Auf Radtour mit Sahra Wagenknecht Immer Vollgas. Aber wohin?

Wer mit Sahra Wagenknecht eine Fahrradtour machen will, sollte wissen: Sie betreibt alles, was sie tut, mit kompromisslosem Ehrgeiz.
Radfahrerin Wagenknecht

Radfahrerin Wagenknecht

Foto: Dennis Williamson/DER SPIEGEL

Sie steht vor der Tür ihres Hauses in Merzig-Silwingen, pünktlich zur vereinbarten Zeit, in Turnschuhen, Radlerhose, einem T-Shirt von Nike und mit einem Sturzhelm, den sie schon festgezurrt hat; sie könnte losfahren, aber ausgerechnet jetzt beginnt es zu regnen.

"Wollt ihr heute wirklich 'ne große Runde fahren?", fragt Oskar Lafontaine. Sahra Wagenknecht ist irritiert. Sie hatte eben noch ihre Wetter-App konsultiert, und so, wie sie es beurteilen konnte, sollte es eigentlich trocken bleiben. Die Regenwahrscheinlichkeit lag bei 30 Prozent, und 30 Prozent ist für sie keine Größe, die man ernst nehmen muss.

Ihr Mann mustert den Himmel, der, wie er findet, schwer nach Gewitter aussieht. Er will eigentlich nicht, dass sie fährt. "Sie müssen wissen", sagt er, "meine Frau hat Angst vor Gewittern." Er wühlt in seiner Hosentasche nach seinem iPhone, um seinerseits die Regenwahrscheinlichkeit zu überprüfen. Bei ihm steht: 80 Prozent.

Wagenknecht blickt um sich. Sie will es jetzt ganz genau wissen, so schnell will sie sich nicht geschlagen geben. Hat jemand noch eine andere App? Der Fotograf, der Wagenknecht für den SPIEGEL fotografieren soll, hat eine App mit minutengenau animiertem Regenradar. Er zeigt Wagenknecht, wie der blau eingefärbte Regen an Merzig-Silwingen vorbeizieht. Kein Regen mehr, kein Gewitter, ganz sicher, zu 100 Prozent. Das ist es, was sie braucht: Sicherheit, Perfektion. "Gut", sagt Wagenknecht, "dann fahren wir los."

Sahra Wagenknecht ist 48, sie ist Fraktionsvorsitzende und Spitzenkandidatin ihrer Partei im Bundestagswahlkampf. Es ist ihre Chance. Politisch, aber auch ganz persönlich. Wagenknecht braucht die SPD, um weiterzukommen, um nicht auf Ewigkeit stecken zu bleiben in der Opposition. Aber ist Sahra Wagenknecht in der Lage, auf andere zuzugehen? Und will sie es auch?

Der Regen hat tatsächlich aufgehört, aber bevor es endgültig losgehen kann, will Sahra Wagenknecht erst noch die Sache mit den Fotos hinter sich bringen, die im SPIEGEL von ihr erscheinen sollen. Sie will die Fotos machen lassen, bevor sie zu schwitzen beginnt. Es kann ein paar Minuten dauern, Lafontaine bittet unterdessen auf seine Terrasse zum Small Talk.

Er fragt, welchen Sport man betreibe. Er möchte abschätzen, wie fit man ist, mit wem es da seine Frau gleich zu tun haben wird. Einem Sonntagsfahrer? Oder einem, der vor Ehrgeiz brennt, der gekommen ist, um es seiner Frau zu zeigen, der schneller und weiter fahren will als sie? Lafontaine prüft mit seinem Blick alles, von Kopf bis Fuß, vor allem die Beine. Er will wissen, wie schnell man joggt, genau, in Minuten pro Kilometer.

Seit fünf Jahren wohnen sie hier oben zusammen, Sahra und er, im letzten Haus in Merzig-Silwingen, ganz oben am Berg, gegenüber dem Friedhof einer kleinen Bergkapelle. Sie haben nur eine Nachbarin, eine Witwe, die nicht mehr Auto fahren kann, weshalb Lafontaine ihr manchmal ein Baguette vom Bäcker mitbringt. Es gibt hier oben kein Handynetz, manchmal kommt eine SMS durch, aber das ist schon alles.

