AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 19/2017

Saudi-Arabien "Jetzt lassen sie uns wenigstens atmen"

Saudi-Arabien ist das wohl konservativste Land der Welt, nun zwingt die Ölpreiskrise den König zu Reformen. Die berüchtigte Religionspolizei wurde entmachtet - und plötzlich erleben die Einwohner all das, was sie nur aus dem Internet kannten.

Blick auf die Hauptstadt Riad
Tasneem Alsultan/DER SPIEGEL

Blick auf die Hauptstadt Riad

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Der Mann mit der Laute spielt Beethoven, die "Ode an die Freude", gefolgt von einem Stück eines irakischen Komponisten. Männer sitzen neben Frauen, sie lauschen der Musik. Was sollte daran besonders sein?

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Heft 19/2017
Der eitle Kampf der Verteidigungsministerin gegen ihre skandalreiche Truppe

Der Mann mit der Laute heißt Khalil AlMuwail, er hält sein Instrument voller Anspannung, in der Nacht zuvor hat er kaum geschlafen. Eigentlich arbeitet er als IT-Spezialist in einem großen Krankenhaus der Hauptstadt Riad, doch seine Leidenschaft gehört der Oud, der arabischen Laute, von der die Religiösen sagen, wer sie spiele, habe noch andere Laster. Wenn ein Religionspolizist einen Lautenspieler beim Spielen erwischt, zerschlägt er das Instrument. So war es hier seit Jahrzehnten.

Um das Instrument spielen zu lernen, um ein Virtuose zu werden, fuhr AlMuwail jahrelang alle 14 Tage ins Nachbarland Bahrain, 500 Kilometer hin, 500 Kilometer zurück, für eine einzige Unterrichtsstunde. In Saudi-Arabien fand er keinen Lehrer.

Doch die Dinge verändern sich, selbst im wohl konservativsten Land der Welt. Die Regierung hat die berüchtigte Religionspolizei entmachtet. Die über 3000 Moralwächter, die Frauen terrorisierten, weil sie Make-up trugen, und Unverheiratete verhafteten, wenn sie nebeneinander auf der Straße gingen, sind kaum noch zu sehen. Auch an diesem Abend nicht, im Zelt des Cultural Center of Saudi Arabia, in dem Khalil AlMuwail sein Konzert gibt, das mit tosendem Applaus endet. Aber was bedeutet es, wenn der König Saudi-Arabiens, der Hüter der heiligen Stätten von Mekka und Medina, seine gefürchteten Sittenwächter zurückpfeift? Und warum schweigen die Fundamentalisten, anstatt über den Verfall der Sitten zu klagen?

Die wichtigste Begründung lautet: Das märchenhaft reiche Saudi-Arabien gibt es nicht mehr. Das Königreich steckt in einer der tiefsten Krisen, seitdem 1938 erstmals Öl aus den Quellen im Osten des Landes sprudelte. Der niedrige Ölpreis hat das Einkommen des Landes halbiert; 2015 wies der Haushalt ein Defizit von 90 Milliarden Euro aus. Das Land nahm Schulden auf.

Eine andere Begründung lautet: Saudi-Arabien war der Pfeiler einer Ordnung im Nahen Osten, die heute nicht mehr existiert. Sie wurde zerstört durch den Arabischen Frühling, die Kriege im Irak, in Syrien und im Jemen. Die großen Mächte ringen um ihre Stellung in der Region, allen voran Iran und Saudi-Arabien. All das gefährdet die Stabilität des Königreichs.

Für die Religiösen geht es deshalb jetzt um mehr als die Frage, ob lackierte Fußnägel "haram", also verboten, sind. Sogar das Fahrverbot für Frauen könnte bald fallen.

Denn die Herausforderungen sind gewaltig: Gelingt es der Regierung von König Salman, die Rezession abzuwenden und die Abhängigkeit vom Öl zu verringern? Wird Saudi-Arabien seinen Kampf gegen die Dschihadisten gewinnen, die immer wieder Anschläge begehen? Und kann es, trotz allem, den inneren Zusammenhalt seiner Gesellschaft bewahren?

