moskau 2016 - das ist eine Stadt, die gleichzeitig rebellisch und pragmatisch ist. Sie findet sich mit dem Autokraten im Kreml ab und macht doch, was sie will.

Während Wladimir Putin Wahlen nur imitiert, ruft die Stadtregierung das Projekt "Aktiver Bürger" aus - mit Volksabstimmungen wenigstens im Miniformat. Und während die kremlhörige Staatsduma gern per Gesetz sogar Unterwäschewerbung verbieten würde, besitzt Moskau noch immer die dekadentesten Nachtklubs östlich von Amsterdam. Das Golden Girls etwa oder das Caprice, wo Männer für Frauen strippen.

Der Kreml lässt im Land umstrittene Theateraufführungen absetzen, aber auf Moskaus Bühnen triumphiert die Avantgarde. Eine Propagandaschau stellt mit Schützengräben, echten Kalaschnikows und Puppen gefallener Soldaten den Krieg in der Ukraine nach, Schülerklassen pilgern hindurch. Zugleich eröffnete vergangenen Sommer in einem Café aus der Sowjetzeit - vom holländischen Stararchitekten Rem Kolhaas umgestaltet - eine postmoderne Galerie, mit dabei waren die Hollywoodgrößen Woody Allen und George Lucas.

Den Ton in Moskau geben junge, gebildete Leute an, in deren Einkaufskörben nicht mehr Schaschlik und Wodka liegen, sondern Käse und Wein. Moskau ist eine Stadt der Mittelschicht geworden. Was auch an Sergej Sobjanin liegt, dem jetzigen Oberbürgermeister. Er ist kein Moskauer, er stammt aus Sibirien. Er ist auch kein Liberaler, sondern Apparatschik: einst Chef von Putins Präsidialadministration, später Vizepremier. Aber er hat junge Reformer um sich versammelt, die anders ticken als der Führungszirkel im Kreml.

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Sogar die Oppositionszeitung "Nowaja gaseta" bescheinigte ihm, er sei einer der wenigen russischen Politiker, die die "Reform eines ganzen Systems" in Angriff genommen hätten - indem er versuche, Moskau das Format einer europäischen Stadt zu geben. Er hat genügend Geld dafür, viel Geld - umgerechnet 22 Milliarden Euro beträgt das Budget der Hauptstadt.

Moskau soll zu einer Musterstadt im Straßenverkehr werden

Die Uliza Mjasnizkaja, die Fleischerstraße, Samstagnacht. Das frühere kaiserliche Postamt liegt hier und das Haus Nummer 13, in dem jetzt die #SanctionsBAR untergekommen ist. Seit elf Uhr abends legt DJ Max Fabian hier die Platten auf. Die Idee für die Bar entstand, als der Westen seine Sanktionen gegen Russland verhängte, ihr Interieur ist eine Parodie auf das, was seither zwischen Russland und dem Rest der Welt passiert. Ölfässer stehen herum, über der Tanzfläche dreht sich ein mit Dollar-, Euro- und Rubelnoten beklebter Lüster, die Shishas ähneln Kalaschnikows, und die Speisekarten ziert ein durchgestrichener Obama-Kopf. Wer mal muss, findet Obama auch auf dem Toilettenpapier.

Das Schönste aber sind die Collagen und Karikaturen an den Wänden: Putin, wie er auf der Wippe Barack Obama, François Hollande und Angela Merkel verhungern lässt; Putin, wie er Obama einen Fußtritt verpasst; Putin und Leonardo DiCaprio, der zum Kremlchef sagt, er habe für die Minsker Friedensverhandlungen einen Oscar verdient.

Während in der #SanctionsBAR gefeiert wird, beenden draußen Straßenbauer ihre Arbeiten. Sie hatten das Pflaster der Mjasnizkaja aufgerissen, Rohre waren verlegt, breite Bürgersteige gebaut worden. Die Straße, einst eng und abgasverpestet, präsentiert sich nun als Boulevard. Wer nachts aus der #SanctionsBAR kommt, kann jetzt hinunter zum Kreml bummeln.