Man ist hier oben sehr weit weg vom Rest Deutschlands.

In Merzig-Silwingen, sagt Lafontaine, "sind wir jetzt zweitstärkste Partei hinter der Union. Die Linke ist hier stärker als die SPD".

Die Linke bekam bei der Landtagswahl im März tatsächlich zwei Stimmen mehr als die SPD, 47 zu 45, so ging das hier aus. In Merzig-Silwingen würde es reichen für Rot-Rot. Aber Lafontaine weiß, dass dies nur eine kleine Rechthaberei ist, für die er sich nichts kaufen kann.

Wenn es stimmt, was seine Freunde sagen, dann war die Wahl im Saarland der Beginn eines großen Plans. Sie sollte ein Testlauf für Rot-Rot-Grün im Bund werden, auch deshalb ist Lafontaine noch einmal als Spitzenkandidat angetreten. Es hätte die Vollendung seines Lebenswerks sein können. Vor zwölf Jahren hat er die SPD im Streit verlassen, um sie mit der Linkspartei in die Knie zu zwingen. Nun hätte er das linke Lager wieder einen können. Hätte. Aber der Plan ging im Saarland schief, und im Bund sieht es auch nicht gut aus.

War es das jetzt?

Lafontaine ist plötzlich abgelenkt. Eine Hornisse hat sich an seinen Balkonpflanzen zu schaffen gemacht. "Tut mir leid", sagt Lafontaine, "das fasziniert mich jetzt." Er sagt lange nichts mehr und schaut nur der Hornisse hinterher, die ganz unaufgeregt von Pflanze zu Pflanze fliegt, dann sagt er mehr zu sich selbst: "Vielleicht ist es ja eine Königin."

Er wendet sich wieder seinem Gast zu und kommt, über seine Beobachtungen der Hornisse, auf seine Frau zu sprechen. Lafontaine ist stolz auf sie, er bewundert sie. Als der Fotograf später sagt: "Tolle Frau haben Sie da", sagt Lafontaine: "Wem sagen Sie das?"

Seitdem seine Frau mit dem Fahrradfahren begonnen hat, ist auch er unter die Sportler gegangen. Er hat sich zuerst ein E-Bike gekauft, um mithalten zu können, und hat ihr dann so lange hinterhergeschwitzt, zweieinhalb Jahre lang, bis er auf ein normales Fahrrad ohne Elektroantrieb umsteigen konnte. Jetzt fahren sie zusammen, Seite an Seite, 100 Kilometer am Stück oder, wenn sie mehr Zeit haben, auch mal 120. Sie radeln dann fünfeinhalb Stunden nebeneinander und gönnen sich dabei genau eine Trinkpause.

Sahra Wagenknecht liebt Berechenbarkeit, die strenge Ordnung des Tages; was diese Ordnung durcheinanderbringt, verunsichert sie mehr als andere Menschen. Wenn sie am Flughafen Tegel eine Schlange vor der Sicherheitskontrolle sieht, erschrickt sie, obwohl sie selbst von der Kontrolle ausgenommen ist und an der Schlange vorbeigehen kann. Sie weiß, dass die Leute dann zu pöbeln beginnen. "Wir stehen auch an, Frau Wagenknecht." Oder: "Eine Linke mit Extrawurst, das ist ja wieder klar."

DER SPIEGEL

Auf Kontrollverlust hat Sahra Wagenknecht immer mit einer gewissen Besessenheit reagiert. Es ist eine Eigenschaft, die sie schon als Kind zu erstaunlichen Leistungen angetrieben hat. Als sie wegen ihres Aussehens gehänselt wurde und sich weigerte, in die Schule zu gehen, flüchtete sie sich mit großer Disziplin ins Lesen.

