AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 40/2016

SPD-Chef Sigmar Gabriel Der ewig Zweifelnde

Sigmar Gabriel könnte die Kanzlerkandidatur seiner Partei für sich reklamieren, aber er schwankt. Er weiß, dass viele Deutsche ihn nicht mögen - und fürchtet sich vor einer weiteren Zurückweisung.

Parteivorsitzender Gabriel in Warnemünde: Er schwankt zwischen Zaudern und Zuversicht, dem Leitmotiv seines Lebens
Dawin Meckel/ Ostkreuz/ DER SPIEGEL

Parteivorsitzender Gabriel in Warnemünde: Er schwankt zwischen Zaudern und Zuversicht, dem Leitmotiv seines Lebens

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Vor 13 Jahren, als er die Wahl in Niedersachsen verloren hatte, als er in tiefen Selbstzweifeln versank und sich fragte, ob er die Politik verlassen solle, drückte ihm jemand eine Broschüre in die Hand. Auf dem Deckblatt sah Sigmar Gabriel Eisenbahnschienen, die auf eine Weiche zuliefen. Es war die Werbung einer Lebensberaterin, die Menschen in Krisen hilft. Bei gewöhnlichen Menschen heißen solche Leute Psychologen, bei Karrieremenschen heißen sie Coach.

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Heft 40/2016
Von den Nürnberger Prozessen bis heute: Die Suche nach der gerechten Strafe

Gabriel erkannte sich wieder in dem Bild, er hatte selbst das Gefühl, vor einer Gabelung zu stehen. Er meldete sich bei der Frau, was folgte, war die intensivste Selbstbeschäftigung seines Lebens. In den langen Sitzungen mit seinem Coach werde ihm einiges abverlangt, sagte Gabriel damals. Am Ende stand für ihn, der selbst dann noch zaudert, wenn sein Schwanken für andere zur Belastung wird, ein fester Entschluss: Sigmar Gabriel bleibt Politiker.

Er hatte erkannt, dass er sein Talent nirgendwo besser zur Geltung bringen konnte. Zwei Jahre später berief man ihn zum Bundesumweltminister, vier weitere Jahre später wurde er Vorsitzender der SPD. Sieben Jahre steht er nun schon an der Spitze der stolzesten, aber auch neurotischsten Partei Deutschlands, länger als jeder andere Vorsitzende seit Willy Brandt.

Nun muss Sigmar Gabriel erneut eine schwierige Entscheidung treffen. Aber dieses Mal geht es nicht allein um sein eigenes Lebensglück. Es geht auch um die Zukunft der SPD wenn nicht gar des Landes, darum, ob eine linke Alternative zu Angela Merkel und der ewigen Großen Koalition überhaupt noch denkbar ist.

Ende September sitzt Gabriel im VIP-Bereich des Moskauer Flughafens Wnukowo auf einem Ledersofa und mustert die Russen um sich herum, die Oligarchenmännlein mit den goldenen Uhren, die Frauen mit ihren viel zu großen Sonnenbrillen und den lächerlich hohen Absätzen. Gabriel erzählt, dass gestern bei der Ankunft so ein richtiger Oligarch mit seinem Maybach vor der Tür geparkt habe. Aber der Oligarch habe den Maybach dann umsetzen und Platz für Gabriels Kolonne machen müssen. Er lacht. So was gefällt ihm.

Er hat zwei Landtagswahlen überstanden

Es läuft eigentlich nicht schlecht gerade. Hinter Gabriel liegen die vielleicht dichtesten Wochen seines Lebens. Er hat zwei Landtagswahlen überstanden, von denen es hieß, sie könnten ihn das Amt kosten. Zwei Tage vor der Moskaureise hat er auch die Abstimmung des SPD-Parteikonvents über Ceta zu seinen Gunsten entschieden, von der es ebenfalls hieß, sie könne Gabriel das Amt kosten.

Vielflieger Gabriel auf dem Flughafen Tegel: "Ich bin am ruhigsten, wenn die Lage am schwierigsten ist"
DPA/ Picture Alliance/ Bernd von Jutrczenka

Vielflieger Gabriel auf dem Flughafen Tegel: "Ich bin am ruhigsten, wenn die Lage am schwierigsten ist"

In den vergangenen sieben Tagen war Gabriel in Argentinien, Kanada, Goslar, Wolfsburg, Berlin und Moskau. Jetzt geht es rasch nach Bratislava, morgens Berlin, abends Goslar. Seine chronische Rastlosigkeit könnte endlich mal belohnt werden.