Überall wird derzeit in Moskau gebuddelt. Der Mann, der dafür verantwortlich ist, heißt Maxim Liksutow, er ist Verkehrsminister der Stadt und Vizebürgermeister, er hat nicht überall Freunde. "Sie wollen, dass niemand mehr mit dem Auto zur Arbeit ins Zentrum fahren kann?", fragte ihn ein Kommentator der kremlnahen Internetzeitung Wsgljad. "Sie wollen Moskaus Mitte vernichten? Sind Sie wirklich kein Agent der CIA?"

Moskauer ist Liksutow tatsächlich nicht, er kommt aus Estland. Und er hat sich mit dem dänischen Städteplaner Jan Gehl verbündet, der den Bau der Kopenhagener Strøget angeregt hat, einst Europas längste Fußgängerzone. Auf Bitten der Stadtregierung legte Gehl auch für Moskau eine Planung vor, er will die Stadt für Fußgänger öffnen.

Moskauern das Zufußgehen angewöhnen kann wohl nur einer, der von außen kommt. Liksutow, 39, war früher Geschäftsmann, den Grundstein für sein Vermögen hat er im Kohlehandel in seiner Heimat Estland gelegt, das Wirtschaftsmagazin "Forbes" taxierte ihn zuletzt auf 650 Millionen Dollar. Den estnischen Pass gab Liksutow 2011 ab, um in die Moskauer Stadtregierung einzutreten. Er hatte zuvor bereits für russische Transportunternehmen gearbeitet und die Schnellbahn zum Moskauer Flughafen Scheremetjewo konzipiert. Sie ist ein großer Erfolg.

Überhaupt soll er Moskau eine neue Infrastruktur verpassen. "Wir haben 60.000 Menschen befragt, wie sie sich ihr Leben in dieser Stadt künftig vorstellen", sagt er - und danach arbeitet er nun. Bis zu neun Millionen Passagiere nutzen inzwischen täglich die Untergrundbahn, die Intervalle zwischen den Zügen betragen oft weniger als eine Minute. Moskaus Metro gilt als effektivste und schönste der Welt.

Rush Hour in Moskau
Corbis

Rush Hour in Moskau

"Als ich ins Amt kam, gab es keinerlei Pläne, wie der Verkehrskollaps abzuwenden wäre", sagt Liksutow. "Zehntausende Moskauer waren einfach aufs Auto umgestiegen, um den veralteten, schmutzigen und unbequemen öffentlichen Verkehrsmitteln zu entgehen."

Insgesamt 3,9 Millionen Pkw gibt es jetzt, jedes Jahr kommen 200.000 Autos dazu. Aber nun sollen die Hauptstädter wieder raus aus dem Auto und rein in Busse und Bahnen. Liksutow fährt selbst mit dem Vorortzug zur Arbeit, erst am Kiewer Bahnhof steigt er in seinen Dienstwagen. "Moskau soll angenehm werden zum Leben", sagt er.

Das wäre ein Paradigmenwechsel. Die Stadt war stets nur Kulisse für die Machthaber. Jetzt wird sie auch zum attraktiven Wohnort.

Die Stadtregierung hat ein Programm aufgelegt, mit dem sie den öffentlichen Verkehr revolutionieren will. Das 300 Kilometer lange Schienennetz der Metro wird bis 2020 um etwa 140 Kilometer und rund 60 Stationen erweitert, alle paar Monate öffnet jetzt eine neue U-Bahn-Station. Im Februar ging die 200. in Betrieb - sie liegt bereits außerhalb des Autobahnrings, in "Neu-Moskau". Bürgermeister Sobjanin hatte 2012 die Erweiterung der Hauptstadt nach Südwesten durchgesetzt, um eine Fläche, auf die Berlin zweimal passen würde.

"Wir wollen Moskau auch zu einer Musterstadt im Straßenverkehr machen", sagt Liksutow. 5700 neue Busse, Straßenbahnen und Trolleybusse hat er angeschafft. Er hat die Zahl der legalen Taxis verachtfacht und Busspuren eingeführt - was in Moskau lange ebenso illusorisch war wie die Erwartung, dass Autofahrer an Fußgängerüberwegen halten.