Sie las, was andere erst als Erwachsene verstehen. Nach dem Abitur sogar streng nach Zeitplan: fünf Stunden Hegel, zwei Stunden Marx, Kant, Descartes "und dann noch was Belletristisches". Irgendwann konnte sie Goethes "Faust" komplett auswendig, so sagt sie es zumindest. Es kursieren viele Geschichten, die sie etwas übermenschlich erscheinen lassen, um nicht zu sagen fanatisch. Als die Mauer fiel, war sie angeblich in ihrer Wohnung in Berlin-Karlshorst und las Kants "Kritik der reinen Vernunft".

"Okay", sagt Wagenknecht. Die Fotos sind fertig, der Fotograf ist zufrieden. Man steht noch ein bisschen vor ihrem Haus zusammen, Lafontaine sagt, dass er jetzt einkaufen gehe, damit er "auch eine Funktion" habe. Dann geht es tatsächlich los, den Berg von ihrem Haus hinunter ins Zentrum von Merzig-Silwingen, dann den Gustav-Regler-Weg hinauf, entlang der deutsch-französischen Grenze, bis hinunter zur Saar und weiter zur Mosel, die Hausstrecke von Sahra Wagenknecht.

Sie kann es nicht leiden, wenn man Dinge nur halbherzig tut. Wenn man zum Beispiel Musik beim Fahrradfahren hört. Das würde sie nie machen. "Da würde man gar nicht mehr die Vögel singen hören", sagt sie.

Sie ist hart zu sich selbst, ihr Lieblingsgericht Spaghetti mit Pesto gönnt sie sich nur nach dem Sport. Sie hat auch Politik wie einen Sport erlernt, sich Reden durchgelesen und Fernsehauftritte angeschaut. Während sie auf dem Trimmrad saß, hat sie sich Aufzeichnungen wichtiger Talksendungen angesehen, um Argumente zu studieren wie Pep Guardiola die Spielzüge künftiger Gegner.

Die Partei hat Wagenknechts Aufstieg stets mit Skepsis begleitet, für viele ist sie bis heute nur die Vertreterin eines Flügels geblieben, des linken, radikalen in der Partei, aber keine, die alle repräsentieren kann. Ihre Ämter hat sie deshalb nur unter Vorbehalt bekommen, mit halbierter Macht, erst als Ko-Fraktionsvorsitzende im Deutschen Bundestag an der Seite von Dietmar Bartsch und nun auch als Ko-Spitzenkandidatin, ebenfalls neben Bartsch.

Ehrgeiz kann einsam machen. Zur Wendezeit, sagt sie, als sie gerade "Doktor Faustus" von Thomas Mann gelesen habe, sei sie besorgt gewesen, "irgendwann wie die Figur Adrian Leverkühn zu enden", als ein Mensch, der seine Kunst perfektioniert und dafür der Liebe und dem emotionalen Kontakt zu anderen Menschen entsagt. Das ist lange her, aber ihre Menschenscheu hat sie bis heute nicht ganz abgelegt. Sie steht dann, wie vor einigen Wochen, eine halbe Stunde lang wie eine Säule im Warteraum des Flughafens Tegel, mit dem kerzengeraden Rücken einer Balletttänzerin, und tippt auf ihrem Handy herum, während direkt hinter ihr Jürgen Trittin mit ausladender Geste den halben Wartesaal unterhält.

Zwei Monate vor der Fahrradtour, am letzten Freitag vor der saarländischen Landtagswahl, hat Sahra Wagenknecht zu einem Ortstermin nach Saarbrücken eingeladen. Ein Fernsehteam ist gekommen und eine Dokumentarfilmerin, die Sahra Wagenknecht ins Kino bringen soll. Am Abend redet sie auf der Abschlusskundgebung im Volkshochschulzentrum von Saarbrücken, als Vorrednerin ihres Mannes Oskar Lafontaine. Aber der eigentliche Höhepunkt ist ein ganz anderer Termin: "Eisessen zusammen mit Oskar Lafontaine am Marktplatz in Saarbrücken".