Die Kanzlerkandidatur wird ihm niemand mehr streitig machen, das ist seit dem Konvent sicher. Schon vorher hatte Gerhard Schröder die mächtigsten Menschen der SPD besucht, vor allem die aus Nordrhein-Westfalen, und war mit einer guten Nachricht zurückgekommen: "Es wird keinen Putsch gegen dich geben", sagte Schröder: "Es kommt jetzt allein auf deine Einstellung an."

Mit der Einstellung aber ist das so eine Sache. Gabriel ringt mal wieder mit sich, er schwankt zwischen Zaudern und Zuversicht, dem Leitmotiv seines Lebens. In seinen düsteren Momenten macht er Vertraute dieser Tage auf Umfragen aufmerksam, wonach rund die Hälfte der Deutschen sagen, Angela Merkel sei für sie ein Grund, CDU zu wählen. Nur wenige behaupten dagegen, dass Sigmar Gabriel ein Grund sei, SPD zu wählen. Er verweist auf die Werte seiner Partei, die einfach nicht klettern mögen. Er weiß auch, dass viele aus der SPD ihm nicht zutrauen, bei der Wahl erfolgreich zu sein. Abgeordnete fürchten um ihr Mandat.

Seine Partei reagiert zunehmend genervt auf sein Zögern. Die Wahlkampfplaner würden gern mit dem Wahlkampfplanen beginnen. Die Reservekandidaten wüssten gern, ob sie sich fürs nächste Jahr bereithalten sollen. Aber Gabriel steht starr vor seiner Weiche.

Am Moskauer Flughafen wirkt der SPD-Chef fröhlich. Er erzählt, dass es schon etwas Besonderes sei, wenn Wladimir Putin sich zweieinhalb Stunden Zeit für einen nehme. Gabriel, der in jeder freien Minute die deutschen Onlinemedien auf seinem iPhone durchforstet, hat die Kritik an seinem Besuch beim russischen Despoten bereits gelesen. Aber diesmal geht sie ihm nicht an die Nieren. Das Signal, russlandfreundlicher zu sein als Angela Merkel, ist in seinem Sinne.

Die Leute neben ihm auf dem Ledersofa, die sich um sein Wohl, seine Sicherheit oder die Einhaltung des Protokolls bemühen, sind ebenfalls zufrieden. Sie sehen zwar erschöpft aus, aber so sehen fast alle aus, die viel mit Gabriel zu tun haben. In Moskau wollte der Chef weder eine spontane Stadtbesichtigung machen noch sonst wie den Plan umschmeißen. Selbst der berüchtigte Kneipenbesuch blieb aus.

Als Gabriel am Vorabend gegen halb elf seine letzten Interviews im Foyer des Moskauer Ritz-Carlton-Hotels gegeben und sich mit dem Verweis, dass er müde sei, verabschiedet hatte, stand er im Kreise seiner Mitarbeiter und fragte: "Was machen wir jetzt?" Seine Referentin, die auf die Frage vorbereitet war und nichts mehr fürchtete, als einen spontanen Ausflug ins Moskauer Nachtleben, lotste ihn daraufhin mit dem Hinweis auf die spektakuläre Aussicht in die Hotelbar im Dachgeschoss. Gabriel gehorchte, bestellte Sushi, und als er gegen eins aufs Zimmer ging, waren seine Begleiter erleichtert.

Lange wirkte Gabriel wie ein Mann ohne Mitte, privat wie politisch. Seine Spontaneität, seine häufigen Themenwechsel sind berüchtigt. Aber auch die persönlichen Auffälligkeiten, das Zuspätkommen, die plötzlichen Absagen und Auszeiten schufen das Bild eines Mannes, der zwar jede Nacht schläft, aber nicht in sich ruht.

Im Rahmen seiner Möglichkeiten bemüht er sich in letzter Zeit verstärkt um jene Disziplin, die ihm lange abgesprochen wurde, die aber eine zwingende Voraussetzung ist, um eine Chance auf die Kanzlerschaft zu haben. Den Parteikonvent zu Ceta hat er viel gewissenhafter vorbereitet als den zur Vorratsdatenspeicherung ein Jahr zuvor. Er überließ nichts dem Zufall, ging keiner Diskussion aus dem Weg und beleidigte niemanden. Er hat aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt und seine chronisch wehleidige Partei in ihrem Hadern mit der Moderne ernst genommen.