Moskau City
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Moskau City

Er lässt Fahrradwege anlegen, auf dem Boulevardring rund ums Zentrum sind die roten Velotrassen bereits fertig. Und er baut einen neuen, 58 Kilometer langen Metro-Ring, der die Vorortlinien miteinander verbinden wird, im September sollen die ersten Züge fahren.

Ein roter Teppich für Investoren

Putins Regierung dagegen kommt im Rest des Landes nicht vom Fleck. Schon 2012 hatte der damalige Minister für Regionalentwicklung gesagt, Russland brauche eine halbe Million Kilometer neue Straßen: "Dafür würden wir beim jetzigen Bautempo etwa tausend Jahre benötigen."

Die Reformer in der Moskauer Stadtregierung dagegen drücken aufs Tempo. Während im Land alte Seilschaften die Modernisierung bremsen, hat Liksutow als Erstes mehr als drei Viertel seiner Mitarbeiter durch jüngere Angestellte ersetzt.

"Wir brauchen nur zwei, drei Jahre, um Dinge auf den Weg zu bringen, die woanders Jahrzehnte gedauert haben", sagt Liksutow. "Moskau entwickelt sich jetzt rasanter als jede andere Metropole der Welt."

Im Südosten Moskaus liegt ein Ort, der wie kein anderer für den von der Stadtregierung eingeleiteten Wandel steht. Und der zeigt, dass Moskau boomt. Die Wirtschaftskraft der Hauptstadt ist inzwischen größer als die Tschechiens oder Finnlands. Moskau erwirtschaftet mehr als ein Fünftel des russischen Bruttoinlandsprodukts und hat weniger als zwei Prozent Arbeitslose.

Auf dem Gelände der größten Industrieruine haben die Stadtoberen Technopolis angesiedelt, den größten von 19 neuen Hightechparks. An dieser Stelle stand einst das Autowerk Leninscher Komsomol, das die Sowjets 1930 zusammen mit dem Ford-Konzern gebaut hatten. Nach dem Krieg wurde hier der Moskwitsch produziert, eine Kopie des Opel Kadett.

Ein Immobilienhai baut nun auf dem Gelände eine gewaltige Shoppingmall, die Stadtregierung plant Wohnungen und Büros für mehrere Zehntausend Menschen, Wolkenkratzer inklusive. Glanzstück aber ist Technopolis: In einer der alten Fabrikhallen haben mehrere Dutzend innovative Firmen Quartier bezogen, darunter ein Hersteller von Drohnen, die computergesteuert Medikamente oder Pizzas ausliefern. Die Verantwortlichen in der Stadtregierung waren begeistert, nur die Militärs und Geheimdienstler motzen, sie haben Sicherheitsbedenken.

Die Start-ups locken Spezialisten wie die Nanophysikerin Irina Rod. Sie ist aus dem Westen - in den viele Kollegen abgewandert sind - nach Russland zurückgekehrt. "Weil mit Technopolis endlich die Bedingungen geschaffen worden sind, vernünftig zu arbeiten", sagt sie. Rod hat sieben Jahre an der Universität Duisburg-Essen geforscht, seit zwei Jahren arbeitet sie für ein Joint Venture der holländischen Firma Mapper und der russischen Hochtechnologie-Holding Rosnano.

Die Stadtregierung hat solchen Investoren einen roten Teppich ausgerollt: Sie hat die Grundsteuer gestrichen, die Gewinnsteuer um ein Viertel gesenkt, die Mieten unter Marktniveau angesetzt und garantiert von der Antragstellung für eine Start-up-Gründung bis zur Registrierung eine Frist von maximal sechs Monaten. "Für Russland und unsere träge und oft korrupte Bürokratie ist das sensationell", sagt Rod.

Bolschoi-Theater
AP

Bolschoi-Theater

Die 35-Jährige steht in einem besonders geschützten Reinraum, über Pullover und Jeans trägt sie einen weißen Astronautenanzug, die langen blonden Haare stecken unter einer weißen Haube. Rod ist für die Qualitätskontrolle mikroskopisch kleiner elektronischer Linsen zuständig, die Strahlen für große 3-D-Drucker lenken.

