Sexuelle Belästigung an Sportschule Hände. Dreckige Hände

Skandal im Quartier der Nationalmannschaft: Nach SPIEGEL-Recherchen soll der Chef der Sportschule Kaiserau Frauen massiv belästigt haben - ohne ernste Folgen. Eine Geschichte über Männer-Klüngel und Machtausübung.

Carsten J.
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Carsten J.

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Kaiserau. Deutscher Fußball-Mythos. Die Sportschule, aus der die Helden sind.

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Heft 15/2017
Machtmissbrauch, Bestechung - und Spähangriffe gegen Willy Brandt

Wo gerade Lukas Podolski zum letzten Mal mit der Nationalmannschaft trainierte, vor seinem Abschiedsspiel gegen England. Wo sich 1990 unsere Jungs warmliefen, für den Weltmeister-Titel in Italien. Wo Kaiser Franz 1974 seine legendäre Wutrede hielt, nach der Vorrunden-Pleite gegen die DDR. Die Rede Beckenbauers, die aus Versagern Sieger machte, zwei Wochen später im WM-Endspiel.

Dieses Kaiserau.

Am 13. Oktober 2016 verlor die Sportschule Kamen-Kaiserau bei Dortmund ihren Chef. Sie verlor ihn mit den schönsten Worten, besten Wünschen für die Zukunft - und einer dicken Lüge. In der Pressemitteilung war von einem "persönlichen Schicksalsschlag" die Rede, der den Direktor angeblich dazu gebracht hatte, Schluss zu machen. Ein Schritt, der auch den Träger von Kaiserau "überrascht" habe, den Fußball- und Leichtathletik-Verband Westfalen - mit seinen mehr als 900.000 Mitgliedern der zweitgrößte Landesverband im DFB.

So viele nette, gute Worte.

Nur von den Selfie-Fotos, die der Direktor an Frauen im Sportzentrum geschickt haben soll, stand da nichts. Fotos von seinem Penis. Auch nichts über die Mitarbeiterin, die er in sein Zimmer rief, der er zwischen die Beine gefasst haben soll, als sie an seinem Besuchertisch stand. So schilderte sie das.

Kein Wort auch über die Frau, die sich schon vor ein paar Jahren beim damaligen Verbandspräsidenten über den Direktor und seine dreckigen Hände beklagt haben will. Hände, überall an ihr. Der Präsident soll gesagt haben: "Mädchen, der Carsten ist wie ein Sohn für mich, und ich kann mir nicht vorstellen, dass er so etwas tut."

Es gab, wie sich nun herausstellt, offenbar nicht nur den einen Geist in Kaiserau. Es gab den guten und den gruseligen. Den Siegergeist für die Öffentlichkeit, den Geist des Bösen im Verborgenen. Kaiserau, das steht nun auch für: Hier werden Männer zu Weltmeistern, Frauen offenbar belästigt - und der Beschuldigte - allem Anschein nach - gedeckt. Und das nicht nur im Westfalen-Verband, der die Lüge vom Abschied aus tragischen Gründen in die Welt setzte. Dabei wußten alle Bescheid, bis in die DFB-Spitze um Reinhard Grindel.

Grindel sei informiert, so behauptete Westfalen-Präsident Gundolf Walaschewski intern. Er habe den DFB-Chef über die wahren Gründe informiert. Der Ex-Direktor von Kaiserau hatte schnell einen neuen Job. Beim DFB. Er durfte dort prüfen, ob Zuschüsse an die Landesverbände sauber verwendet wurden.

"Dass der ehemalige Direktor nun für den DFB neue Aufgaben übernimmt und dadurch auch wieder Zugang zum Westfälischen Verband erhalten soll, ist aus Sicht des Betriebsrats völlig unverständlich und unzumutbar", klagt dessen Vorsitzender Winfried Vonstein.

Auch eine Abfindung soll der Stalker kassiert haben. Warum? Die Rede ist von rund 120.000 Euro.

Der Männer-Klüngel von Kaiserau: Alles begann 2003, und erzählen muss man das wohl als Geschichte einer dieser Männerfreundschaften, für die der Fußball beste Bedingungen bietet, mit seiner Kameraderie und seinem Korpsgeist: Einer für alle, alle für einen. Verteidigt wird zusammen.

