Bei der Wahrheit bleiben

Das Internet hat für Journalisten eine Gegenöffentlichkeit geschaffen. Früher konnten Menschen, über die wir schreiben, Leserbriefe schicken oder mit Protestschildern vor das Verlagsgebäude ziehen, wenn sie nicht einverstanden waren. Heute müssen wir uns daran gewöhnen, dass die Betroffenen ihre eigene Sicht der Dinge in Blogs oder sozialen Medien darstellen. Für mich geht das in Ordnung. Der Leser kann selbst beurteilen, wessen Text ihm besser und glaubwürdiger erscheint.

Unfair wird es jedoch, wenn Betroffene anschließend nicht bei der Wahrheit bleiben. Das ist bei einem Blogeintrag über meinen Text im aktuellen SPIEGEL über die Ecort-Dame Carmen leider geschehen. In dem Bericht stelle ich Carmens Beruf und ihre politische Arbeit als Lobbyistin bei der Sexworker-Organisation Deutschland und Expertin der Piratenpartei vor. Natürlich geht es in dem Text auch um unser Gespräch im Café und einige Hinweise auf ihr Leben jenseits der Prostitution. Alle biographischen Details stammen von ihrer Website, ich habe sehr genau darauf geachtet, dass ihre Privatsphäre gewahrt bleibt. Ich hatte Carmen den groben Verlauf des Textes vor Erscheinen schriftlich geschildert. Ihr muss also klar gewesen sein, dass es ein Text über sie wird.

Nach dem Erscheinen der aktuellen Ausgabe hat Carmen einen ausführlichen Kommentar geschrieben.  Auf viele Leser muss der Eintrag so wirken, als ob ich die Wahrheit gebogen hätte, um an eine bessere Geschichte zu kommen. Das weise ich zurück. Auf zwei Passagen möchte ich ausführlicher eingehen.

Zunächst geht es um Carmens Zitate. Um es klar zu sagen: Ich habe Carmen die wörtlichen Zitate vorab zugeschickt und Carmen hat sie freigegeben. Es gab zwischen uns eine Diskussion, ob wir die Zitate mit ihrem Berliner Akzent versehen oder nicht. Ich habe das zunächst vorgeschlagen, Carmen hat es jedoch abgelehnt. Alle Zitate sind am Ende in Hochdeutsch erschienen. Ich habe Carmens Einwänden sogar zugestimmt. In der Schriftsprache wirken Dialekte häufig noch viel stärker als beim gesprochenen Wort. Das "Berlinern" hätte nicht in den Text gepasst. Doch in ihrem Blogeintrag schreibt Carmen nicht, dass alle Zitate in Hochdeutsch erschienen sind. Als Leser muss man denken, dass sie - gegen ihren Willen - mit Berliner Akzent zitiert wird.

Carmen schreibt weiterhin, dass wir uns für ein anderes Foto entschieden hätten als von ihr präferiert und dass wir bei diesem Foto auch noch ihr Dekolleté aufgehellt hätten. Wörtlich schreibt sie:

"Wenigstens hat die Bildredaktion des SPIEGELs mein Dekolleté ordentlich ausgeleuchtet. So kommen gewiß keine Zweifel über die Eigenschaften auf, die mich als Expertin zum Thema Prostitutionspolitik für das "Sturmgeschütz der Demokratie" auszeichnen und interessant machen."

Dazu muss man sagen, dass uns Carmen zunächst vier Bilder zugeschickt hat, auf denen man sie erkennen kann - wozu auch das von ihr präferierte Bild mit der Hand vor dem Gesicht zählt. Darüber haben wir uns sehr gewundert, da sie im Gespräch immer wieder betonte, dass sie ihre Privatsphäre schützen wolle. Wir haben Sie deswegen darum gebeten, das nun abgedruckte Foto zu nutzen. Carmen hat ausdrücklich ihr Einverständnis zu diesem Bild gegeben. Um sicher zu gehen, dass sie nicht erkannt wird, haben wir noch das Gesicht auf dem Bild verdunkelt. Unsere Bildredaktion widerspricht Carmens Behauptung ausdrücklich, wir hätten das Dekolleté ausgeleuchtet. Mit Carmens Einverständnis können wir gern ihre Original-Datei und die Druckvorlage von uns gegenüber stellen, um das zu beweisen.

Mit der restlichen Kritik von Carmen an meinem Text kann ich leben, auch wenn ich sie nicht teile. Wie gesagt, die Zeiten haben sich verändert. Ich empfinde die Gegenöffentlichkeit im Netz als wichtige Kontrolle meiner Arbeit. Aber mein Kollege Ole Reißmann hat es bei Twitter richtig ausgedrückt:

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