AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 43/2017

Sexuelle Belästigung von Frauen Schweigen reicht nicht, Männer!

Frauen erzählen, wie sie Opfer sexualisierter Gewalt wurden - und noch immer denken viele Männer, das gehe sie nichts an. Falsch.

LOUISE MACKINTOSH

Von


Wenn mächtige Kotzbrocken wie Harvey Weinstein öffentlich als Vergewaltiger bezichtigt werden, macht das die Welt sicherlich ein bisschen besser. Wie wunderbar, dass nicht nur Hollywoodstars Sexismus anprangern, sondern seit dieser Woche auch Frauen, denen glänzendes Scheinwerferlicht egal ist. Mit #MeToo haben sich betroffene Frauen quer durch alle Länder und Schichten in den sozialen Netzwerken als Opfer sexualisierter Gewalt geoutet.

Ihr Aufschrei wird aber erst die volle Wirkung entfalten, wenn sich auch Männer angesprochen fühlen. Und zwar jene Mehrheit der Männer, die Frauen nicht belästigen. Wer zur Gruppe der Anständigen gehört, denkt häufig, das alles gehe ihn nichts an. Weiße Westen sind aber keine Entschuldigung für Wegsehen.

Die Täter könnten nur deshalb so ungestraft agieren, "weil sie von einer schweigenden Masse gedeckt" würden, schreibt der Unternehmensberater Robert Franken in seinem Blog. Es ist leider eine Einzelmeinung. Anstatt sich zu empören, verharmlosen viele Männer sexuelle Belästigung mit Sätzen wie: "Jetzt ist es schon so weit, dass ich die Frisur der Kollegin nicht mehr loben darf." Niemand will in einer Welt leben, in der sich Menschen keine Komplimente mehr machen dürfen. Auch Frauen nicht. Darauf können wir uns alle schnell einigen.

Aber damit ist die Diskussion über Sexismus nicht zu Ende.

Es kann wirklich schwierig sein, die Grenze zwischen nett gemeinter Geste und sexistischem Spruch zu erkennen. Zumal sie individuell und darum bei jeder Frau anders verläuft. Es ist ein Unterschied, ob man einer Kollegin in der Kaffeeküche oder im Morgenmeeting zum Kauf der neuen Schuhe gratuliert.

Neben dem Ort entscheidet auch die Augenhöhe, ob ein Kompliment angebracht ist. Keine Praktikantin möchte vom Abteilungsleiter als "charmante neue Mitarbeiterin" begrüßt werden, weil auch Frauen von Vorgesetzten lieber für ihre Leistung gelobt werden. Trainerinnen, die Bosse für Machtmissbrauch sensibilisieren, gibt es kaum. Stattdessen wird Frauen beigebracht, wie sie sich per "Arroganz-Prinzip" in einen Macho verwandeln, wenn sie auf der Führungsebene mitreden möchten.

Sprechen Frauen Sexismus offen an, fühlen sich Männer oft in der Defensive. Das scheint bei vielen reflexhaft eine Verbrüderung auszulösen. Das Erobern liege nun mal in der Natur des Mannes. Echte Kerle benähmen sich manchmal daneben.

Und sind Frauen nicht selbst schuld? Hinter vorgehaltener Hand heißt es dann, Frauen würden Sexismus nur beklagen, wenn er ihnen nicht nutze. Praktikantinnen, die jede Woche vom Chef einen Kaffee spendiert bekämen, würden schließlich auch nicht mit einer Ohrfeige ablehnen.

Ja, es gibt Frauen, die Netzstrumpfhosen einsetzen, um Aufträge an Land zu ziehen, und das ist bedauerlich. Aber es gibt auch immer noch zu viele männliche Führungskräfte, die Jobs nach Attraktivität statt nach Kompetenz vergeben. Viele Männer entwickeln erst ein Bewusstsein für Sexismus, wenn sie selbst zum Opfer werden. Erst dann können sie verstehen, wie sich Scham und Hilflosigkeit anfühlen. Oder es ist die Geburt einer Tochter, die Männer zu Feministen werden lässt. Wenn es die eigene Tochter betrifft, nehmen sie das Verhalten ihrer Geschlechtsgenossen plötzlich als potenziell bedrohlich wahr und fragen sich, was man gegen sexuelle Übergriffe tun kann.

Es stimmt nicht, dass sexuelle Belästigung Männer, die sich selbst nichts vorzuwerfen haben, nichts angeht. Wer schweigt, schützt die Täter und stützt ein System, das Frauen klein halten will. Es mag Überwindung kosten und ungewohnt sein: Aber warum ist es so schwer, den Kollegen, von dem alle wissen, dass er immer wieder Praktikantinnen belästigt, darauf kritisch anzusprechen? Es wäre jedenfalls wirkungsvoller, wenn Männer Männern Grenzen setzen würden, bevor eine Frau zum Aufschrei ansetzt. Und natürlich müssen sich die Machtstrukturen ändern: Wer zum Beispiel dafür sorgt, dass in Unternehmen genauso viele Frauen wie Männer das Sagen haben, schafft eine Atmosphäre der Gleichberechtigung, in der Machtmissbrauch seltener ist.

Man muss seinen Nebensitzer im Büro nicht gleich beim Chef denunzieren, wenn er gehässige Witzchen über die Körperfülle einer Kollegin macht. Aber muss man mitlachen? Es reicht nicht aus, wenn Frauen Sexismus offen ansprechen. Die Männer müssen mitreden. Den Leitartikel zur nächsten Aufschrei-Debatte darf dann gern ein Kollege schreiben.



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