"Ich bin mit mir im Reinen"

"Scheiße", sagt Gabriel am Flughafen, er klatscht sich auf die Knie. "Ich wollte meiner Tochter doch eine Matrjoschka-Puppe mitbringen." Hektische Blicke bei seinen Begleitern. Gabriel springt auf und sieht sich in der Halle um. Er wirkt aufgebracht, enttäuscht von sich selbst. Das Verhältnis zu Russland, der Krieg in Syrien, der Freihandel, die Kanzlerkandidatur, alles schön und gut, aber die Matrjoschka, wie konnte er die vergessen!

Sigmar Gabriel in Moskau
REUTERS

Sigmar Gabriel in Moskau

Seit Gabriels Lebensgefährtin Anke vor vier Jahren Tochter Marie zur Welt brachte und er und Anke heirateten, sei er ruhiger geworden, sagen die, die ihn gut kennen. Als Kind hatte er nach der Trennung der Eltern sieben Jahre lang unter dem kalten Regime seines Nazivaters leben müssen, ohne Nähe, ohne Geborgenheit und ohne die geliebte Mutter. Gabriel, der wurzellos aufwuchs, dessen Kindheit traumatisch war, scheint nach langer Suche endlich einen Halt gefunden zu haben.

"Ich bin mit mir im Reinen", sagt er, wenn man ihn auf seine Lebenssituation anspricht. Zu Hause in Goslar sei er meist still, nachdenklich, gelassen. Seine Frau habe ihm mal gesagt: "Diesen sprunghaften, erratischen Gabriel, von dem alle reden, den würde ich auch gern mal kennenlernen. Das ist bestimmt ein interessanter Typ."

Auf der Suche nach einer Matrjoschka stürmt Gabriel durch die Halle, vorbei an den Russinnen mit den großen Sonnenbrillen, gefolgt von einem Rudel aus Leibwächtern und Diplomaten. Er will ein guter Vater sein. Er weiß, was das mit einem machen kann: einen schlechten Vater zu haben. Er bleibt vor einer Glasvitrine stehen.

Gabriel nimmt verschiedene Puppen in die Hand, begutachtet sie von allen Seiten, vergleicht die Motive, aber er kann sich nicht entscheiden. Dann fällt sein Blick auf die Oligarchenpreise, manche Puppen sind so teuer wie eine neue Spülmaschine. Es würde einen nicht wundern, wenn Gabriel dem Verkäufer jetzt den Vogel zeigte oder den Stinkefinger. Dann seufzt er nur kurz, zieht eine der kleineren Puppen aus der Vitrine und zückt seine Kreditkarte.

Als sich die Regierungsmaschine durch die Wolken kämpft, wackelt es heftig, doch Gabriel scheint das völlig kaltzulassen. "Ich bin am ruhigsten, wenn die Lage am schwierigsten ist", sagt er in seinem Separee im vorderen Teil. Er wisse ja: Wenn es oben an der Spitze wackelt, dann wackle es unten noch viel mehr.

Diese Entschiedenheit ist nur die eine, die öffentliche Seite des Sigmar Gabriel im Herbst 2016. In Wahrheit steckt er in einem Dilemma. Er möchte unbedingt den Parteivorsitz behalten, aber das ginge nicht, wenn er die Kandidatur einem anderen überließe. Zugleich zweifelt er, ob er selbst der richtige Kandidat ist.

"Kanzler, das ist schon was. Aber SPD-Vorsitzender, das ist was Besonderes"

Ein, zwei Jahre nachdem er Parteichef wurde, habe er begonnen, sich mit der Frage zu beschäftigen, ob er auch Kanzler könne, sagt Gabriel. "Aber vom Gefühl her war der Höhepunkt, als ich Vorsitzender der SPD geworden bin. Das berührt mich mehr, als die Aussicht, dass ich Kanzler werden könnte. Vorsitzender dieser stolzen Partei sein zu dürfen ist die größte Ehre, die mir in meinem Leben widerfahren ist." Oft zitiert er jenen Satz, den Schröder ihm einst gesagt hat: "Kanzler, das ist schon was. Aber SPD-Vorsitzender, das ist was Besonderes." Er erzählt auch, wie Egon Bahr im Jahr 2012, als die K-Frage ebenfalls offen war, in sein Büro kam und sagte: "Sigmar, du darfst nicht kandidieren. Parteivorsitzender ist wichtiger als Kanzlerkandidat. Du musst Vorsitzender bleiben. Das wird sowieso nichts."

Damals konnte Gabriel mit Peer Steinbrück einem anderen die Kandidatur überlassen und selbst Vorsitzender bleiben. Im kommenden Jahr geht das nicht. Die möglichen Alternativen Olaf Scholz und Martin Schulz haben zu verstehen gegeben, dass sie nur anträten, wenn sie auch Parteichef würden. Für Gabriel wäre dies der Anfang vom Ende seiner politischen Karriere.