Weil russische Mikroskope für ihre hochspezialisierten Forschungen nicht ausreichten, hatte sie einst dem Land den Rücken gekehrt. "Moskau hat aber jetzt einen Vorteil", sagt sie. "Die Aufzüge für Blitzkarrieren fahren hier doppelt so schnell."

"Du kannst in dieser Stadt Gold fördern oder vor die Hunde gehen"

Moskau ist Russlands größte Denkfabrik, ein Treibhaus auch für Künstler. Man spürt das in der Uliza Kasakowa, einer kleinen, unscheinbaren Straße. Dort steht das Gogol-Zentrum. Das frühere Theater der Eisenbahner, 1925 gegründet, ist die angesagteste Bühne der Stadt. Kein Theater im herkömmlichen Sinne, sondern eine Disputierwerkstatt - ein Gegenentwurf zu den klassischen Repertoiretheatern der Stadt und den großen Häusern, die sich wie das Bolschoi-Theater in Staatshand befinden. Ebendeshalb ist das Gogol-Zentrum zur neuen Heimstatt der Moskauer Intellektuellen geworden. Aber auch zum Ärgernis für Russlands Patrioten - und das nur eine Metrostation vom Kreml entfernt.

In Moskaus Künstlerszene wird schon lange nicht mehr gefragt, was gerade im Bolschoi gegeben wird, sondern: "Haben Sie das neueste Stück von Kirill Serebrennikow gesehen?"

Serebrennikow - 46 Jahre alt, Halbglatze, Brille, gestutzter Bart - hat das Haus vor drei Jahren aufgemacht. Zum künstlerischen Leiter hatte ihn Sergej Kapkow ernannt, damals Kulturminister der Stadtregierung. Seither fackelt Serebrennikow am Kursker Bahnhof ein Feuerwerk ungewöhnlicher Ideen ab. "Wir sind ein Ort der absoluten Freiheit, wir machen, was uns und anderen gefällt", sagt er.

In seinem Haus sind die Wände unverputzt, die Bänke in den Zuschauerräumen hart. Keiner soll es bequem haben in diesem gewollten Provisorium. Gleich vier Theatertruppen arbeiten hier, es gibt einen Diskussionsklub Gogol +, ein Gogol-Kino, in dem ausländische Filme laufen, die es nie in den russischen Verleih geschafft haben, das Gogol-Café und den Laden Gogol books.

Sergej Kapkow, bis 2015 Moskaus Kulturminister, hatte diese Vielfalt gewollt, er hat Serebrennikow den Posten ohne öffentliche Ausschreibung verschafft. Kapkow war einst Mitarbeiter des später ermordeten Politikers Boris Nemzow . Seine Hauptauftraggeber seien die Moskauer, nicht Putin oder Oberbürgermeister Sobjanin, hatte er gesagt. Jene Bürger, die eine interessante Stadt wollten.

Zuallererst nahm Kapkow sich die großen Theater vor: Dem einen verpasste er eine neue Truppe, anderen einen neuen künstlerischen Leiter. Er verlängerte die Öffnungszeiten der Museen und gestaltete Parks in Freizeitzonen um - die Moskauer können dort jetzt tanzen, skaten, Filme sehen. Kapkow, sagen Moskauer, habe der Stadt ein neues Selbstgefühl verschafft.

Serebrennikow ist kein Moskauer, er stammt aus dem südrussischen Rostow, Moskau ist für ihn eine Herausforderung. "Es gibt alles hier", sagt er, "Demokratie und Totalitarismus, Luxus und Elend, tolle Kunst neben Trash, Macht und Abwesenheit von Macht, Ordnung und Anarchie. Dazu Leute aller Nationalitäten, mit Millionen Ideen. Moskau ist wie der Wilde Westen: Du kannst in dieser Stadt Gold fördern oder vor die Hunde gehen."

Sein Haus ist meist ausverkauft, fast jedes Stück gerät zur Sensation. Voriges Jahr hat er die "Alltägliche Geschichte" Iwan Gontscharows auf die Bühne gebracht, einen Klassiker von 1847, der die Konflikte zwischen dem Adel und der aufsteigenden Klasse der Kaufleute beschreibt. Serebrennikow hat ihn umgedeutet zu einem Denkstück übers neue Russland: über die Kollision zwischen jugendlichem Idealismus und eingespieltem Zynismus.