In jenem Jahr bekamen der Fußballverband Westfalen und seine Sportschule einen neuen Verwaltungschef, Carsten J., genannt CJN. Er stammte aus dem Kreis Gütersloh. Wohl kein Zufall, denn dort war auch der Präsident zu Hause, der ihn wie einen Ziehsohn förderte. Sein Name: Hermann Korfmacher.

Korfmacher gehört zu diesen Leuten, die noch so bieder klingende Ämter mit ihrem Machtinstinkt in kleine Königreiche verwandeln können. Als Leitender Kreisverwaltungsdirektor hatte er es zum Geschäftsführer der größten Behindertenwerkstätten im Raum Gütersloh gebracht. Im Fußball, im Ehrenamt, ging es noch steiler nach oben: 2001 Chef in Westfalen. 2003 Chef im Westdeutschen Verband. Und im DFB von 2007 bis 2013 Vize-Präsident, zuständig für die Amateure. Die Nummer zwei im deutschen Fußball.

Wer im westfälischen Fußball etwas werden wollte, musste Korfmacher hinter sich haben. CJN hatte Korfmacher hinter sich, vor sich - und an seiner Seite.

Der Neue, bei seinem Start gerade Mitte 30, übernahm in Kaiserau eine ziemlich abgewirtschaftete Sportschule. Viel Geschichte, wenig Zukunft. Die deutschen Nationalkicker hatten sich schon seit 1990 nicht mehr blicken lassen. Es fehlten moderne Sportstätten.

CJN legte los: Rechtzeitig zur deutschen Weltmeisterschaft 2006 flossen 13,5 Millionen Euro in die Anlage. Er baute auch ein Sporthotel mit 48 Zimmern, taufte die Sportschule in SportCentrum um. Und als er fertig war, kamen die großen Namen: erst die spanische Nationalelf, die zur WM einzog, später immer wieder die deutsche Mannschaft, auch die der Elfenbeinküste, die brasilianische. Es kamen Real Madrid, Bayern München, vergangenes Jahr Jürgen Klopp mit dem FC Liverpool.

Schon früh gab es Getuschel. Geschichten hier, Geschichten da. Und wenn man glauben darf, was drei Frauen nun im vergangenen Herbst dem Betriebsrat berichtet haben, dann waren sexuelle Übergriffe des Direktors über Jahre hinweg notorisch.

Der Anwalt von CJN weist die Vorwürfe "in aller Deutlichkeit zurück". Sein Mandant habe keine der Frauen "sexuell belästigt" oder gar "genötigt".

Mit dem SPIEGEL wollten die Frauen nicht reden; sie arbeiten bis heute beim Verband. Ihre Vorwürfe haben sie aber auch dem aktuellen Präsidenten Walaschewski vorgetragen. Offenes Visier, volles Risiko. In dieser Geschichte nennt der SPIEGEL sie Müller, Meier, Schmidt; es sind Pseudonyme, zu ihrem Schutz.

Müller bewarb sich 2009 als Rezeptionistin im Sporthotel Kaiserau. Gegen Ende des Vorstellungsgesprächs habe CJN sie von oben bis unten gemustert: "Ich glaube, Sie haben ganz gute Chancen." Ein Satz, den sie erst später doppeldeutig verstand, bei der Weihnachtsfeier des Verbands 2012. Müller war zur Gastronomie-Chefin aufgestiegen und hatte die Party organisiert. Während die Feier lief, soll CJN sie in einen Nebenraum gebeten haben, angeblich, um etwas mit ihr zu besprechen. Dann habe er plötzlich seine Hand auf ihren Oberschenkel gelegt, die Finger unter das Strickkleid geschoben. Müller sagt, sie sei perplex gewesen; dann sei ausgerechnet seine Frau in den Raum geplatzt, das habe sie, Müller, gerettet.

2014, so ihre Schilderung, habe sie ein Seminar in Frankfurt besucht; abends habe sich CJN bei ihr gemeldet; er sei auch in Frankfurt und wolle zu ihr ins Hotel kommen, genauer gesagt, zu ihr ins Bett, ihr Partner sei doch ein Waschlappen. Müller ließ ihn abblitzen, angeblich, so erzählte sie es Kolleginnen, mit den Worten: "Was verstehst du nicht an ,Nein', die ersten oder die letzten zwei Buchstaben?"

