AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 23/2017

Evolution Was Entensex über Menschen verrät

Richard Prum hat das Liebesleben der Vögel bis ins Detail studiert. Hier erklärt der Ornithologe, wie die Schönheit in die Welt kam - und wie aus dem wilden Menschenmann ein friedliches Wesen wurde.

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Vogelforscher Prum
Ben Sklar / DER SPIEGEL

Vogelforscher Prum

Prum, 55, ist Kurator des Naturkundemuseums an der Yale-Universität in Connecticut. Jahrzehntelang hat er das Balzverhalten von Vögeln erforscht. Unerschöpflich scheint ihm die Vielfalt der Methoden, mit denen Männchen um das Wohlgefallen ihrer Partnerinnen werben. In seinem neuen - bislang nur auf Englisch erschienenen - Buch untersucht der Ornithologe, wie es in der Evolution zu dieser unglaublichen Opulenz kommen konnte (Richard O. Prum: "The Evolution Of Beauty: How Darwin's Forgotten Theory of Mate Choice Shapes the Animal World - and Us". Doubleday; 448 Seiten).


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Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 23/2017
 

SPIEGEL: Professor Prum, unter all den Wundern der Natur hat ausgerechnet der Sex der Enten Ihre Forschung inspiriert. Wieso?

Prum: Seit je fasziniert mich das sexuelle Leben der Vögel. Aber wohl bei keinem anderen Tier tritt der sexuelle Konflikt, den das weibliche und das männliche Geschlecht miteinander austragen, so offen zutage wie bei den Enten.

SPIEGEL: Und deshalb haben Sie sich dem Studium ihrer Genitalien zugewandt?

Prum: Nein, angefangen hat es viel banaler. Eine Mitarbeiterin suchte ein neues Forschungsthema und wollte sich mit Genitalien beschäftigen. Ich dachte: Warum nicht? Mit diesem Ende des Vogels habe ich mich noch nie befasst. Dass daraus sechs, sieben Jahre intensive Forschung über Entensex hervorgehen würden, habe ich nicht geahnt.

SPIEGEL: Was hat Sie am meisten überrascht?

Prum: Oh, vieles! Es fing schon damit an, dass in der Literatur riesige Entenpenisse beschrieben wurden. Dann guckten wir selbst nach und fanden - fast nichts. Was war da los? So entdeckten wir, dass die Genitalien von Enten jedes Jahr neu wachsen. Ein Penis, der im Frühsommer 10 oder 15 Zentimeter lang ist, schrumpft im Winter auf weniger als einen Zentimeter zusammen.

SPIEGEL: Hängt das mit dem sexuellen Konflikt zusammen, von dem Sie sprechen?

Prum: In der Tat. Dazu muss man zunächst wissen, dass die Zeit der Partnerwahl der Herbst oder der Winter ist. Die Männchen balzen, die Weibchen treffen danach ihre Wahl. Denn parallel zur Entwicklung von Federkleid und Balzritual der Männchen hat sich bei den Weibchen eine Vorliebe für ebendiese Merkmale entwickelt. Wir sprechen von Koevolution.

SPIEGEL: Klingt nicht sehr konfliktreich.

Prum: Die Paare bleiben ja auch einträchtig zusammen, bis die Eier gelegt sind und die Weibchen zu brüten beginnen. Der offene Konflikt bricht erst danach aus. Denn nun verfolgen die Erpel eine alternative Paarungsstrategie: Sie versuchen, Kopulationen mit Gewalt zu erzwingen. Und dabei kommt ihnen nun das inzwischen herangewachsene Genital zugute. Es handelt sich um ein höchst bizarres Gebilde. Der Entenpenis ist gegen den Uhrzeigersinn gewunden, und seine Erektion vollzieht sich in weniger als einer halben Sekunde. Erektion, Penetration und Ejakulation sind bei Enten ein und derselbe Vorgang, und dieser geschieht sehr, sehr schnell.

SPIEGEL: Was bedeutet all das für die Weibchen?

Prum: Genau das ist das Interessante: Bei den Weibchen hat sich parallel zur Entwicklung des Entenpenis eine Vagina herausgebildet, die darauf ausgerichtet ist, den erzwungenen Verkehr zu verhindern. Es finden sich dort Sackgassen und Spiralen, die im Uhrzeigersinn, also entgegen der Drehrichtung des Penis, gewunden sind - regelrechte Anti-Schraub-Vorrichtungen.

SPIEGEL: Wozu der Aufwand? Wäre es nicht einfacher, den Aggressor zu erdulden?