Mit Frank-Walter Steinmeier wäre die Rollenteilung wohl möglich gewesen, doch der möchte ums Verderben nicht. Steinmeier leidet noch immer unter dem Trauma, 2009 das bislang schlechteste Ergebnis der SPD-Geschichte geholt zu haben, er will sich dem nie wieder aussetzen. Wie vor vier Jahren hält Gabriel Steinmeier wieder für den besten Kandidaten der SPD. Aber all seine Überzeugungsversuche, wonach Steinmeier ein anerkannter Welterklärer sei, der in diesen Zeiten internationaler Krisen wie die Faust aufs Auge passe, ja mit seinen hohen Beliebtheitswerten geradezu ein Diamant für die Partei sei, blieben erfolglos.

Für Gabriel war die SPD all die Jahrzehnte Ersatz für jene Familie, die er privat nie hatte. Will er nicht vieles von dem verlieren, was sein Leben ausmachte, wird er selbst antreten müssen. Seine Entscheidung wird auch davon abhängen, ob Gabriel noch die Zuversicht gewinnt, dass sich das Bild, das die Deutschen von ihm haben, irgendwie ändern lässt.

"Entweder finden mich die Leute total gut - oder absolut zum Kotzen"

"Mittagessen?", fragt der Steward auf dem Flug. Nein, kein Mittagessen für Sigmar Gabriel. "Gibt es 'nen Apfel?"

Er wisse, dass es kaum einen Politiker gebe, der so polarisiert wie er. "Entweder finden mich die Leute total gut - oder absolut zum Kotzen." Es ist wie so oft bei ihm, es gibt keine Mitte, nur Extreme.

Er glaube, dass es bei ihm ein "Nähe-und-Distanz-Problem" gebe. Auf die Distanz, also vor dem Fernsehschirm, fänden ihn die Leute nicht so sympathisch. Bei jenen, die er näher an sich ranlasse, sei das anders. Ein Freund habe ihm neulich gesagt, warum er nicht so beliebt sei. "Weil du nervst", habe der Freund gesagt. "Du willst immer über Politik reden. Aber das wollen die Leute nicht."

"Da habe ich gedacht: Der Arsch hat recht!", sagt Gabriel.

Ehepaar Gabriel, Tochter Marie: Nach langer Suche einen Halt gefunden
Christian Irrgang

Ehepaar Gabriel, Tochter Marie: Nach langer Suche einen Halt gefunden

Als er erstmals öffentlich über seinen Nazivater gesprochen hatte, bekam er unzählige Briefe. Er habe da die Erfahrung gemacht, dass es sich lohnen könne, einen anderen Blick auf sich zuzulassen, sagt Gabriel. Er habe gemerkt, dass Menschen Zugang zu ihm fänden, wenn er mal über etwas anderes rede als nur über Hardcorepolitik. Um die Beliebtheit sollen sich nun seine Berater kümmern, von denen es allerdings so viele gibt, dass sich die Frage aufdrängt, ob jemand, der weiß, was er will, so viele Berater benötigt.

Seit gut einem Jahr ist auch Thomas Hüser beruflich mit Gabriels Wirkung auf die Deutschen beschäftigt. Hüser trägt gern Hemden mit eingestickten Initialen. Bevor er Gabriel beriet, war er zehn Jahre lang Mitglied der CDU, er empörte sich auf Facebook über Rot-Rot-Grün, der wohl einzigen Machtoption, mit der Gabriel im nächsten Jahr Kanzler werden könnte. All das macht ihn aus Sicht der Genossen zu einem eher schwierigen Berater. Gabriel aber vertraut ihm, weil er jenen Plan erarbeitet hat, der einen anderen Blick auf ihn erlauben soll.

Hüser hat vor der Onlinetruppe des Willy-Brandt-Hauses einen Vortrag gehalten. Es gebe zu viele Scheißfotos von Gabriel, mahnte er. "Ihr müsst schauen, dass ihr ihn in neue Kontexte kriegt." In letzter Zeit ist Gabriel auf Fotos öfter klatschend mit Kindern zu sehen. Zum Plan gehört auch, dass man ihn häufiger im Kreis der Familie sieht, dort, wo er sich wohlfühlt. Im Sommer lud Gabriel die "Bunte" zum Gespräch mit ihm und seiner Frau in den Garten nach Goslar. Inzwischen hat Gabriels Frau, eine selbstständige Zahnärztin, ihm eine Preisliste für solche ungeliebten Termine präsentiert: unsinnige Politikveranstaltung - eine Handtasche. Unsinnige Politikveranstaltung mit Foto - ein Paar Schuhe. Unsinnige Politikveranstaltung, bei der sie was sagen soll - ein neues Kleid.