Denkverbote akzeptiert Serebrennikow nicht, dafür gibt es aber schon viele Warnsignale. Sie kommen meist aus dem anderen Moskau - dem der föderalen Macht.

Ob Staatsanwaltschaft, Polizei oder Rechnungshof - es hagelt immer wieder Kritik. Mal wird Serebrennikow Propaganda für Pädophilie vorgeworfen, mal der Aufruf zur Revolution, mal die nicht rechtzeitige Zahlung von Sozialabgaben für seine Schauspieler. Und in der Staatsduma sammeln Abgeordnete der Kremlpartei Unterschriften gegen die "doppeldeutigen Inszenierungen" Serebrennikows.

"Russland ist ein Land der Paradoxe", sagt der Regisseur. "Du kannst morgens einen Brief aus der Staatsanwaltschaft erhalten, die Stücke überprüfen will, welche längst nicht mehr im Programm sind. Und dann gehst du auf die Straße und siehst, dass sie eine tolle neue Fußgängerzone aufgemacht haben oder ein nie da gewesenes Museum zeitgenössischer Kunst."

Sich einmischen - für den Führungszirkel um Putin ist das Teufelszeug

Die Meinung der Hauptstädter zu ignorieren oder den eigenen Geschmack zum Maß aller Dinge zu machen, wie es Exbürgermeister Jurij Luschkow noch tat - im Jahr 2016 funktioniert das kaum noch. Auch Entscheidungen der Stadtoberen nehmen die Moskauer nicht mehr mit dem früheren Gleichmut hin, dank Tausender Aktivisten und Freiwilliger, sogenannter Wolontjory, die es vor Jahren noch nicht gab. Es sind junge Leute wie Igor Ponossow. Dessen Spuren finden sich überall in der Stadt.

Zum Beispiel in der Uliza Pjatnizkaja, einer alten Einkaufsstraße, die am alten Funkhaus vorbei zum Zentrum führt. Eng und laut war sie bisher, der Verkehr wälzte sich mühsam Richtung Kreml.

Dann gab es auf Höhe der 500 Jahre alten Johannes-Kirche plötzlich einen Fußgängerüberweg. Er bestand aus dem klassischen weißen Zebrastreifen, und am Fahrbahnrand stand das dazugehörige blaue Schild mit dem schwarzen Männeken. Nur: Weder Stadt noch Verkehrspolizei hatten den Fußgängerweg angelegt.

Das hatten Ponossow und seine Freunde getan, in einer Nacht. Sie hatten Farbe besorgt, das Verkehrszeichen, sich Signalwesten übergezogen und die Straße erst auf der rechten, dann auf der linken Hälfte gesperrt. Nach zwei Stunden war der Zebrastreifen fertig. "Die Stadt gehört den Menschen", sagt Ponossow. "Was die Stadtregierung nicht macht, das machen wir. Die Leute müssen aufwachen und über ihre eigenen Bedürfnisse nachdenken. Und etwas tun dafür."

Ein paar Dutzend solcher Fußgängerüberwege sind so entstanden. Die Stadt hat sie - weil es gegen die Gesetze verstieß - irgendwann wieder übermalt. In der Pjatnizkaja aber wurde inzwischen eine verkehrsberuhigte Zone eingerichtet. Ein bisschen ist das auch Ponossow und seinen Freunden zu verdanken. Sie nennen ihre Aktionen "Partisanen-Intervention" und ihre Website Partisaning.org, eine Plattform für "Aktivisten und Urbanisten".

Ponossow, ein sympathischer Lockenkopf, war 22 und Straßenkünstler, als er vor 13 Jahren aus dem sibirischen Nischnewartowsk nach Moskau kam. Einer, der tagsüber in einer Bank arbeitete und nachts an die Mauern Graffiti sprayte. Er habe damals ganze Tage wegen Hooliganismus und Vandalismus auf Moskauer Polizeirevieren verbracht, sagt er. Aber auch verstanden, wie sperrig diese Stadt sei, wie viel Kraft sie den Menschen abfordere, schon ihrer Größe wegen. Irgendwann begann er, sich zu engagieren.