Immerhin: CJN räumt ein, er habe eine SMS an Müller geschickt und gefragt, "ob er sie besuchen kommen dürfe". Es sei jedoch "nicht zutreffend", dass er Müller "aufgefordert habe, mit ihm ins Bett zu gehen". Auch über ihren Partner habe er sich "nicht despektierlich geäußert".

Monate später, so Müller, habe CJN ihr ein Selfie von seinem Penis geschickt. Außerdem ein Foto mit Kussmund und eines mit chinesischen Schriftzeichen, die er sich auf den Rücken hatte tätowieren lassen. Er bot Müller an, ihr das gelegentlich zu übersetzen - ein Zeichen bedeutete "Liebe". CJNs Anwalt bestätigt, dass sein Mandant und die "Mitarbeiterin Fotos ihrer Tätowierungen ausgetauscht haben". Es habe "ein gegenseitiges Interesse nicht sexueller Art" bestanden.

Vom SPIEGEL am Freitagmittag damit konfrontiert sagte Frau Müller: "Das ist die Unwahrheit, ich habe dem Herrn niemals ein Tattoo-Foto von mir geschickt."

Zum Penis-Selfie schreibt der Anwalt bezeichnenderweise nichts, obwohl ihn der SPIEGEL auch dazu um Stellungnahme gebeten hatte. Ihr langes Schweigen hat Müller gegenüber dem Betriebsrat so erklärt: Sie habe sich lange nicht getraut, CJN anzuzeigen, aus Angst. Man denke, man könne nichts tun, höchstens kündigen. Aber das müsse man sich finanziell erst einmal leisten können.

Meier hatte bis 2009 eine kleine Pension in Österreich geführt; CJN lernte sie damals beim Skiurlaub kennen und bot ihr aus dem Stand einen Job in Kaiserau an. Für "Guest Relation", eine Stelle, die er extra für sie schuf. Es war eine dieser einsamen Entscheidungen, für die CJN im Verband bekannt war; er malte Meier angeblich aus, er könne sie zur Chefin des Sporthotels machen. Der Betriebsrat erfuhr von der Neuen erst, als Meier schon im Haus war. Nach Gusto einstellen, versetzen oder das Gehalt hochschrauben, so etwas tat der Direktor offenbar gern am Betriebsrat vorbei. Wer davon profitierte, war dankbar, loyal. Abhängig.

Es dauerte nicht lange, dann soll es angefangen haben: Wenn Meier in sein Büro gekommen sei, habe sie gewusst: Bluse hochknöpfen, besser Stiftrock tragen, sagte Meier dem Betriebsrat. Eines Tages habe sie in seinem Zimmer gestanden, er habe ihr die Hand auf die Scham gelegt. Ein anderes Mal habe sie an einem Tisch gesessen, er neben ihr, und während die Sekretärin mit einem Besucher ins Zimmer gekommen sei, habe er unter der Tischplatte zwischen ihre Beine gegriffen.

CJN: "Die geschilderten Übergriffe" hätten "niemals stattgefunden".

Meier sagt, sie habe geweint, habe klargemacht, dass sie das nicht wolle. CJN habe geantwortet, beim Betriebsrat brauche sie sich gar nicht erst zu beschweren. So wie sie an ihre Stelle gekommen sei, habe sie dort keine Hilfe zu erwarten.

Auch Schmidt, die dritte Frau, erzählte der Mitarbeitervertretung, dass CJN ihr heimlich an den Po gefasst habe, wenn andere dabei waren. Einmal habe sie am Tresen des Hotels Kunden eingecheckt, als er sie befummelt habe. Da habe sie nur so tun können, als sei nichts. Wieder soll er Nacktfotos geschickt haben, auch ihr ein Bild von seinem Geschlecht. CJN habe immer wieder getönt, er könne sie rausschmeißen oder fördern. Das hänge ganz von ihr ab. Auch diese Darstellung bestreitet der Anwalt des Ex-Direktors: Sein Mandant habe mit Schmidt eine "rein private, langjährige, außereheliche und von gegenseitigem Einvernehmen geprägte Beziehung unterhalten", die er irgendwann beendet habe.

Vom SPIEGEL mit dieser Aussage konfrontiert, erklärte Schmidt am Freitag: Nicht CJN, sondern sie habe Schluß gemacht. Darufhin habe der Direktor sie "massiv unter Druck gesetzt" und ihr bei einem Termin in seinem Büro "unter den Rock gefaßt" Und weiter: "Ich war ihm komplett ausgeliefert."