Fragen nach ihrem Privatleben hat Sahra Wagenknecht bisher immer äußerst ungern beantwortet. Nun aber sind sie gemeinsam auf einem Wahlplakat abgebildet, ganz offensichtlich nicht nur als Kandidaten, sondern als Liebespaar, er mit Siegerlächeln, sie mit glühenden Wangen.

Seit dreieinhalb Jahren ist sie mit Oskar Lafontaine verheiratet, dem Mann, der wie kaum ein anderer für die Unversöhnlichkeit zwischen Linken und SPD steht.

Es ist ein gern gepflegtes Bild, dass Lafontaine sich seine Frau zum Untertan gemacht hat, dass sie als seine Marionette den Rachefeldzug gegen die SPD weiterführt. Was stimmt, ist, dass beide in der SPD den Feind erblickten. Für Lafontaine war es die Partei, die sich von seinem Kurs abgewendet und Gerhard Schröders angeblich unsozialer Agendapolitik unterworfen hatte. Für Wagenknecht war es die SPD, die mit anderen politischen Parteien des Westens ihre alte, vertraute Welt, die DDR, mit zum Einsturz gebracht hatte. Auch wenn Wagenknecht durchaus ein ambivalentes Verhältnis zur DDR hatte, schließlich durfte sie dort nicht studieren, waren ihr nach der Wende die Landsleute zuwider, die sich, wie sie es sah, opportunistisch dem Westen ergaben.

Nun aber liegt die SPD schon seit Jahren am Boden. Lafontaine bekam seine Genugtuung, aber der Bruderkrieg im linken Lager hat auch dazu geführt, dass die Konservativen nun schon seit zwölf Jahren die Macht haben. Wenn Wagenknecht eines Tages in die Regierung einrücken will, dann nur unter einem sozialdemokratischen Kanzler. Es geht auch um ihre persönliche Perspektive. Und da ist Lafontaine der Letzte, der ihr im Weg stehen will. Er sekundiert ihr auf Facebook, er verfolgt ihre Karriere mit väterlichem Stolz.

Wagenknecht ist für Stimmen gut, auch jenseits der linken Stammwählerschaft. Mit ihrer zugeknöpften, makellosen Art, aber auch mit ihrer Bildung, ihrem Doktortitel, den sie mit einem magna cum laude verliehen bekam, gewinnt sie auch die Sympathien konservativer Wähler. Andererseits ist sie zu einem Populismus fähig, der frösteln lässt. Sie kann hetzen, gegen die Regierung, die SPD, gegen die Nato, die USA. Sie nutzt dann eine mit Superlativen aufgeladene Kampfsprache, in der alles, was regierende Parteien machen, immer nur unsäglich skandalös ist. Wagenknecht gab der Kanzlerin eine Mitschuld am Terroranschlag am Berliner Breitscheidplatz, sie nannte Wolfgang Schäuble in der Griechenlandkrise einen "Kürzungs-Taliban".

Lafontaine ist im Alter milder geworden. Er ist der Charmeur, der gutes Essen liebt, den Mann von Welt gibt, französisch parliert und gern Chansons hört. Er kann auf Menschen zugehen; Wagenknecht wirkt immer so, als wäre sie von einer unsichtbaren Mauer umgeben.

Sie weiß Emotionen zu schüren, aber wenn sie normale Menschen trifft, die freundlich fragen, ob sie wirklich Sahra Wagenknecht sei, sagt sie knapp Ja und geht weiter.

Sie hasst Termine wie den an diesem kühlen Märztag, bei dem sie fürs Fernsehen mit ihrem Mann Eis essen soll. Sie geht vom Landtag zum Saarbrücker Marktplatz, aber schon nach ein paar Metern wendet sie sich den Kameraleuten zu und sagt: "Sie müssen mir jetzt schon sagen, was ich machen soll."