Der erneuerte Gabriel soll vielschichtiger daherkommen. In der kommenden Woche wird er bei einer Veranstaltung mit dem Titel "Kunst trifft Politik" mit namhaften Künstlern diskutieren. Moderner soll er auch wirken. Man sieht Gabriel jetzt oft "Live auf Facebook".

Der Steward serviert eine Obstplatte, das Gespräch schwankt hin und her, zwischen Gründen, anzutreten, und Gründen, die Finger davon zu lassen. Zwischen Chancen und Risiken.

Gabriel hat sich viele Gedanken über seine mögliche Kandidatur gemacht. Mit der Flüchtlingskrise, die Angela Merkel ziemlich zerzaust zurückgelassen hat, eröffnet sich eine unverhoffte Möglichkeit. Sein großer Respekt vor ihren Sympathiewerten ist gesunken, auch wenn er selbst davon nicht profitiert. Ein "Sie kennen mich"-Wahlkampf wie beim letzten Mal wird Merkel nicht mehr führen können - jene Farce, als sie den Bürgern erfolgreich suggerierte, es gäbe keine großen politischen Probleme mehr.

Und wenn es stimmt, dass das gesellschaftliche Klima roher und rauer geworden ist - passt ein Raufbold wie er dann nicht viel besser in die Zeit als noch vor wenigen Jahren? Es sind politisierte Zeiten, Millionen Bürger plagen Abstiegsängste. Das wäre eigentlich eine Chance für die Sozialdemokratie.

Andererseits wurmt es Gabriel, dass er Merkel nicht dort angreifen kann, wo sie am schwächsten ist, bei ihrer Flüchtlingspolitik. Er lenkt das Gespräch jetzt auf die Wahl in Mecklenburg-Vorpommern, wo der SPD-Kandidat Erwin Sellering mit über 30 Prozent ein ordentliches Ergebnis holte, obwohl er ein paar Wochen zuvor noch bei 22 Prozent lag.

Gabriel glaubt zu wissen, was Sellerings Erfolg ausmachte: dass er seit Jahren einen russlandfreundlichen Kurs fährt. Und dass er kurz vor der Wahl umsteuerte und Merkel in einer Schärfe für ihre Flüchtlingspolitik kritisierte, die man bislang nur von Markus Söder kannte.

Den Mitgliedern des SPD-Präsidiums prophezeite Gabriel bereits im vergangenen November, dass man unter 20 Prozent sinken werde, wenn man Merkels Willkommenskultur weiter bedingungslos unterstütze. Er hätte sich gern zwischen Merkel und Seehofer positioniert, aber das haben die anderen verhindert. Als die SPD dann zwischenzeitlich auf 19 Prozent absackte, fühlte Gabriel sich bestätigt. Am Tag nach dessen Wahlsieg feierte er Erwin Sellering auf der Bühne des Willy-Brandt-Hauses wie einen Helden.

Auch in der eigenen Wählerschaft gibt es Ängste vor Fremden

Ist das eine Versuchung für ihn, das Modell Sellering auf den Bundestagswahlkampf zu übertragen?

Gabriel windet sich in seinem Flugzeugsitz. Ja, das sei eine Versuchung. Er sieht, dass es in der traditionellen Kernklientel der SPD ein hohes Bedürfnis nach Sicherheit gibt, nach innerer und sozialer Sicherheit, aber auch nach kultureller Sicherheit. Man dürfe sich nicht der Illusion hingeben, dass es in der eigenen Wählerschaft keine Ängste vor Fremden gebe. Doch, sagt Gabriel, der Versuchung nachzugeben, würde die SPD zerreißen.

An einem heißen Juniabend will er das Fastenbrechen bei einer schiitischen Gemeinde in Berlin besuchen. "Beginnen wollen wir den Abend mit 114 Suren, die uns mit den Flügeln der Barmherzigkeit zum inneren Frieden tragen sollen", sagt eine Muslimin zur Begrüßung. Gabriel ist zu spät. Erst bei der gefühlt 74. Sure kommt er nickend in den Saal geschlichen.