2010 entwarf Ponossow Karten, aus denen sich ersehen ließ, wo man in Moskau halbwegs sicher auf dem Fahrrad unterwegs sein konnte - Fahrradfahren war ein lebensgefährlicher Sport. Dann schnitt er mit Freunden in den Straßen Reklamebanner ab und schneiderte Zelte für Obdachlose daraus - "damit die im Stadtbild auffallen und sich irgendjemand ihrer annimmt". Sie stellten selbst gezimmerte orangefarbene Bänke auf, als Farbtupfer im grauen Moskauer Winter, und schrieben daran: "Diese Bank wurde von Städtern für andere Städter gemacht - nutzen Sie sie!"

Es ist eine Mischung aus Street-Art und menschlicher Fürsorge, die Ponossow antreibt. Andere Aktivisten wollen Moskau umweltfreundlicher machen und rufen an Wochenenden vor den Supermärkten zur Mülltrennung auf - weil es die in der Stadt bisher kaum gibt. Oder sie helfen Moskauern bei juristischen Auseinandersetzungen mit Unternehmen, die Grünzonen zubetonieren oder illegal Neubauten errichten.

Das ist ziemlich das Gegenteil dessen, was man im Kreml vom Volk erwartet. Sich einmischen in öffentliche Belange, etwas von unten verändern - für den Führungszirkel um Putin ist das Teufelszeug, dort erwartet man unbedingte Loyalität.

Naiv sind die Freiwilligen nicht. Dass die Moskauer jetzt übers Bezahlparken abstimmen dürfen, darüber, wohin welches Denkmal zu stellen ist, ja, auch über die Platten für die Bürgersteige und das Design der Straßenlampen, das ist der Stadtregierung zu verdanken. Es kommt aber auch dem Kreml zupass. In einer Zeit, da ein öffentliches politisches Leben in Moskau - der Stadt mit den meisten Protestwählern - faktisch verboten ist, kann so Unzufriedenheit eingedämmt werden.

Auch Igor Ponossow weiß das. Aber Politik ist für ihn nicht so wichtig wie ein selbstbestimmtes Leben. "Moskau ist auch heute noch ein Zwischending zwischen Europa und Asien", sagt er. "Aber es ist lebenswerter geworden."

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colja_kosel 30.07.2016
1. Neef, halt endlich deine putinphobe
.... Knapp 80 Prozent wählen den Mann, Putin ist Russland und andersherum. Warum arbeiten Sie sich nicht an der Vorzeigeoligarchie ab, da ist gerade sauberer Wahlkampf, Bush-Clinton-Bush-Obama-Clinton?!? Ich komme immer durcheinander, welcher von denen wurde aufgrund von Wahlfälschung richterlich ins Präsidentenamt gehievt?!?
ka117 30.07.2016
2. Sowjetmenschen
Zitat von colja_kosel.... Knapp 80 Prozent wählen den Mann, Putin ist Russland und andersherum. Warum arbeiten Sie sich nicht an der Vorzeigeoligarchie ab, da ist gerade sauberer Wahlkampf, Bush-Clinton-Bush-Obama-Clinton?!? Ich komme immer durcheinander, welcher von denen wurde aufgrund von Wahlfälschung richterlich ins Präsidentenamt gehievt?!?
1. Inzwischen sollen es sogar 90% sein. Nur was soll uns das eigentlich sagen? Die Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewirtsch: "Ja, die Russen bekamen die Freiheit und wollten zurück in die Sklaverei. Sie lieben Putin, weil ihr Land jetzt angeblich respektiert und gefürchtet wird. Leider hatte die russische Elite, im Gegensatz etwa zur polnischen, keinen Plan für einen Neubeginn nach dem Kommunismus. Die russische Freiheit war bloß Geschwätz" "Russen und auch Weißrussen, so sieht es Alexijewitsch, haben sich bewusst für eine Rückkehr zum Autoritarismus entschieden. Die Widersprüche mit dem Westen würden sich auch unter anderer Führung nicht auflösen. Das zu verstehen falle Ausländern allerdings schwer. "Nur Sowjetmenschen können Sowjetmenschen verstehen", sagt sie. Und: "Ein Putin sitzt in jedem Russen".
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