Frauen im Fitnessstudio
Tasneem Alsultan/DER SPIEGEL

Frauen im Fitnessstudio

Plötzlich werden auch öffentlich Fragen gestellt, die sich bis vor Kurzem niemand zu formulieren getraut hätte: Warum verbreitet ein hoher Geistlicher diesen Unsinn, dass Autofahren bei Frauen zu Unfruchtbarkeit führe? Warum sind wir in diesen teuren und grausamen Krieg im Jemen verwickelt, in dem bisher etwa 10.000 Zivilisten starben und drei Millionen Menschen vertrieben wurden? Ist es sinnvoll, Teile des staatlichen Ölkonzerns Saudi Aramco zu verkaufen, oder lässt sich ein anderer Weg aus der finanziellen Misere finden?

Warum - dieses Wort existierte bisher nicht in der öffentlichen Debatte. Doch plötzlich ist es überall, als zwänge die Wirtschaftskrise das Land zu einer Art später Aufklärung. Alles wird neu verhandelt, es geht um die Verteilung von Geldern und Wohltaten, aber auch um die Frage, wer neue Freiheiten genießen und alte Privilegien verlieren wird. Kurzum, der bisherige Gesellschaftsvertrag, Wohlstand gegen Unterordnung, steht zur Disposition.

Der Pakt, den die sunnitischen Wahhabiten vor über 250 Jahren mit der Saud-Dynastie schlossen, war stets zu beiderseitigem Gewinn. Die Sauds herrschten über Land und Öleinnahmen, die Religiösen über Köpfe und Herzen.

Doch nun treffen Wirtschaftskrise, politische Unsicherheit und gesellschaftliche Umbrüche zusammen - und der radikale Wahhabismus, die Staatsreligion, hat dem nichts entgegenzusetzen. Er wirkt nicht mehr zeitgemäß, die religiöse Enge lässt keinen Raum für die Träume junger Saudi-Araber; immerhin drei von vier Bürgern des Landes sind unter 30.

Auch der Umgang mit Musik gehört zu den Fragen, die neu verhandelt werden. Und so hat die Regierung nun sogar eine eigene Behörde eingerichtet, die Konzerte organisiert und Kinos bauen soll, die bisher in Saudi-Arabien faktisch verboten waren. Es ist der Versuch, auch im Umbruch die Kontrolle zu bewahren. Dabei ist Musik inzwischen überall. In den Taxis des Fahrdiensts Uber laufen die Charts aus Kuwait, und in den Fitnessstudios von Riad trainieren Frauen Bauch-Beine-Po zur Popversion von "Papa was a Rollin' Stone".

Der Musiker Khalil AlMuwail ist 42 Jahre alt. Das ist nicht mehr ganz jung und doch noch nicht alt. Auch er hat einen Traum: Er will den Saudi-Arabern den Zauber der Musik nahebringen. "Unser Universum hat die Musik von Gott", sagt AlMuwail. Er würde gern ein Institut für Musik gründen. Als er bei der zuständigen Behörde die Lizenz beantragte, versicherte er, nur sittsame Schüler unterrichten zu wollen; er schwärmte von der heilenden Kraft der Melodien. Doch sein Antrag wurde abgelehnt. Zur Begründung hieß es, die Verbreitung von Musik führe ab vom rechten Pfad des Propheten.

AlMuwail, der zur Minderheit der Schiiten gehört, schickte einen Brief an den höchsten schiitischen Kleriker im irakischen Nadschaf, Ajatollah Ali al-Sistani. Ist Musik ein Laster, ist es haram, die Oud zu spielen? Der Gelehrte antwortete, Musik sei erlaubt, wenn sie nicht für gotteslästerliche Zwecke genutzt werde. AlMuwail zeigte das Schreiben bei der Behörde, doch diese blieb bei ihrem Nein.

IT-Spezialist und Lautenspieler AlMuwail
Tasneem Alsultan/DER SPIEGEL

IT-Spezialist und Lautenspieler AlMuwail

Es ist nicht immer alles logisch, was in Saudi-Arabien geschieht, immer wieder ringen Modernisierer und Konservative miteinander, mal setzen sich die einen durch, mal die anderen. Aber in der Zwischenzeit testen die jungen Saudi-Araber ihre Freiheit weiter aus.