"Ich hab natürlich, das ist bei Ministern so, eine vorbereitete Rede dabei", sagt er später auf der Bühne. "Die hab ich jetzt aber bei meiner Kollegin da vorn gelassen." Es ist ein alter, billiger Trick, doch bei Gabriel funktioniert er wunderbar. Er braucht kein Manuskript. Es gibt keinen besseren Redner in der SPD als ihn. "Wir sind ja ziemlich enge Verwandte aus Abrahams Zeiten", sagt Gabriel, und der Saal ist sein Freund. "Was in den ersten 20 Artikeln unserer Verfassung steht, ist so ziemlich alles, was man über deutsche Kultur wissen muss."

Es gibt jetzt keine Ambivalenzen, keine Versuchungen, er spricht mit großer Ernsthaftigkeit, wohltemperiert, emphatisch, würdevoll. Obwohl sein Manuskript auf dem Schoß der Referentin liegt, hat seine Rede einen klaren Aufbau, enthält treffende Vergleiche, kluge Gedanken und kraftvolle Wörter.

"Heute sind wir gemeinsam Deutschland", sagt Gabriel den Muslimen zum Abschluss. "Das ist Ihr Land. Der Wind des Lebens ist manchmal ganz schön rau. Deshalb ist es gut, wenn man feste Wurzeln hat." Er spricht über die Muslime in Deutschland. Aber er könnte genauso gut über sich selbst sprechen. "Danke, dass Sie Ihr Manuskript weggelassen haben", sagt die Muslimin, die ihn angekündigt hat. "Denn nur so merkt man, wenn etwas von Herzen kommt."

Seit Monaten funkt Gabriel in der Flüchtlingskrise Signale ins Land, die zumindest widersprüchlich wirken, auch wenn er selbst das anders sieht. Einmal setzt er sich mit einem "Refugees Welcome"-Button auf die Regierungsbank, später verwendet er bewusst den CSU-Begriff der "Obergrenze", wenn auch in leicht verändertem Kontext.

Schüler Gabriel 1969: Verwüstete Kindheit

Schüler Gabriel 1969: Verwüstete Kindheit

Wenn man ihn mit dem ewigen Vorwurf der Sprunghaftigkeit konfrontiert, antwortet Gabriel, dass man ohne Disziplin und Beständigkeit ja wohl kaum sieben Jahre lang SPD-Chef bleiben könne. "Das Bild gibt es. Dann ist es eben so." Früher habe er sich darüber geärgert. Das sei vorbei.

Am 11. Juni dieses Jahres besucht Sigmar Gabriel das ehemalige Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Der Anlass ist ein Jubiläum. Vor genau 30 Jahren leitete er die erste Jugendgruppe, die in der örtlichen Begegnungsstätte Quartier bezog.

Gabriel hat sich im hinteren Teil des Lagers absetzen lassen, am Waldrand, wo einst die Gaskammern und Krematorien standen. Von dort läuft er Richtung Haupteingang, immer an den Bahngleisen entlang, vorbei an zahllosen Kaminen, um die einst die Holzbaracken standen, vorbei an der Rampe, auf der Josef Mengele über Tod oder Schinderei entschied.

Auf der Hälfte der Strecke bleibt Gabriel stehen und deutet auf eine der Barackenschluchten. Dort drüben habe er beim ersten Besuch diesen Spruch an einer Latrinenwand gesehen. "Eine Laus, Dein Tod".

Gabriel hat viele Wochen seines Lebens in Auschwitz verbracht, immer wieder kam er an diesen Ort, hat Baracken und Zäune ausgebessert, Hecken gestutzt und Besucher durchs Lager geführt.

Eine Klarheit, die sich auch aus seiner Familiengeschichte speist

Er werde den Moment, als er den Satz mit der Laus las, nie vergessen, sagt er vor der Rampe stehend. Er glaubte damals, alles über den Holocaust zu wissen, aber im fernen Polen plötzlich seine Muttersprache zu lesen, das habe ihn umgehauen. "Ich habe davorgestanden und lange geweint." Wieder stehen ihm Tränen in den Augen.

Wer ihn hier erlebt, ahnt, dass Gabriel einst mit großem Idealismus in die Politik gezogen ist und dieser auch nach all den Jahren nicht erloschen ist. Wenn es eine Konstante in seinem politischen Leben gibt, ist es sein Engagement gegen das Vergessen, ein unverwüstlicher Antifaschismus. In dieser Hinsicht hatte er stets einen Kompass. Es ist eine Klarheit, die sich auch aus seiner Familiengeschichte speist.

