Bildbearbeitung Pimp my picture

Paul Hansen/ AP

Von Stefan Niggemeier


Das Pressefoto des Jahres 2012, das den Trauerzug für zwei im Gaza-Streifen getötete Kinder und ihren Vater zeigt, ist keine Fälschung. Dieser Überzeugung ist der Veranstalter der renommierten Auszeichnung, nachdem er das eingereichte Bild von mehreren Experten mit dem digitalen Negativ, der RAW-Datei, vergleichen ließ.

Das Foto, das Paul Hansen für die schwedische Zeitung "Dagens Nyheter" gemacht hat, sorgt seit Monaten für Diskussionen. Vor allem das magische Licht, das die Gesichter der wütenden Trauernden und der getöteten Kinder erleuchtet, wirkt fast zu perfekt, um echt zu sein. Ist es in dieser Form erst in der digitalen Nachbearbeitung entstanden - und wo verläuft bei journalistischen Fotos die Grenzen zwischen einer zulässigen Bildverbesserung, wie sie Jahrzehntelang auch in Dunkelkammern Alltag war, und einer unzulässigen Verfälschung durch digitale Tricks?

In den vergangenen Tagen eskalierte die Debatte. Mehrere Internetseiten warfen Hansen nun mit wachsender Hysterie vor, das Foto nicht nur nachbearbeitet, sondern aus mehreren unterschiedlichen Fotos zusammengesetzt zu haben - was zweifellos unzulässig wäre. Sie sprachen von einer klaren Fälschung, unterstellten Hansen alles mögliche und taten so, als wäre es nur eine Frage der Zeit, bis er seinen Preis zurückgeben musste.

Hansen widersprach: Das Foto sei nicht aus mehreren Bildern zusammengesetzt. Er habe bei der Nachbearbeitung die ungleichen Lichtverhältnisse in der Gasse angepasst und versucht den Eindruck wiederherzustellen, den das menschliche Auge von der Szene hatte.

Auch die vermeintliche Enthüllung, dass in Photoshop mehrere Bilder übereinandergelegt worden sein müssen, um das fertige Foto zu generieren, lässt sich relativieren: In der modernen Entwicklung und Nachbearbeitung von Fotos ist es üblich, das Bild, unterschiedlich intensiv entwickelt, über sich selbst zu legen. Es ist also keine Komposition verschiedener Bilder, sondern eines Bildes in verschiedenen Formen.

Die Experten, die die Organisation des World Press Photo Award nach den immer lauter werdenden Zweifeln mit einer Analyse beauftragt hatten, konnten erstmals auch die Aufnahme in unbehandelter Form sehen: Hansen stellte ihnen die Ausgangsdatei im (schwer zu manipulierenden) RAW-Format zur Verfügung. Ihr Urteil:

"Es ist eindeutig, dass das veröffentlichte Foto im Hinblick auf allgemeine und einzelne Farbgebung und Farbtiefe retouchiert wurde. Darüber hinaus finden wir jedoch keinen Beweis für signifikante Fotomanipulation oder eine Zusammensetzung aus mehreren Bildern."

Eduard de Kam, ein Experte am Niederländischen Institut für Digitale Fotografie NIDF ließ sich mit den Worten zitieren:

"Wenn ich die RAW-Datei mit der Version vergleiche, die den Preis gewonnen hat, kann ich tatsächlich einige Nachbearbeitung erkennen: eine Bereiche wurden heller gemacht, andere dunkler. Aber jeder einzelne Pixel ist nach wie vor an der selben Position, an der er im Ursprung war."

Für World Press Photo scheint die Angelegenheit damit erledigt. Eine eindeutig unzulässige Verfälschung des Fotos liegt offenkundig nicht vor, aber wo genau die Grenzen der zulässigen Nachbearbeitung liegen, lässt sie weiter offen. Die Organisation erklärt bloß:

"Die Regeln des Wettbewerbs legen fest, das der Inhalt der Bilder nicht geändert werden darf. Nur Retouchierungen, die mit den gegenwärtig anerkannten Standards der Industrie in Einklang stehen, sind erlaubt."

Ob eine solche hilflos-selbstreferentielle Art zu definieren, wo die Grenzen der Nachbearbeitung liegen, für den Preis, aber auch die Branche insgeamt ausreichen, darf man nach der Debatte dieses Jahres bezweifeln. Die Art, wie in den vergangenen Tagen mit "Fake!"-Rufen über den Fall geurteilt wurde, ist der Sache aber sicher auch nicht dienlich.

Im SPIEGEL 19/2013 haben wir ausführlich über das Dilemma berichtet. Sie können den Artikel hier nachlesen.



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4 Leserkommentare
lady_amanda 16.05.2013
Thomas Mank 16.05.2013
soano 16.05.2013
sailor555 21.05.2013

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