Prum: Um das zu verstehen, muss man sich das Wirken der evolutionären Kräfte vergegenwärtigen: Wenn das Weibchen den Partner bekommt, den es mag, dann werden ihre Nachkommen den grünen Hals und das schöne Quak-Quak-Quak erben, jene Merkmale also, die ihr an dem Partner so gut gefallen haben. Und weil andere Weibchen diese Vorlieben teilen, werden ihre Söhne viel Erfolg haben und ihr entsprechend viele Enkel bescheren. Wenn sie hingegen gewaltsam befruchtet wird, dann wird ein zufälliges Männchen der Vater ihrer Kinder. Diese werden also nicht unbedingt die Eigenschaften erben, die ihr und den anderen Weibchen so gefallen. Und das heißt: weniger Enkel. Deshalb begünstigt die Evolution jede Mutation, die dazu beiträgt, dass die freie Partnerwahl der Ente bewahrt wird - zum Beispiel indem sie ihre Vagina zur Festung gegen erzwungenen Sex macht.

SPIEGEL: Die Natur schützt die Rechte des weiblichen Geschlechts?

Prum: So kann man es sehen. Sexuelle Autonomie ist jedenfalls wichtig, auch für Tiere. Es handelt sich nicht um eine Idee, die von Feministinnen erfunden wurde, sondern um ein natürlich evolviertes Merkmal sozialer Spezies.

SPIEGEL: Die Natur hat es also so eingerichtet, dass es ein auf Autonomie und ein auf Gewalt ausgerichtetes Geschlecht gibt? Ein gutes und ein böses?

Prum: Sie haben recht, heute betrachten wir die Verletzung der Autonomie als eine Art von Machtmissbrauch. Aber natürlich heißt das nicht, dass es unter Enten ethische Maßstäbe gäbe wie unter uns Menschen. Das weibliche Geschlecht ist nicht an sich moralischer als das männliche, sondern es liegt im Wesen der weiblichen Reproduktion, dass sich ihre Ziele nicht durch Ausübung von sexueller Gewalt erreichen lassen.

Fotostrecke: Federschau, Flügelsong, Mannschaftstanz - die verrückten Verführungskünste der Vögel

SPIEGEL: Es scheint, als hätten Vögel erfolgreicher als andere Tiere ihre sexuelle Autonomie durchgesetzt - jedenfalls ist bei ihnen das Prinzip der Damenwahl besonders weit verbreitet. Warum?

Prum: Ganz einfach: Weil, anders als bei den Enten, 97 Prozent aller Vögel den Geschlechtsverkehr nicht erzwingen können. Sie haben nämlich keinen Penis. Bei der Kopulation drücken die Partner ihre Genitalöffnungen, die sogenannten Kloaken, aufeinander. Damit es zur Befruchtung kommt, muss das Weibchen die Spermien aktiv aufnehmen, sodass es die volle Kontrolle über die Begattung behält. Das halte ich im Übrigen auch für den Grund dafür, dass Vögel so schön sind: Weil die Weibchen die Freiheit der Wahl haben, entwickelten sie ästhetische Vorlieben, und als Reaktion auf diese Vorlieben bildeten die Männchen ihre überbordende Vielfalt von Ornamenten aus.

SPIEGEL: Das heißt, wo immer Weibchen ihre Partner wählen, bringt die Natur Schönheit hervor?

Prum: Es kommt auf die Wahlfreiheit an, nicht darauf, dass es die Weibchen sind, die wählen. Es gibt auch Fälle männlicher oder wechselseitiger Partnerwahl. Nehmen Sie die Papageitaucher: Die werben mit ausgeklügelten Ritualen und bunten Schnäbeln umeinander, aber weil sie sich dabei wechselseitig wählen, sehen beide Geschlechter gleich aus, und auch ihr ästhetisches Empfinden ist dasselbe.

SPIEGEL: Geht auch unser Sinn für das Schöne auf die Partnerwahl zurück?

Prum: Davon bin ich überzeugt. Schon Sokrates interessierte sich für Eros als Ursprung von Kunst und Schönheit. Wobei es wichtig ist zu begreifen, dass sich der Sinn fürs Ästhetische im Zuge der Menschwerdung neu entwickelte. Bei unseren nächsten Verwandten, den Menschenaffen, gibt es kaum Indizien dafür, dass sie ihre Sexpartner auswählen. Ein männlicher Schimpanse wird jede sexuelle Gelegenheit nutzen, die sich ihm bietet, und ein Weibchen wird sich jedem sexuellen Ansinnen fügen.

SPIEGEL: Und wann kam das Schöne in unsere menschliche Welt?

