AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 50/2016

Bürokratie-Posse Wie eine Öko-Verordnung die Sanierung von Häusern lahmlegte

Die Sanierung von Fassaden ist in Deutschland vielerorts zum Erliegen gekommen. Schuld daran ist eine Vorschrift für altes Dämmmaterial aus Styropor.

Dach­de­cker­meis­ter Weihs­wei­ler mit Sty­ro­por­müll: "Ein­fach ab­surd"
Matthias Jung/ DER SPIEGEL

Dach­de­cker­meis­ter Weihs­wei­ler mit Sty­ro­por­müll: "Ein­fach ab­surd"

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Dieser Artikel stammt aus dem SPIEGEL 50/2016

Das Flachdach sieht aus wie ein Flickenteppich, schon seit Jahren ist es nur noch notdürftig repariert worden, weil sich die Eigentümergemeinschaft nicht einigen konnte. Doch jetzt soll das große Dach des Mietshauses in Meckenheim endlich instandgesetzt werden. Die Handwerker aus der Region sollen ein Angebot abgeben.

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Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 50/2016
Football Leaks: Die geheimen Verträge der Profis

"Eigentlich ein lukrativer Auftrag", sagt Martin Weihsweiler, Dachdeckermeister aus Meckenheim. Doch er traut sich nicht ran. "Auch meine Mitbewerber nicht", erklärt der Handwerker. Denn unter der Dachpappe lauert ein Stoff, den derzeit niemand haben möchte: Styropor.

Über Monate haben sich die Entsorgungsbetriebe im Rhein-Sieg-Kreis gänzlich geweigert, das Dämmmaterial aus Polystyrol anzunehmen. "Jetzt akzeptieren sie ihn wieder, doch die Müllverbrennungsanlage will 3000 Euro pro Tonne." Der Dachdeckermeister hat ausgerechnet, was das kosten würde: 90.000 Euro - bei einem Auftragswert von 130.000 Euro ist diese Summe "einfach absurd", findet er.

In ganz Deutschland stockt gerade wegen des Styroporproblems die Renovierung von Gebäuden. Auslöser ist eine Verordnung des Landesumweltminister.

Der Eigentümerverein Haus & Grund hat seine 900.000 Mitglieder dazu aufgerufen, "alle Sanierungsmaßnahmen zu stoppen". Schuld an dieser Situation ist eine verwaltungspolitische Posse rund um das Flammschutzmittel HBCD. Es steckt fast in jeder Styropordämmung. HBCD ist ein Umweltgift, das sich in Organismen anreichert und vermutlich die Zeugungsfähigkeit beeinträchtigen kann.

Gemäß einer internationalen Konvention ist die Herstellung von HBCD-haltigen Styroporplatten von den Landesumweltministern per Verordnung verboten worden. Doch in ihrem Eifer haben sie den Stoff auch in der Entsorgung zu einem Gefahrenstoff deklariert, obwohl er sich bei den Temperaturen einer Hausmüllverbrennungsanlage unschädlich auflöst.

Dies haben sogar die peniblen Beamten im Bundesumweltministerium so bestätigt, die davor gewarnt hatten, HBCD als Gefahrenstoff in der Abfallverordnung zu verankern. Denn seitdem muss das Styropor getrennt gesammelt und angeliefert werden. Und es darf auch nur von speziell ausgebildeten Mitarbeitern behandelt werden.

Zwar haben einige Bundesländer nun wieder erlaubt, den Dämmmüll unter anderem Bauabfall anzuliefern und zu verbrennen. Aber noch immer verlangen etliche Verbrennungsanlagen dafür vierstellige Summen pro Tonne. Die Betreiber müssen sich jetzt den Vorwurf gefallen lassen, die HBCD-Verordnung als willkommene Gelegenheit zu nutzen, ihre Bilanzen aufzubessern. "Handwerker und Bauherren sind die Leidtragenden dieses umweltbürokratischen Unsinns", sagt Ulrich Marx vom Zentralverband des Deutschen Dachdeckerhandwerks, der bereits erste Entlassungen beklagt.

Nächste Woche will sich der Bundesrat noch einmal mit dem Thema beschäftigen. Das Saarland und Sachsen nehmen einen letzten Vorstoß, die HBCD-Verordnung wieder zurückzunehmen. Auch Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) hat sich eingeschaltet. Aus gutem Grund: Sie will die Wohnungseigentümer doch davon überzeugen, aus Gründen des Klimaschutzes ihre Gebäude zu sanieren.

Hendricks versucht, auch Bundesländer mit grüner Regierungsbeteiligung umzustimmen. Bislang ohne Erfolg. Ihr Heimatland Nordrhein-Westfalen und dessen grüner Umweltminister Johannes Remmel legen sich quer: "Wir haben als Behörde moderierend eingegriffen und Lösungen präsentiert", sagt Remmel und wirft den Müllverbrennern vor, dass es nunmehr "keinen sachlichen Grund für das hohe Preisniveau" mehr gebe. Remmel sieht jetzt die Betreiber der Verbrennungsanlagen in der Pflicht, die Preise zu senken. Dem Vorstoß im Bundesrat steht er skeptisch gegenüber: "Ob sich nach einer Änderung die Marktsituation entspannt, ist ungeklärt."

Die Betreiber der Verbrennungsanlagen wiederum erklären, sie könnten nicht anders, als den Gefahrenstoff aufwendig zu behandeln. Sie fordern, den Beschluss nächste Woche im Bundesrat wieder zu kassieren. "Sollte dies nicht geschehen, regen wir die Aussetzung des Erlasses für einen Zeitraum von zwölf Monaten an", sagt Bernard Kemper, Chef von Energy from Waste, einem großen Betreiber von Verbrennungsanlagen in Deutschland.