"Ich will nicht angehalten werden von der Polizei, wenn ich mit meiner Freundin unterwegs bin", sagt Farhad, ein Fotograf, 26 Jahre alt. Zusammen mit Freunden ist er ins Wmdah ArtSpace im Norden von Riad gekommen, eine neue Kunstgalerie zwischen Brachen und Betonwänden. Die Männer wollen Gitarre spielen lernen, ein exotisches Anliegen in Saudi-Arabien. "Wir hatten bisher kein normales Leben hier", sagt Abdullah, ein 29-jähriger Marketingexperte. "Jetzt lassen sie uns wenigstens atmen."

Wenn junge Saudi-Araber über Politik sprechen, kreisen ihre Gespräche um diesen Mann: Prinz Mohammed bin Salman. Er ist kaum älter als sie selbst, 31 Jahre erst, er blickt sie von den Betonpfeilern der Autobahnen und den Wänden der Hochhäuser an, er steht direkt neben seinem Vater, dem König Salman, überlebensgroß.

Die Machtfülle des Prinzen ist überwältigend, er ist de facto der Herrscher des Landes. Er ist Verteidigungsminister und führt mit einer Allianz sunnitischer Länder seit zwei Jahren den zerstörerischen Krieg im Jemen, um dort die von Iran unterstützten schiitischen Huthi-Rebellen zu bekämpfen. Er ist außerdem stellvertretender Kronprinz und Initiator des Reformprogramms "Vision 2030", das fundamentale Veränderungen in allen Bereichen der Gesellschaft vorsieht, von Infrastruktur bis zu Wirtschaft und Kultur.

Der Prinz krempelt das Königreich um, und manche sagen, dass nur ein so junger Mensch, ohne Skrupel, ohne Bindung an die Vergangenheit, tun könne, was in Saudi-Arabien notwendig sei. Er muss Verbündeten sicher geglaubte Pfründen entreißen und alte Gewissheiten infrage stellen. Saudi-Arabien erlebt gerade die ersten Auswirkungen dieses Wandels.

Sänger Mohammed Abdu bei einer Musikveranstaltung in Riad
AFP

Sänger Mohammed Abdu bei einer Musikveranstaltung in Riad

Fast alles, was im Westen als normal gilt, ist im Königreich verboten. Unverheiratete Männer dürfen sich nicht gemeinsam mit jungen Frauen in einem Raum aufhalten; es gilt die radikale Geschlechtertrennung. Andererseits waren für die Bürger Saudi-Arabiens bisher viele Annehmlichkeiten selbstverständlich. Erstmals bezahlen sie jetzt für ihren privaten Wasserverbrauch, realistische Stromrechnungen werden ihnen zugestellt. Der Staat erhebt demnächst Steuern, und in der öffentlichen Verwaltung wird seit Kurzem nicht mehr nach Anwesenheit entlohnt, sondern Leistung verlangt.

"Um zehn Uhr ins Büro kommen, ausführlich Mittag essen, dann lange beten und um 14 Uhr nach Hause gehen, das funktioniert nicht mehr", sagt ein westlicher Manager, der schon viele Jahre im Land lebt.

Doch wie schwierig dieser Wandel ist, zeigt sich schon daran, dass das Königshaus gerade wieder einen Teil der Kürzungen zurücknahm. Denn der Unmut der staatlichen Angestellten war groß, einige sahen ihre Gehälter um ein Drittel schrumpfen, während das Königshaus weiterhin im Luxus schwelgt.

Das Königreich war für viele seiner Untertanen lange Zeit ein Schongehege. Der Monarch forderte Gehorsam, sorgte aber für die Seinen. Die neuen Zeiten erfordern plötzlich Selbstständigkeit, eine Eigenschaft, die nicht passt zu diesem absolutistischen System. Wie also soll das funktionieren, eine so tief greifende Transformation der Gesellschaft in kurzer Zeit? Und vor allem: Wo soll das enden?

"Über Musik kann man reden. Aber Frauen, die vor Männern singen, sind verboten, die Männer würden nicht mehr auf ihre Stimme hören, sondern auf ihren Körper blicken", sagt Musaed AlMuhaya von der Islamischen Universität, Professor für Neue Medien, aber ein Mann der alten Garde. Er ist einer der wenigen Konservativen, die bereit sind, derzeit öffentlich über die Neuerungen zu sprechen.