Eines Tages, das genaue Datum steht nicht fest, will Schmidt zu Verbandschef Korfmacher gegangen sein. Sie will ihm gesagt haben, dass der Direktor sie immer wieder betatsche. Angeblich fragte sie Korfmacher, was sie denn noch tun könne, außer CJN zu sagen, er solle seine Finger von ihr lassen. Aber Korfmacher, einer der mächtigsten Männer im DFB, soll damals jenen Satz gesagt haben, mit dem er die Fronten schroff geklärt habe: Der Direktor sei für ihn "wie ein Sohn". Dass der so etwas mache, sei unvorstellbar. Danach habe Schmidt ihm die Intimfotos gar nicht mehr gezeigt.

Die Frauen zeichnen heute das Bild des Direktors als das eines Mannes, der kein Nein vertrug und kein Nein vergab. Das Bild eines Machtmenschen, der sich alles herausnehmen konnte, weil er wusste, wer ihn alles in Schutz nehmen würde. Erst der alte Präsident Korfmacher, der immer noch an der Spitze einer Verbandstochter steht. Ab Juni 2016 der neue, Walaschewski. Und am Ende offenbar auch die DFB-Spitze in Frankfurt. Dort war CJN gut verdrahtet, als Protegé des alten Korfmacher, als Direktor des zweitgrößten Landesverbandes und als Kopf hinter dem Masterplan 2013 bis 2016, der Vision für den gesamten deutschen Amateurfußball. In einer Sammlung mit angeblichen Sprüchen von ihm, die im Betriebsrat kursiert, findet sich auch der Satz: "Sie wissen ja gar nicht, welche Macht ich habe und was ich alles kann." Und: "Wir sind ein Präsidium aus lauter gestandenen Männern, was glauben Sie denn, was Sie dort für eine Chance mit ihrer Aussage haben?"

Falls der Satz wirklich so gefallen ist - ob er stimmt oder nicht, zeigte sich Ende September. CJN war, wie sich schnell herausstellte, zwar nicht unantastbar. Aber seinen Verband kannte er ziemlich gut: So wie es aussieht, tat Präsident Walaschewski anfangs, was er nur konnte, um ihn zu retten. Danach alles, um die Sache zu vertuschen. Und seitdem kaum etwas dagegen, dass heute im Verband die Frauen wie die Schuldigen dastehen. Und CJN wie das Opfer.

Am 29. September kamen in Kaiserau zwei Briefe an, einer für den Präsidenten, einer für den Betriebsrat. Absender: der Anwalt von Frau Müller, die nun doch beschlossen hatte, aus ihrer Ohnmacht auszubrechen. Sie war krank gewesen, Monate in Therapie, auch wegen der Übergriffe, so ihre Schilderung. Jetzt wollte sie zurück an ihren Arbeitsplatz. In dem Schreiben brachte Müllers Anwalt auch die "anzüglichen Fotos" zur Sprache, die Grapschereien, Oberschenkel und Po, die Sache in Frankfurt, als CJN sie in ihrem Zimmer besuchen wollte. Der Anwalt forderte schriftlich, dass Müller künftig "ihrer Arbeit unbelästigt nachgehen kann". Mehr erst mal nicht.

Für den Betriebsrat war aber klar: Das konnte nicht alles sein. Jahrelang hatte er stillgehalten, wenn Frauen von Übergriffen erzählten, aber gleichzeitig bettelten, bloß nichts zu unternehmen. Aus Angst vor CJN. Nun war das Schweigen gebrochen.

Noch am selben Tag forderte der Betriebsrat ein Treffen mit Präsident Walaschewski; es gehe um sexuellen Missbrauch, um CJN; man einigte sich auf den folgenden Dienstag. Vorher, am Freitag, meldete sich CJN beim Betriebsrat: An den Vorwürfen sei nichts dran, er werde das alles widerlegen. Doch dann starb überraschend sein Vater. Das war der "Schicksalsschlag", der später für den Abschied herhalten mußte.