Wahrscheinlich wird es auch kommende Woche keine Mehrheit geben, um die fatale Verordnung wieder aus der Welt zu bekommen. Auch Baden-Württembergs Umweltminister Franz Untersteller dürfte der Initiative des Saarlandes nicht zustimmen: "HBCD ist ein Stoff, der die Umwelt schädigen kann, wenn er nicht ordnungsgemäß beseitigt wird", sagt er.

Politik und Müllwirtschaft schieben sich die Verantwortung zu. Die genervten Bauherren reagieren auf ihre Art und Weise. Einige packen ihren Müll in blaue Säcke und karren ihn zum Gewerbehof ihrer Stadt. Denn die Kommunen sind verpflichtet, privat anfallenden Müll entgegenzunehmen - auch das HBCD-haltige Plastik.



insgesamt 17 Beiträge
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blob123y 05.01.2017
1. Typisch EU
Speziell in D und A hat sich die Polit / Buerokratenkaste schon verselbststaendigt und ist zum Verhinderungsstaat geworden. Alles wird von Politik / Buerokraten derart mit absurden Vorschriften belegt die vieles Vernuenftiges einfach verhindern. Der Buerger steht dann da und glaubt er / sie ist in der DDR gelandet das war auch so ein absurder Verhinderungsstaat.
prof.toni 05.01.2017
2. Das schöne Styropor...
angeschmiert sind jetzt die, die vor 30-40 Jahren mit dem Scheiss gedämmt haben. Aber auch damals gab es schon Alternativen. Und damals wie heute rieten einem verantwortungsbewusste Dachdecker dazu, das Scheisszeug nicht zu verwenden. Ungeachtet davon, wie man das akute Problem jetzt löst, könnte man es zum Anlass nehmen, das Zeug mal endlich als Dämmstoff zu verbannen. Denn seit einigen Jahren Dämmen wir wieder wie die Weltmeister. Wieder mit Styropor. Ich freue mich schon auf die Artikel in 30 Jahren.
faiba 05.01.2017
3. lobbyismus
mit bürokratie hat das ganze nur bedingt zu tun. die dämmstoffindustrie versucht seit jahren mehr von ihren umweltschädluchen produkten abzusetzen. dabei ist nicht primär der dämmstoff oder das treibmittel umweltschädlich von styropor, sondern die art und weise wie es verwendet wird, nämlich als wärmedämmversubdsystem in aussenwänden von neubauten. dies ist erstmal der wirtschaftlich günstigste wandaufbau der der energieeinsparverordnung gerecht wird. das fiasko, und damit der wirkliche preis, zeigt sich aber erst jahrzehnte später, wenn nachfolgende generationen diese wände als sondermüll entsorgen müssen, da der dämmstoff nahezu untrennbar mit dem mauerwerk verklebt wurde, und somit, die quittung für diese bausünde uns jahrzehnte beschäftigen wird. eigentlich sollten solche im verbund konzepierten baustoffe generell verboten werden, der umwelt und der nachfolgenden generationen zuliebe, sowie letztlich auch der wirtschaft.
furu 05.01.2017
4. Angaben des Dachdeckers überprüft?
Irgendwas stimmt mit dieser Rechnung nicht. 90.000 Euro bei 3.000 Euro pro Tonne bedeutet 30 Tonnen Material. Bei einer Rohdichte von 25 kg / m3 wären dies 1.200 m3. Bei einer Dämmstärke von 20 cm wären dies 6000 m2 Dachfläche. Interessante Fläche, die der Dachdecker für 130.000 Euro neu decken will!?
lupenreinerdemokrat 05.01.2017
5.
Zitat von faibamit bürokratie hat das ganze nur bedingt zu tun. die dämmstoffindustrie versucht seit jahren mehr von ihren umweltschädluchen produkten abzusetzen. dabei ist nicht primär der dämmstoff oder das treibmittel umweltschädlich von styropor, sondern die art und weise wie es verwendet wird, nämlich als wärmedämmversubdsystem in aussenwänden von neubauten. dies ist erstmal der wirtschaftlich günstigste wandaufbau der der energieeinsparverordnung gerecht wird. das fiasko, und damit der wirkliche preis, zeigt sich aber erst jahrzehnte später, wenn nachfolgende generationen diese wände als sondermüll entsorgen müssen, da der dämmstoff nahezu untrennbar mit dem mauerwerk verklebt wurde, und somit, die quittung für diese bausünde uns jahrzehnte beschäftigen wird. eigentlich sollten solche im verbund konzepierten baustoffe generell verboten werden, der umwelt und der nachfolgenden generationen zuliebe, sowie letztlich auch der wirtschaft.
Das Hauptproblem dieser Fassadendämmerei, oder sollte man besser sagen "Fassadendämmerung" ? ;-) , ist ja nicht nur die Verklebung, sondern ist der Einsatz von Fungiziden, die Pilzbefall verhindern sollen. Diese waschen sich mit der Zeit aus und landen im Grundwasser. Hochgradig giftig für Umwelt und Menschen. Wer sich so einen hirnrissigen Blödsinn ausgedacht hat, kann nur ein von Lobbyisten geschmierter Bürokratenhengst in Brüssel oder Berlin gewesen sein. Wäre zum schieflachen, wenn es nicht so traurig wäre.
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