Prum: Diese Frage ist sehr schwer zu beantworten. Aber schon sie zu stellen, ist ein großer Fortschritt. Bisher kommt die Frage aktiver Partnerwahl in der Literatur über die menschliche Evolution praktisch nicht vor.

SPIEGEL: Waren es denn eher die Männer oder die Frauen, die wählerisch wurden?

Prum: Anfangs waren es sicherlich die Frauen. Die Männer hatten zunächst keinen Grund dazu. Ein aktives Interesse an der Partnerwahl entwickelte sich unter ihnen erst, als sie begannen, sich aktiv um den Nachwuchs zu kümmern. Und das kam viel, viel später.

SPIEGEL: Was waren denn die Kriterien, nach denen Frauen ihre Partner aussuchten?

Prum: Sicher wissen wir das nicht. Aber ich nehme an, dass das wichtigste Ornament des Mannes, das für die Frauen den Ausschlag gab, seine Persönlichkeit war.

SPIEGEL: Das heißt, es ging schlicht um die Frage: Mag ich ihn?

Prum: Sie sagen es. Und das führt uns zu vielen Persönlichkeitsmerkmalen, die wir normalerweise gar nicht als sexuelle Ornamente betrachten: Humor, Empathie, Einfühlungsvermögen ...

SPIEGEL: ... also die inneren Werte?

Prum: Lassen Sie mich auch, was das Äußerliche betrifft, eine Hypothese aufstellen: Ich glaube, dass eines der Merkmale, die sich durch weibliche Partnerwahl gewandelt haben, die männlichen Eckzähne sind. Einer der ins Auge springenden Unterschiede zwischen uns und unseren äffischen Verwandten ist doch die Tatsache, dass männliche Primaten tödliche Waffen in ihrem Gesicht tragen, die bei uns Menschen verschwunden sind. Die Frage ist nun, unter welchen Umständen Männer bereit sind, auf ihre Waffen zu verzichten. Glauben Sie mir, wir in den USA wissen, wie schwierig das ist. Evolutionär betrachtet gibt es jedoch eine einfache Antwort auf diese Frage: wenn Waffen zu tragen unsexy wird.

SPIEGEL: Die Frauen standen also auf kleine Eckzähne?

Prum: Genau. Ich glaube, dass so auch das Lächeln in die Welt kam: Die Evolution begünstigte es als ein sexuelles Symbol, das den Grad der männlichen Entwaffnung zur Schau stellt.

SPIEGEL: Hat sich auch unsere Fähigkeit, sich zu verlieben, erst im Zuge der Menschwerdung entwickelt?

Prum: Ja, die Liebe, die wir für einen Partner empfinden, ist eine Eigenheit des Menschen. Ich glaube nicht, dass sie unter Affen existiert.

SPIEGEL: Einige Vögel schließen durchaus einen sehr innigen Bund fürs Leben - kann man da von Liebe sprechen?

Männlicher Entenvogel (postkoital) "Ihr Penis ist ein bizarres Gebilde"
Bryan Pfeiffer / Wings Photography

Männlicher Entenvogel (postkoital) "Ihr Penis ist ein bizarres Gebilde"

Prum: Ich scheue mich nicht zu spekulieren, dass die langfristigen Bindungen von Vögeln unserer Liebe durchaus ähneln. Das ist ja gerade das Problem bei allen Versuchen, die Liebe biologisch zu beschreiben: Wenn Sie in ein Lehrbuch der Evolutionsbiologie gucken, werden Sie Paarbindungen mit Begriffen der Spieltheorie abgehandelt finden: Wer kriegt die meisten Ressourcen? Wer betrügt wen? Mit welcher Strategie kann man am meisten für sich herausschlagen? Wer das ernst nimmt, der müsste, statt sich zu verlieben, schleunigst zum Anwalt gehen und einen Ehevertrag aushandeln. Aber so funktioniert menschliche Paarung nicht. Was in der üblichen evolutionsbiologischen Analyse unserer Reproduktion fehlt, ist das Ästhetische. Und klar ist: Wenn die Liebe irgendetwas ist, dann eine zutiefst emotionale und zutiefst ästhetische Empfindung.

SPIEGEL: Aber handelt es sich beim ästhetischen Empfinden der Vögel und demjenigen der Menschen wirklich um das gleiche Phänomen? Schließlich spricht der Schönheitssinn eines Pfauenweibchens ausschließlich auf die Reize des Pfauenrads an, während wir auch Blumen, Landschaften oder Kunst schön finden können.