Denn es wäre nicht weise, die "Vision 2030" des Prinzen zu kritisieren. Selbst der Großmufti sagt wenig dazu, ebenso der Chef der Mutawa, der Religionspolizei, deren offizieller Name "Behörde für die Verbreitung von Tugendhaftigkeit und Verhinderung von Lastern" lautet.

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Der bekannte Autor Tirad al-Omari hatte es Anfang des Jahres gewagt, Bedenken anzumelden gegenüber der "Vision 2030". Er habe Angst vor so viel Veränderung, vor den hohen Abgaben, vor dem Krieg im Jemen, der so viel Geld und so viele Leben koste. Seitdem soll Omari unter Hausarrest stehen.

Sogar der erzkonservative Prediger Saad Al-Braik wurde ins Innenministerium vorgeladen, nachdem er einem verhafteten Kollegen zur Seite gesprungen war, der die von Prinz Mohammed geplanten Konzerte kritisiert hatte. Braik ist mit fünf Millionen Followern ein Star unter den twitternden Fundamentalisten. Doch die Zeiten sind unberechenbar geworden, auch für jene, die die Säulen des religiösen Establishments bilden. Braik twittert nicht mehr.

Vielleicht gehört das zu den bemerkenswertesten Erkenntnissen dieser Tage in Riad: dass die Politik das religiöse Establishment fest im Griff hat. Und nicht umgekehrt, wie es bislang schien. Die Regenten lassen die radikalen Scheichs reden, wenn es ihnen nutzt - und lassen sie verstummen, wenn es die Lage erfordert.

"Ich bin ein Bulldozer und werde jeden aus dem Weg räumen, der nicht mitmacht", soll Prinz Mohammed vor Fernsehchefs und Medienvertretern gesagt haben, als er ihnen seine "Vision 2030" präsentierte. Ob nur Gerücht oder ein echtes Zitat, das spielt dabei kaum eine Rolle. Keiner wagt noch öffentliche Zweifel am königlichen Fortschrittsprojekt.

Es sind also keineswegs liberale Zeiten angebrochen. Viele politische Aktivisten, sowohl islamistisch orientierte wie demokratische, sitzen im Gefängnis; 2016 wurden 154 Menschen mit dem Schwert geköpft.

Die Gewinner des einsetzenden Wandels aber sind die Frauen. Sie leiten jetzt Banken und Krebsforschungszentren, sie sind Marktanalystinnen, Ladenmanagerinnen, Chefredakteurinnen, Topmodels.

"Nicht, dass sie uns auf einmal schätzten, sie brauchen nur das Geld", sagt eine Bloggerin, die frustriert darüber ist, dass nur die Not die Herrscher zum Umdenken antreibt. Frauen sollen jetzt arbeiten, um die sinkenden Einkommen der Männer auszugleichen. Das Fahrverbot für Frauen könnte bald kippen, vor allem deshalb, weil das Gehalt für den Fahrer zu teuer wird.

Flirttreff Luxusrestaurant in Riad
Tasneem Alsultan/DER SPIEGEL

Flirttreff Luxusrestaurant in Riad

Leena Al-Haidari ist 26 Jahre alt, Investmentbankerin, ihren Master hat sie in London gemacht. Sie lebt mit ihrem Vater und drei Schwestern in einem Haus, die Eltern sind geschieden. Es war der Vater, der die Emanzipation seiner Töchter vorantrieb, als er sie zum Studieren ins Ausland schickte, ohne männlichen Aufpasser - eine Entscheidung gegen den erbitterten Widerstand der restlichen Familie.

Für Haidari ist es heute selbstverständlich, ihr eigenes Geld zu verdienen, ihre beruflichen Pläne umzusetzen, den Ehemann selbst auszuwählen. Die dunklen Haare fallen ihr locker in das schmale Gesicht, am Handgelenk trägt sie ein blaues Armband, auf dem steht: "Ich bin mein eigener Wächter." Der Satz bezieht sich darauf, dass Frauen in Saudi-Arabien wie Kinder behandelt werden. Ob sie in einer Firma anheuern, verreisen oder eine Brustvergrößerung vornehmen lassen, ohne schriftliche Genehmigung des Gatten, Bruders oder Vaters ist nichts davon möglich.