Als sie am Marktplatz ankommt, empfängt sie erst einmal Dietmar Bartsch. Bartsch ist der Mann, mit dem sich Wagenknecht arrangieren muss, ihr Ko-Vorsitzender in der Fraktion und Ko-Spitzenkandidat im Bundestagswahlkampf. Eine Zeit lang galt er als Intimfeind des Paares, weil er unter Verdacht stand, die zunächst heimliche Beziehung der beiden ausgeplaudert zu haben.

Oskar Lafontaine selbst ist noch nicht da. Bartsch und Wagenknecht setzen sich schon einmal ins Café am Marktplatz. Wagenknecht bestellt einen "Flavored Latte Macchiato mit Karamell". Bartsch einen normalen Milchkaffee. Für Eis ist es noch zu kalt.

Die beiden flaxen ein bisschen über den SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz, der gerade zusammen mit Heiko Maas auf der anderen Seite des Platzes einen Currywurststand besucht. Aber bald erstirbt das Gespräch, und sie sind froh, als Lafontaine endlich kommt und das Schweigen bricht.

"Na, habt ihr alles geklärt?", fragt Lafontaine.

"Wir sitzen hier gerade einmal drei Minuten", verteidigt sich Bartsch.

"Drei Minuten", schulmeistert Lafontaine, "reichen für 'nen guten Mann."

Dann schaut Lafontaine seine Frau an, die im Schatten sitzt und friert.

"Warum sitzt ihr im Schatten?"

"Als wir uns gesetzt haben", verteidigt sich Wagenknecht, "war da noch Sonne."

Alle Augen sind jetzt auf Lafontaine gerichtet, er ist der Saarländer, er hat hier Heimrecht, er ist Teil der Geschichte, vor allem auf diesem Platz. Den habe ein gewisser Bundeskanzler Helmut Schmidt eingeweiht, sagt Lafontaine, "und meine Bescheidenheit verbietet es mir zu sagen, wer damals Oberbürgermeister war".

Wagenknecht sitzt lächelnd daneben, und was sie denkt, weiß nur sie.

"Ist man als Politiker anders als ein privater Mensch?", fragt die Fernsehreporterin, als die Kaffeerunde aufgelöst wird und sich Wagenknecht an der Seite Lafontaines auf den Weg in die Saarbrücker Fußgängerzone macht, wo ein paar Infostände aufgestellt sind.

"Man ist natürlich anders", sagt Wagenknecht etwas gehemmt.

Lafontaine, neben ihr, lächelt maliziös.

"Wie sehen Sie das, Herr Lafontaine?", fragt die Reporterin.

"Wenn der Saarländer neben seiner Frau geht", sagt Lafontaine, "stimmt er ihr immer zu."

Es ist nicht so, dass Sahra Wagenknecht kein gefühlvoller Mensch wäre. Sie kann, wenn sie im Winter auf dem Heimtrainer trainiert, keine Filme schauen, die sie emotional mitnehmen, ein Antikriegsfilm wie "Die Brücke" etwa treibe ihr die Tränen in die Augen. "Da ist es bei mir sofort vorbei mit dem Sport", sagt Wagenknecht. Sie schaut deshalb nur Krimis wie den "Tatort", leichte Unterhaltung, die keine großen Gefühle weckt.

Ein paar Kilometer hinter dem Städtchen Konz, wo die Saar in die Mosel fließt, etwa 50 Kilometer von ihrem Haus in Merzig-Silwingen entfernt, steigt Sahra Wagenknecht zum ersten Mal von ihrem Fahrrad, um, wie sie es nennt, einen Moment innezuhalten. Sie schaut auf ihre Sportuhr, mit der sie Zeit und Kilometer misst, die zurückgelegte Strecke, die Durchschnittsgeschwindigkeit, die kalorische Leistung. "Und", fragt Sahra Wagenknecht, "was machen wir jetzt?"

Sie erklärt kurz, welche Optionen es gibt: einmal die, wie sie findet, besonders bequeme Variante, wenden und zurück an der Saar, "ganz leicht, ganz flach", oder aber die "sportlichere Variante", die zurück über die Berge führt. "Sie macht eine kurze Pause. "Und da vorne, da geht es jetzt weiter zur 120-Kilometer-Strecke", sagt sie.