Prum: Gewiss, der Reichtum unserer ästhetischen Erfahrungen ist ohne Vergleich. Aber auch Vögel können ein erstaunlich vielfältiges Interesse an Schönem entwickeln. Nehmen Sie die Laubenvögel, die eine Art Verführungsarena einrichten, die dazu dient, den Weibchen ausgewählte Objekte zu präsentieren. Ich zeige Ihnen mal was ... (zieht ein Foto aus einem Stapel auf seinem Schreibtisch). Hier können Sie sich eine solche Schau mal angucken - sehen Sie, was er alles ausgebreitet hat? Das hier sind rote Blüten, und dies ist ein Haufen schwarzer Holzkohle. Blaubeeren hat er hier, schwarz schimmernde Käfer dort arrangiert. Das Grüne, das ist verrottendes Holz mit einem schwammigen Pilz darauf. Und Sie wollen mir sagen, dass sein ästhetisches Empfinden begrenzt sei?

SPIEGEL: Aber das ist eine Ausnahme ...

Prum: ... Moment, ich gebe Ihnen ein weiteres Beispiel. Viele Vögel lernen ihre Gesänge, und einige sogar diejenigen anderer Vögel. In Südamerika gibt es die Lawrence-Drossel, bei der die Männchen die Stimmen von mehr als 170 Vogelarten im Repertoire haben. Und diese Vögel imitieren nicht den Klang von Bächen, sie imitieren keine Windgeräusche. Nein, sie imitieren andere Vögel, weil deren Gesänge einen ästhetischen Wert für sie haben. Oder der Fall eines Sumpfrohrsängers: Ein Forscher in Schweden stellte fest, dass er das Lied eines in Uganda verbreiteten Vogels flötete. Er hat also einen ästhetischen Reiz aus einem anderen Kontinent in die akustische Umgebung Europas eingeführt. Könnte ein Mensch ästhetisch Faszinierenderes tun? Und wer sagt uns, dass dieses Lied in dem Weibchen, das es hört, nicht nostalgische Erinnerungen an sein Winterquartier in Uganda weckt?

SPIEGEL: Wie wichtig war der sich entwickelnde Schönheitssinn im Verlauf der Menschwerdung?

Prum: Ich bin überzeugt davon, dass die Entwicklung ästhetischen Empfindens eine entscheidende Voraussetzung für unsere Entwicklung war. Nur dank sexueller Selektion durch weibliche Partnerwahl wurden die Männer von aggressiven, hochgerüsteten Kontrollfreaks in sozial verträglichere Wesen verwandelt. Vergessen Sie nicht, der durchschnittliche männliche Primat ist ein kindermordender Psychopath! Wenn zum Beispiel ein Pavianmännchen die Kontrolle über eine Gruppe von Weibchen gewinnt, bringt er als Allererstes alle noch säugenden Babys um. Das eröffnet ihm neue sexuelle Gelegenheiten, während er andernfalls viel Zeit verschwenden würde, in der die Weibchen Nachwuchs hochpäppeln, der nicht der seine ist.

SPIEGEL: Und diese Mordlust haben die Weibchen den Männchen durch Partnerwahl ausgetrieben?

Prum: Ja. Der Infantizid war die vielleicht größte Herausforderung der menschlichen Evolution. Bei Gorillas und Schimpansen ist er die bedeutsamste Ursache von Kindersterblichkeit, unter den Jungtieren gehen rund 30 Prozent aller Todesfälle auf männlichen Infantizid zurück. Andererseits erfordert alles, was zum Wesen des Menschen gehört, eine größere Investition in eine längere Kindheit - egal ob es um Sprache, Kultur oder Technik geht. Nichts von alledem wäre möglich, wenn ein großer Teil der Babys männlicher Gewalt zum Opfer fiele.

SPIEGEL: Und wie haben die Weibchen dieses Problem gelöst?

Prum: Ganz ähnlich wie ich es vorhin für die Vagina der Enten beschrieben habe: Unter allen Vorlieben, die Weibchen zufällig entwickelten, wurden von der Evolution jene begünstigt, die ihre sexuelle Autonomie vergrößerten und die sexuelle Kontrolle der Männchen verringerte. Auf diese Weise sorgte die Evolution dafür, dass die Waffen der Männer Stück für Stück gestutzt und ihr Dominanzverhalten abgeschwächt wurde.

SPIEGEL: Und damit stand der Weltherrschaft des Homo sapiens nichts mehr im Wege?

Prum: Jedenfalls bin ich überzeugt: Das Ende des Infantizids ist einer der entscheidenden Gründe dafür, dass der Mensch heute die dominierende Spezies der Erde ist, während Gorillas und Schimpansen in den Urwäldern Afrikas vom Aussterben bedroht sind.

SPIEGEL: Professor Prum, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.



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