"Aber die neue Generation fragt nicht mehr um Erlaubnis", sagt Madeha Alajroush. Die Feministin ist 62 Jahre alt, 1999 war sie eine der ersten Autofahrerinnen auf saudi-arabischen Straßen. Sie wurde verhaftet, wie so viele nach ihr. Heute arbeitet Alajroush als einzige Psychoanalytikerin im Königreich. "Das Land ist reif für einen Wandel", sagt sie. Die Fundamentalisten hält sie für gescheitert, diese hätten "nur in ihre Macht investiert und nicht in ihre Glaubwürdigkeit".

Als junge Frau hat Alajroush in New York gelebt, der Vater war Diplomat. Ihre Ausbildung zur Psychoanalytikerin machte sie im Westen. Zurück in Saudi-Arabien, behandelte sie zunächst Frauen mit bipolarer Störung oder Schizophrenie. Doch seit drei Jahren kommen junge Frauen, die ein eigenes Einkommen haben und sich die Beratung leisten können. Sie wollen über die Enge und die Einschränkungen reden, die sie in ihrem Land erleben, denn sie sehen da einen Zusammenhang mit ihren persönlichen Problemen. Dass etwa Geringschätzung zu Depressionen führen kann oder dass die Entfaltung der Persönlichkeit mit äußerer Freiheit zu tun hat.

"Es ist ein dramatischer Wandel im Gange, die hiesige Kultur ist für die junge Generation nicht mehr allein ausschlaggebend", sagt Alajroush. Internet und Reisen ins Ausland hätten die jahrzehntelange Isolation aufgehoben. Jetzt sei die saudi-arabische Gesellschaft "bereit für den Sprung".

Dabei steht das Land ganz am Anfang einer gesellschaftlichen Diskussion, von der unklar ist, in welche Richtung sie gehen wird. Alle Gruppen, ob Männer oder Frauen, Alte oder Junge, Fundamentalisten oder Liberale, glauben, die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich zu haben. Vielleicht ist das wenig überraschend in einem Land, das keine Meinungsumfragen kennt und in dem Familien unter sich bleiben.

Erst kürzlich eröffnete im Westen von Riad der Budschairi-Park. In der Grünanlage gehen Männer und Frauen gemeinsam spazieren, sie picknicken, sitzen im Café, halten Händchen. Das ist spektakulär. Ein öffentliches Leben gab es hier bisher nicht.

Neu eröffneter Budschairi-Park
Tasneem Alsultan/DER SPIEGEL

Neu eröffneter Budschairi-Park

Auf einmal erleben junge Saudi-Araber in Riad all das, was sie bisher nur aus dem Internet kannten. Zwar bedecken noch immer viele Frauen ihr Gesicht, wenn zu Hause auf dem Fernsehschirm ein Mann erscheint. Aber es gibt jetzt auch in Riad die Dating-App Tinder; unverheiratete Paare teilen sich Mietwohnungen als Liebesnest. Auf der Tahlija-Straße in Riad, in der sich Hotels und Restaurants aneinanderreihen, suchen Männer und Frauen Kontakt, verstohlen, aber immer weniger verdeckt.

Es gibt jetzt beides, die harte Linie, die keine Abweichung duldet, aber auch diese neuen Freiräume.

Am Abend sucht der Oud-Spieler AlMuwail in einer Buchhandlung nach Schriften von Aristoteles und Platon, er will wissen, was sie zur Musik zu sagen haben. Eigentlich ist auch die Philosophie in Saudi-Arabien verboten, aber selbst darüber lässt sich neuerdings streiten. Im Regal mit den Bestsellern steht, ganz oben, auf Platz eins, seit Wochen "Die Kunst des klaren Denkens" von Rolf Dobelli. AlMuwail legt das Buch in den Korb und geht zur Kasse.