Als Sigmar Gabriel mit 18 das erste Mal seit vielen Jahren seinen Vater besucht, entdeckt er in dessen Bibliothek Werke wie "Der Auschwitz-Mythos". Erst da wird ihm klar, dass jener Vater, der seine Kindheit zerstört hatte, ein Nazi und Holocaust-Leugner war. Vor dreieinhalb Jahren, kurz nach dem Tod des Vaters, hat Gabriel dessen dunkle Seite dem "Zeit"-Journalisten Bernd Ulrich offenbart. Es war der Einblick in eine verwüstete Kindheit. Seither ist manches, was an Gabriel verwunderte, verständlicher.

An einem Freitag im August empfängt er in seinem riesigen Ministerbüro. Alles ist aufgeräumt, als wäre die Arbeit hier getan. Gabriel hat das Jackett ausgezogen und macht es sich auf dem Sofa bequem. Inzwischen fällt es ihm leichter, über seinen Vater und jene ersten Jahre seines Lebens zu reden, die er lange verdrängt hatte und die noch heute in weiten Teilen aus seiner Erinnerung gelöscht sind.

Seine Eltern, der Vater Beamter, die Mutter Krankenschwester, beide Vertriebene, trennten sich, als Sigmar drei Jahre alt war. Der Vater erstritt das Sorgerecht, obwohl der Junge viel lieber bei seiner Mutter geblieben wäre. So wuchs er bei einem Tyrannen mit sadistischen Zügen auf, der ihm das Taschengeld kürzte, wenn er die Stiefmutter nicht mit "Mutti" ansprach. Und der ihm nach einer schlechten Schulleistung sämtliche Spielsachen wegnahm und einem Kindergarten schenkte.

Sieben Jahre, von denen es heißt, es seien die prägendsten im Leben eines Menschen, verbrachte Sigmar ohne Liebe, ohne Vertrauen und ohne Berührungen -, die Schläge einmal ausgenommen. "Die besondere Gewalt meines Vaters war nicht in erster Linie körperlich", sagt Gabriel auf dem Sofa. "Ich fand es viel schlimmer, dass ich nie zu meiner Mutter durfte, obwohl die ein paar Straßen weiter wohnte. Mein Vater wollte die totale Kontrolle über mich. Und er erzwang sie auch."

Aus der Zeit bis zu seinem zehnten Lebensjahr, als die Mutter vor Gericht endlich das Sorgerecht zugesprochen bekam, kann Gabriel sich an kein einziges Weihnachts- oder Geburtstagsfest erinnern.

Kurz vor der ersehnten Übergabe entführte der Vater ihn nach Ahrensburg, den neuen Wohnort. Dort zwang er den Sohn, von einer Telefonzelle aus bei der Mutter anzurufen und ihr auszurichten, dass er lieber beim Vater bleiben wolle.

Vor elf Jahren fuhr Sigmar Gabriel noch einmal zu der Stelle, an der damals die Telefonzelle stand. Weil er hoffte, dass sich etwas in ihm löse, erzählte Gabriel später. Aber es löste sich nichts.

Als er doch zur Mutter kam, reagierte er ohne jedes Maß auf diesen Überschuss an Freiheit. Er klaute, randalierte, prügelte sich. "Ich habe eigentlich nur noch Scheiß gemacht", sagte er im Rückblick.

Der Krieg des Vaters gegen seine Mutter ging weiter. Er verweigerte die Unterhaltszahlungen, bis Antonie Gabriel nicht mehr wusste, wie sie mit ihrem Krankenschwester-Gehalt für Sigmar und dessen ältere Schwester sorgen sollte.

Er sehe seine Mutter noch genau vor sich, erzählt Gabriel im Ministerium, wie sie eines Tages in ihrer kleinen Küche im dritten Stock gesessen und geheult habe. "Hände vor dem Gesicht, und dann dieser Satz, den man nie mehr vergisst: ,Vielleicht ist es besser, ich hänge mich auf. Dann gibt es vielleicht mehr Geld für euch.'"

Furcht vor dem finalen Urteil seiner Landsleute

All die Kinderpsychologen, von denen sich der kleine Sigmar befragen lassen musste, wären kaum auf die Idee gekommen, dass dieser entwurzelte Junge mal als SPD-Vorsitzender und Vizekanzler im Wirtschaftsministerium sitzen würde.

Vielleicht ist es so, dass zwar jeder Mensch geliebt werden möchte, aber Sigmar Gabriel, der lange um Zuneigung kämpfen musste, noch ein wenig mehr. Wenn er im Fernsehen regelmäßig die Leute anpampt, übersieht man leicht, wie sensibel er in Wahrheit ist.