Am Dienstag saßen Walaschewski und der Betriebsrat also ohne CJN zusammen. Der Präsident sagte angeblich, man werde den Direktor abmahnen müssen, außerdem solle er sich bei Müller entschuldigen. Das alles müsse aber in jedem Fall vertraulich bleiben. Den als Grapscher Beschuldigten rauszuwerfen, kam dem Funktionär offenbar nicht in den Sinn. Für den Betriebsrat war eine Trennung aber der einzige Weg: Müller sei kein Einzelfall, es gebe auch noch Meier und Schmidt, man müsse CJN feuern.

Walaschewski ließ die Damen kommen. Zunächst Müller. Sie erzählte von den Übergriffen. Die Fotos, so heißt es, habe sich Walaschewski gar nicht erst angucken wollen. Dafür rief er offenbar gleich danach den Direktor an und verriet, was Müller über ihn gesagt hatte - und wer als nächstes auspacken wollte. Noch bevor Meier zum Gespräch hereingerufen wurde, soll sie schon CJN am Telefon gehabt haben. Auf die Frage, wie der Direktor wissen könne, dass sie aussagen wolle, habe Präsident Walaschewski gesagt, CJN müsse doch wissen, was hier passiere.

Sein Anwalt versuchte zu retten, was nicht mehr zu retten war: "Unser Mandant bedauert zutiefst die von Ihnen dargelegten und zur Erkrankung Ihrer Mandantin geführten Umstände", schrieb er an Müllers Seite. "Zu erneuten Verhaltensweisen der von Ihnen aufgezeigten Art wird es nicht wieder kommen." Das war die verlangte schriftliche Bestätigung, gleichzeitig eine Art Eingeständnis. Unsinn, so der Anwalt des Ex-Direktors heute: "Keinesfalls ist diese Einlassung als Eingeständnis sexueller Übergriffe zu verstehen."

Die Erklärung habe sich lediglich auf Umstände bezogen, die weder objektiv noch aus Sicht von CJN eine sexuelle Belästigung darstellen. Eine solche sei jedenfalls zu keinem Zeitpunkt beabsichtigt gewesen. Sein Mandant solle bewußt diskrediert werden, schreibt der Anwalt.

Unter dem Druck des Betriebsrats informierte Walaschewski das übrige Präsidium. Man müsse sich von CJN aus schwerwiegenden Gründen trennen. Nur bitte geräuschlos. Keine fristlose Entlassung, stattdessen ein Auflösungsvertrag. Angeblich mit Abfindung. Rund 120.000 Euro. Darauf sollen CJNs Anwälte gepocht haben; warum sich der Verband darauf einließ, gehört zu den Rätseln in dem Fall.

Der Betriebsrat spielte mit - wohl aus Rücksicht auf den Verband, die Frauen und unter einer Bedingung: Hausverbot für CJN und eine Strafe von mehreren Tausend Euro, falls er Kontakt zu den Betroffenen aufnimmt.

War das nun ein Sieg der Frauen? Es fühlte sich so an, aber das Gefühl hielt nicht lange. Am 27. Oktober rief der Präsident alle Mitarbeiter zusammen. Er sprach von Dingen, die er sich nicht habe vorstellen können, erinnern sich Beschäftigte. Der studierte Theologe wirkte nachdenklich, angefasst, er schien verstanden zu haben. Bis er zum Schluss seiner Rede kam. Eines wollte er doch noch mal sagen: Er lasse sich seine persönliche Freundschaft zu CJN nicht kaputt machen; erst vor ein paar Tagen habe er mit ihm noch eine Flasche Rotwein getrunken.

Damit war der Ton für die Zukunft gesetzt. Mit den betroffenen Frauen trank Walaschewski keinen Rotwein. Er hatte nicht mal ein Wort der Entschuldigung für sie, so heißt es.

Im Präsidium des Verbandes sollen die Sex-Vorwürfe allerdings noch mal ein Thema gewesen sein. Die Honoratioren redeten danach mit Müller und Meier. Sie sollten künftig mehr auf die Garderobe achten. Etwas konservativer bitte, längere Röcke, so in der Art. So wenig das Präsidium von den Details des Falles wissen wollte, eines hatten die überwiegend älteren Herren offenbar doch gefunden: eine übermächtige Wirkkette zwischen den offenbaren Begehrlichkeiten ihres Ex-Direktors und den angeblich zu kurzen Röcken der Damen. Denn ewig lockt das Weib, das sündige.