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Seite 1
Unbeschulbar 12.05.2017
1. Es gibt kein Land auf der Welt...
...welches sich zur Zeit so schnell in eine positive Richtung entwickelt wie Saudi Arabien. Und wer auf die ideologische Nähe des Wahabismus zur Philosophie des IS verweist, sollte bedenken dass diejenigen die in Deutschland als Gefährder frei rumlaufen hier längst sicherer verwahrt werden - und das laut UN Einschätzung von diesem Jahr zu vorbildlichen Bedingungen einschließlich anschließender Reintegration (auch wenn die natürlich nicht immer gelingt). Der Wandel in Saudi Arabien gilt längst nicht nur für eine privelegierte Oberschicht, sondern auch für den Durchschnitts-Saudi. Und der schwimmt nicht im Geld sondern fährt oft ein klappriges Auto. Ein Urteil von außen über Saudi Arabien ist so wertvoll wie Erziehungsratschläge von Kinderlosen. Der Spiegel-Artikel beschreibt die Lage hier aber zutreffend. Ein spannendes Land mit sehr hilfsbereiten Menschen. Ich bin in Riad letztes Wochenende mit leerer Batterie liegen geblieben. Die Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit gegenüber einem klar erkennbaren Westler war überwältigend.
Hansespirit 12.05.2017
2.
Ich glaube, Erziehungsratschläge von Kinderlosen müssen nicht schlechter sein, als solche von anderen Eltern. Ich empfinde sie als sachlich und nüchtern distanziert.
alafesh 12.05.2017
3. Unbeschulbar, aber bezahlbar.
Schön, was Sie über SA da schreiben. Ich möchte an dieser Stelle an die vor wenigen Wochen auf ihrer Flucht vor Zwangsverheiratung aus Saudi-Arabien geschnappten 24-jahrige Frau erinnern, die von ihrer Familie die Todesstrafe zu erwarten hat. Ich weiß von aus KSA politisch geflüchteten, wie es in KSA aussieht. "Unbeschulbar" ist offensichtlich nichts als ein bezahlter Claqeur. Auch unsere ReGIERung hat ein großes Interesse daran, daß ihre saudischen Freunde in gutem Licht dastehen. Ick kann jar nicht so ville fressen...
Olaf 12.05.2017
4.
Zitat von Unbeschulbar...welches sich zur Zeit so schnell in eine positive Richtung entwickelt wie Saudi Arabien. Und wer auf die ideologische Nähe des Wahabismus zur Philosophie des IS verweist, sollte bedenken dass diejenigen die in Deutschland als Gefährder frei rumlaufen hier längst sicherer verwahrt werden - und das laut UN Einschätzung von diesem Jahr zu vorbildlichen Bedingungen einschließlich anschließender Reintegration (auch wenn die natürlich nicht immer gelingt). Der Wandel in Saudi Arabien gilt längst nicht nur für eine privelegierte Oberschicht, sondern auch für den Durchschnitts-Saudi. Und der schwimmt nicht im Geld sondern fährt oft ein klappriges Auto. Ein Urteil von außen über Saudi Arabien ist so wertvoll wie Erziehungsratschläge von Kinderlosen. Der Spiegel-Artikel beschreibt die Lage hier aber zutreffend. Ein spannendes Land mit sehr hilfsbereiten Menschen. Ich bin in Riad letztes Wochenende mit leerer Batterie liegen geblieben. Die Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit gegenüber einem klar erkennbaren Westler war überwältigend.
Die Einwohner eines Landes sollten am Besten wissen, wie schlimm es bei ihnen zu geht. Je unerträglicher die Zustände, je mehr fliehen und suchen woanders Asyl. Vergleicht man auf der Basis Saudi-Arabien mit dem ebenfalls religiös-konservativen Iran, fällt auf, dass es kaum Asylsuchende aus Saudi-Arabien gibt, aber tausende aus dem Iran. Während 2015 weltweit nur 353 Menschen aus Saudi-Arabien Asyl in anderen Ländern suchten, waren es aus dem Iran 53.952. https://www.laenderdaten.info/Asien/Iran/fluechtlinge.php
Unbeschulbar 12.05.2017
5. Ich werde in der Tat von Saudi Arabien bezahlt...
aber nicht, um tolle Artikel zu schreiben, sondern als Dozent um jungen Saudis an einem College Einblicke in wirtschaftliche Zusammenhänge zu ermöglichen. Daher habe ich einen täglichen Eindruck aus erster Hand wie es um die Gedankenwelt junger Saudis aus eher moderaten Verhältnissen bestellt ist. Die angesprochenen negativen Seiten gibt es selbstverständlich und der zuvor beschriebene Fall ist leider auch kein Einzelfall. Der Weg in die Moderne ist leider mit Kollateralschäden gepflastert. Was bei einem zu radikalen Wandel geschieht kann in Libyen und im Irak begutachtet werden.
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