Sahra Wagenknecht auf dem Fahrrad nahe Merzig, Saarland

Sahra Wagenknecht auf dem Fahrrad nahe Merzig, Saarland

Foto: Dennis Williamson/DER SPIEGEL

Man kann jetzt also wählen zwischen sehr lange, sehr, sehr lange und wahnsinnig lange. "Für alles andere ist es jetzt zu spät. Also, wenn es wirklich gar nicht mehr geht", sagt Wagenknecht, "hätten wir zu Hause auch einen Anhänger und könnten Sie abholen."

Es ist einem ein wenig unangenehm, dass man die "sportlichere" Strecke nicht schafft, die sie eigentlich gern gefahren wäre, aber über die Berge zurück ist undenkbar in diesem Moment. Man entschuldigt sich, dass sie jetzt die "Omastrecke" zurückfahren muss.

Wagenknecht schaut einen ein.

Sie könnte jetzt sagen: "Macht nichts, die Strecke an der Saar finde ich sowieso die schönste."

Aber Wagenknecht sagt: "Macht nichts. Morgen kann ich wieder mit Oskar fahren."

Im Café Fährhaus in Saarburg macht sie dann eine Pause, die sie dort auch immer mit Oskar macht. Sie bestellt wie immer eine Flasche Fachinger und eine "große Apfelschorle", trinkt, ohne den Helm abzusetzen, und als alles leer getrunken ist, steht sie auf, um zu bezahlen. Sie will, wie immer, keine Zeit verplempern.

Aber die Frage ist, wohin sie will.

Es ist jetzt nicht mehr lange bis zur Wahl, und niemand in Berlin spekuliert mehr über Rot-Rot-Grün. Nach der verlorenen Wahl im Saarland hat Sahra Wagenknecht den Ton gegenüber der SPD wieder verschärft, die Partei ist jetzt wieder der Verräter der kleinen Leute und Martin Schulz der Mann mit dem "Zottelbart".

Wenn man sie fragt, was sie von der Bundestagswahl erwarte, dann klingt es nicht, als ob sie noch an eine überraschende Wende glaube, jedenfalls was eine Zusammenarbeit mit der SPD betrifft. Es klingt weder besonders enttäuscht noch bemüht, man erkennt nicht, ob es da noch etwas gibt jenseits der Überzeugung, dass sie immer weitermachen muss, so wie sie es immer gemacht hat, rücksichtslos gegenüber der SPD, kompromisslos gegen sich selbst. Sahra Wagenknecht gibt immer Vollgas, aber in Wahrheit kommt sie damit nicht weiter. Sie kommt am Ende immer nur dorthin zurück, wo sie gestartet ist.

Es ist noch eine beschwerliche Fahrt zurück nach Merzig. Man hält lange durch. Aber für den letzten Aufstieg zu ihrem Haus reicht es dann nicht mehr. "Ich bringe Sie noch zum Fahrradverleih", sagt Wagenknecht. Aber man will da jetzt lieber allein hinfahren, um sich einen kurzen Moment auf die Straße zu legen und sich dann ins Taxi zu setzen.

Oben wartet Oskar Lafontaine, der für den Gast schon die Dusche hergerichtet hat, man solle sich Zeit nehmen, ein Zimmer in der Nähe besorge er gleich auch noch. 101 Kilometer, sagt Lafontaine. Dass es so hart werden würde, hat er nicht gedacht, jedenfalls nicht für den Gast. Er hatte, das gibt er nun zu, eine ganz andere Sorge, dass nämlich der Gast so fit sei, dass er seine Frau bis über ihre Kräfte hinaus treibe. Er ist erleichtert, dass es nicht so gekommen ist. Dann gibt er noch einen nett gemeinten Rat mit auf den Weg: "Meine Frau müssen Sie stoppen."

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