Vielleicht fürchtet er sich gerade vor dem finalen Urteil seiner Landsleute. Wenn man schlechte Umfragewerte hat, mag das unangenehm sein. Wenn einem die Bürger aber bei einer Wahl knallhart zeigen, dass sie einen nicht wollen, hat das eine andere Qualität. Die letzte Zurückweisung dieser Art, die Niederlage als Ministerpräsident in Niedersachsen, hat ihn fast zwei Jahre aus der Bahn geworfen.

In den Gesprächen mit seinem Coach arbeitete er im Anschluss auch die Schrecken seiner Kindheit auf. Irgendwann sagte die Beraterin zu ihm. "Sie haben alles erlebt, was man im Leben Schweres erleben kann. Sie haben es hinter sich, Sie haben es überlebt. Jetzt kann Ihnen nichts mehr passieren."

Vielleicht sollte er, der ewig Zweifelnde, sich noch einmal an diese Sätze erinnern.

So oder so.

Im Video: "Ach, der SPIEGEL wieder ..." SPIEGEL-Autor Markus Feldenkirchen erklärt, warum man im Gespräch mit Sigmar Gabriel mit einem verbalen Tritt vors Schienbein rechnen muss und inwiefern sich der SPD-Chef geändert hat.

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Von den Nürnberger Prozessen bis heute: Die Suche nach der gerechten Strafe


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Seite 1
whitewisent 30.09.2016
1.
Werter Herr Gabriel, liebe Tante SPD. Wie wäre es, endlich mal realistische Ziele zu verkünden, und die eigene Arbeit damit Wert zu schätzen? Es steht schlicht außerhalb jeder Realität, daß die SPD die Kanzlerschaft im kommenden Jahr übernimmt. Darum benennt einen Spitzenkandidaten Gabriel, der die Partei nicht nur vorsitzt, sondern auch durch den Wahlkampf führt. Dann kann man auch das Wahlergebnis für die Gesamtpartei als Scheitern eines eigenen verstehen, der dafür gar nichts kann, weil Parteigremien und Genossen vor Ort die SPD so richtig in den Dreck gefahren haben, gegen seinen erklärten Willen und zurückhaltenden Rat.
Neandiausdemtal 30.09.2016
2. Koalitionsfrage
Zitat von whitewisentWerter Herr Gabriel, liebe Tante SPD. Wie wäre es, endlich mal realistische Ziele zu verkünden, und die eigene Arbeit damit Wert zu schätzen? Es steht schlicht außerhalb jeder Realität, daß die SPD die Kanzlerschaft im kommenden Jahr übernimmt. Darum benennt einen Spitzenkandidaten Gabriel, der die Partei nicht nur vorsitzt, sondern auch durch den Wahlkampf führt. Dann kann man auch das Wahlergebnis für die Gesamtpartei als Scheitern eines eigenen verstehen, der dafür gar nichts kann, weil Parteigremien und Genossen vor Ort die SPD so richtig in den Dreck gefahren haben, gegen seinen erklärten Willen und zurückhaltenden Rat.
Wer mit den falschen ins Koalitionsbett steigt, der verliert große Teile der Basis. So ist das eben. Wer das zweimal macht, dem ist das mit erheblichen Teilen der Basis wohl nicht so wichtig. Merke : Die Basis ist die Partei, jedenfalls bei der SPD.
Gudrun3 30.09.2016
3.
"Er weiß, dass viele Deutsche ihn nicht mögen". Möglicherweise ahnt er auch, dass er längst schon in der politischen Bedeutungslosigkeit versunken wäre, würde er nicht regelmäßig von SPON "gehypted".
grobsangriff 30.09.2016
4.
Meiner Meinung nach sollte die SPD Herrn Gabriel zum Kanzlerkandidaten küren. Zumindest wäre es ein weiterer Schritt zur Ablösung dieser unsäglich schlechten Regierung der großen Koalition. Die SPD würde zur Splitterpartei und somit nicht mehr für Regierungsaufgaben zur Verfügung stehen. Deutschland könnte wieder aufatmen. Ich bin mir sicher, dass keine andere Partei sich dann noch mit den Seilschaften um Merkel, Kauder & Co einlassen würde. Wir brauchen endlich wieder aufrechte, ehrliche Leute in der Regierung die nicht nur blöde quatschen und sich gegenseitig auf die Schulter klopfen, sondern Leute die Handeln… und dies im Sinne des Volkes.
Seraphan 01.10.2016
5.
Wer zweifelt ist für Führungspositionen nicht geeignet. Leider fällt mir aber niemand bei der SPD ein, der den Kanzler machen und besser machen könnte als Gabriel. Ich kann den Eindruck der Unsympathie nicht nachvollziehen. Eher, und das macht das Zweifeln Sinn, seine ständige Fahrbahnwechselei.
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