Während die Frauen nun auf sich gestellt sind, kann sich CJN - allem Anschein nach - auf den Korpsgeist des organisierten deutschen Fußballs verlassen. Für jeden Finger, mit dem er sich vergriffen haben soll, gibt es jetzt mindestens eine Hand, die über ihm gehalten wird, im Verband und auch in der Frankfurter DFB-Spitze. Schon am 7. Oktober hatte der Betriebsrat Walaschewski dringend geraten, die DFB-Führung zu informieren. Am nächsten Tag fuhr Walaschewski zum Länderspiel Deutschland gegen Tschechien nach Hamburg. Dort, so sagte er hinterher, habe er DFB-Chef Grindel und einen zweiten Spitzenfunktionär getroffen und sie über alles aufgeklärt. DFB-Kommunikationsdirektor Ralf Köttker bestätigt dies: Walaschewski habe Grindel "die im Raum stehenden Vorwürfe in groben Zügen skizziert". Der "Vorgang" sei "bereits aufgearbeitet, der "Mitarbeiter freigestellt". Man werde sich "von ihm trennen"

Umso bemerkenswerter, dass der DFB CJN aufgefangen und ihm einen neuen Job anvertraut hat. Für die Zentrale sollte CJN die Landesverbände überprüfen, die Gelder, die der DFB dorthin verteilt. Auch seinen alten Verband Westfalen wollte CJN inspizieren. Präsident Walaschewski hatte nichts dagegen, dass sein Freund vorbeikommen wollte. Das sei schließlich eine Entscheidung, die allein der DFB treffen müsse. "Schockiert" schrieb der Betriebsrat in Kaiserau am 23. Februar einen Brief an das Präsidium. Man habe gehört, hieß es da, "dass man kein Problem für diesen Einsatz" im Verband "sehen würde". Das habe die Westfalen-Spitze ausdrücklich so nach Frankfurt gemeldet.

DFB-Sprecher Köttker legt Wert auf die Feststellung, dass CJN kein Angstellter des DFB gewesen sei, sondern in einem mittlerweile abgeschlossenen Projekt gearbeitet hätte. Den Job habe er vom "zuständigen Direktor Amateurfußball" erhalten. "Der DFB-Präsident wurde nicht einbezogen" und hätte "der Beauftragung auch klar widersprochen".

Dass CJN für den DFB Geld nachzählte, war wohl nur eine Warmhalteübung. Denn CJN soll demnächst Geschäftsführer der Sportschule Oberhaching werden. Die zuständigen Gremien haben sich - nach Rücksprache mit dem Westfalen-Verband - einstimmig für ihn entschieden. Korfmacher und Walaschewski hätten versichert, das Arbeitsverhältnis mit CJN sei "aufgrund verbandsinterner Begebenheiten, ohne strafrechtlich relevanten Bezug, einvernehmlich beendet worden". Hinweise, dass er bei anderen Arbeitgebern "nicht unbelastet beginnen könne", gebe es nicht.

Auch Bayerns Fußball-Chef Rainer Koch hat für CJN gestimmt. Der ist beim DFB Erster Vizepräsident Amateure, die Nummer zwei hinter Grindel. Und damit der Nachfolger von Korfmacher. Angeblich kennt Koch "die detaillierten Hintergründe" des Ausscheidens von CJN nicht.

Korfmacher war für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Verbands-Präsident Walaschewski sah sich aufgrund persönlicher Umstände nicht in der Lage, Fragen des SPIEGEL zeitnah zu beantworten.

CJN beauftragte in der Zwischenzeit noch die DFB-Kanzlei Schertz-Bergmann, die - wie eigentlich immer - feststellte, dass "eine irgendwie geartete identifizierende Berichterstattung" unzulässig sei. Die Darstellung der Frauen schien insoweit keine Rolle zu spielen.

In Kaiserau, im Betriebsrat, wechselt die Stimmung in diesen Tagen von empört zu fassungslos, von fassungslos zu ungläubig. "Wir müssen leider sagen, dass Frauen in unserem Verband über einen längeren Zeitraum nicht vor sexuellen Übergriffen geschützt waren", sagt Betriebsratschef Vonstein. "Dadurch macht man die Frauen erneut zu Opfern, weil man das falsche Signal sendet: ,War doch alles nicht so schlimm, solche Männer gehören zu uns im Fußball.'"



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