Die SPIEGEL-Affäre: Alles Mythos oder was?

Von Stefan Niggemeier


Das ist eine besondere Konferenz, in der sich gleich mehrere Redner zum Abschluss alle Mühe geben, die Bedeutung des Anlasses zu relativieren, aus dem man sich überhaupt zusammengefunden hat.

Zum fünfzigsten Jahrestag der sogenannten SPIEGEL-Affäre hatte der SPIEGEL Historiker und Zeitzeugen zu einer zweitägigen Konferenz in sein Gebäude in Hamburg geladen, und natürlich sollte das in gewisser Weise auch ein Grund zum Feiern sein: Als ein Ereignis, von dessen Mythos das Nachrichtenmagazin immer noch zehrt, das eine Zäsur in der Geschichte der Bundesrepublik darstellte und den Zeitpunkt markiert, als "die Deutschen lernten, ihre Demokratie zu lieben", wie der SPIEGEL in der vergangenen Woche titelte.

Jeannette Corbeau
Doch geladen waren nicht nur Redner, die diesen Mythos beschworen, sondern auch Experten, die Zweifel daran formulierten, dass dieses Ereignis so singulär war. Der Historiker Thomas Schlemmer provozierte mit der Frage: "Warum wollte Willy Brandt 1969 'mehr Demokratie wagen', wenn der SPIEGEL 1962 schon alles für ihn erledigt hatte?" Sein Kollege Norbert Frei sprach von einer notwendigen "Verflüssigung des Ereignischarakters der SPIEGEL-Affäre", weil die damit verbundene Entwicklung einen längeren Anlauf genommen habe. Die Historikerin Daniela Münkel sagte, dass im Selbstverständnis der Medien vor und nach 1962 die "Kontinuitäten größer waren als die Brüche". Was die SPIEGEL-Affäre so herausragend macht, war im Sinne mehrerer Experten nicht die Einzigartigkeit der Ereignisse, sondern ihre Eignung als Symbol für längerfristige Prozesse.

Nach Ansicht von Schlemmer macht man es sich auch "zu leicht, wenn man die Affäre als Beginn der politischen Kultur feiert". Er zeigte in Anspielung auf die berühmte, ursprünglich von Augstein eher ironisch gemeinte Formulierung vom "Sturmgeschütz der Demokratie", wie so ein Panzer aussieht und beschrieb seine Wirkung: "Man kann damit nur in eine Richtung schießen. Bei Treffern wächst freilich kein Gras mehr." Damit sei die Art des Kampfjournalismus gegen Strauß, oft "hart an der Grenze zur Beleidigung", ganz gut beschrieben, meinte Schlemmer und kritisierte, dass der SPIEGEL damit einer "giftigen Polarisierung Vorschub leistete".

Monika Hohlmeier, die Tochter von Franz Josef Strauß, die erstmals mit Franziska Augstein, der Tochter von Rudolf Augstein, auf einem Podium saß, klagte auch, dass der SPIEGEL ganz besonders scharf war, wenn es um ihren Vater ging: "Es fehlten Differenzierungen." Vermutlich ist es kein Wunder, dass sie sich auch mit der These schwer tat, dass ausgerechnet die Fehler ihres Vaters ein solcher entscheidender positiver Wendepunkt in der Demokratisierung der deutschen Gesellschaft gewesen sein sollen. Sie erinnerte daran, dass es den Deutschen Anfang der sechziger Jahre materiell besser gegangen sei. Auch dadurch hätten sie sich vom obrigkeitsstaatlichen Denken abgewandt: "Wenn der Wohlstand zunimmt, nimmt die Bereitschaft ab, Befehle entgegen zu nehmen."

Helmut Schmidt im Gespräch mit SPIEGEL-Chefredakteur Georg Mascolo
Jeannette Corbeau

Helmut Schmidt im Gespräch mit SPIEGEL-Chefredakteur Georg Mascolo

Für den Historiker Hans-Ulrich Wehler hingegen ragt die SPIEGEL-Affäre aus allen anderen deutschen Skandalgeschichten der ersten beiden Nachkriegsjahrzehnte heraus: "Sie hat einem machtvollen Trend zum Sieg verholfen. Der Rückgriff auf autoritäre Elemente hatte fortan einen Makel." Die Entwicklung zu einer kritischen Öffentlichkeit und den Medien als vierter Staatsgewalt, "das verdanken wir dem Kampf des SPIEGEL um die Meinungsfreiheit." Auch Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt, damals Innensenator in Hamburg, sieht die Affäre als folgenschweren Einschnitt: "Das hatte ganz große Bedeutung für die Demokratisierung der Deutschen."

Auf die Frage, ob man seiner Meinung nach eine direkte Linie von 1962 zu 1968 ziehen könne, wie es Rudolf Augsteins Tochter Franziska vergangene Woche im SPIEGEL getan hatte, sagte er: "Da ist was dran, aber es ist nicht die ganze Wahrheit."

Die beiden Tage versuchten eine historisch angemessene Einordnung, gaben aber auch den Zeitzeugen Raum für ihre Erinnerungen. Der spätere Bundesminister Horst Ehmke, der den SPIEGEL juristisch vertrat, sagte, ihm sei damals klar gewesen: "Wenn das hier durchgeht, ist Polen offen für alles Undemokratische, was es gibt." Hans-Dietrich Genscher, der 1952 aus Halle/Saale nach Bremen kam, sagte, er hätte vor dem Hintergrund der Erfahrungen mit der DDR ein deutlich positiveres Bild von der Bundesrepublik gehabt als andere seiner Generation. Gerade deshalb sei er erschüttert gewesen, dass ein solches Vorgehen gegen die Presse möglich war: "Das war ein Kälteschock. Ich hatte das Gefühl, es wird kälter im Land."

Und David Schoenbaum, ein amerikanischer Historiker und Journalist, der 1968 ein Buch über die SPIEGEL-Affäre geschrieben hat, schilderte seine Recherche-Gespräche mit Strauß: "Er war unüberbietbar charmant. Und hat mir Märchen erzählt. Ich wusste, dass es Märchen waren; er wusste, dass ich es wusste, und ich wusste, dass er es wusste, dass ich es wusste."

Das Symposium endete mit dem Optimismus von Helmut Schmidt. Auf die Frage, ob die Deutschen auch heute noch auf die Straße gehen würden, wenn der Staat gegen die freie Presse vorgehen würde, sagte er: "Ich würde das ohne zu zögern mit Ja beantworten." Sein Vertrauen in die demokratischen Instinkte des deutschen Volkes habe zugenommen, "die sitzen heute tiefer als 1962 und 1968".



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cooner 25.09.2012

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