Eine Todesanzeige und ihre Geschichte Die Drittletzte ihrer Art

Schwester Frances Ann Carr zählte bis zu ihrem Tod zur kleinen Religionsgemeinschaft der Shaker - nun beten die Verbliebenen für neue Mitglieder. Ihr Anliegen ist recht dringlich: Es gibt nur noch zwei. Aus gutem Grund.
Frances Ann Carr

Frances Ann Carr

Foto: Steve O'Connor, Courtesy of United Society of Shakers

Die Todesanzeige, welche die Shaker-Gemeinde am Sabbathday Lake im US-Bundesstaat Maine am 2. Januar 2017 online veröffentlichte, verhieß zunächst nichts Ungewöhnliches.

"Es ist unsere traurige Pflicht mitzuteilen, dass unsere liebe Schwester Frances
heute um 13.35 Uhr nach einem kurzen Kampf gegen den Krebs verstorben ist.
Das Ende kam schnell und würdevoll, sie war umgeben von der Gemeinde und ihren Nichten.
Wir bitten um Eure Gebete für ihre Seele. In Frieden, die Sabbathday Lake Shakers"

Dass Frances Ann Carr nicht irgendeine Ordensschwester irgendeiner Religionsgemeinschaft war, erfuhr man erst aus Presseberichten.

"Eine der letzten Shaker stirbt", stand bei npr.org, "Nur noch zwei Shaker auf der Welt", titelte Smithsonian.com und der "Economist" würdigte Schwester Frances auf seiner Website als "letzte lebenslange Shakerin". Denn die zwei verbliebenen Shaker, Bruder Arnold, 60, und Schwester June, 78, stießen offenbar erst als Erwachsene zur Gemeinde.

Die Nachwuchsprobleme der Shaker, einer im 18. Jahrhundert gegründeten christlichen Freikirche, sind systemimmanent: Dabei war die Glaubensgemeinschaft einst für ihren modernen, liberalen, geradezu feministischen Ansätze bekannt.

Was ist geschehen?

Sie praktizieren Enthaltsamkeit und kriegen folglich keine Kinder. Die letzte der sieben Anforderungen, welche die Shaker an mögliche Neumitglieder stellen, besiegelt ihr Schicksal:

"7. Alle Shaker leben in jungfräulicher Reinheit und im Zölibat."

Mitte des 19. Jahrhunderts soll es etwa 6000 von ihnen gegeben haben, neue Mitglieder fanden sich vor allem in Waisenhäusern. Als aber der Staat begann, sich um elternlose Kinder zu kümmern, verloren die Shaker ihre wichtigste Personalquelle. Von den rund 20 Gemeinden, die es einmal gab, starb eine um die andere aus. Bis nur noch Sabbathday Lake Shaker Village übrig war. Jedenfalls eine radikal moderne Truppe.

Bruder Arnold und Schwester June sind leider für Journalisten nicht zu sprechen, auch nicht telefonisch. Sie haben sich zurückgezogen. Möglich, dass sie im Kräutergarten nach Ruhe suchen. Möglich, dass sie spazieren gehen zwischen dem guten Dutzend Holzhäusern ihrer Heimat ganz im Norden der USA, auf den Pfaden, auf denen Schwester Frances in ihrem lilafarbenen Kleid bis vor Kurzem umherwandelte.

Möglich auch, dass sie es noch nicht verwunden haben, dass der damals viertletzte Shaker vor rund zehn Jahren das Dorf verließ, weil er sich in eine Journalistin verliebt hatte, die zu Besuch gekommen war.

Shaker haben keinen Sex, aber sie tanzen gern. Ihren Namen erhielten sie wegen eines seltsam anmutenden Schütteltanzes, der ihnen als Gebetsform gilt. Und wenn sie nicht tanzen, arbeiten sie. Hartes Tagwerk, Fleiß und höchste handwerkliche Qualität betrachten sie als Dienst an Gott. Weil sie auch an die Gleichberechtigung von Mann und Frau, an den Pazifismus und das Gemeinschaftseigentum glauben, waren sie lange vor der Emanzipation und dem Frauenstimmrecht eine Art calvinistische Hippies. Jedenfalls eine radikal moderne Truppe.

Bis heute leben sie in schnörkelloser Schlichtheit, und so sehen auch die Möbel aus, die sie selbst anfertigen und mit denen sie sich umgeben. Für die Designgeschichte sind die Shaker so etwas wie die spirituelle Variante des Bauhauses.

Es wäre jammerschade um die Shaker, die, mehr noch als für Schwester Frances, für neue Mitglieder beten.

Nicht dass sich niemand für sie interessieren würde. Da sind die Freiwilligen, die in den Sommermonaten im pestizidfreien Kräutergarten der Shaker in der Erde graben und Biomelisse ernten oder Biokerbel pflegen. Da ist der Förderkreis, der sich gründete, um das Andenken der Shaker zu bewahren und ihre wichtigsten Zeugnisse im Archiv zu konservieren. Und während der Möbelmesse in Stockholm fand eine Ausstellung über den Einfluss der Shaker auf das Design statt. Die Kuratorin sagt, dass die Shaker für sie "die ersten Minimalisten" seien.

Die Shaker, eigentlich aus der Zeit gefallen, vereinen in ihrer Kultur zwei Dinge, nach denen der moderne Mensch sonst in Hipster-Antiquitätenläden und Meditationskursen sucht: Designklassiker, Achtsamkeit.

Dann kamen 600 Menschen zur Beerdigung von Schwester Frances, angelockt vermutlich von den vielen Berichten über den Tod dieser Drittletzten ihrer Art. Bruder Arnold und Schwester June begrüßten jeden persönlich.

Nur die Hälfte der Trauergäste fand Platz in der kleinen Dorfkapelle mit dem Holzfußboden. Und dann war in ganz Sabbathday Lake das Fußstampfen des Schütteltanzes zu hören und das Händeklatschen, und dann der Refrain aus Hunderten Mündern: "I am glad I am a shaker."

Nur von Neueintritten in die Gemeinde ist bisher leider nichts bekannt, wahrscheinlich wirkt die Keuschheitspflicht allzu abschreckend. Schwester June und Bruder Arnold sollten ihr siebtes Gebot überdenken.

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